In der überwachungsfreundlichen Datenklau-Gesellschaft von heute schien es nur als selbstverständlich anzunehmen, dass jeder Eintrag, jedes Foto und alle Gruppenzugehörigkeiten in Social Networks wie StudieVZ, MySpace, Facebook usw. auch noch Jahre später von der Personalabteilung als wichtige Informationsquelle für die Einstellung eines Bewerbers oder die Einschätzung eines Mitarbeiters benutzt werden. Eine Studie an etwa 800 Personalern ergab jetzt überraschenderweise, dass dies (zumindest noch nicht) der Fall ist. Wird der leichte Anflug von Paranoia beim Einstellen eines Partyfotos mit Panamahut damit überflüssig?
Keine Richtlinien für die Personalrecherche im Netz
Die Studie des Beratungsunternehmens IFOK unter dem Titel “Social Media und Personalarbeit. Potenzial erkannt. Und genutzt?“ kommt zu dem überraschenden Fazit, dass sich deutsche Personalexperten auf „die neuen Formen der Kommunikation bisher kaum eingestellt“ haben. Zwar gaben 6 von 10 der Befragten an, diesem Thema große Bedeutung zuzumessen und sich auch „gelegentlich oder selten“ auf entsprechende Plattformen über künftige Mitarbeiter zu informieren. In der Mehrzahl der Unternehmen gibt es jedoch keine geregelten Zuständigkeiten, Richtlinien oder Strategien für eine personalbezogene Recherche in Sozialen Netzwerken. Dies schließt auch die professionelle Selbstdarstellung von Bewerbern bei Plattformen wie XING mit ein. Gerade hier aber dürften sich die Nutzer eine Möglichkeit der berufsbezogenen Kompetenzdarstellung für potentielle Arbeitgeber erhoffen. Spezielle Schulungen (zum Beispiel zur Gewichtung privater versus beruflicher Informationen, die jemand über sich im Netz verbreitet hat) werden in über 90% der untersuchten Fälle auch nicht angeboten.
Unternehmen erfassen kaum die eigene Außensicht im Netz
Ein weiteres wichtiges Ergebnis der Untersuchung ist ebenfalls brisant: lediglich 25% der befragten Personalexperten registrieren systematisch, wie das eigene Unternehmen (unter anderem durch ehemalige und noch aktive Mitarbeiter) im Netz dargestellt und bewertet wird. Der Mehrzahl der Unternehmen sind jene Netz-Plattformen, auf denen sich über sie ausgetauscht wird, folglich nicht einmal bekannt. Angesichts der Tatsache, dass inzwischen gut 50% der deutschen Internet-Nutzer zugleich Mitglieder in Sozialen Netzwerken sind, ist dies eine klare Unterschätzung der Möglichkeiten digitaler Kommunikation. Die Verantwortlichen scheuen laut IFOK-Stellungnahme wohl noch die Auseinandersetzung mit dem Thema Social Media – häufig „aus Angst vor Kontrollverlust“ (z.B. dass Interna, die nach außen dringen könnten) – haben aber die Kontrolle längst verloren, da sie immer häufiger zum Gegenstand digitaler Kommunikation werden.
Chancen vergeben, Paranoia überflüssig
Aus Unkenntnis und mangelnder Schulung vergeben sich deutsche Unternehmen momentan also die Chance, eine ungefilterte Außensicht im Netz zu nutzen und zugleich das Potential, ihre Stärken im Netz wirksam zu präsentieren. Darüber hinaus werden hoch qualifizierte Bewerber nicht über Soziale Netzwerke mit Unternehmen in Kontakt gebracht, sondern können sich dort lediglich über subjektive Einzelmeinungen informieren. Für (potentielle) Mitarbeiter hat dies aber durchaus entlastende Aspekte: Entgegen (einigermaßen plausibler) Befürchtungen bleiben die Fotos vom letzten Mallorca-Urlaub durch die Personalprofis höchstwahrscheinlich ebenso unbeachtet, wie die Pinnwandeinträge der Ex oder die einstige Mitgliedschaft in der „Ich habe ein Motivationsproblem bis ich ein Zeitproblem habe“-Gruppe bei StudiVZ.
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