Filmfestival für Poser: Die 43. Internationalen Hofer Filmtage 2009

Es ist nicht einfach, einen Einstieg in den Kosmos der Hofer Filmtage zu finden. Mein erstes Filmfestival war in Hof. Und die Hofer Filmtage sind das einzige Festival, das ich regelmäßig mit einem sehr guten Freund besuche. Auszubildende Anfang 20 waren wir, als wir von einem Filmfestival im bayerisch-sächsischen Grenzgebiet

hofeir.jpgEs ist nicht einfach, einen Einstieg in den Kosmos der Hofer Filmtage zu finden. Mein erstes Filmfestival war in Hof. Und die Hofer Filmtage sind das einzige Festival, das ich regelmäßig mit einem sehr guten Freund besuche.

Auszubildende Anfang 20 waren wir, als wir von einem Filmfestival im bayerisch-sächsischen Grenzgebiet lasen. Wir fuhren hin im Herbst 1988, ohne genau zu wissen, ob das Festival überhaupt stattfindet oder wo. Wenig Geld hatten wir – zu wenig für ein Hotel, also nahmen wir ein Zelt mit. Da uns die Polizei das Zelten verbot, nächtigte Harald in einer Betonkrabbelröhre auf einem Spielplatz, ich in meinem alten Ford Fiesta. Ein echtes Abenteuer.1989 und 1990 kam etwas dazwischen und wir blieben Hof fern, bevor wir es ab 1991 über zehn Jahre regelmäßig wagten. Drei Jahre nächtigten wir noch gemeinsam im Fahrzeug – mittlerweile im gebrauchten Fiat Panda – ZU ZWEIT im Fiat Panda. Das zum Schlafplatz umfunktionierte Vehikel war dann nachts auf dem Parkplatz der Hofer Freiheitshalle abgestellt. Aber in einem Jahr ging es nur begrenzt, da Thomas Gottschalk zu “Wetten dass” in die Hofer Freiheitshalle einlud – das einzige nennenswerte Kulturangebot neben den Hofer Filmtagen.

Wir hatten keine Wasch- oder Duschgelegenheiten und stanken wie mancher Obdachlose, nachdem wir mitten in der Nacht zum Schlafen kamen, um 7:00 Uhr am Morgen aufstanden, um nach Karten anzustehen. Zwischenzeitlich verdienten wir das erste Geld und suchten eine preiswerte Unterkunft. Eine Pension im Osten von Hof wurde von einer alten Oma betrieben, die damit überfordert war. Das Haus befand sich im Umbau, der während unserer Jahre nie abgeschlossen wurde, und so lagerten abmontierte Deckenlampen auf Sofas und offene Wände warteten auf neuen Putz. Unsauber war es. In den Betten fanden wir fremde Schamhaare und dunkle undefinierbare Flecken, die wahrscheinlich Kaffee waren, aber nach etwas Anderem aussahen. Aber das Doppelbett kostete nur DM 40,00 für die Übernachtung mit Frühstück.In den nächsten Jahren wechselten wir dann insgesamt zwei mal dauerhaft das Domizil. Wirklich gemütlich war es nirgendwo. Die beiden Pensionen haben den Vorteil der teilweise unmittelbaren Nähe zu den Abspielstätten; es ist dann im fortgeschrittenen Alter möglich, bei uninteressanten Filmen oder kartenlosem Status ein Nachmittagsschläfchen einzuschieben. Was uns dann jeweils wieder zum Ortswechsel animierte, war im ersten Fall eine schimpfende Zimmerwirtin, die wir nach unverhältnismäßig langer Fahrt durch Stau um 23:00 Uhr aus dem Bett klingeln mussen, obwohl sowohl im Hotel- und Gaststättenverzeichnis der Stadt Hof als auch am Eingangsschild stand, die Rezeption sei bis 23:30 besetzt. Die Duschen gaben nur mit Glück und Mühe warmes Wasser ab. Harald sorge durch ein Versehen dafür, dass in einem Jahr die Dusche nicht richtig abgedreht war und das Wasser bis auf den Flur floss. Der Ärger der Zimmerwirtin war hier nachvollziehbar. Im nächsten Jahr wollten wir nicht wieder auftauchen wie die Bittsteller. Außerdem wurde das Haus – nicht wegen des Wasserschadens – renoviert und wir zogen um zu einem Wirt, bei dem wir uns immer fühlten als wolle er uns übers Ohr hauen. Bei Buchungen, die sich nicht über die gesamte Dauer der Hofer Filmtage zogen, berechnete er uns jeweils eine zusätzliche Nacht als Filmtage-Zuschlag. Dann mussten wir öfter feststellen, dass die Pension nicht voll mit Filmtagebesuchern ausbebucht war, sondern teilweise mit Bauarbeitertrupps ergänzt war, die dort auf dem Weg in oder von der Tschechichen Republik waren. So hausten wir dort zum letzten mal 2004; seitdem waren wir nicht mehr gemeinsam in Hof – erst wieder dieses Jahr.

Vor den Filmen und dem Drumherum verliere ich noch einige Zeilen über die Organisation der Hofer Filmtage, die bei allem Wohlwollen dilletantisch ist.

So wir die Internetseite kaum gepflegt. Jetzt lesen wir noch auf der Startseite, dass der Filmtagekatalog ab 23. Oktober erhältlich sein wird und der Zeitplan mit den Spielzeiten ab 26. Oktober (einen Tag vor Festivalbeginn; eine Vorbereitung ist kaum möglich). Vorbestellungen im Internet sind utopisch und werden von niemandem erwartet, da dieses Stadium des Dillentantismus irgendwie zum gewissen Charme dazu gehört. Nun werden aber immer noch Karten verkauft, auf denen nur eine Filmnummer, der Wochentag und das Kino stehen – kein Filmtitel, keine Uhrzeit. Das alles änderte sich nicht seit unseren Anfängen. Lediglich ein Umbau des Central-Kinocenters in den späten 90er Jahren vom altmodischen und gemütlichen Kuschelkino im 70er-Jahre-Stil zum modernen sterilen Multiplex führte dazu, dass der Kartenverkauf von einem Kartenhäuschen im Eingangsbereich in einen Mehrzweck-Container in der Fußgängerzone verlegt wurde, wo die Schlangen der Kinogänger seitdem ungeschützt Wind und Wetter ausgesetzt sind. Oft sind Vorstellungen offiziell ausverkauft, weil Fachbesucher Karten vorbestellen, sich dann kurzfristig umorientieren und beispielsweise auf Filmparties gehen – und die ausverkauften Vorstellungen dann auch mal nur zu zwei Dritteln gefüllt sind. Bis einschließlich 2002 oder 2003 konnte man nur am frühen Morgen Karten für den jeweils aktuellen Film erwerben; zwischendurch konnte man mit viel Glück und Durchhaltevermögen an zurückgegebene Karten kommen oder mit noch mehr Glück und noch mehr Durchhaltevermögen vor ausverkauften Kinos doch noch auf freie Plätze lauern.

