Früher wurde bei Wahlen gewählt. Ehe es nicht zu Ende war, wusste niemand, wer gewonnen hatte: Konnte sein, der Favorit, konnte sein, der Herausforderer. Demokratische Wahlen unterschieden sich von Wahlen zum Freundschaftspionierrat auch dadurch, dass nicht im Block abgestimmt wurde – jeder, der antrat, musste ganz allein druchs Feuer hinüber in seinen neuen Posten, es gab manchmal Gegenkandidaten, die das verhindern wollten, manchmal gelang denen sogar eine Überraschung und sie setzten sich durch.
Spanndend sind einzig die Stimmen
Das aber ist lange her und längst nicht mehr gängige Praxis in den Parteien, die sich demokratisch nennen, im Zweifelsfall aber eine einheitliche Außenwirkung für wichtiger halten als jede Binnendemokratie. Nicht nur bei der in Blockabstimmungen traditionell starken SED-PDS-Linke fehlt es bei “Wahlen” zu Parteiämtern gewohnheitsmäßig an Wettbewerbern für die hinter verschlossenen Türen gekürten Kandidaten. Auch bei der CDU, der FDP und der SPD sieht es nicht anders aus: “Wahlen” sind so sehr Wahlen wie die Stimmensammlungen zur DDR-Volkskammer “Wahlen” waren – wer gewinnt, steht stets vorher fest, spannend ist einzig und allein, mit wie viel Stimmen der zu Wähelnde am Ende durchs Ziel geht.
Die SPD schwebt nun im Ungewissen
Bei Sigmar Gabriel entscheiden sich diesmal 472 von 501 Delegierten für den Vorschlag des Politbüros: Mit 94,2 Prozent der Stimmen wird der dicke Dampfplauderer Parteivorsitzender. Angela Merkel war letztes Jahr in ihrer Partei mit 95,9 Prozent nicht viel besser, aber auch Egon Krenz hat in seinem letzten Job als DDR-Wahlleiter nur 97,62 Prozent Ja-Stimmen für die Kandidaten der Nationalen Front organisieren können. Sigmar Gabriel will nun dorthin gehen, wo es stinkt, weil dort das Leben brodele. Die SPD, in der bis zur vollzogegen Kürung des neuen 1. Sekretärs alles ganz wunderbar klar war, schwebt nun im Ungewissen. Woher wird sich Gabriel das nächste Mal melden: Reeperbahn? Indische Slums? Schanghai? Die Favelas von Rio?
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