“Ihre Stimme löst unweigerlich zarte Schauer aus. Das ‘Mädchen mit der Gitarre’ lässt aufhorchen…”, so lauteten Anfang Juni letzten Jahres die ersten Eindrücke, die die Leser hier auf der Readers Edition von Roxanne de Bastion wahrgenommen haben. Die junge Berlinerin, die in der Weltstadt London ihr Glück suchte, faszinierte auf Anhieb. Als mutige, selbstbewusste Dame, die ihren musikalischen Werdegang festentschlossen selbst in die Hand nimmt, hat sie sich damals vorgestellt. Doch wie ist es ihr seit diesen Sommertagen ergangen? Was gibt es Neues von der Insel? Gemeinsam mit Roxanne de Bastion begebe ich mich auf Entdeckungstour durch ihre jüngste Biographie…
Hallo Roxanne, jetzt ist es schon wieder mehr als ein Jahr her, dass wir uns kennen gelernt haben. Unglaublich wie die Zeit vergeht! Du warst damals unsere erste “lokale Heldin“, die außerhalb Deutschlands zu Hause war. Noch immer bist Du in London und von dort aus mitsamt Deiner Gitarre unterwegs. Wie ist es Dir seit unserem letzten Gespräch ergangen?
Ich habe mir vor Kurzem unser letztes Interview durchgelesen und es war wirklich seltsam! Es ist nur ein Jahr her und doch war es als ob da eine ganz andere und viel jüngere Person gesprochen hat. Ich habe mich mittlerweile in London sehr gut eingelebt und bin hier sowohl musikalisch als auch persönlich zu Hause. Durch einen Kontakt in den Midlands habe ich gleich am Anfang des Jahres Nik Kershaw kennen gelernt (Ihr wisst schon, der aus den 80ern! Wenn nicht, ist eine YouTube-Session empfehlenswert!) und durfte ihn als Vorgruppe auf seiner UK-Tournee begleiten. Es war so cool vor so einem enthusiastischen Publikum in ausverkauften Hallen zu spielen – auch wenn ich mich musikalisch mit den 80er Jahren nicht so ganz identifizieren kann. Durch diese Tournee wurde dann das BBC auf mich aufmerksam und ich wurde in den Midlands und in Liverpool zu Radio-Interviews und Live-Auftritten eingeladen – sehr spannend!
Weitere Highlights im Jahre 2009 waren ein vierter Auftritt im Cavern Club, die langersehnte Veröffentlichung meiner EP “MONO“, und meine erste Tour in New York. Ein großes Highlight steht allerdings noch bevor: In ein paar Wochen geht’s musikalisch zum ersten Mal wieder ab nach Berlin!
“Es war am Anfang sehr schwer aus der ‘Mädchen mit Gitarre’- oder ‘Folk Singer’-Schublade auszubrechen.”
Ich sehe schon, bei Dir ist eine Menge passiert. Und dennoch: “London ist einer der härtesten Städte für Musiker” hast Du unseren Lesern im Juni 2008 erklärt. Eine Feststellung, die Du heute noch immer “unterschreiben” kannst?
Diese Feststellung kann ich auf alle Fälle doppelt unterstreichen! Das soll aber auf keinen Fall heißen, dass mir das Musikmachen in der Metropole keinen Spaß macht. Ich habe mich auf alle Fälle in der Londoner Musikszene eingelebt und darf hier viele coole Auftritte in Clubs wie The Troubadour und The Barfly genießen.
Es war am Anfang sehr schwer aus der “Mädchen mit Gitarre”- oder “Folk Singer”-Schublade auszubrechen. Obwohl ich zur Zeit solo unterwegs bin, passt meine Musik viel mehr ins Rock/Indie-Genre und gehört in Clubs, wo man ordentlich rumspringen und pöbeln kann – zu mindestens macht mir das viel mehr Spaß! So langsam erkennen das die Veranstalter hier auch an und lassen mich meist als einzige Solokünstlerin an Bandveranstaltungen spielen. Nebenbei habe ich mich im letzten Jahr auch ans Veranstalten herangewagt und habe den Spieß einfach mal umgedreht! Mittlerweile veranstalte ich in zwei Londoner Clubs Musik-Events unter dem Namen “Nepotism” und kann dadurch auch andere Bands und Musiker unterstützen.
So schwierig es in London auch ist, sei es wegen Industrie-Arroganz oder horrend teuren Mietpreisen, hat man hier unendlich viele Möglichkeiten und kann nie wissen, was der Tag einem bringen mag. Ich habe mich in diese unberechenbare Stadt verliebt und werde weiterhin daran arbeiten, mich hier als Künstlerin zu etablieren.
Spielen, spielen, spielen und dabei den Spieß sogar umdrehen: Welche Begebenheiten im letzten Jahr – positiver wie negativer Natur – sind Dir dabei besonders in Erinnerung geblieben?
Ich hab mal eben nachgezählt und festgestellt, dass ich dieses Jahr bereits 62 Gigs hatte… Kein Wunder, dass ich mir so viel älter vorkomme! Ob in London, Liverpool, oder Stratford-upon-Avon, es kommen mittlerweile immer mehr bekannte Gesichter zu meinen Shows. Die schönsten Erinnerungen drehen sich alle um die Menschen, die mich auf dem Weg begleiten – Ob das Freunde sind, die mich unterstützen, oder Fremde, die mir den ganzen Gig hinweg ihre ungeteilte Aufmerksamkeit schenken. Es gab so viele Momente, die mir jetzt in Erinnerung bleiben dürfen. Immer wenn’s mal nicht so toll läuft, muss ich mich selber daran erinnern, wie viel ich in so kurzer Zeit erreicht habe. Es sind die kleinen, persönlichen Ziele die einem am meisten Bedeuten – Wenn man in dem Club spielt, wo man erst vor ein paar Monaten selber Zuschauer war oder wenn man endlich die Melodie oder Zeile gefunden hat, die man schon seit Wochen sucht!
