In dem nun auf deutsch erschienenen Buch „Falscher Engel“ beschreibt der US-Undercover-Polizist Jay Dobyns seine über Jahre gehende Ermittlungstätigkeit bei den amerikanischen Hells Angels. Während der knapp zwei Jahre laufenden Operation unter dem Decknamen „Black Biscuit“ wurde aus dem Familienvater und erklärten Adrenalin-Süchtigen ein knallharter Biker. Ziel der Operation war es, den Hells Angels rechtsgültig Organisierte Kriminalität nachzuweisen. Das Vorhaben scheiterte – möglicherweise an der mangelnden Bereitschaft der Ermittler, eigene Taten in der Grauzone zwischen Legalität und Illegalität offen zu legen. Herausgekommen ist ein spannendes Buch, das zwischen den Zeilen von der Sehnsucht nach Männlichkeit und Freiheit erzählt.
Beständige Todesangst
Plastisch schildert Dobyns den Kontrast zwischen seinem normalen Familienleben als amerikanischer Durchschnittsbürger und seinem Dasein als „Bird“, einem angeblichen Waffenhändler und Profikiller („Die meisten zogen ihre Mordaufträge wieder zurück“) und die beständige Todesangst im Falle seiner Enttarnung als Ermittler des ATF (American Bureau of Alcohol, Tobacco, Firearms and Explosives). Heimlich begiebt er sich von den wochenlangen Touren und vertrauensbildenden Waffendeals zu den spießig wirkenden Wochenenden mit seiner Familie. “Ich wusste nicht mehr, wer ich war.“ schreibt der inzwischen vieltätowierte Ex-Football-Spieler Dobyns, der sich selbst als „Adrenalin-Junky“ bezeichnet. Unklar bleibt, ob diese Identitätsdiffusion eigentlich Ursache oder Folge seines Undercover-Einsatzes ist.
Die Suche nach wahrer Männlichkeit
Unabhängig von den tatsächlichen Ermittlungsergebnissen des Langzeiteinsatzes (die nebenbei bemerkt mehr als dürftig waren und nicht ausreichten, um den US-Hells Angels nachzuweisen, dass sie eine organisierte kriminelle Organisation sind), schildert Dobyns plastisch die Suche nach männlicher Identität, die zwischen den Zeilen gelesen in seinem „eigentlichen“ Leben als normaler amerikanischer Mittelklasseangehöriger mit Barbecue-Abenden am Swimmingpool offenbar verloren gegangen oder dort nie entstanden ist. In Zeiten von Magazinen wie Mens Health und einer großen Pickup-Community, welche sich systematisch mit Re-Maskulinisierung und der Suche nach „Der perfekten Masche“ um Frauen aufzureißen befasst, bildet Dobyns nicht die Ausnahme, sondern den Regelfall des männlichen Sinnsuchers. Dieser hat sich von der auch bei den Frauen längst unbeliebten Softie-Rolle unbefriedigt abgewendet – und sucht seine Selbstwerdung nun wieder bei den überholt geglaubten Idealen machoistischer Subkultur. Hierfür stellen insbesondere die Hells Angels eine der idealen Bastionen eines an Männlichkeit, Loyalität und Testosteron orientierten Freiheitsbegriffes dar (zu welchem selbstverständlich zumindest der Ruch von Kriminalität, Gewalt und Unberechenbarkeit gehört). Neben einem spannenden Report über einen lebensgefährlichen Undercover-Einsatz wird das Buch somit auch zu einem Dokument der biografischen Rückbesinnung zu einem konventionellen Konzept von Maskulinität.
Buchempfehlung: Falscher Engel. Mein Höllentrip als Undercover-Agent bei den Hells Angels. 2009 Riva-Verlag: München
Bildquelle: pixelio.de (halmackenreuter)
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