Marokko: Der Krieg gegen die Presse geht weiter

Artikel von Hisham vom 23.11.2009, 11:35 Uhr im Ressort Vermischtes, Internetkultur | 1 Comment

Baraka-299x292.jpgDie Angriffe der marokkanischen Behörden auf unabhängige Journalisten verstärken sich. Es vergeht kaum eine Woche, ohne dass die Behörden die Presse, sowohl die gedruckten als auch die online Medien, wegen angeblicher Verstöße hart angreifen. Die Überwachungsorganisation für Pressefreiheit [1] Reporter Ohne Grenzen beurteilen heute die Lage der Pressefreiheit im Land als “schwierig” und verurteilt eine “Justiz, die ein ganzes Arsenal von Sanktionen einsetzt, um die unabhängige Presse einzuschüchtern und finanziell zu ersticken.”

Der jüngste bekannte Angriff ist eine Gefängnisstrafe, die am Montag von einem Gericht in Casablanca gegen Said Laâjal, einem Journalist von Al Massa’e, einer weitverbreiteten Tageszeitung, und seinem Verleger Rachid Nini, ein beliebter Kolumnist, ausgesprochen wurde. Beide Journalisten wurden wegen der “Veröffentlichung falscher Informationen” im Zusammenhang mit einem Artikel über den Drogenhandel angeklagt. Nini hat erklärt, dass er gegen das Urteil keine Berufung einlegen wird (Quelle: AFP). Blogger haben über den Fall und den Stand der Dinge nachgedacht.

eatbees, ein amerikanischer Schriftsteller, Fotograf und Blogger, der in Marokko lebt, hat so seinen [2] Verdacht über die wirkliche Motivation der Staatsanwälte. Er schreibt:

“Das ist die Kriminalisierung des Journalismus, schlicht und einfach. Reporter machen manchmal Fehler und berichten Dinge, die sich als falsch erweisen. Es gibt viele Möglichkeiten, das zu behandeln, aber die Journalisten ins Gefängnis zu schicken, ist keine davon. Ich habe den starken Verdacht, dass Nini und Laâjal verfolgt wurden, nicht aufgrund der Umstände dieses Falles, sondern weil sie eine wichtige Person in Verlegenheit gebracht haben. Oder vielleicht war das auch nur eine bequeme Möglichkeit Nini zu überführen, der als Herausgeber der meistgelesenen Zeitung in Marokko und Autor einer von den meisten Leuten gelesenen meinungsbildenden Kolumne, langsam zu einer eigenständigen Macht wurde.

Wenn Nini sein Gelöbnis, keine Berufung einzulegen, wahr macht, wäre das ein Akt des Mutes und des zivilen Ungehorsams. Es wird ihn in den Augen von Millionen von Marokkanern zu einem Märtyrer für die Pressefreiheit machen. Viel Glück damit, marokkanischer Staat.”

Es sollte auch erwähnt werden, dass der Journalist bereits zu einer hohen Geldstrafe wegen Beleidigung verurteilt wurde, welche die gesamte Publikation in den Konkurs zu stürzen drohe, [3] schreibt Blogger Ibn Kafka [Fr] kürzlich und bezieht sich dabei auf einen Brief, der angeblich von Nini geschrieben worden ist, in welchem er um ein königliches Pardon bittet:

“Rachid Nini führt mit seinem erfolgreichen Presse-Unternehmen ein legitim bequemes Leben (relativ zu der verwüsteten marokkanischen Medienlandschaft) …

Einige Leute glauben, Nini hat ein Bittgesuch an den König gesandt, in welchem er um Vergebung seiner Sünden bittet - im Klartext bittet er um Verzeihung für seine Zeitung. Es gibt für diese Informationen keine Bestätigung, die an sich auch nicht anrüchig sind.”

