Die Mauer ist weg – und das ist gut so

… Doch dafür sind andere Mauern entstanden – unsichtbare zwar, aber dennoch schmerzlich spürbare. Und an ihnen verzweifeln heute Unzählige. Acht Millionen Menschen sind eingemauert in HartzIV, abgeschnitten von sozialem Ansehen, Sicherheit und echten Lebenschancen. Darunter rund zwei Millionen Kinder.Reisefreiheit gibt es für diese Menschen so wenig wie für DDR-Bürger

… Doch dafür sind andere Mauern entstanden – unsichtbare zwar, aber dennoch schmerzlich spürbare. Und an ihnen verzweifeln heute Unzählige. Acht Millionen Menschen sind eingemauert in HartzIV, abgeschnitten von sozialem Ansehen, Sicherheit und echten Lebenschancen. Darunter rund zwei Millionen Kinder.Reisefreiheit gibt es für diese Menschen so wenig wie für DDR-Bürger in unseligen Zeiten. Nicht einmal für gesunde Kost reicht das Geld, geschweige denn für Urlaub im eigenen Land.

Die Stasi ist weg – sicher ein Grund zum Jubeln.

Doch an ihrer Stelle sind in der vereinigten Republik inzwischen Meta-Stasis entstanden. Die Agenten der Agenda, wohlbestallte HartzIV-Schergen, schnüffeln in Wohn- und Schlafzimmern nach Bedarfsgemeinschaften, kontrollieren, welche Geschenke die Kinder der Ärmsten zu Weihnachten, Geburtstag, Kommunion oder Konfirmation erhalten haben, um sie gegebenenfalls den Eltern anzurechnen.

Die Überwachung blüht in der Merkel-Republik. Bei Bundesbahn und Telekom, bei SIEMENS, Aldi, Douglas und Lidl geht die “Ausforschung” vom Briefverkehr bis zum Toilettengang. Und Innenminister liebäugeln längst schon mit der Bespitzelung bis in die letzten Bits und Bytes.

Die DDR-Willkür ist weg, offene Benachteiligung wegen mangelnder Linientreue gibt es nicht mehr – schön. Doch sehr rasch kann man heute wegen sechs Maultaschen, drei Frikadellen oder zwei Pfandbons den Job und seine Existenz verlieren.

Unsere so genannten Eliten haben andere, feinere Fangnetze ausgerollt. Die Bildungschancen für die ärmeren Schichten sind in Deutschland mit die geringsten unter allen Industrienationen. Die Chance in Deutschland für ein Kind aus der Unterschicht zu studieren, sind 40 mal geringer als für ein Kind aus einem Selbständigen- oder Beamtenhaushalt.

Die Stacheldrahtverhaue sind weg – freuen wir uns. Doch der  Pflegenotstand in Deutschland schneidet Millionen täglich ins Fleisch. Angehörige und Pflegekräfte verzweifeln an unhaltbaren Zuständen. Abfüttern in Stechuhrtakt ist keine Ausnahme. Seit zehn Jahren sind die Leistungen der Pflegeversicherung nicht mehr an die steigenden Kosten angepasst worden. Ein Heimplatz kostet zwischen 2000 und 4000 Euro im Monat, höchstens 1700 Euro schiesst die Versicherung zu.

Die Mauer ist weg – ein Grund zum Feiern. Doch was danach kam, war alles andere als ein Grund zu Freude und Hoffnung

Ein ökonomisch abstruser Wechselkurs, eine immense Staatsverschuldung für Wahlgeschenke, Unsinnsprojekte, Spesenritter  – und fürs Plattwalzen sozialer Strukturen.

Die Mauer ist weg – und das ist gut so.

Doch die Mauern aus Dünkel und Ignoranz in den Köpfen der neoliberalen Nomenklatura aus Wirtschaft, Finanz und Politik sind dicker denn je.

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