Erst seit den Jahren danach ist es möglich, ab 18:00 Uhr Karten für Vorstellungen des darauffolgenden Tages zu erwerben. Das war für die Hofer Filmtage eine Entwicklung, der vergleichbar mit dem Sprung von Stummfilm auf Tonfilm oder mit dem ersten Farbfilm ist. Karten für spätere Tage gibt es nicht. In den Filmprogrammen sind keine Produktionsländer aufgeführt. Das erschwert zusätzlich die Auswahl an Filmen.Die Retrospektive des Jahres ist dem Schauspieler und Regisseur Lou Castel gewidmet. Auch davon erfahren wir nichts im Filmprogramm. Erst im Filmkatalog und nach längerer Suche auf der Intenetseite werden wir fündig. Vorher ist uns der der Zusammenhang zwischen alten Fassbinder-, Wenders- oder Chabrol-Filme nicht bewusst.

Nun zum Filmtagebuch 2009 …

Donnerstag, 29. Oktober um ca. 17:30 Uhr: Ankunft im Vorort von Hof und Bezug der Zimmer. Nicht besonders gemütlich. Pensionsstandard mit Einheitsmobilar, aber OK für den Preis.

Ca. 18:30 Uhr: Wir suchen eine Gelegenheit zum Essen und sind entsetzt. Das gastronomische Angebot in Hof ließ in den letzten Jahren erschreckend nach. War bereits beim letzten gemeinsamen Besuch im Jahr 2004 unser Stammchinese geschlossen, finden wir weitere Lokalitäten aus den letzten Jahren geschlossen vor; dort sind jetzt zum Teil Billiglädchen untergebracht. Aus Zeitgründen legen wir eine kurze Zwischenmahlzeit bei einem asiatischen Imbiss in der Ladenpassage ein. Das gemischte Gemüse beim Reis ist eine 20-Gramm-Portion kleingeraspeltes Suppengrün.

Die Filmbewertungen sind rein subjektiv und werden nach dem Schema von Schulnoten von 1 (Sehr gut) bis 6 (ganz schlecht) vergeben.

19:30 Uhr, Central-Kino

Vorfilm: INSIDE
Keine Dialoge

“Aus der verzerrten Sichtweise der zehnjährigen Hauptdarstellerin erforscht der Film die subtilen emotionalen Schäden, die eine leichtsinnig eingegangene außereheliche Beziehung einem am Ende verlassenen dastehenden Kind antun kann. Eine traurige Geschichte vom Erwachsenwerden, vom schmerzhaften Warten eines kleinen Mädchens, das schließlich gezwungen ist seinen Vater zurückzuweisen und von den verheerenden Konsequenzen die die Gedankenlosigkeit von Erwachsenen nach sich zieht.”

Optisch nicht uninteressant. Der Schweizer, der in den USA lebt und arbeitet, scheint sich für die Werbung empfehlen zu wollen.

MEN ON THE BRIDGE
von Asil Özge

Türkei, Deutschland 2009, Originalfassung, türkisch mit deutschen Untertiteln

“Mit gestyltem Haar und dem Ohrring hat Fikret ein bisschen was von einem Don Juan. Im Dauerstau auf der Bosporusbrücke, die Istanbuls europäischen mit dem asiatischen Teil verbindet, verkauft er illegal Rosen. Gleichzeitig bemüht er sich im alten Zentrum der Stadt um einen richtigen Job. Umut fährt Sammeltaxi und passiert täglich die Bosporusbrücke. Er ist auf der Suche nach einer besseren Wohnung, doch den Ansprüchen seiner Frau kann er mit seinem Einkommen nicht gerecht werden. Murat ist als Verkehrspolizist auf der Bosporusbrücke stationiert und fühlt sich zwischen den langen Autoschlangen einsam. Jeden Tag nach Feierabend sucht er in Chatrooms online nach der Liebe. Ohne voneinander zu wissen, laufen auf der Bosporusbrücke die Träume und Hoffnungen von Fikret, Umut und Murat mit den Sehnsüchten von Millionen anderer Istanbuler zusammen.”

Die Regisseurin (anwesend) wurde in Istanbul geboren und lebt seit einigen Jahren in Deutschland. Das hier sollte zunächst ein Dokumentarfilm werden. Die Regisseurin entschied sich dann aber, einen Spielfilm daraus zu machen, wobei die auftretenden Laiendarsteller/innen teilweise ihre eigenen Geschichten vorführen. Da hält die Kamera nur drauf und es hat leider gar keine filmische Rafinesse. Als Doku wäre es vielleicht besser gewesen.

Note: leider 5

22: 30 Uhr, Cinema

TRAUMA
von Gabi Kubach

Deutschland 1983, deutsche Originalfassung, teilweise deutsch synchronisiert

“Anna kommt in ein abgelegenes Haus an der bretonischen Küste, um sich auf die Suche nach einer Frau zu begeben, die dort verschollen ist. Die detektivische Recherche wird zu einer Reise in ihre eigene Innenwelt. Anna begegnet einem schrecklichen, nie verarbeiteten Trauma aus Kindertagen, denn die Spuren der fremden Frau, denen sie folgt, sind in Wahrheit die Spuren ihrer eigenen verschütteten Biografie.”

Psychothriller aus der Lou-Castel-Retrospektive mit interessanten Ideen und Momenten, gut gespielt, optisch gut gemacht. Die Musik ist auf Bernard Hermanns Psycho gemacht. Die Büroszenen mit Armin Müller-Stahl als Privatdekektiv sind allerdings schlecht gemacht und wirken wie ein bebildertes Hörspiel.

Note: 3

0:30 Uhr, Central

Vorfilm: ONE NIGHT
von Alexandra Schepisi

Australien 2009, keine Dialoge

“Was passiert hinter den verschlossenen Türen, den Fassaden und im Schutze der Dunkelheit? Eine Peepshow, die die dunklen Seite von Liebe, Lust und Einsamkeit zeigt. Eine Nacht lang streifen wir durch die Großstadt und werfen einen Blick auf das Leben von fünf Frauen. Nichts für Zartbesaitete.”

Naja, was sich im Programm liest wie ein Psychohorror, ist eine schwarze Komödie über fünf Frauen, deren Vorstellungen eines gelungenen Partyabends nicht Realität werden. Regisseurin Alexandra Schepisi, die auch eine der fünf Frauen spielt, ist auf Nachfrage die Tochter des australischen Regisseurs Fred Schepisi. Wir kommen etwas ins Gespräch und begegnen uns in den nächsten Tagen noch ein paar mal.