Rachid Nini löste kürzlich Kontroversen aus, als er öffentlich einen seiner Journalisten verleumdete, der Unterstützung für die von der Regierung schikanierten und verfolgten Kolleginnen und Kollegen zeigte. Larbi, der bei jetée Comme une bouteille à la mer! bloggt, [4] meint [Fr], dass Nini dafür keine Haftstrafe verdient, noch sollte man den Journalisten als Held betrachten. Er schreibt:

“Glücklicherweise verstehen nicht alle das Gleiche wie Mr. Nini, was Pressefreiheit und Meinungsfreiheit betrifft. Der Platz eines Journalisten ist nicht im Gefängnis, sondern in seinem Büro. Das gilt für alle Journalisten. Das gilt auch für Mr. Nini. Und noch mehr so für Said Laâjal. Der Platz für Rachid Nini und Said Laâjal ist nicht im Gefängnis, sondern in ihren Büros. Ich unterstütze natürlich Rachid Nini und Said Laâjal , weil die Haftstrafe, die gegen sie verhängt wurde, im Lichte dessen, für was sie beschuldigt werden, unfair ist. Und weil sogar Mr. Nini das Recht hat, was er anderen immer verweigert hat: d. h. die Ausübung seines Berufes als Journalist und Redefreiheit ohne Einschüchterungen und willkürliche Verurteilungen, die zu den berüchtigten Strafen führen.”

Eine Meinung, die auch von Naoufel geteilt wird, der [5] erklärt [Ar], dass für alle gelten sollte, auch für Mr. Nini. Er schreibt:

“Für mich ist Nini arrogant, opportunistisch und niederträchtig (sic). Er ist gegen alles nur nicht gegen den König … Stellt die Regierung, die Menschen und seine Kollegen vor Gericht, wagt es aber nicht, irgendwo in die Nähe des königlichen Palastes zu gehen, obgleich selbst das jüngste Kind in dem scherifischen (Nachkomme des Propheten) Königreiches, das ganz nebenbei auf keine Art und Weise noch scherifisch ist, genau weiß, dass selbst die banalsten Entscheidungen nicht ohne das Wissen des Königs getroffen werden. Er schrieb gegen seine Kollegen … Sollen wir ihn jetzt unterstützen? Ich denke, wir haben keine andere Wahl.”

Dieser Beitrag erschien zuerst auf [6] Global Voices. Die [7] Übersetzung erfolgte durch Hans H. Knauf, Teil des “[8] Project Lingua“. Die Veröffentlichung auf der Readers Edition erfolgte mit freundlicher Genehmigung von Global Voices.


Artikel aus "Readers Edition": http://www.readers-edition.de

Link zum Artikel: http://www.readers-edition.de/2009/11/23/marokko-der-krieg-gegen-die-presse-geht-weiter/

Links im Artikel:
[1] Reporter Ohne Grenzen: http://www.rsf.org/en-pays160-Morocco.html
[2] Verdacht: http://www.eatbees.com/blog/2009/11/16/criminalization-of-journalism/
[3] schreibt: http://ibnkafkasobiterdicta.wordpress.com/2009/08/21/lettre-de-supplication-de-rachid-nini-au-roi-mo
hammed-vi/

[4] meint: http://www.larbi.org/post/2009/11/Rachid-Nini-condamn%C3%A9
[5] erklärt: http://chaara.net/2009/11/%D8%B1%D8%B4%D9%8A%D8%AF-%D9%86%D9%8A%D9%86%D9%8A-%D8%A5%D9%86%D9%85%D8%A7
-%D8%A3%D9%83%D9%84%D8%AA-%D9%8A%D9%88%D9%85-%D8%A3%D9%83%D9%84-%D8%A7%D9%84%D8%AB%D9%88%D8%B1-%D8%A7%D9%84%D8%A3%D8%A8%D9%8A/

[6] Global Voices: http://globalvoicesonline.org/2009/11/20/morocco-war-on-press-continues/
[7] Übersetzung : http://de.globalvoicesonline.org/2009/11/23/marokko-der-krieg-gegen-die-presse-geht-weiter/
[8] Project Lingua: http://globalvoicesonline.org/lingua/

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