Oskar Lafontaine und das Elend des deutschen Journalismus

Oskar Lafontaine ist sicher der meistgehasste Politiker der Republik. Der Hass, der ihm entgegenschlägt, lässt sich nur noch mit der Hetze der Springerpresse gegen Rudi Dutschke Ende der Sechziger Jahre vergleichen. Doch zu Zeiten der Studentenrevolte waren zumindest SPIEGEL und stern, die Süddeutsche und DIE ZEIT um Objektivität und Mäßigung

liost.jpgOskar Lafontaine ist sicher der meistgehasste Politiker der Republik. Der Hass, der ihm entgegenschlägt, lässt sich nur noch mit der Hetze der Springerpresse gegen Rudi Dutschke Ende der Sechziger Jahre vergleichen. Doch zu Zeiten der Studentenrevolte waren zumindest SPIEGEL und stern, die Süddeutsche und DIE ZEIT um Objektivität und Mäßigung bemüht. Bei Oskar Lafontaine kennen auch diese Blätter heute keine Gnade.

Ein Trommelfeuer aus Verleumdung und Scheusalisierung prasselt auf den Saarländer ein, seit er es gewagt hat, der SPD den Rücken zu kehren und der neoliberalen Nomenklatur die Stirn zu bieten. Bis 2007 wird Lafontaine vom saarländischen Verfassungsschutz überwacht. Unzählig sind die persönlichen Beleidigungen und Verleumdungen, die gegen ihn durch den deutschen Medienwald rauschen.

Da diffamiert Tissy Bruns (früher bei der taz!) den Ex-SPD-Chef im TAGESSPIEGEL als “den deutschen Haider“, nennt den ehemaligen SPD-Vorsitzenden einen “Rattenfänger”. Dass sie damit die Wähler der LINKEN als “Ratten” diffamiert, stört sie nicht weiter.

Als “dumpfen Querschläger” tituliert Bettina Röhl den Linkspartei-Vorsitzenden in DER WELT. Das virtuelle Bierzelt johlt.

Geradezu grotesk sind die in zahllosen Interviews losgetretenen Anwürfe hochrangiger SPD-Genossen gegen ihren einstigen Chef: “Populist” (Steinmeier), “Demagoge” (Nahles, Schwan), “Urenkel Ulbrichts” (Struck), “Luzifer” (Stiegler), um nur einige zu nennen. Was sie damit über sich selbst aussagen, ist jedem kritischen Leser klar, den Vorgenannten bis heute wohl eher nicht.

Wolfram Weimers Ergüsse in Cicero nehmen sich dagegen fast schon expressionistisch aus: “Wer wie Lafontaine das mephistophelische Bündnis mit Totalitaristen eingeht, wird Teil davon”, meint der Chef des auf “intellektuell” gestylten Magazins und fährt fort: “Da er mit seinem Comeback zudem die persönliche Rache als Stilfigur in die Politik einführt, entfesselt er die Welt der niederen Instinkte. Es vollzieht sich jenes Wechselspiel aus Grausen und Faszination, das sich selber nährt.” Grausen ist in der Tat angesagt – bei soviel Schwulst und Hysterie. Ab 2010 wird Weimer Chef bei FOCUS.

Christoph Schwennicke von der Süddeutschen Zeitung vergleicht Oskar Lafontaine gar mit Rumpelstilzchen. “Er wird sie aufpeitschen, er wird sich aufpeitschen wie der Gnom am Feuer aus dem Märchen”, schreibt der Märchenexeget und entdeckt im Blick des Linken von der Saar auch gleich noch ein “machtwohliges Glitzern”. Prompt erhält Schwennicke daraufhin den Ritterschlag aus Hamburg und wechselt zur SPIEGEL-Redaktion. “Die Stunde des Demagogen” lautet der Titel von Schwennickes Elaborat. Wohl wahr, aber anders als Schwennicke es gemeint hat.

Sachargumente, Zahlen, Daten, Fakten sucht man vergebens in den Pamphleten der Matadore und Starschreiber aus der Phalanx der Lafontaine-Gegner. Dafür findet man viel offene und versteckte Aufstachelung, nicht nur zu verbaler Gewalt.

FAZ-Autor Arnulf Baring nennt Lafontaine einen “nationalen Sozialisten” und Matthias Döpfner stösst ins selbe Horn, beendet seinen Artikel mit den Worten: “Oskar Lafontaine muss mit allen demokratischen Mitteln bekämpft werden. Aber will sich das eigentlich noch jemand zumuten?”. Was damit zwischen den Zeilen gemeint ist, möge jeder sich ausmalen – ein offener Diskurs sicher nicht.

Wie gewohnt macht die “Bild”-Zeitung auch vor der Familie ihres Opfers nicht halt, wenn es darum geht, einen Menschen fertigzumachen. Kurz vor der Wahl 2005 hatte das Blatt Exklusivberichte von Lafontaines “Villa” abgedruckt und Fotoreportagen von seinem Mallorca-Urlaub auf ihren Seiten veröffentlicht.

Lafontaines Haus samt Obstwiese ist für die Boulevardpresse ein ständiger Anlass zum Schüren völkischen Zorns. Die NPD wollte denn auch nach den Bildberichten einen “Volksmarsch” zu Lafontaines Domizil organisieren. 300 oder gar 350 Quadratmeter Wohnfläche soll das Anwesen laut “BILD” umfassen. Verschwiegen wurde und wird, dass Oskar Lafontaine zusammen mit seiner Frau, den zwei Kindern, seiner Schwiegermutter und Mutter, beide rund 90 Jahre alt, in dem Haus lebt. 60 bis 70 Quadratmeter für eine Person ist sicher nicht HartzIV-Standard, aber auch nicht Prunkschloss-Format.