Note: 2

ANVIL – THE STORY OF ANVIL
von Sacha Gervasi

USA 2008, Originalfassung englisch

“Mit 14 schworen sich die Schulfreunde Steve “Lips” Kudlow und Robb Reiner aus Toronto für immer zusammen zu rocken. Mit ihrer Band Anvil wurden sie zu Halbgöttern des kanadischen Metal und veröffentlichten 1982 eines der härtesten Albums in der Metal-Geschichte: “Metal on Metal”. Das Album beeinflusste eine ganze Generation von Musikern, darunter Metallica, Slayer und Anthrax. All diese Bands verkauften in der Folge Millionen von Platten, wohingegen Anvils Karriere einen ganz anderen Lauf nahm – nämlich direkt in die Bedeutungslosigkeit. Aber Lips und Robb gaben ihren Kindheitstraum nie auf und rockten weiter, immer im Glauben daran, dass Anvil eines Tages der langersehnte Erfolg beschert werden würde. Der Film begleitet Lips und Robb, die nun um die fünfzig sind, bei den Aufnahmen zu ihrem dreizehnten Album “This is thirteen”. Sie schlagen sich mit zunehmend ungeduldigeren Familien, penetranten Gläubigern und Alterszipperlein herum. Sie wissen, es ist ihre letzte Chance den Durchbruch zu schaffen.In Vorbereitung auf das Album reist die Band nach Europa, ihre größte Tournee seit zwanzig Jahren. Und sogar nach Anvil-Maßstäben ist es eine unvorstellbare Aneinanderreihung von Katastrophen.”

Alternde Männer, die auf Hard-Rocker machen und lange Haare haben – es gibt nicht viel, was peinlicher ist. Doch der Regisseur ist ganz offensichtlich ein Fan dieser Musik und portratiert die Schwermetaller mit Respekt und Sympathie bei emotionalen Streitereien und Gastspielen in europäischen Kellerlokalen. Längere Zeit bin ich mir nicht sicher, ob das eine echte Dokumentation oder eine so genannte Mockumentary, eine vorgetäuschte und inszenierte Dokumentation ist, mit denen gerne Publikum provoziert wird. Aber die Gruppe gibt es wirklich und es scheint echt zu sein. Sehr unterhaltsam und eine positive Überraschung. Immerhin kauften wir die Karten für diesen Tag blind – also, ohne irgendwelche Details über die Filme zu wissen.

Note: 2

2:30 Uhr: Ankunft in der Pension. Es fällt mir schwer einzuschlafen und nachts werde ich auch öfter wach. Wenn jemand durch das Treppenhaus oder den Flur läuft, knarrt es laut. Benutzt jemand nebenan das Waschbecken, gluckert es Minuten lang in meiner Duschkabine. Um 6:30 Uhr bin ich wieder wach und studiere den Filmkatalog.

Freitag. 30. Oktober

9:00 Uhr: Frühstück. Am Nebentisch sitzt ein Hobbyfilmer aus Berlin, der in Hof Kontakte knüpfen möchte, um seien 28minütigen Kurzfilm veröffentlichen zu können. Viel Glück. 28 Minuten sind zu lang, sage ich ihm – zu lang für einen Vorfilm und zu kurz für etwas Eigenständiges.

ca. 10:30 Uhr: zweites Frühstück im Filmtage-Café, welches früher Brasserie hieß. Hier kann man Stars und Sternchen und solche, die welche werden wollen, bestaunen. Bis 2004 musste sich hier nur jemand niederlassen und bekam sämtliche nicht-alkoholischen Getränke kostenlos (!) serviert. Mittlerweile ist in den Förder- und Sponsorentöpfen immer weniger Geld vorhanden und die Getränke sind zu bezahlen. Teller mit Kuchen, Puddingstückchen oder Minibrezeln können immer noch kostenlos leergegessen werden und werden regelmäßig ausgetauscht. Neu ist, dass an jedem zweiten Tisch jemand mit Laptop sitzt. Am Nebentisch sitzt Regisseur Rosa von Praunheim und gibt ein paar Nachwuchs-Leuten Tipps, wie sie an Karten für begehrte Filme und auf Parties kommen. Ja, das wissen auch wir zu schätzen – so kommt es, dass viele Filme überbucht sind.

11:45 Uhr, Central

FRAULEN
von Michael Haneke

Deutschland 1986, deutsche Originalfassung

“Während des Kriegs und auch in der Nachkriegszeit erzieht Johanna, die Betreiberin eines Kinos in einer Kleinstadt im Ruhrgebiet, alleine ihre beiden Kinder. Ihr Mann Hans, ein Architekt, ist in russischer Kriegsgefangenschaft. So lässt sie sich auf eine Beziehung mit André ein, einem französischen Arbeiter und ehemaligen Catcher. Zehn Jahre nach Kriegsende kommt Hans als gebrochener Mann unerwartet doch noch zurück und versucht, sich in sein altes Leben einzufügen. Jetzt ist Johanna zwar nach wie vor auf sich selbst gestellt, aber zudem muss sie sich um einen unglücklichen, depressiven Ehemann kümmern. Ihr Verlangen treibt sie auf der Suche nach André in dessen Heimat …”Sehr guter führer Fernsehfilm von Michael Haneke der für seien aktuellen Film DAS WEISSE BAND mit der Goldenen Palme von Cannes ausgezeichnet wurde. Sehr gute Schwrz-Weiß-Optik. Lou Castel spielt den französischen Arbeiter und Catcher. Eigentlich ist so etwas zu schade für das Fernsehen.

Note: 2

Lou Castel, der alle seine Filme selbst vorstellt und mittlerweile über 60 ist, sieht im Strickjäckchen und braunen Regenmantel und den langen weißen Haaren aus wie ein Clochard.

14:00 Uhr: Schnellimbiss im türkischen Schnellimbiss, der einen unsauberen Eindruck macht.

14:30 Uhr im Scala

 

Vorfilm: FLAT LOVE
von Andrés Sanz

Spanien, USA 2009, englische Originalfassung

Interessanter Kurzfilm, erzählt von Isabella Rosselini.

FANTASTIC MR.FOX
von Wes Anderson

USA 2009, englische Originalfassung

“Mr. und Mrs. Fox leben mit ihrem Sohn Ash und ihrem Neffen Kristofferson ein idyllisches Leben. Doch Mr. Fox bringt durch seine alte Leidenschaft der Hühnerjagd nicht nur seine geliebte Familie, sondern die gesamte Tiergemeinschaft in Gefahr. Die drei bösen Bauern Grob, Grimm und Gräulich jagen den gewieften Fuchs und wollen ihn, koste es was es wolle, aus dem Weg räumen. Doch Mr. Fox heckt mal wieder einen genialen, einen fantastischen Plan aus, die tölpelhaften Bauern zu überlisten…”

Sehr amüsanter und subversiver Puppentrickfilm mit den Stimmen von George Clooney, Glenn Close und Willem Dafoe. Leider bin ich so übermüdet, dass ich zwischenzeitlich einschlafe.

Wir sitzen auf dem Scala-Balkon in der letzten Reihe, wo es furchtbar heiß ist.

Danach: Eiskaffee in Hofs ältestem Eis-Café.

