Seit Tagen beherrscht ein ganz besonderes Thema die deutsche Medienwelt: Robert Enke. Ein Mann, wie man ihn sich sympathischer kaum vorstellen konnte. Ein Mann, wie es ihn nur ganz selten im Profisport gab. Ein Mann, der immer auf dem Boden geblieben war. Unscheinbar, freundlich, beliebt und offensichtlich doch (fast) allein.
Es gäbe sicherlich nicht viele Menschen, denen eine ganze (Fußball)Welt so nachtrauern würde. Doch nicht allein seine Beliebtheit macht den Grund für diese riesige Anteilnahme am Tod Enkes aus.
Die Art, wie er aus dem Leben geschieden ist, ruft bei vielen den eigentlichen Schock hervor. Selbstmord. Die Weltgesundheitsorganisation schätzt, dass es auf der Welt etwa eine Millionen Suizidfälle pro Jahr zu verzeichnen gibt. Die Versuche nach einem selbst hervorgerufenden Tod ergeben sogar 20 bis 30 mal höhere Zahlen. Grund für den Freitod sind in der Mehrheit der Fälle Depressionen. Experten vermuten, dass etwa 5 Prozent der Menschheit, sprich 300 Millionen Menschen, von Depressionen betroffen sind. Bei solchen Zahlen müsste man eigentlich schon von einer Volkskrankheit sprechen und dennoch spricht niemand von ihr. Warum? Weil man ihr aus dem Weg gehen will. Betroffene werden oftmals abgestempelt. Depressive noch weiter aus der Gesellschaft ausgegrenzt.
Es macht keinen Sinn sich um die Antwort auf die Frage nach dem “Warum?” zu bemühen. Den einzig wahren Grund wird nur Herr Enke selbst gekannt haben und Spekulationen bringen niemanden weiter. Die Frage, die wir uns stellen müssen, ist: Wie können wir ähnliche Fälle vermeiden?
Die Angst, bei seinen Mitmenschen als labil oder gar depressiv abgestempelt zu werden, führt immer wieder dazu, dass sich Leute mit ihren Problemen alleine auseinandersetzen. Oder zumindest versuchen. Einige schaffen dies auch und können ihre Probleme mit ihrem eigenen Körper oder Geist lösen. Doch die Mehrheit stürzt noch weiter ab. Aus der Depression gibt es vermutlich nur einen Weg. Den Weg nach Außen. Weg von sich selbst, auf andere Menschen zu.
Oder können Sie sich erinnern, einmal unter vielen Menschen geweint zu haben, wenn es nicht gerade vor Lachen war?
Denn erst, wer seine eigenen Probleme kundtut, kann von diesen Abstand gewinnen und wieder glücklich werden. Doch genau diese Hilfe von Außen, wie sie ein jeder Betroffener bekommen sollte, wird meist abgelehnt. Dabei könnten Freunde, Verwandte oder die Familie oft sehr schnell und unkompliziert helfen. Und wenn selbst hier nicht genug getan werden kann, gibt es immernoch professionelle Hilfe. Doch wenn das Ganze so einfach zu lösen wäre, wäre ich heute Professor für Psychologie in Oxford und hätte vermutlich einen Nobelpreis abgeräumt. Das Problem gestaltet sich von Person zu Person verschieden. In vielen Fällen steckt der Betroffene bereits in einem so tiefen Loch, dass er auf niemanden mehr zugehen will. Er erhofft sich einerseits Hilfe von Außen und dennoch überspielt er die Depression. Meist warten Kranke jahrelang auf jemanden, der sie darauf anspricht und am Ende ist es zu spät. Und es ist nunmal nicht jeder Mitmensch so sensibel bzw. dazu fähig, dass er die Probleme anderer wahrnehmen kann.
Doch würden wir alle mal ein bisschen über unsere eigene Welt hinausschauen und auf andere Menschen zugehen, wäre vielen geholfen. Oft geht es den Betroffenen nicht um das Lösen ihrer Probleme, sondern darum, dass man nicht mit ihnen alleine da steht oder auch darum, dass fehlende Akzeptanz in der Gesellschaft wieder aufgehoben wird.
Wenn der Tod von Robert Enke einen einzigen positiven Effekt haben kann, dann ist es, dass wir etwas daraus lernen. Daraus lernen, mit einer Krankheit, wie sie in Deutschland und der Welt so stark verbreitet ist, dass wir ihr nicht aus dem Weg gehen können, umzugehen. Vielleicht ist dies auch der einzige positive Nebeneffekt der wahnsinnig umfangreichen und zum Teil perversen Berichterstattung der Medien. So haben wir wenigstens alle davon mitbekommen und es geschafft ein Tabu-Thema anzusprechen.
Vielleicht war es ein Hilfeschrei von Enke? Ein Hilfeschrei, bei dem wir zu spät hingesehen haben, aber ein Hilfeschrei, der für viele andere von enormer Bedeutung sein kann.
Ein respektvoller und fairer Umgang miteinander kann viele Probleme beheben und im besten Falle erst gar nicht entstehen lassen.
Ruhe in Frieden.
Dieser Kommentar erschien zudem auf ximmel.de
Vielen Dank für diesen Artikel, er trifft genau auf den Punkt.