Auch Lafontaines Mallorca-Urlaub 2005 bleibt nicht unbeobachtet. Die “Bild”-Zeitung scheut keine Kosten und Mühen, um die gemietete Hazienda zu filmen und ihren Lesern Einblick zu gönnen in Lafontaines Privatleben. So wie in Gregor Gysis Gehirn.

Doch im Vergleich zur Perfidie des SPIEGEL erscheint die plumpe Dampfhammer-Hetze der Bildzeitung fast schon kurios.

Jahrelang hatte DER SPIEGEL gemeckert, Oskar Lafontaine habe in DER LINKEN zuviel Macht angehäuft, agiere in seiner Partei wie ein Potentat. Als der Saarländer sich nach der letzten Bundestagswahl von einem seiner beiden Spitzenämter zurückzieht, ist auch das wieder nicht recht. Nun tuschelt das Organ der SPD-Rechten von Kabale und Affären, frisiert ein zwei Jahre altes Interview mit Lafontaines Frau um zu Gattinen-Besorgtheit. Verantwortlich für diesen Schmutzjounalismus im Stil der “Sun”: Martin Deggerich.

Oskar Lafontaine ist für die Massenmedien offensichtlich Freiwild, ein Mensch, für den die Grundrechte nicht gelten. “Die Würde des Menschen ist unantastbar”, heißt es in der Verfassung. Für Oskar Lafontaine und seine Familie wurde dieses Prinzip von etlichen Starautoren der großen Sender und Verlage anscheinend außer Kraft gesetzt.

Die Kampagnen gegen Oskar Lafontaine bieten freilich weniger Aufklärung über das Urgestein von der Saar als über das Elend deutscher Top-Journalisten und -Verleger.

Früher organisierte Giovanni di Lorenzo Lichterketten gegen Ausländerhass, heute orchestriert er als Chef des TAGESSPIEGELs die Sympathien für Sarrazin und die Häme gegen Lafontaine. “Mut gegen rechts” hieß einmal eine Initiative des “stern” – heute lautet der Tenor des Blattes “Sarrazin hat recht“. So nachzulesen bei stern-Autorin Gerda-Marie Schönfeld am 9. Oktober diesen Jahres.

Selbst DIE ZEIT informiert, um es höflich auszudrücken, äußerst selektiv, wenn es sich um DIE LINKE oder Lafontaine handelt. Auch vor Hitlervergleichen schreckt ihr Mitherausgeber Josef Joffe nicht zurück, wenn es um den früheren Vorsitzenden der Sozialdemokraten geht. Kein Wunder. Schließlich ist der Chefredakteur des Blattes, der SPD-Rechte Michael Naumann, ein enger Freund Gerhard Schröders.

Eine ganzes Bataillon aus tückischen Beobachtern hat DER SPIEGEL gegen Lafontaine und DIE LINKE in Stellung gebracht. In der Redaktion des Magazins sitzt inzwischen eine Schmuddelrunde mit sozaldarwinistischen Allüren.

Von Christoph Schwennicke war schon die Rede. Carsten Volkery verniedlicht die anwachsende Kinderarmut, Björn Hengst schwärmt für Agenda und Elendslöhne, Medick, Teevs und Seith schreiben die Laudatios an die Schröder-Adlati, Reinhard Mohr diffamiert in zotigen Sprüchen die “HartzIV-Hütten”, und Henryk M. Broder delektiert sich am rassistischen Duktus eines Thilo Sarrazin gegen Türken und die Unterschicht. Für besonders hintersinnige Kolportagen sorgt der bereits erwähnte Markus Deggerich. Es gilt: Karriere beim SPIEGEL macht, wer am abgefeimtesten Verunglimpfung, Fakt und Fälschung vermischt.

Fazit. Es ist so gut wie nichts mehr da von der Zivilcourage eines Henri Nannen, vom Mut eines Rudolf Augstein, vom Anstand und Qualitätsbewusstsein einer Marion Gräfin Dönhoff.

Das Kesseltreiben gegen Lafontaine wird zwar sehr wohl von interessierter Seite gefördert und wohlwollend beäugt, es hat aber längst irrationale Züge angenommen. Nur noch psychologisch zu erklärende Autosuggestion und -konditionierungen sind im Spiel. Kollektives Meuteverhalten regt sich instinktiv in den Kreisen gewisser Publizisten, sobald der Name Lafontaine fällt. Das Feindbild hat eine Eigendynamik entwickelt, ist zu einem unkontrollierten Selbstläufer aus Häme, Hass und Hysterie geworden.

Daran wird auch die Krankheit Lafontaines nichts ändern. Die großen und kleinen Streicher des grandiosen Medienorchesters sind im Fall Lafontaine längst nicht mehr Herr ihrer Gefühle und sicher gerade wieder dabei, ihre Instrumente zu stimmen für die nächste kakophone Attacke sollte der Saarländer es wagen, sich nach seiner Operation wieder in die Politik zu mischen.

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  1. In seiner Klarheit und Wahrheit ein einzigartiger Artikel. Ich verbeuge mich vor einem “Bürgerjournalisten” der Extraklasse.

    Wie so ziemlich alles was einmal in dieser Republik einen stabilen Wert dargestellt hat Vergangenheit ist, so ist eben auch bei den deutschen Top-Journalisten, Verlegern, den Top-Moderatoren der Talkshows nur noch das nackte Elend zu erkennen.

    Mich würde aber auch nicht wundern, wenn sich hinter dem Kartell der Schmierfinken eine Macht aus Angsthasen verbirgt. – Angsthasen, die in Ihren eigenen Hosen schon knietief in der Sche…e stecken, Angsthasen, die überall landauf, landab die Massen schon brüllen hören: … Wir sind das Volk!

    Alles wird gut
    O.W.H