17:00 Uhr im Scala

DET ENDA RATIONELLA (Eine vernünftige Lösung)
von Jörgen Bergmark

Schweden 2009, schwedische Originalfassung mit deutschen Untertiteln

Regisseur Bergmark gibt vorher den Rat, das nicht zu Hause nachzumachen…

“Die Freunde Erland und Sven-Erik, beide um die fünfzig, arbeiten in einer Papiermühle in einer kleinen nordschwedischen Industriestadt. Erland und seine Frau May leiten außerdem nebenher in der örtlichen Kirche eine Diskussionsgruppe mit dem Namen “Die Schule der Ehe”. Und nun widerfährt gerade Erland auf einer Party das völlig Unerwartete – er verliebt sich in Karin, die Frau von Sven-Erik. Auch Karin fühlt sich zu Erland hingezogen und schnell entwickelt sich eine heftige Affäre. Erland sucht nach einer vernünftigen Lösung für die Situation und in Absprache mit den betrogenen Ehepartnern wird entschieden, dass Sven-Erik und Karin bei Erland und May einziehen. Man einigt sich auf zehn Regeln, die das Zusammenleben harmonisch gestalten sollen. Doch das Experiment droht grandios zu scheitern und alle Beteiligten in einem Strudel der Emotionen versinken zu lassen…”

Eine persönliche Tragödie, die als gute Unterhaltung inszeniert ist. Das muss man können und Regisseur Bergmark sowie seine ausgezeichneten Darsteller können es. Erland-Darsteller Rolf Lassgaerd ist in Deutschland vor allem als Fernseh-Wallander bekannt. Seine Geliebte Karin wird von Pernilla August  gespielt, die schon bei Ingmar Bergmann vor der Kamera und spielte in den STAR-WARS-Episoden 1 und 2 die Mutter von Annakin Skywalker (später Darth Vader) und somit die Oma von Luke Skywalker.

Note 2

Regisseur Bergmark wird nach dem Film nach seinen Einflüssen durch Ingmar Bergmann gefragt. Jeder schwedische Dramen-Regisseur wird anscheinend mit Ingmar Bergmann verglichen; Bergmark reagiert souverän.

19:00 Uhr: Essen beim Italiener. Die Pizza ist u.A. mit Dosenmais und sauren Paprika aus dem Glas belegt (bäh), dafür ist der Teig gut. Auch Harald ist eher unzufrieden.

20:30 Uhr im Regina

PLASTIC PLANET
von Werner Boote

Österreich, Deutschland 2009, deutsche Originalfassung, teilweise englische Originalfassung mit deutschen Untertiteln

“Früher einmal war die Erde ohne Plastik. Doch dann kam der große Auftritt des belgischen Chemikers Leo H. Bakeland. In den Jahren 1905 bis 1907 entwickelte er Bakelit, das erste vollsynthetische Produkt aus Erdöl. Seither schlägt der Fortschritt ein Rad um das andere. Nach der Steinzeit, der Bronze- und der Eisenzeit haben wir jetzt die Plastikzeit. Wir sind Kinder des Plastikzeitalters.” Was wir hören, steht in traurigem Kontrast zu dem, was wir sehen: ein idyllisches Gebirgstal. Wolken, Wälder, blauer Himmel – Natur pur. Super-8-Filmaufnahmen zeigen den Regisseur als Kind, das Plastik liebt. All die wunderbaren, knallbunten und vor allem gut riechenden Spielsachen hat er von seinem Großvater bekommen, der in den 60er Jahren Geschäftsführer der deutschen Interplastik-Werke war. Die kindliche Liebe ist längst erwachsener Ernüchterung gewichen. Vor 40 Jahren wurden in Europa pro Jahr fünf Millionen Tonnen Plastik produziert – für den Großvater der Beweis, dass Plastik eine große Zukunft hat. John Taylor, Präsident von Plastic-Europa, der Dachorganisation europäischer Kunststofferzeuger, kann über diese Zahlen nur müde lächeln. Der mächtige Lobbyist hat sich für diesen Film ausnahmsweise zu einem Interview bereit erklärt “Zurzeit werden in Europa ca. 60 Millionen Tonnen Plastik pro Jahr produziert”, sagt er. “Das ist etwa ein Viertel der Weltproduktion. Die Menge des Kunststoffs, die wir in den letzten 100 Jahren produziert haben, würde reichen, um den gesamten Erdball sechsmal einzupacken.” Alles andere als knallbunte Aussichten.

Dokumentarfilme von heute sind nicht mehr mit Dokumentarfilmen von vor zehn oder zwanzig Jahren zu vergleichen. Um Publikum anzulocken, müssen Dokumentarfilme heute spannend und unterhaltsam wie Spielfilme sein. Michael Moore war der erste Dokumentarfilmer, der dieses Konzept konsequent verfolgte.

Der Österreicher Werner Boote verfolgt dieses Konzept ebenfalls erfolgreich, ohne Michael Moore´s Stil zu kopieren. Er bindet Filmaufnahmen und Fotos aus seiner frühesten Kindheit ein, besucht Lobbyisten, und Forscher/innen, mischt die Fachbesucher eines Chemiekongresses auf, lässt sein eigenes Blut auf Schadstoffe durch den Gebrauch von Plastik untersuchen und verwandelt sich auch mal in ein Zeichentrickmännchen mit Manga-Knopfaugen, das auf einer Molekülkette durch das Periodensystem der Elemente und eine virtuelle Fabrik fliegt, um chemische Prozesse und deren Folgen zu erklären. Und diese Folgen sind extrem negativ und schädlich. So verursacht eine Chemikalie, die in Getränkeflaschen und Schnullern enthalten ist Veränderungen im Hormonhaushalt und Schädigungen von Erbgut und Gehirn und steht im Verdacht, krebserregend zu sein (inzwischen wollen mehrere Hersteller und Anbieter von Schnullern auf entsprechende Produkte verzichten. Auch ein Besuch bei der zuständigen EU-Kommisarin ist eher ernüchternd. Sie berichtet von den Erfolgen, mit deren Hilfe es wirklich möglich war, innerhalb von einem Jahr bisher zehn oder zwölf von über 100.00 Chemikalien auf deren mögliche schädliche Wirkung zu prüfen.

Werner Boote greift dann auch bewusst zu Mitteln der Agitation, indem er Supermarktkunden/innen mit dem Megaphon beschallt und in Plastik eingeschweißte Lebensmittel mit Aufklebern wie “Plastik verursacht Krebs” dekoriert. In der Doku sehen wir dann auch ausführlich, wie Werner Boote diese Aktionskunst vor Ort fortsetzt und die Senf- und Ketchupflaschen der Metzgerei Schimmel (ja, wirklich) mit dekorativen Aufklebern verziert.

PLASTIC PLANET, ein sehr wichtiger, ernsthafter und trotzdem humorvoller und unterhaltsamer Film. In Österreich sorgte PLASTIC PLANET schon für einiges Aufsehen. Im Januar 2010 wir der Film regulär in Deutschland starten. Die excellente Filmmusik stammt übrigens von The Orb, einer der bedeutendsten und einflussreichsten Gruppen im Bereich elektronische Musik.

Note: 1

23:00 Uhr im Cinema

Die interessante Diskussion mit Regisseur Werner Boote hat zur Konsequenz, dass wir eine halbe Stunde zu spät zur nächsten Vorstellung kommen.

