Wo Darwin irrte

Es ist unbestritten, dass Charles Darwin die biologische Forschung von unwissenschaftlichen Einflüssen und Vorurteilen befreit hat. Dafür gebührt ihm Dank und Anerkennung. Allerdings hielten nicht alle seine Ansichten der Prüfung stand. So meinte Darwin zum Beispiel, das Universum hätte nur ein Alter von 200 bis 300 Millionen Jahren, heute geht

dwra.jpgEs ist unbestritten, dass Charles Darwin die biologische Forschung von unwissenschaftlichen Einflüssen und Vorurteilen befreit hat. Dafür gebührt ihm Dank und Anerkennung. Allerdings hielten nicht alle seine Ansichten der Prüfung stand. So meinte Darwin zum Beispiel, das Universum hätte nur ein Alter von 200 bis 300 Millionen Jahren, heute geht man von ca. 14 Milliarden Jahren aus.

Doch dieser Irrtum ist eine Nebensächlichkeit. Schwerer wiegt schon die irrige Auffassung Darwins, dass die Evolution sich kontinuierlich und gleichförmig abspiele. Die Erdgeschichte zeigt jedoch, dass auf Phasen langer Gleichförmigkeit relativ kurze Schübe intensiver Entfaltung folgten. Beispiele hierfür sind die Herausbildung der Endosymbiose oder die “kambrische Explosion” vor 530 Millionen Jahren.

In in einem relativ kurzen Zeitraum von 30 Millionen Jahren fand in diesen Perioden ein radikaler Wandel statt. Durch Endosymbiose nahmen Archäa-Zellen Bakterien in sich auf, in der “kambrischen Explosion” formten sich die bis heute gültigen Körper-Grundbaupläne der Wirbeltiere. Von Kontinuität keine Spur. Vielmehr folgten auf lange Perioden, in denen sich evolutionär quasi “kaum oder gar nichts” tat, kurze Phasen, in denen ein wahres Feuerwerk an Varianten und Lebensformen auftauchte. Heute erhärtet sich immer mehr die Hypothese: Umweltschocks veranlassen Genome zur Selbstmodifikation.

Die gravierendste Lücke in Darwins Theorie liegt jedoch in der Erklärung, wie und warum es zu hochkomplexen, überlebensfähigen und sogar überlegenen Varianten im Bauplan der Lebewesen kommt. In Kurzzusammenfassungen der Darwinschen Lehre werden immer wieder die Begriffe “Selektion” und “Mutation” verwendet.

Das Stichwort “Mutation” taucht bei Darwin aber gar nicht auf. Zu wenig war zu seiner Zeit über die Zusammenhänge der Vererbung und die Weitergabe von Lebensbauplänen bekannt. Erst Jahre nach dem Erscheinen von Darwins  “Ursprung der Arten” (1859)  entdeckte der Brünner Mönch Gregor Mendel die Grundgesetze der Vererbung. Doch blieben seine Forschungsergebnisse bis zur Jahrundertwende unbeachtet.

Darwin machte in seiner Not den reinen Zufall für den Variantenreichtum verantwortlich.

Darwin war sich der Schwäche dieser Erklärung durchaus bewusst. Er schreibt 1887 in seiner Autobiographie, es sei extrem schwierig wenn nicht unmöglich, “sich vorzustellen, dieses gewaltige wunderbare Universum einschliesslich des Menschen mit seiner Fähigkeit, weit zurück in die Vergangenheit und weit voraus in die Zukunft zu blicken, sei nur das Ergebnis blinden Zufalls.” Allerdings bekennnt Darwin sich deshalb nicht zum Theismus, sondern definiert sich nach einer Reihe weiterer Erwägungen schließlich als Agnostiker (Charles Darwin, Mein Leben, Frankfurt, 1887/1993, S.97/98).

Wie alle großen Entwürfe, so wurde auch Darwins Ansatz von übereifrigen Schülern und Anhängern rasch kanonisiert. Der “blinde Zufall”, Darwins mit Vorbehalt formulierter Erklärungsversuch für Variantenbildung, wurde als unumstössliches Axiom der Darwinschen Lehre inthronisiert, ein Axiom, das nicht mehr hinterfragt werden durfte.

Eiferer wie Ernst Haeckel oder Jacques Monod überhöhten diesen Faktor. Nachdem Gott als omnipräsenter Vitzliputzli und Hemmschuh der Forschung verdienstvollerweise entsorgt war, wurde der Zufall zum Allround-Lückenbüsser, wenn sich wegen mangelnder Beobachtungs- und Messverfahren noch keine Regelmechanismen, naturgesetzlichen Erklärungen oder Strukturzusammenhänge finden liessen.

Der Zufall wurde damit jedoch überstrapaziert. Dieser Dogmatismus hatte für die biologische Forschung äußerst nachteilige Folgen.

Mitte der Vierziger Jahre entdeckte Barbara McClintock die so genannten “springenden Gene”. Diese nicht Eiweiss codierenden Gensequenzen wurden von ihren Fachkollegen lange Zeit als “Junk”, also Müll, bezeichnet, der keinerlei Funktion hatte. Als die Forscherin entdeckte, dass den “springenden Genen” durchaus eine Steuerungsfunktion bei der Vererbung zukam, wurde sie als Phantastin, eine Art Esoterikerin belächelt, verhöhnt und gemobbt.

Das Dogma lautete: Die nicht Eiweiss codiereneden Junk-Abschnitte hatten Müll zu sein, was außerhalb der Eiweiss codierenden Basentripletts vor sich ging, hatte als zufällige Randerscheinung zu gelten.

Im Laufe der folgenden 30 Jahre stellte sich jedoch heraus, dass diese als Junk – gleich Müll – abqualifizierten Genabschnittte eine elementare Bedeutung für die Vererbung und die Variantenbildung haben. Sie sind Transpositionselemente, die Gensequenzen ein- oder ausschalten, ein-, aus- oder umbauen können. Für ihre Forschungsarbeiten erhielt Barbara McClintock, als sich ihre Entdeckungen und Hypothesen durch zahllose Versuche und Studien anderer Forscher als richtig erwiesen hatten, 1983 den Nobelpreis.

Der Molekularbiologe und Chemiker James A. Shapiro von der University of Chicago zieht folgenden Schluss:  Eine Zellstruktur, insbesondere das Genom, ist kein blinder mechanischer Apparat, sondern ein “highly sensitive organ”, bestehend aus “communication molecules”;  Zellen sind “cognitive entities”, Einheiten mit Wahrnehmungsvermögen, und “der Einfluss, den der wahrgenommene Input  auf die Zellen hat, lässt sich kaum überschätzen.”(J.A. Shapiro, Genome Informatics, 2006).

Der Zufall ist so blind also nicht. In den Zellstrukturen, insbesondere des Genoms, steckt mehr an “Intelligenz”,- genauer-, mehr an Wahrnehmungsvermögen, mehr an Möglichkeiten zur Informationsverarbeitung und mehr an Umbaustrategien als man sich noch vor zehn Jahren oder gar zu Darwins Zeiten träumen ließ.

Kommentare

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  1. Großartig! Diese spannenden Informationen werden viel zu selten der Allgemeinheit dargeboten, helfen aber zu einem besseren Verständnis des Menschen, der Natur und der Welt. Zu den “springenden Genen” kommen noch die Steuerproteine, von denen man sagt, dass sie die Gene regelrecht an- und abschalten können, sodass wir nicht
    komplett der Macht der ererbten Gene ausgesetzt sind.