Wuppertal ist Schwebebahn. Ist ein Stück Friedrich Engels. Ist Pina Bausch. Die einzigartige Bausch und ihr Tanztheater sorgte für einen guten Klang des Städtenamens Wuppertal in aller Welt. Pina Bausch ging dieses Jahr für immer von der Bühne. Stirbt bald auch das Wuppertaler Theater? Die Stadt Wuppertal sonnte sich stets gern im Ruf der weltberühmten Bausch. Warum auch nicht? Sollte Wuppertal dieser Ruhm nun auf einmal nichts mehr gelten? Wäre man zynisch, man könnte jetzt so denken.
Die Finanzlage der Stadt Wuppertal ist desaströs
Wuppertal macht im Konzert deutscher Kommunen keine Ausnahme. Die finanizielle Situation der nordrhein-westfälischen Stadt ist ebenfalls desaströs. Dass das so ist, hat sich die Stadt wahrlich nicht allein zuzuschreiben. Schuld daran ist auch die verfehlte neoliberale Politik verschiedener Bundes- und Landesregierungen. Daraus resultierten eine landauf, landab ständig steigende bzw. über längere Zeit anhaltende hohe Arbeitslosigkeit und vermehrte Sozialausgaben. Desweiteren brachen die Steuereinnahmen der Städte und Gemeinden ein. Überdies befinden wir uns in einer schweren Finanz- und Wirtschaftkrise.
1,8 Milliarden Euro Schulden. Bis 2014 will Wuppertal 216 Millionen Euro einsparen
Fakt ist: Wuppertal ist mit horrenden 1,8 Milliarden Euro dramatisch verschuldet. Deutlich zutage tritt das Finanzdebakel natürlich erst nach den NRW-Kommunalwahlen. Also erst nachdem die Bürgerinnen und Bürger im wahrsten Sinne des Wortes ihre Stimmen abgegeben hatten. Jetzt ist freilich guter Rat teuer! Die Stadtoberen wollen nun plötzlich gegensteuern. Nachdem sie jahrelang jedweden in Berlin und Düsseldorf verzapften politschen Unsinn nahezu kampflos hingenommen hatten, schreiten sie angesichts des düsteren Fiaskos in welchen sich die Stadt an der Wupper nun fraglos befindet, dagegen nun um so entschlossener zur Tat. Bis 2014 will Wuppertal etwa 216 Millionen Euro einsparen.
Die Lobbylosen trifft es wie immer zuerst
Dabei dürfte so einiges eiskalt über die Wupper gehen. Das ausgeklügelte Wuppertaler Sparpaket sieht Kürzungen in Höhe von 10 Prozent im Jugend- und Sozialbereich vor. Allein daran ist schon zu sehen, wohin die Reise geht: Wie immer schneidet das Sparmesser auch im Falle Wuppertal besonders tief bei den Lobbylosen ein, rauschen die Sparfüchse mit dickem Rotstift durch die schwächsten kommunalen Bereiche der Stadt. Auch wenn es um die Kultur geht, kennt die Verwaltung kein Pardon. Wo Pina Bausch das Zeitliche gesegnet hat, bekommen Kulturbanausen scheinbar rasch Oberwasser. Späte “Rache” an der kritischen Pina Bausch? Nun, das griffe sicher zu kurz.
Die Sparschrauben quietschen schon jetzt gewaltig
Jedenfalls soll das Wuppertaler Schausspiel erstmal bluten. Oder früher oder später ganz über die Wupper geschickt werden? Dass alles, obwohl die städtische Zuschüsse bereits in den letzten Jahren stetig immer weiter zurückgefahren worden sind. Zuletzt erst um eine schon saftige halbe Million Euro! Die Sparschrauben quietschen also schon bedenklich. Kommt nun noch ein weiteres Minus von 2 Millionen hinzu, dann könnte 2012 bald gar nichts mehr gehen. Das Wuppertaler Sprechtheater wäre dann vielleicht Geschichte. Theaterchef Christian von Treskow befürchtet Inszenierungen ohne Bühnenbild und Opern ohne Chor. Horrorszenarien!
Dabei ist es nicht so, dass die Theaterschaffenden in den letzten Jahren nicht allesamt schon erheblich zurückgesteckt haben. Doch irgendwann geht es eben doch an die Substanz. Wissen sollte man überdies: man gibt in diesem Lande in der Regel für die Kultur kaum mehr als 1,86 Prozent vom Gesamthaushalt aus. Also verschwindend wenig. Bei einem reichen Land wie der BRD. Kultur sollte Staatsziel werden. Wurde es aber nicht. Warum wohl?