IRMA VEP
von Olivier Assayas aus der Lou-Castel-Retro

Frankreich 1996, französiche Originalfassung mit deutschen Untertiteln

“Die gefeierte Hongkong-Filmdiva Maggie Cheung (die sich hier selbst spielt) trifft per Flugzeug in Frankreich ein, um das erste Mal in einem europäischen Film mitzuwirken. Der seit längerer Zeit eher erfolglose Ex-Nouvelle-Vague-Regisseur René Vidal hat sie für die Hauptrolle der geheimnisvollen Bandenchefin Irma Vep in einem Remake der legendären Stummfilmserie “Les Vampires” engagiert. Doch die in zahlreichen Hongkong-Actionfilmen erprobre Maggie muss feststellen, dass das europäische Autorenkino auch seine Tücken hat. Die Dreharbeiten werden von Anfang an von Chaos und Pannen überschattet, Regisseur René entpuppt sich zunehmend als egomanes Nervenbündel, der aus Maggie eine Art Catwoman machen will und sie als erstes in einen zwar hautengen, aber unbequemen Latex-Anzug steckt. Als daraufhin die lesbische Maskenbildnerin unverhohlen erotische Gefühle entwickelt und die dolmetschende Regieassistentin mehr Missverständnisse heraufbeschwört als ausräumt, droht am Set alles zu eskalieren. Maggie gerät in ein Labyrinth von unkontrollierbaren Ereignissen …”

Lou Castel spielt hier einen Produktionsassistenen des betreffenden Films. Das ganze ist nur wegen Hong-Kong-Genre-Amazone Maggie Cheung sehenswert. Ansonsten – Verzeihung – einschläfernde Kunstk***cke. Ach ja, “Irma Vep” ist ein Anagramm zu “Vampire”, toll …

Note 4-

0:30 Uhr im Central

ENGEL MIT SCHMUTZIGEN FLÜGELN
von Roland Reber

Deutschland 2009, deutsche Originalfassung

“Drei Frauen – keine Moral. “Moral ist nur die Entschuldigung all derer, die sich nicht trauen ihre Wahrheit zu leben.” Michaela, Gabriela und Lucy sind Engel des Lasters. Auf ihren Motorrädern durchstreifen sie die Lande, um ihre Lust zu leben. Sie könnten viel sehen, aber sie sehen nur sich. Sie nennen sich selbst Engel. Aber es sind Engel mit schmutzigen Flügeln. Um ganz ins Exil-Paradies der Engel aufgenommen zu werden, muss Lucy erst noch vor sich und den anderen bestehen. “Nur kastrierte Engel brauchen Moral”.”

Aha. Als einer der drei Engel für Reber vor der Vorstellung mit einem der Motorräder aus dem Film in das Kino gefahren kommt und alles ordentlich mit Abgasen vollstänkert, denke ich noch, dass da jemand in der Jugend zu viele Russ-Meyer-Filme gesehen haben muss.

So. Was sehen wir hier? Drei phlegmatische Laiendarstellerinnen brausen mit ihren Motorrädern durch die Gegend, sagen künstliche Dialoge auf, übernachten in stillgelegten Lagerhäusern (der Bundeswehr ?), tanzen dort Ringelreihen um die Motorräder uns singen Schüttelreime. Einer der drei Motorradengel sieht ihre Lust dann darin, mit Zufallsbekanntschaften Beischlaf (“Ich f…e, also bin ich”) auszuüben, in einem Striplokal aufzutreten (wobei die Kamera mehrfach tiefe Einblicke diverse Körperöffnungen gibt) und sich als Pornomaus benutzen zu lassen. Die beiden anderen Engel begleiten sie dabei mit sinnlosen Kommentaren und der Kamera. Zwischen den Softporno-Einlagen gibt es dann mal Gespräche mit männlichen Motorradfahrern über so philosophische Themen wie den Sinn des Lebens oder das zeitliche Verhältnis zwischen Fahrten mit der Haley-Davidson und Schraubarbeiten an der Halrey-Davidson; bei so viel unfreiwilliger Komik muss das Publikum laut lachen.

Gedreht wurde mit einer handelsüblichen Hand-Videokamera und es sieht so aus. Gedreht wurde natürlich ohne Filmförderung und ohne Beteiligung von Fernsehsendern.

Bei so viel Dillentantismus verlässt vorsichtig geschätzt ein Viertel der Kinobesucher/innen die Vorstellung, ohne zurück zu kommen.

Die Machart des Filmes mache ich dem Quartett nicht zum Vorwurf – im Gegenteil. Sie hatten eine Idee, wahrscheinlich kein Drehbuch und drehten einfach drauf los. Unterwegs fragten sie nach Auskünften von Regisseur Roland Reber ein paar Motoradrocker, ob sie mitspielen wollen – offensichtlich auch die debil wirkenden Mitglieder eines örtlichen Swingerclubs – und sie spielten mit. So viel Unternehmertum könnte der deutschen Filmwirtschaft in anderen Bereichen durchaus gut tun.

Was ich Roland Reber aber zum Vorwurf mache, ist die Art, wie er sich zum Filmpreisträger aufplustert. Jawohl, sieben Filmpreise gewann er für seine Filme und beim Filmfestival von Sitges in Spanien (wo er eher nicht das zweitgrößte Kino des Festivals zur Verfügung hatte) wurde er gefeiert. Welche Filmpreise er wo auf welchen Festivals von wem für was bekam, erzählt Reber nicht; da können wir ja spekulieren, dass es nicht so toll gewesen sein mag. Nun der Vollständigkeit halber: Es waren Filmpreise bei Underground-Filmfestivals in Hollywood, Mexico, Australien, Griechenland sowie für die beste weibliche Hauptrolle bei den Bavarian Shorts in Los Angeles. Das will ich nicht herunterspielen, aber Reber neigt hier doch sehr zur Selbstdarstellung. Vielleicht kommen Reber und seine Schnuckelchen ja noch ein oder zwei mal nach Hof. Dann bekommen sie den Filmpreis der Stadt Hof und Roland Reber kann dann beim nächsten mal in Sitges erzählen, er habe einen Filmpreis für sein Lebenswerk bekommen. In den 90er Jahren war der Schweizer Filmproduzent und vierfache Oscar-Preisträger Arthur Cohn in Hof. Wir waren damals in seiner Vorstellung. 2005 war Regie-Legende Costa Gavras, Oscar-, Goldene-Palme-von-Cannes- und Goldener-Bär-Preisträger, mit einer Retrospektive und seinem damals aktuellen Film in Hof (wir leider nicht). Diese beiden Filmgrößen hätten allen Grund gehabt, in Hof auf dicke Hose zu machen und ihre Filmpreise aufzuzählen. Aber zumindest Arthur Cohn benahm sich wie ein normaler Mensch.

Nicht unerwähnt lassen möchte ich Roland Rebers Ausführungen, sie könnten von den Einnahmen aus den Filmen leben. Harald und ich überlegen, wie man von den Erträgen eines solchen Filmes leben kann und haben beide die Vermutung, dass es für den Heimkinomarkt eine Hardcore-Porno-Version geben muss. Denn im normalen Kinobetrieb wird niemand 6 oder 8 Euro dafür ausgeben.

