Trauer mit Dscherschinski
Artikel von Holger Finn vom 21.11.2009, 18:30 Uhr im Ressort Sport | No Comments
Uli Hoeneß würde es das “Spiel der Spiele” genannt haben, Jürgen Klinsmann hätte vielleicht mal wieder vom “Schicksalsspiel” gesprochen. In Halle, wo der einheimische HFC seit zwei Jahren auf einer von altgedienten Fans nie mehr erwarteten Woge von Siegen in Richtung Aufstiegseuphorie getragen worden ist, begnügen sich die Verantwortlichen vorher mit Vokabeln wie “wichtig” und “wegweisend”, klar ist aber, dass ein Sieg des derzeitigen Tabellenzweiten gegen Spitzenreiter Babelsberg 03 den Saisonverlauf völlig verändern würde: Halle, im vergangenen Jahr spät und zur eigenen Überraschung aus der Position des Zweitplatzierten ins Aufstiegsrennen gestartet, würde diesmal von der Spitze weg spielen. Und eventuell mehr Glück haben als vorige Saison, als es am Ende im Duell mit Holstein Kiel doch nicht ganz reichte.
Die Mannschaft von Trainer Sven Köhler will, ungeachtet aller Absprachen, die die kosovarische Wettmafia zum Spielausgang getroffen haben mag. Nachdem eine Gedenkminute für den Hannoveraner Torwart Robert Enke schief gegangen ist, weil die legendär temperamentvolle [1] HFC-Fankurve einfach weitergesungen hat, glückt sie im zweiten Versuch zumindest halb. Zwar sitzt die Tribüne wieder. Dafür aber schweigt der Block in der Kurve.
Hier braucht alles mehrere Anläufe, auch der Aufstieg.
Doch von der ersten Minute an drücken die Hallenser Babelsberg in die eigene Hälfte. Markus Müller versucht zweimal aus der Distanz zum Torerfolg zu kommen und der im Fanurteil abwechselnd als “Katastrophe” verteufelte und als “Fußballgott” gefeierte Thomas Neubert, von seinen bekennenden Anhängern als [2] Marius Müller-Westernhagen des deutschen Fußballs verehrt, schafft sogar eine Brustannahme mit Körperdrehung und anschließendem Abschluß im Stafraum.
Auch der Ball geht allerdings vorbei. Ein Null zu Null zur Halbzeit droht, das niemand im Stadion will, sofern er Rotweiß trägt. Die fünf Minuten vor der Pause sehen so einen HFC, der Babelsberg bis auf die eigene Torauslinie zurückdrängt. Fünf Ecken hintereinander, die Abwehr schwimmt, 03-Trainer Dietmar Demuth gestikuliert vor seiner Bank. Einen Schuß von Neubert holt sich Babelsberg-Keeper Unger hinter der Linie, jedenfalls glaubt das die Tribüne. Dann ist Halbzeit und doch Nullnull.
Dietmar Demuth, der schon Pauli trainiert hat, versucht es mit Psychotricks. Drei Minuten lässt sein Team die Hallenser warten, ehe es aus der Kabine kommt. Drei Minuten, die am Ende reichen werden. Denn jetzt ist das Spiel ein ganz anderes. Als hätte ihr der Pausenpfiff kurz vorm greifbaren Tor-Orgasmus eine Art koitus interruptus beschert, stehen die HFC-Spieler wie gelähmt herum. Alles, was bis hierher geradezu beeindruckend beiläufig gelang, geht nicht mehr. Schubert verliert Zweikämpfe, Finke passt ins Aus, Neubert verspringen die Bälle nun doch wieder wie gewohnt. Babelsberg tut auch nichts Bedeutsames, wirkt aber schneller, präsenter und kommt jetzt an Bälle, die vorher bei Hallensern landeten.
Zweimal tauchen Frahn und Hebisch vorm halleschen Torwart-Denkmal Darko Horvath auf und verziehen von links knapp am rechten Pfosten vorbei. Auf der anderen seite könnte [3] Pavel David wieder mal alles klar machen. Aus zehn Metern aber schießt er entschlossen genau dorthin, wo Unger gerade hinfällt.
Wenn hier nichts Komisches mehr passiert, das ahnen die 3400 Zuschauer, dann passiert hier nichts mehr.
