„Die Schüler bekommen keine Werte mehr vermittelt“- Ein Interview

Rachel Dror ist mittlerweile 88 Jahre alt. Das 3. Reich hat sie erlebt – als Jüdin. Die Zeitzeugin erzählt von ihren Eltern, der schlimmen Zeit unter Hitler, und ihrem Glück, aus Deutschland entkommen zu sein. Der Jugendredakteur Savas Savidis hat die Frau aus Königsberg getroffen, und Eindrücke und Schilderungen zu

savda.jpgRachel Dror ist mittlerweile 88 Jahre alt. Das 3. Reich hat sie erlebt – als Jüdin. Die Zeitzeugin erzählt von ihren Eltern, der schlimmen Zeit unter Hitler, und ihrem Glück, aus Deutschland entkommen zu sein. Der Jugendredakteur Savas Savidis hat die Frau aus Königsberg getroffen, und Eindrücke und Schilderungen zu Wort gebracht.

Frau Dror, wie stehen Sie zu ihrer Religion, dem Judentum?

Ich bin als Jüdin geboren, und hatte keine Auswahl. Zum Glück komme ich aus einem vorbildlichen Elternhaus. Der Glauben wurde schon damals früh praktiziert.

Halten Sie die Jüdischen Feste ein?

Ich halte die jüdischen Feste ein. Seit der Ermordung meiner Eltern in Auschwitz, lebe ich aber nicht mehr so streng nach den Regeln.

Wie haben sie erfahren, dass ihre Eltern in Auschwitz ermordet worden sind?

Das habe ich 1952 erfahren. In dem Jahr, in dem ich meine Tochter zur Welt brachte. Nach der Geburt nutzte ich die erste Gelegenheit mit meinem Mann auszugehen. Ein Ehepaar kam auf mich zu und die Frau hat mich ganz komisch angestarrt. Zum Spaß sagte ich zu meinem Mann hast du nicht ein Bild von mir, ich schein ihr zu gefallen. Die Frau kam auf mich zu und fragte und erkannte mich anhand des Bildes. Dann hat sie mir die Geschichte meiner Eltern erzählt. Das Paar war zusammen mit ihnen im Vernichtungslager in Auschwitz, konnte aber – im Gegensatz zu meinen Eltern – fliehen.

Wann kamen Sie das erste Mal mit dem 3. Reich in Berührung?

Das war am 1. April 1933, als ich in die Schule kam. Mein Lehrer sagte, dass alle Juden hinten sitzen müssen. Ich bin aber zu Hause aufgewachsen, ohne dass meine Eltern über die schwierigen Zeiten gesprochen haben. Sie wollten mich nicht belasten. Ich hatte  auch einen nicht-jüdischen Freund, ein Schauspieler. Meine Mutter kam damals zu mir und sagte, wir dürfen nichts mehr miteinander zu tun haben. Der Grund war: Meine Familie und ich sind Juden.

Nehmen Sie nur koscheres Essen zu sich?

Da ich sowieso Vegetarierin bin, habe ich keine Schwierigkeiten.

Was mussten Sie sich während des 3. Reichs von bestimmten Leuten anhören?

Ich durfte nicht mehr mit meinen Freunden und Schulkameradinnen zusammen sein. Jungen gab es bei mir in der Schule nicht. Buben und Mädchen gingen getrennt zur Schule. Mein Bildungsort war ein Lyzeum. In meiner Geburtsstädte Königsberg hat der Nationalsozialismus früh begonnen. Man sah viele Menschen mit braunen Uniformen umherlaufen. Wir durften nicht mehr ins Schwimmbad, ins Kino oder auf der Bank im Park sitzen. Es standen überall Schilder mit Verbotshinweisen für Juden.

Sind sie aus Deutschland geflohen und wann war das?

Nein. Ich bin mit dem normalen und letzten regulären Schiff von Trieste nach Palästina gereist. Das war im April 1939. Kurz bevor die Grenzen geschlossen wurden.

Können Sie ohne Probleme an die NS-Zeit zurückdenken?

Ich habe keine Probleme. Ich kann ganz normal und sachlich reden, ohne Gefühle zu empfinden. Mein vier Jahre jüngerer Bruder kann es nicht. Aufgrund dessen, dass er schlimme Ereignisse hautnah miterlebt hat, wie zum Beispiel die Kristallnacht. Außerdem musste er mit ansehen wie mein Vater von den Nazi-Soldaten geschlagen wurde.

Gehen sie noch öfters in die Synagoge?

Da ich nicht so streng nach den Sitten lebe, gehe ich nur an Feiertagen in die Synagoge. Selber mache ich noch öfters Führungen, für Schulklassen und Gruppen.

Hat ihre Familie den Glauben vorgelebt?

Ja. Meine Eltern haben den Glauben vorgelebt. Wir sind nach der jüdischen Religion erzogen worden.

Werden Sie für Ihre Arbeit, bei der Gemeinde bezahlt?

Nein. Ich mache meine Arbeit bei der Gemeinde ehrenamtlich.