Bei allem Respekt vor dem Selbstbewusstsein der Filmemacher – Note: 6

Eben macht mich Harald auf eine Schlagzeile der Bild-Zeitung aufmerksam: Die Pornsoszenen waren echt und die Orgasmen auch.  Und die Darstellerin spielt normalerweise in einer ARD-Klosterserie mit Fritz Wepper – das wusste ich auch nicht. Jedenfalls freuen wir uns beide, dass ihre Arbeit sie so befriedigt.

3:00 Uhr bettwärts. 8:30 Uhr dudelt der Wecker.

Samstag, 31. Oktober

Beim Frühstück betreibt irgendeine Filmstudentin oder Produktionshelfershelferin Multitasking bei Kaffee trinken, Laptop-Surfen und mobil telefonieren.

Beim zweiten Frühstück im Filmtage-Café benehmen sich ein paar Jungdarsteller und/oder Filmstudenten zwei Tische neben uns, als seien sie Steven Spielberg, Robert de Niro und Quentin Tarantino gleichzeitig.Eigentlich wollten wir in 13 SEMESTER gehen. Schul-, Studenten-, Liebes-, Gangster- und Fäkalkomödien, für die wir im normalen Kinobetrieb keinen Pfennig ausgeben würden, haben in Hof einen besonderen Reiz. Denn oft ist die komplette Besetzung und Filmcrew anwesend und das halbe Publikum besteht aus Fachpublikum, Freunden, Bekannten und Verwandten der Filmleute – bei Studentenfilmen der Hochschule für Film und Fernsehen München hat man oft den Eindruck, als sei das komplette Semester zum Jubeln dabei. Poserei pur. Aber der publikumswirksamste Film ist auch in der dritten von vier Vorstellung ausverkauft – warum muss man ihn auch am Samstagvormittag in der kleinsten Klitsche mit weniger als 80 Plätzen zeigen?!?

Also sehen wir um 12:00 Uhr im Cinema

WARNUNG VOR EINER HEILIGEN NUTTE
von Rainer Werner Fassbinder

Deutschland 1970, deutsche Fassung

Lou Castel, der hier den cholerischen Filmregisseur Jeff spielt, wird vermisst. Eigentlich soll er bei allen Filmen anwesend sein, aber die Ansagerin weiß nicht, wo er ist, was ihr sehr unangenehm ist.

“In einem Hotel irgendwo am Meer wartet ein Filmteam auf den Regisseur, den Star, das Geld der staatlichen Filmförderung und das Filmmaterial. Es herrscht eine Stimmung von Hysterie und Apathie, Hoffnungen, Streit, Neid, Affären. Als der Regisseur Jeff zusammen mit dem Star schließlich eintrifft, wird er sofort zum Mittelpunkt des Chaos. Es kommt zu wechselnden Paar- und Gruppenbildungen. Autoritär versucht Sascha, der Herstellungsleiter, die Dreharbeiten zu organisieren. Eddie, der unter den anderen wie ein Fossil aus vergangenen Zeiten wirkt, findet Kontakt zur Schauspielerin Hanna. Jeff erläutert die Inszenierung der nächsten Szenen. Das ganze Team, das sich zunehmend von Jeff abhängig fühlt, rebelliert in sinnlosen Aktionen. Jeff wird zusammengeschlagen. Dann aber kann endlich mit den Dreharbeiten begonnen werden.”

Ganz ehrlich – ich kann nicht viel mit Fassbinder anfangen. Sein Filmstil, der allgemein als damals wirksames Mittel der Gesellschaftskritik angesehen wird, gefällt mir nicht gut. Die Darsteller agieren fast ausnahmslos wie Schlafwandler – nur Fassbinder selbst als kreischender Produktionsleiter Sascha (im weißen Anzug wie ein Zuhälter), Kurt Raab als neurotischer Schwuler und Eddi Constantine als er selbst fallen da aus dem Rahmen. Der Film wurde ohne Ton gedreht und nachsynchronisiert; auch deutsche Darsteller/innen wurden mit teilweise anderen Schauspielern nachsynchronisiert. Das gibt dem Film etwas Künstliches, was zweifellos beabsichtigt war, aber mir gefällt das nicht. Für die Bildgestaltung ist Michael Ballhaus  verantwortlich, der nach seiner Zeit mit Fassbinder in Hollywood u.A. für Martin Scorsese arbeitete und mehrfach für den Oscar nominiert wurde.

Note: 3-

Nach dem Film ist Lou Castel immer noch nicht da; eigentlich ist der Zweck seines Aufenthalts in Hof, seine Filme zu präsentieren und mit dem Publikum zu diskutieren.

Auf dem Weg ins Filmtage-Café kommt uns Lou Castel entgegen. Er trägt noch immer die gleichen Klammotten wie vor zwei Tagen und müffelt nach Alkohol. Später erfahren wir, dass er von Festivalgründer- und Leiter Heinz Badewitz zum Fußballspiel  mitgenommen wurde. Im Filmtage-Café ist jeder Tisch mit Laptop-Posern besetzt. An einem Tisch -umringt von Groupies – sitzt Robert Stadlober. Er ist mit seinem Film Zarte Parasiten in Hof. Nichts zu machen.

Eiskaffee im Eiscafé.

15:00 Uhr im Central

DIE ENTBEHRLICHEN
von Andreas Arnstedt

Deutschland 2009, deutsche Originalfassung

“Der Film erzählt die Geschichte eines Kindes, das in asozialen Verhältnissen lebt. Die Eltern, beide arbeitslos und in einem hoffnungslosen Kreislauf aus Alkohol, Tagesjobs, Behördengängen, häuslicher Gewalt sowie sozialer Ausgrenzung gefangen, versuchen immer wieder Anläufe ins normale Leben zu nehmen, scheitern aber letztlich an Vorurteilen, bürokratischen Hürden und auch der eigenen Unfähigkeit, Probleme zu bewältigen. Die Mutter hat ein Alkoholstadium erreicht, das sie in die Psychiatrie bringt, und der Vater, ohnehin als Erzieher unfähig, tötet sich selbst in der eigenen Wohnung. Der Junge versucht den Tod des Vaters zu verbergen, um nicht in ein Heim zu kommen, und lebt deshalb zwei Wochen mit dem Leichnam seines Vaters. Je freier Jacob sich entfalten kann, desto mehr wird er zu dem, was er an seinem Vater verachtete, nimmt dessen Verhaltensweisen an und gibt sie an sein Umfeld weiter. Nicht nur der ständige Anblick seines toten Vaters, der im Laufe der Geschichte dem natürlichen körperlichen Verfallsprozess unterliegt, sondern auch die Querverbindungen zu seiner Freundin, seiner Oma väterlicherseits, seiner Lehrerin und dem Nachbarn treiben ihn psychisch und physisch an seine Grenzen.”