Natürlich habe ich auch so einige Erfahrungen gemacht, die ich nicht unbedingt wiederhohlen muss – mit dem Bus nachts quer durch England fahren, um es am nächsten morgen zur Arbeit zu schaffen, zum Beispiel! Ohne Tourmanagement und Führerschein ist das Touren als Solokünstler gar nicht so einfach!
Eines der aufregendsten Ereignisse des Jahres war die Reise nach New York. Neben meinen Shows habe ich mir so viele Musik-Events wie möglich angesehen und war echt überrascht wie enthusiastisch und offen das Publikum dort ist – Ich muss auf alle Fälle den Amis einen zweiten Besuch gestatten!
“Ich habe eingesehen, dass man manchmal ein besseres Resultat erhält, wenn man sich etwas mehr Zeit lässt.”
Inwieweit würdest Du nun sagen, hat Dich das alles persönlich, aber auch musikalisch weitergebracht: Hören und sehen die Zuschauer im Winter 2009 eine andere, vielleicht reifere “Fleisch und Blut”-Musikerin als noch im letzten Sommer?
Ich hoffe! Neue Erfahrungen bringen neue Inspiration und daraus entstehen dann neue Songs. Durch die vielen Auftritte bin ich auch etwas sicherer auf der Bühne geworden und kann noch spontaner und freier sein. Die Musik bedeutet mir so viel, dass ich sehr ungeduldig und frustriert werden kann, wenn etwas nicht ganz so schnell passiert, wie ich es gerne hätte oder wenn etwas schief läuft. Es ist gut so motiviert zu sein, aber man darf sich selber nicht zu sehr stressen. Ich habe eingesehen, dass man manchmal ein besseres Resultat erhält, wenn man sich etwas mehr Zeit lässt. Es ist für mich jetzt nicht mehr so dramatisch, wenn ein Gig abgesagt wird, oder wenn ich wieder einmal einen anderen Job suchen muss. Je öfter man sich wieder aufsammeln und neu orientieren muss, desto einfacher wird es. Das ist auf alle Fälle eine sehr positive Veränderung, für mich und die Menschen um mich herum!
Zu hören gibt’s im Winter 2009 eine neue live CD mit fünf neuen Songs und einen Bonus Track. Dazu gibt es auch etwas Neues zu sehen, ich habe mir nämlich vorgestern einen Pony schneiden lassen – wenn das nicht spektakulär ist, weiß ich auch nicht mehr!
“Ich werde mein Enthusiasmus für Musik nie verlieren.”
Halten wir also fest: Roxanne sitzt fester im Sattel als jemals zuvor. Und dennoch: zwei Jahre fernab der Heimat ist eine lange Zeit. Du hast es vor mehr als einem Jahr als eine “Reise mit Höhen und Tiefen” beschrieben. Hast Du diesen Schritt manchmal bereut? Siehst Du manche Dinge nicht mehr so enthusiastisch wie in unserem ersten Gespräch?
Ganz im Gegenteil, ich bereue weder die Höhen, noch die Tiefen und weiß, dass ich auf dem richtigen Weg bin – wo auch immer der hinführen mag. Es war wirklich interessant Nik Kershaw auf seiner Tournee etwas begleiten zu dürfen. Er ist so verdammt routiniert, kein Wort und kein Accord ist ungeplant. Obwohl ich großen Respekt vor ihm als Musiker und Songwriter habe, fand ich, dass es ihm an Enthusiasmus und Spontaneität etwas fehlte. Viele von seinen Fans kamen nach den Shows zu mir und meinten, wie glücklich ich beim spielen aussah. “Du schätzt es ja wirklich heute hier zu sein!”
Ich werde mein Enthusiasmus für Musik nie verlieren. Nach zwei vollgepackten Jahren bin ich doch immer noch ganz am Anfang meiner Karriere und habe hoffentlich noch viel vor mir. Musik liebe ich allerdings schon mein ganzes Leben lang und daran wird sich auch nichts ändern.
Doch auch wenn Du gerne auf der Insel lebst: “Das Heimweh hört doch nie auf”, hat die deutsche Schriftstellerin Franziska zu Reventlow einmal gesagt. Recht scheint sie zu haben, denn bald zieht es Dich zurück nach Berlin. Wird Dich die “Muddastadt” etwa dauerhaft wiederbekommen?
Da hat die Franzi recht! Ich freue mich so sehr, dass ich endlich wieder in Berlin spielen darf und bin jetzt schon total aufgeregt. Ich spiele am Donnerstag, den 3. Dezember im Café Zapata zusammen mit einer meine Lieblings Newcomer Bands aus London, “The Housewives“. Meine Hauptshow findet am Sonntag, den 6. Dezember in der Junction Bar statt. So viele Freunde und Bekannte in Berlin haben mich noch nie live gesehen – Es ist also für mich ein ganz großer Eintrag im Kalender! Im Herzen bleibt man glaube ich immer Berliner… Im nächsten Jahr will ich auf alle Fälle versuchen regelmäßiger in Berlin zu spielen. Dann müsste meine Schwester mir auch nicht mehr ganz so oft Wurst und Jägermeister per Post schicken!
Alle Readers Edition Leser sind natürlich zu beiden Shows herzlich eingeladen! Details könnt ihr sowohl auf der Junction Bar Webseite als auch auf meiner Myspace Seite finden.
Liebe Roxanne, vielen lieben Dank!!!
Vielen lieben Dank und bis bald in Berlin!
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