Lyrileison – Neue Lyrik und deren kritische Betrachtung: Teil 42

Vom Wirken der Menschen (II) Hoch auf der Amme des Ostens ritt schäumend daher Das Einaug, Braunes Hemd dekoriert mit wehendem Grimm, Vaterlandsingend verkaufte es all seine Habe. – . Wirre Gestalten flohen gehetzt über Felder, Stoben mit Kindern davon, Scheu in die Wälder der Zuflucht. Doch die Verstecke gewährten

jenpho11111111111111121111111111111111.jpgVom Wirken der Menschen (II)

Hoch auf der Amme des Ostens ritt schäumend daher

Das Einaug,

Braunes Hemd dekoriert mit wehendem Grimm,

Vaterlandsingend verkaufte es all seine Habe. -

.

Wirre Gestalten flohen gehetzt über Felder,

Stoben mit Kindern davon,

Scheu in die Wälder der Zuflucht.

Doch die Verstecke gewährten den fliehenden Weibern nicht Rettung,

Starr, wie vom Fieber geschüttelt, erklomm sie ein hastiger Tod. -

Den Kindern geschah nichts Böses,

Hunger erbarmte sich ihrer.

Oft kamen Reiter geflogen,

Graue Kanonen auf Schienen,

Und in den Nachthimmel brannten sie hurtig fliehende Blitze.

Lagen in Rüben,

Beschattet vom Grün,

Sahen spät die Kraniche ziehn,

Am nassen Morgen die Frösche sprangen,

Wer wird uns heut oder morgen fangen?

Aus all dieser Qual erhob sich der Dämon im Flug,

Emsig erklomm er des Wagens hintere Seite,

Ergoss sich dann stinkend herab auf fliehende Gleise.

Unter der Herbstsonne dann

Standen die Scharen im Dorf,

Wurden zur Arbeit geholt,

Mauleseltreibend. -

Es konnten die Kinder spielen,

Fischen in schäumenden Seen,

Laufen auf ziehenden Pfaden,

Langarmige Aale fangen.

Die Bauersfrau dort in rosiger Frische spricht:

Wohin hat Gott uns geschlagen?

Wehe uns frohen Gesellen!

Der Frau dort am Walde wird niemals ein Leid mehr geschehen,

Enden muss all unsre Qual.

Klaus Grunenberg

Kritik

Wieder etwas aus “Kinder des Kronos” aus dem Jahr 1983, von dem ein Kritiker seinerzeit schrieb, es klänge wie wenn Sprache neu erfunden worden wäre (Andreas Obst, “Ärztezeitung”, Nr.111, 19.06.1985). Es ist die Geschichte einer wilden Flucht aus der Heimat im Osten im Jahre 1945.

Heute würde ich sagen, es passt gut zu der momentan etwas gespannten Situation um das Vertriebenen-Denkmal und es könnte Entspannung dort bringen, wo es notwendig ist.

Denn: einem Kind von etwa 6 Jahren zuzugestehen, dass es eigentlich in seine Heimat hin gehöre, die nun von Polen besetzt wurde (so die Bauersfrau hier im Gedicht), war damals eine immense Leistung. Der Autor hat mir außerdem erzählt, dass sie dies tat, obwohl die Männer, die hinter ihr aus dem Stall auftauchten, gar nicht ohne weiteres damit einverstanden schienen.

Welch eine mutige und ehrlich fühlende Frau!

Sie steht für das ehrliche Polen und das sollten wir ehren. Wir sehen daraus, dass in Verdichtung (Poesie) gesetzte Beobachtungen auch nach Jahren noch ihre Bedeutung haben können und Verständnis für sich und für andere ermöglichen.

Ed Moercke

Was soll ich dazu sagen. In meinen Memoiren habe ich bereits alles beschrieben. Diese Sprache aber ähnelt der von Herta Müller in der Intensität von Farbe und dem Rhythmus des Getriebenwerdens.

Ich lese übrigens die neue Nobelpreisträgerin jetzt immer bewusster, lehne sie keineswegs ab.

Aber die naiv betonten Genetive hier: (“Amme des Ostens”, “Wälder der Zuflucht”), muss das sein?

Mark Beil-Ritzi

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Photo Quelle/Copyright: Jenzig71, via pixelio.de


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