Der Debutregisseur war offensichtlich nicht beim Filmhochschulseminar “Perfektes Auftreten vor Publikum” – wir sind überzeugt, dass es so etwas gibt – und ist ganz aufgeregt und bescheiden, was ihn sympatisch macht. Sein Projekt meisterte er ohne Filmförderung und ohne Fernsehbeteiligung. Trotz einiger Schönheitsfehler und Pannen nötigt uns das viel Respekt ab. Die Geschichte ist durch einen echten Fall inspiriert.

In der ersten Szene sehen wir den Familienvater (André Hennicke hatte seinen Durchbruch als Kindermörder in Antikörper und ist derzeit neben Dennis Quaid im SF-Film Pandorum zu sehen) auf eine Litfassäule zugehen und mit der Axt auf ein Wahlplakat von Gerhard Schröder (“Agenda 2070″) einschlagen. Das sollte wohl eine Art Satire sein, welche die Tragödie um eine verkorkste Familie auflockern soll. Aber diese Form der Satire klappt aber genauso wenig wie wie Nazi-Gartenzwerge, mit denen der Weltkriegsveteran Gerhard in einer Gartenlaube haust und mit seinem Trauma zurechtkommen muss spielt gut und war mit seiner Erfahrung wohl auch eine gute Hilfe für den unerfahrenen Regisseur, ist aber zu jung für die Rolle.

Darstellerisch beeindrucke vor allem die drei Kinder, die hier mit 12/13 Jahren zum ersten mal vor der Kamera standen und keine Schauspielausbildung hatten.

Fast alle Darsteller/innen und Crew-Mitglieder sind anwesend. Die Kamerafrau stammt aus Polen und Regisseur Arnstedt sagt er sei sehr froh, auf billige Arbeitskräfte zurückgreifen zu können. Das wirkt nicht nur in Bezug auf dieses Sozialdrama um Arbeitslose ziemlich daneben.

Auch aufgrund der Digitalvideo-Optik ist das weniger etwas für die Leinwand sondern eher für die Nachtschiene im Dritten Programm.

Note: 3

17:45 Uhr im Central

JOSEF WINKLER – DER KINOLEINWANDGEHER
von Michael Pfeifenberger

Österreich 2007, deutsche Originalfassung

“Winnetou stirbt in den Armen seines Blutsbruders Old Shatterhand – in Cinemascope, auf der Leinwand eines kleinen Dorfkinos in Kärnten. Im Publikum folgt ein kleiner Junge, der heranwachsende Josef W., gebannt dem Geschehen. Unvermittelt hat “der Kinoleinwandgeher” seinen Auftritt. Der “Poet des Kälberstricks”, der erfolgreiche Autor Josef Winkler, entsteigt der Leinwand und blickt – schelmisch lächelnd – auf sein kindliches Alter Ego.”

Ein Dokumentarfilm aus Österreich kann so schlecht nicht sein – denken wir. Aber die Messlatte liegt nach PLASTIC PLANET sehr hoch. So lange wir im Kino sind, geht es nicht ums Cinemascope-Kino sondern um Kindheitserinnerungen des Josef Winkler. Warum sich zwei schwule 17jährige damals in der Scheune erhängten und die ländlichen Schlachtgewohnheiten sehen wir; mehrere Minuten Tiere schlachten und kopflose Hühner, die noch herumtorkeln. Muss das sein? Das wirre und verquaste Gefasel wird danach nicht interessanter und wir gehen, um genug Zeit zum Essen zu haben.

Note: 6

Ca. 18:30 Uhr

Genug Zeit zum Essen – das war eine sehr gute Idee. Wir gehen zum Thailänder, der einen Tag vorher Eröffnung hatte und dort ist, wo füher der sehr gute Chinese war.

Auf dem Tisch, an dem wir sitzen, stehen noch angebrochene Getränke; wir denken uns noch nichts. Die thailändischen Bedienungen verstehen sehr schlecht Deutsch und können sogar Getränkebestellungen nur anhand der Nummern in der Speisekarte aufnehmen. Immer mehr Gäste – auch Filmtagepublikum, dass wir von Sehen kennen – verlässt das Lokal, ohne gegessen zu haben. Es dauert und dauert und dauert. Vor Hunger essen wir dann eine Schale mit Mandarinen, die zur Dekoration auf der Fensterbank steht, halb leer, bieten auch Gästen am Nachbartisch welche an. Nach 50 Minuten werden wir zum dritten mal gefragt, ob wir noch etwas trinken wolle, und erfahren, dass die Zutaten für unsere Vorspeise nicht da sind. Da gehen wir auch. Nur eine Gruppe bekam während unserer Anwesenheit auch das Hauptgericht und deren Aufenthalt dauerte fast zwei Stunden.

Beim Italiener vom Vorabend ist es besser und wir sind nicht die Einzigen, die vom Thailänder hierher umziehen. Diesmal haben wir Pasta, die sehr gut ist. Nur im Salat sind wieder Paprika aus dem Glas und sogar von der Paprikabrühe wurde hineingegeben. Brrrr.

22:00 Uhr im Scala

KEINE BESONDEREN VORKOMMNISSE
von Lennart Ruff

Deutschland 2009, Originalfassung, deutsch, englisch, albanisch, teilweise mit deutschen Untertiteln

“Kosovo. Es ist der erste Kriegseinsatz der deutschen Bundeswehr nach dem zweiten Weltkrieg. Zwei deutsche KFORSoldaten versuchen mitten im Nirgendwo einen Checkpoint zu kontrollieren. Neben Verständigungsproblemen mit der Bevölkerung, sengender Hitze, einem drögen Kriegsalltag und der Frage, ob ein Minenfeld nun ein Minenfeld ist, haben die beiden vor allem mit ihrer eigenen Angst zu kämpfen.”

Der Übungsfilm von HFF-München-Student Lennart Ruff ist optisch durchaus gelungen (schwarz-weiß), hat aber deutliche erzählerische Mängel. So hat der eine der beiden deutschen Soldaten eine Körperfülle, mit der er in voller Kampfmontur bei sommerlich-balkanesischer Hitze wahrscheinlich zusammengebrochen wäre; vermutlich hätte er es gar nicht über die Musterung geschafft.

Note: 4

WAFFENSTILLSTAND
von Lancelot von Naso

Deutschland 2009, deutsche Originalfassung, teilweise englisch und arabisch mit deutschen Untertiteln

“Irak, April 2004: Der offizielle Krieg ist vorbei, aber in den sunnitischen Städten wird noch immer erbittert gekämpft. Falludscha, eine Hochburg des irakischen Widerstands, wird seit zwei Wochen von den amerikanischen Truppen belagert. Die humanitäre Lage ist katastrophal. Während eines 24-stündigen Waffenstillstands machen sich die Mitarbeiterin einer Hilfsorganisation, Kim, und der Arzt Alain Laroche auf in das Kriegsgebiet, um dringend benötigte medizinische Hilfsgüter nach Falludscha zu bringen. Als der junge Fernseh-Journalist Oliver das Angebot bekommt, den Transport nach Falludscha zu begleiten, zögert er keine Sekunde. Sein wesentlich erfahrenerer Kameramann Ralf hält den Plan für viel zu gefährlich, er will sein Leben nicht für irgendwelche Karriereambitionen eines Journalistenschulabgängers riskieren. Letztlich setzt Oliver seinen Willen durch. Kim hat das Elend mit eigenen Augen gesehen und ist bereit, fast jedes Risiko einzugehen, um den Verletzten zu helfen. Alain Laroche ist einer der letzten Ärzte, die noch im Kampfgebiet tätig sind. Wie Husam, der Fahrer, hat er sehr eigene Gründe, nach Falludscha zu wollen. Gemeinsam verlassen die fünf Bagdad. Beim Durchqueren der vom Krieg zerstörten Landschaft, als fahrende Zielscheibe zwischen den Fronten, entsteht in der bedrohlichen Enge des Kleintransporters eine Zweckgemeinschaft sehr unterschiedlicher Idealisten.”