Die hallesche Kurve, letztes Jahr noch mit zwei Siegen gegen Babelsberg verwöhnt, wird immer leiser. Dann geht sie dazu über, Umfrageergebnisse per Plakat zu veröffentlichen, von denen unklar ist, wer da wen befragt hat. “Halle ist gegen das Produkt Rasenball Leipzig” wurde offenbar ermittelt. “Mich hat niemand gefragt”, knurrt ein Tribünenbesucher. In der Babelsberger Ecke unter der Anzeigetafel kontern 150 Mitgereiste mit russischsprachigen Ostalgie-Transparenten und ikonographischen Bildern von unbekannten Männern, die von älteren Zuschauern auf der Tribüne je nach Sozialisation als Karl Liebknecht, Ludwig Ehrhard oder Stalins Stasi-Chef Feliks Dscherschinski erkannt werden.
Unten nehmen nun die Trainer das Heft in die Hand. Dietmar Demuth wechselt für seinen Torschützenkönig Frahn Kutschke ein. Auch Sven Köhler, der eigentlich wissen muss, dass Babelsberg seine Spiele zumeist in der Nachspielzeit gewinnt, ist mit dem Remis, das sich jetzt beide Mannschaften verdient hätten, nicht zufrieden. Mit Görke kommt ein neuer Mann fürs Mittelfeld, mit Lindenhahn und Aydemir folgen auch noch zwei neue Außen.
Das endlich, unterstützt von einer der üblichen Wurfaktionen der halleschen Fankurve, vermag aus dem bis hierhin sicheren Unentschieden doch noch eine der [4] seltenen halleschen Heimniederlagen zu zaubern. Die erste seit dem letzten Spiel der letzten Saison, in dem es, im Unterschied zu heute, um nichts mehr ging.
Selim Aydemir, ein junger, flinker und technisch eleganter Mann, ist noch kaum zehn Sekunden auf dem Platz, als er zum ersten Mal den Ball verliert. Jan Benes muss retten - und sieht dafür die gelbe Karte. Eine Minute später erneut Aydemir, erneut mit einem Pass, der vor allem elegant aussehen soll. Und wieder schief geht. Babelsberg stürmt, kurz vorm Strafraum muss der bis dahin souveräne Abwehrchef Adli Lachheb den ballführenden Babelsberger umreißen. Freistoß. Aus der Fankurve fliegen Papierrollen, der Linienrichter verlässt seinen Platz, das Spiel wackelt wiedermal, die Abwehr der Hallenser wankt durch eine zweiminütige Unterbrechung, die pure Angst spielt nun mit.
Dann kommt es, wie es kommen muss.
Der Freistoß segelt lang in den Strafraum, Kopfballverlängerung - und am langen Pfosten steht der eingewechselte Kutschke einsam und allein, und drückt das Leder aus anderthalb Metern unter die Latte. Das wars. Babelsberg jubelt wie über die gewonnene Meisterschaft, Halles Spieler schleichen mit hängenden Köpfen in die Kurve. Gewinnen Magdeburg und Wolfsburg morgen, ist Halle, letzte Woche noch einen Wimpernschlag lang Erster, plötzlich nur noch Fünfter. Dann könnte die Elf endlich mal wieder “befreit aufspielen” (Waldefried Forkefeld). Vielleicht auch mal 90 Minuten lang, nicht nur 45. Wäre auch schön.
Quelle: [5] politplatschquatsch.com
Artikel aus "Readers Edition": http://www.readers-edition.de
Link zum Artikel: http://www.readers-edition.de/2009/11/21/trauer-mit-dscherschinski/
Links im Artikel:
[1] HFC-Fankurve: http://www.politplatschquatsch.com/2009/09/pack-raubt-die-punkte.html
[2] Marius Müller-Westernhagen des deutschen Fußballs: http://www.politplatschquatsch.com/2008/11/thomas-gegen-den-rest-der-welt.html
[3] Pavel David wieder mal: http://www.politplatschquatsch.com/2009/08/goliath-david.html
[4] seltenen halleschen Heimniederlagen: http://www.politplatschquatsch.com/2009/09/krise-welche-krise.html
[5] politplatschquatsch.com: http://www.politplatschquatsch.com/2009/11/trauer-mit-dscherschinski.html