Punkt 11:11 Uhr wurde heute wieder die Karnevals-, Faschings- und Fastnachtszeit eingeläutet und den Bürgern die offizielle Erlaubnis erteilt, sich für ihre Verhältnisse unangemessen zu kleiden und zu verhalten. Anwälte tauschen ihre grauen Anzüge gegen Prinzenkostüme und schweben kurz vor Mittag schon im alkoholbedingten Delirium durch die Straßen.
Lehrerinnen gröhlen sich in Clownskostümen den angesammelten Missmut von der Seele und lesen Süßigkeiten, die so genannten Kamelle, vom Boden auf. Kreative Pappmaschee-Artisten basteln gesellschaftskritische Umzugsdekorationen, um sich tags darauf wieder in die kritisierte Gesellschaft einzugliedern. Kurz: der Drang der Bürger, sich einmal von der spröden Masse der Alltagsveteranen abzuheben, bekommt mal wieder sein Ventil – unglücklicherweise findet diese Flucht in die Fröhlichkeit zu ein und der selben Zeit statt, so dass sich die mutigen Jecken von etwas zu unterscheiden glauben, was zu dieser Zeit garnicht existiert. Sollte nicht die Spontanität das feurigste Gewürz der Unvernuft darstellen?
Ebenso könnte man ein melancholieschwangeres Datum zum Trauertag erklären, in allen Straßen Werke von Gustav Mahler erklingen lassen und den Bürger zur kollektiven Schwermütigkeit ‘ermuntern’. In tiefem Schwarz oder als Selbstmordfantasie seiner Wahl beobachtet der Trauertourist einen freudlosen Umzug und sammelt Lakritz vom Boden. Wäre der zu erwartende Effekt, dass sich alle Teilnehmer schon während der Feierlichkeiten auf den morgigen Arbeitstag freuen, nicht wesentlich wünschenswerter?
Diese Gedanken sind natürlich keineswegs als miesepetriger Stimmungsdämpfer eines Karnevalsmuffels zu verstehen, vielmehr wünschte ich mir ein wenig mehr Narretei abseits der fünften Jahreszeit. Fröhlichkeit ist ein Gefühl, eine Gemütslage und im Idealfall eine Lebensphilosophie, die man nicht zu geplanten Anlässen wie auf Bestellung abrufen kann. Ein wenig mehr konstanten Humor, den Sinn für angebrachten Unfug im Alltag, das sind Werte, die sich so mancher Faschingsfreund auch nach dem 11.11. zu bewahren lernen muss.
Photo Quelle/Copyright: Dirk Schelpe, via pixelio.de
im november gibt es mehrere melancholieschwangere daten, an denen man der toten gedenkt.
allerheiligen
allerseeligen
totensonntag
volkstrauertag
im übrigen ist karneval eine “ernsthafte” angelegenheit, die ausgelassenheit, die dieser tradition vorweg geht, markiert mit dem aschermittwoch den beginn der fastenzeit für die katholischen christen.
und da ich selbst aus dem rheinland stamme, und nun in der “diaspora” berlin lebe kann ich ihnen versichern, daß sich der gemeine rheinländer auch außerhalb der karnevalszeit der fröhlichkeit und des humors erfreut und diesen regelmäßig nachgeht.