Wie groß ist die jüdische Gemeinde in Württemberg?

Die jüdische Gemeinde hat in ganz Württemberg über 3300 Mitglieder. Kleine Anekdote: Vor dem Krieg waren es nur in Stuttgart über 4000 Personen.

Sind Sie zweisprachig erzogen worden?

Als Kind habe ich hauptsächlich Deutsch gelernt. Zu Hause war es mir auch nicht erlaubt jüdisch zu sprechen. Mein Vater war nämlich ein Offizier im Ersten Weltkrieg. Deshalb legte er auf die deutsche Sprache großen Wert. Jetzt spreche ich mehrere Sprachen, da ich Sprachen generell liebe. Ab der 6. Klasse hatte ich alt Hebräisch, später während des Dritten Reichs lernte ich neu Hebräisch. Zusätzlich kamen noch die Sprachen Englisch und Französisch dazu. Ein bisschen Russisch und Arabisch verstehe ich auch.

Ist Alt-Hebräisch, das Jiddische?

Nein. Hebräisch ist nicht Jüdisch. Jüdisch ist Mittelhochdeutsch, das aufgekommen ist durch die jüdische Bevölkerung, die aus Polen über den Rhein nach Köln kam. Die haben Mittelhochdeutsch gesprochen und Balkanische Sprachen. Das alles wurde gemischt und so ergibt sich das Jüdische.

Gibt es heute noch jiddische Ausdrücke, die im deutschen Sprachgebrauch verwendet werden?

Ja und zwar sehr, sehr viele. Um ein paar zu nennen: Ganove, Bammel und Zoff.

Was hatten sie für einen Beruf?

Ich hatte mehrere Berufe. Zunächst kam ich 1939 nach Palästina. Dort musste ich zunächst auf eine Landwirtschaftliche Schule gehen. Ich schloss die Schule dann mit einem Diplom ab. Anschließend war ich Oper-Mädchen und  habe in Hühnerzucht und Rosenzucht gearbeitet. Mit der Gründung des Staates Israel im Jahre 1948 wurde ich 1. Polizistin im Rang eines Unteroffiziers. Das war ich dann bis ich Israel verlassen habe – mit einem Jahr Unterbrechung, als meine Tochter 1952 geboren wurde. Später in Deutschland habe ich alles gemacht, von Kellner bis Vertreterin und als Angestellte bei der Bank. 1967 begann ich mein Studium der Pädagogik für Bildende Kunst und Technik.

Wann sind sie wieder zurück nach Deutschland?

1957. Ich war krank und musste das Klima wechseln. Mein Mann wollte nach Deutschland, ich nach England. Wir sind dann schließlich nach Deutschland, wo mein Mann und ich auch studiert haben.

Wurde ihr Abschluss von Israel, in Deutschland überhaupt anerkannt?

Gut, dass Sie fragen. Nein, dem ist nicht so. Ein Dekan hat mir geholfen. Er hat mich zu einem Gespräch eingeladen und hat gefragt, was ich werden will. Zeichen und Sportlehrerin war meine Antwort. Er sagte: das suchen wir gerade in Deutschland. Mit meinem Abschluss aus Israel? Überlassen sie das mir, sagte er. Ich musste eine Prüfung ablegen um aufgenommen zu werden, die ich dann auch bestand. Somit wurde ich für das Studium zugelassen.

Finden sie es richtig, dass das 3. Reich im Geschichtsunterricht behandelt wird?

Ich finde es gut. Nur, die Art wie es behandelt wird ist meiner Ansicht nach für junge Menschen, die es nicht erlebt haben, falsch. Man muss jungen Menschen die Schuldzuweisung wegnehmen. Ihnen klarmachen, dass jeder Mensch einen Namen hat und für sich selbst verantwortlich ist. Jedem Menschen egal welche Religion, Hautfarbe Nationalität zu helfen, wenn Not am Mann ist. Außerdem sollte man auf die schlimmen Dinge zurückgreifen, die heute passieren. Ein gutes Medium ist zum Beispiel das Fernsehen. Diese Brutalität von damals kann ein junger Mensch sich heute nicht mehr vorstellen. Zum Glück.

Den Schülern sollte man nicht nur Zahlen und trockene Statistiken vorsetzen. Man muss in Form von Zeitzeugen und Führungen in Konzentrationslagern, die Schüler mit einbinden.

Glauben Sie nicht, dass das die Pädagogen gut umsetzen?

Es gibt leider auch Pädagogen, die kein Fachwissen mitbringen. Ein Beispiel: eine Religionslehrerin fragte mich: warum haben Sie kein Kreuz in der Synagoge. So ein Satz aus den Worten eines Pädagogen. Und dazu noch aus dem Fach Religion. Meine Antwort war: Die armen Schüler.

Finden sie KZ-Führungen wichtig?

Ja, aber nur, wenn die Vorarbeit gut geleistet ist. Schüler müssen vorbereitet werden und nachher muss der Besuch nachbereitet werden. Die Pädagogen haben die Pflicht, nach dem Besuch über das Gesehene sich auszutauschen. Das ist nicht immer der Fall und das ist schade.