Lancelot von Naso war schon mit einigen Kurzfilmen in Hof, wobei mich der Schwarz-weiß-Kurzfilm FENSTERSTURZ ohne Dialoge beeindruckte. Schon füher hätte ich ihn gerne gefragt, ob der Name echt oder ein Künstlername ist.

WAFFENSTILLSTAND wurde für die Reihe “Das kleine Fernsehspiel” vom ZDF produziert und da gehört er eigentlich auch hin – nicht nur, weil der ZDF-Reporter immer wieder ein ZDF-Mikrophon in die Kamera hält.

Schauspielerisch fällt eigentlich nur Matthias Habich positiv auf. Hannes Jänicke als Kameramann mit Machoallüren anzuschauen, ist eigentlich bitter; vor 25 Jahren war er ein vielversprechender Jungdarsteller, heute tritt er überwiegend als Action-C-Darsteller in Fernsehserien oder in US-Action-Schund auf. Der Regisseur hat duchaus Gespür für Optik und Tempo. Inhaltlich ist der Film aber nicht zufriedenstellend und lässt einige Fragezeichen offen. Ist ein Film mit dem schwierigen Thema Kriegseinsatz im Irak beim ZDF wirklich in guten Händen? Der langjährige und erfahrene Nahost-Korrespondent Ulrich Tilgner verließ das ZDF, weil er sich dort in seiner journalistischen Tätigkeit geknebelt fühlte.

Gedreht wurde in Marokko, was durchaus nachvollziehbar ist.; Dreharbeiten im Irak oder anderen Kriegsgebieten wären sicher unzumutbar gewesen. In einer zerstörten Siedlung mit Häuserruienen – scheinbar ein früheres Erdbebengebiet – glaube ich, für Sekundenbruchteile eine Kloschüssel in einer Häuserruine zu sehen (ein Wasserklosett in der irakischen Wüste?). Apropos Wasserklosett: Wer immer ein Kinocenter plant, baut, umbaut oder renoviert, möge doch bitte die Klotüren so einbauen lassen, dass die Türöffnung nicht neben der Kloschüssel liegt sondern gegenüber, damit es ohne akrobatische Übungen möglich ist, über die Pfützen der Vorpinkler zu steigen. Gleichzeitig apelliere ich an die Klogänger, ihre Körperflüssigkeiten in der Kloschüssel abzulassen und nicht davor.

Lancelot von Naso war offensichtlich beim beim Filmhochschulseminar “Perfektes Auftreten vor Publikum” – dazu gehört wohl mittlerweile auch, dass nach Vorstellung des Teams und Laudatio sofort der Abgang gemacht wird, um kritischen Fragen (wie der nach dem Beispiel Ulrich Tilgner, die gekommen wäre) zu vermeiden. Ein Teil der Darsteller/innen und ein großer Teil des Filmteams kommt auf die Bühne. Heinz Badewitz hält vorsorglich die Öffnung im Vorhang offen, nachdem in früheren Jahren die Regisseure öfter mal den Durchgang zur Bühne nicht fanden und sich unter dem Vorhang durchwühlen mussten. Ein solches Gepose bringen meistens nur HFF-München-Studenten-/ bzw. Abgänger hin.

Der Film soll laut Hof-Berichterstattung in “Kino-Kino extra” sogar nächstes Jahr ins Kino kommen. Unter diesen Voraussetzungen: Note = 4—–. Für den Fall des ZDF-Fernsehspiels gebe ich dafür keine Wertung.

Fazit:

Insgesamt war es ein relativ guter Jahrgang. Es gab einige positive Überraschungen, allerdings auch mehrere äußerst negative. Anspruch und Spektrum der Hofer Filmtage sinken allerdings kontinuierlich in die Provinzialität und Bedeutungslosigkeit. Der letzte wirklich bedeutende internationale Gast dürfte 2005 Costa-Gavras gewesen sein. In unseren Anfangsjahren gab es ein äußerst interessantes Angebot von Filmen aus Ländern wie Kanada, Australien, Neuseeland; die Regisseure, Darsteller/innen oder andere Teammitglieder waren oft da.

1994 war der Neuseeländer Peter Jackson mit einer Retrospektive und seinem damals aktuellen Film in Hof. Kate_Winslet hatte hier ihr Filmdebüt, bevor sie mit Titanic zum Weltstar wurde. Ich bekam ein Autogramm von Peter Jackson. Wenig später begann er mit der Arbeit an der Herr der Ringe-Triologie. Um nur noch einige Beispiele zu nennen: Es gab Retrospektiven von Egoyan, Genre-Ikone John Carpenter , John Cassavetes, Mike Leigh, Roger Cormann, David Cronenberg, Brian de Palma, Zombie-Urgestein George A. Romeroe.

A NIGHTMARE ON ELM STREET mit dem Albtraum-Schlitzer Freddie Krüger und drei Fortsetzungen hatten in Hof Deutschlandpremiere. 1996 präsentierte der Australier Scott Hicks seinen Film Shine wenige Monate später wurde Hauptdarsteller mit dem Oscar für diese Rolle ausgezeichnet. Aus Deutschland hatten z.B. Detlev Buck und Sönke Wortmann hier ihre ersten Erfolge.

Damit ist das Film- und Künstlerspektrum aus den vergangenen Jahren leider nicht mehr zu vergleichen.

Was auch mehrere Jahre einen großen Unterhaltungswert hatte, war das Diskussionsforum, welches am Anfang lediglich für Mitfahrgelegenheiten und Besäufnisverabredungen genutzt wurde, sich aber später aber zur Diskussionsplattform über den Kartenvorverkauf im Container, die durchgef***ten Betten in Hofs führendem Hotel oder den Sadismus des Festivalleiters entwickelte. Die Eigendynamik war den Organisatoren wohl zu viel und das Diskussionsforum fiel der Neugestaltung der Internetseite zum Opfer. Schade.

Siehe hierzu auch:

Filmfestivals für Fortgeschrittene: Fantasy Filmfest 2008 

Filmfestivals für Fortgeschrittene: EXGROUND 21

Filmfestivals für Fortgeschrittene: Fantasy Filmfest 2009

Demnächst:

Filmfestivals für Fortgeschrittene: EXGROUND 22
(ist auch schon fast wieder vorbei …)

 

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