Nicht einmal die Schließung aller Kultureinrichtungen brächte etwas
Sollte also Wuppertal im Endeffekt sein Sprechtheater schließen, ja: gar alle seine Kultureinrichtungen dichtmachen - die Finanzsituation der Stadt wäre nicht im Geringsten gelöst. Darauf weiß die Genossenschaft Deutscher Bühnen-Angehöriger (GDBA) in ihrem Offenen Brief vom 23.11.2009 hin, welcher an den Peter Jung (CDU), Oberbürgermeister, der Stadt Wuppertal gerichtet ist.
GDBA-Warnung vor der Vernichtung von Kunst
Darin warnt die GDBA vor “Kürzungen im Theater, die zur Vernichtung von Kunst führen” und die Stadt vor deren verheerenden Folgen. Verwiesen wird in diesem Kontext ebenfalls auf den Deutschen Städtetag. Dieser stellte unlängst fest, dass sich Wirtschaft nach Krisen in der Regel wieder stabilisiere. Für die in der Finanzkrise “verlorene Kunst und kulturelle Infrastruktur” jedoch gelte dies mitnichten. Einmal “abgewickelte” Einrichtungen und aufgelöste Netze blieben dann für die Menschen verloren. “Materielle Werte können nach deren Verlust wieder geschaffen werden, immaterielle hingegen nicht.” Sehr richtig wird an den Wiederaufbau des Theaters (bzw. der deutschen Musentempel) nach dem verheerenden zweiten Weltkrieg erinnert. Eingedenk dessen heißt es weiter, es sei die Frage zu beantworten, “ob nicht vielmehr die der Kunst innewohnende Kreativität den wirklichen Schutzraum für die Gesellschaft zur Abwehr der Folgen der Finanzkrise darstellt.” Materiell sei das nicht möglich, immateriell, dagegen mit Gewißheit. Gerade die deutsche Theaterlandschaft – einzigartig in der Welt – habe die Entwicklung unseres Landes “sehr positiv beeinflusst”.
In der Tat: Spricht man mit älteren Leuten, so erzählen sie nicht selten mit einem Glanz in den Augen, wie viel ihnen Kunst und Kultur – besonders die Theater – und waren deren Stätten noch so zerstört – in der Zeit nach dem Ende des zweiten Weltkriegs bedeutet hatten. Nur, wie bringt man dies nun den gegenwärtig lebenden Menschen bei, die im Glauben an einen unerschütterlichen Frieden und ewig währendem Wohlstand aufwuchsen? Nicht wenige von ihnen glauben heute ganz und gar naiv, Theater und andere Kultureinrichtungen seien durchaus verzichtbar. Ahnen sie nicht, dass die Abwesenheit von Kunst Barbarei begünstigt?
Adil Laraki, der NRW-Landesvorsitzende der GDBA schreibt dem Wuppertaler OB wohl auch diesem Grund ins Stammbuch: “Ein klares ‘JA’ für Ihr Theater wird sich auszahlen! Die letzten 200 Jahre sind ein Beleg dafür.”
Kulturbanausen sollen nicht die Oberhand gewinnen
Das Theater brauche Planungssicherheit. Sonst könne es unmöglich erfolgreich sein. Und noch einmal wird Adil Laraki deutlich, indem er an die Entscheidungsträger appelliert: “Wollen Sie als Totengräber des Theaters in Erinnerung bleiben? Wir hoffen und wünschen es nicht.”
Dürfen wir zusammen mit der GDBA auf “weise Entscheidungen” hoffen? Verlassen jedenfalls sollte man sich nicht darauf. Es war vor kurzem schon einmal von einem “Theaterpakt” für NRW die Rede. Er wird ganz sicher nötig werden. Denn: auch andere NRW-Kommunen haben wohl schon den Rotstift in der Hand. Bereit zum dicken, Kultur vernichtendem, Strich. Kulturbanausen will man offenbar ganz entschlossen nicht die Oberhand gewinnen lassen. Pro-Theater-Wuppertal-Unterschriften-Listen, so ist zu hören aus der Szene, werden in diesen Tagen die Runde in deutschen Theatern machen. Auf das Kultur-Zerstörung keine Chance bekommt! Niemand sollte das durchgehen lassen. Womöglich wird eine Reise von Theaterleuten aus ganz Deutschland nach Wuppertal bald notwendig. Um Solidarität sichtbar für jedermann vor Ort zu leben.
Wuppertal ist Schwebebahn. Ist Friedrich Engels und Pina Bausch. Wuppertal braucht sein Theater…
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