In der Schule gibt es Ausdrücke wie du Jude, woher kommt das?

Manchmal kommt das von den Eltern. Man sucht aber auch einen Sündenbock. Die Betroffenen sind heute der Moslem, oder der Türke. Heutzutage sagt man auch oft du Kanake. Ich frage mich, warum das Wort Bulle benutzt wird. Ich war in der Polizei. Ich weiß nicht, wie ich reagiert hätte, wenn das einer zu mir gesagt hätte. Das Problem ist doch: Die Schüler bekommen keine Werte mehr vermittelt. Punkto Menschen achten. Das sind ganz einfach Vorurteile. Fragt man den Menschen, der das sagt, hast du schon mal mit einem Juden gesprochen würde er mit nein antworten. Hast du einen gesehen. Nein. Dabei sind es ganz normale Menschen, genau wie die Christen.

Haben sie mittlerweile ein Gespür, wer links, wer rechts ist?

(Lacht) Ja. Wenn eine Klasse kommt, kann ich genau sagen, wer rechts und wer links ist. Mit der Zeit bekommt man ein Fingerspitzengefühl. Wenn Fragen gestellt werden dürfen, antworten die Schüler nicht. Dann spreche ich selber welche an. Was würden Sie sagen? Nachher fragt mich die Lehrerin, woher wussten sie, dass der in der rechten Szene ist. Im Laufe der Zeit, bekommt man einfach einen Sinn für solche Sachen. Jeder Mensch hat eine Kultur. Man muss sich kennen lernen um über Menschen urteilen zu können. Aber nicht urteilen, wenn man einen nicht persönlich kennt.

Fand die Hochzeit mit ihrem Mann, nach den jüdischen Ritualen statt?

Ja, mein Mann war aber Atheist. Ich Orthodox. Nur beim Rabbiner getraut worden. Wir sind in Israel getraut worden. Ich musste in die Mikwe ins Heilige Bad gehen. Wir hatten nicht das Geld, was groß aufzuziehen.

Ist Ihr Mann mittlerweile gestorben?

Ja, vor zwölf Jahren. Ich lebe jetzt hier alleine. Meine Tochter ist Ultraorthodox geworden, und hat sieben Kinder. Mittlerweile lebt sie in Israel, und arbeitet als Schmuckdesignerin. Sie hat sehr viel vom Vater geerbt. Die Religion hat sie von ihrem Mann vermittelt bekommen. Der Mann trägt einen langen Bart, mit vielen Locken. Sie besucht mich auch öfters, meine Freunde sind ihre Freunde. Außerdem weiß sie eine Menge über die Religionen, da sie sich in dieser Richtung weiterbildet. Wenn sie mich besuchen kommt, begleitet sie mich auf meine Führungen durch die Synagogen.

Zur Person:

- Rachel Dror wird im Jahre 1921, als jüdisches Kind in Königsberg/Ostpreußen geboren.

- Nach dem Abschluss des Lyzeums 1935, beginnt Sie eine Schneiderausbildung, die Sie aber wegen ihrer Auswanderung nach Palästina abbricht.

- April 1939: Auswanderung nach Palästina

- Eltern können nicht fliehen, und kommen in Auschwitz um

- 1948: Eintritt in den Polizeidienst des zu dem Zeitpunkt neugegründeten Staates Israel.

- 1951 heiratet sie und bekommt 1952 ihre Tochter

-  1957 kommt Dror wieder zur Bundesrepublik Deutschland zurück und studiert 1967 Pädagogik für Bildende Kunst und Technik.

- Bis 1986 ist die mittlerweile 88-Jährige als Lehrerin an einer Sprachheilschule tätig.

-  Nun ist Sie Vorsitzende des Erzieherausschusses der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit, rege Vortragstätigkeit und Synagogenführungen – besonders für Schulen, Initiierung und Begleitung von christlich-jüdischen und deutsch-israelischen Projekten. 1996 Verleihung der Otto-Hirsch-Medaille

-  im Internet: www.cjzprojektschule.de

Kommentare

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  1. 1…..was will und dieses ( viel zu lange ) Interview eigentlich vermitteln ?

    2.Ist dem Interviewer eigentlich klar, dass mit dieser gebetsmühlenartigen Wiederholung von Fakten, Halbwahrheiten und jüdischer Selbstgerechtigkeit (die Juden haben so wie etwas wie das Alleinvertretungsrecht für alle Opfer der WII) selbst jugendliche Leser abgestossen werden ?

    3. Frau Dror ist ” rechtzeitig” in Sicherheit gebracht worden, na ja eigentlich hat Sie ihre Informationen aus der Zeitung, oder ?

    4. Ich finde es aber toll, dass Frau Dror Schuldzuweisungen /die Sippenhaft für die deutsche Jugend ablehnt ( übrigens im Gegensatz zu von Weizsäcker der diesen Unfug erst möglich gemacht hat) und die schlechte Qualität deutschen Geschichtsunterrichtes bemängelt.

    Die Frau hat was !