Scheitern als Karrieresprungbrett
Artikel von Holger Finn vom 10.11.2009, 10:22 Uhr im Ressort Politik | 4 Comments
Im “18. Brumaire des Louis Bonaparte” belehrte Karl Marx seinen Kollegen Hegel, dass der nicht ganz zu Ende gedacht habe. Alle großen weltgeschichtlichen Tatsachen und Personen ereigneten sich nicht nur zweimal, nein. Hegel habe vergessen, hinzuzufügen: “das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce.”
Nicht vergessen hat das junge zusammengewachsene Deutschland, das 20. Jubiläum seines faktischen Gründungstages nach Kräften als Gelegenheit zu nutzen, um den Beweis [1] dafür anzutreten. Ja, da passt alles zusammen bei der [2] großen Feier in Berlin: Wo einst die Sonne schien, regnet es jetzt Strippen wie der Hauptstädter sagt. Statt der seinerzeit aktiven Kohl, Bush, Thatcher, Mitterand, Krack und Momper schieben sich Gestalten wie Klaus Wowereit und Nicolas Sarkozy ins Bild, dazu der unvermeidliche Thomas Gottschalk und die unausweichliche Maybrit Illner, musikalisch flankiert von Bon Jovi, der wohl den verhinderten Mauereinreißer David Hasselhoff vertritt, dessen “Looking for Freedom” aber nicht annähernd so rockig hinzuzaubern weiß.
Eine A Capella-Truppe, die auch nicht die echten “Prinzen” sind, singt dazu “Freiheit” von Westernhagen, der wohl selbst keine Zeit hatte, als sei ihnen ein Stück Mauer auf die Lackschuhe gefallen. Umringt ist das Ganze von Kindern, die aufgestellt sind wie früher bei Sendungen des DDR-Kinderfernsehens der Kinderchor Omnibus. Wer einmal Claqueure gesehen hat, erkennt sie leider immer wieder.
Dann aber wird Gorbatschow aus der Kulisse geschoben, der Mann, den die Balkon-Genscher-Legende “einen Freund” nennt.
Gorbatschow, mit 21 in die Kommunistische Partei der Sowjetunion (KPdSU) eingetreten und bis in die Mitte seiner 40er ein ruhig funktionierender Apparatschik im heimatlichen Stawropol, hat es geschafft, aus seiner größten Niederlage seinen größten Sieg zu destillieren. Während Egon Krenz den Maueröffnungs-Zettel schrieb, den SED-Politbüro-Sprecher Günter Schabowski am 9.11.1989 vorlas, wusste Gorbatschow noch nicht einmal, dass es einen solchen Zettel gab. Dennoch steht der von KGB-Chef Juri Andropow an die Spitze der komatösen Sowjetunion beförderte Landwirtschaftsexperte heute im Ruf, ein Maueröffner und Reformer gewesen zu sein, was ihm Einladungen und Orden einträgt. Während sein DDR-Pedant als betonköpfiger Schwerverbrecher bereits hinter Gittern saß.
Dabei war sein Versuch der Einführung von Glasnost und Perestroika nach dem 27. Parteitag der KPdSU im Februar 1986 keineswegs dazu gedacht, den Sozialismus zu zerstören, [3] Deutschland wiederzuvereinigen und die UdSSR aufzuspalten. Ganz im Gegenteil: Mit Alkoholverbot und wirtschaftlichen Reformen, Abrüstung und geistiger Öffnung wollte Gorbatschow die sieche Kommandowirtschaft wiederbeleben und damit neue Dynamik in das erschlaffte kommunistische Weltsystem bringen.
Es ist ihm nicht gelungen. Ganz so wie es DDR-Chef Erich Honecker befürchtet hatte, war der Sozialismus nur gefangen, gebunden und geknebelt überlebensfähig, gestützt auf Gewehre, aufrecht gehalten vom Eisernen Vorhang, belebt von Menschen in Angst. Oder er war tot, weil es in ihm zu lebendig wurde.
Gut für Gorbatschow, der 20 Jahre lang einer der mächtigsten Männer der Sowjetunion war und nur fünf Jahre lang “Reformer”. Sein Heldenstatus ist heute unumstritten, trotz der Vertuschung des Atomkraftwerkunfalls von Tschernobyl, trotz des von ihm vier Jahre fortgeführten Afghanistankrieges, trotz seines Widerstandes, abtrünnigen Sowjetrepubliken die Freiheit zu geben, die später tauende Tote forderte.
Dass der gescheiterte Sozialismusretter als Maueröffner gefeiert wird, passt aber genau. Eben plumpsen Styropor-Mauerstücke, die für Dreijährige, Südsudanesen und Blinde täuschend echt aussehen müssen, wie Domino-Steine ein. Huch, ist das ein Spaß! Hui, klappert das schön. Und wie die Lichter blinken! Marx hatte eben doch Recht.
[4] www.ppq.be
Artikel aus "Readers Edition": http://www.readers-edition.de
Link zum Artikel: http://www.readers-edition.de/2009/11/10/scheitern-als-karrieresprungbrett/
Links im Artikel:
[1] dafür: http://netzwerkrecherche.wordpress.com/2009/11/05/entscheidungsjahre/
[2] großen Feier in Berlin:: http://www.der-postillon.com/2009/11/das-wort-zum-sonntag-50.html
[3] Deutschland wiederzuvereinigen: http://karleduardskanal.wordpress.com/
[4] www.ppq.be: http://www.ppq.be/