Minarett-Verbot in der Schweiz: Die Angst vor dem Fremden

Für das Establishment der Schweizer Politik überraschend, hat sich per Abstimmung mit knapp 58 Prozent die Mehrheit der Bevölkerung des Neutralitäts-Musterlandes für ein Verbot von Minaretten ausgesprochen. Was als geschickte Medienkampagne rechtspopulistischer Parteien begann, eskaliert ausgerechnet in der Schweiz (mit bisher vier Minaretten auf Moscheen) zur Symbolik der zunehmenden Angst

moschee_vivitoart.jpgFür das Establishment der Schweizer Politik überraschend, hat sich per Abstimmung mit knapp 58 Prozent die Mehrheit der Bevölkerung des Neutralitäts-Musterlandes für ein Verbot von Minaretten ausgesprochen. Was als geschickte Medienkampagne rechtspopulistischer Parteien begann, eskaliert ausgerechnet in der Schweiz (mit bisher vier Minaretten auf Moscheen) zur Symbolik der zunehmenden Angst vor dem Fremden.

Rechtspopulisten nutzen Ängste, die offenbar in weiten Teilen der Bevölkerung existieren

Die aus den Kreisen um die rechtskonservative Schweizerische Volkspartei (SVP) und der rechts-nationalistischen Eidgenössische Demokratischen Union (EDU) initiierte Medienkampagne fokussierte systematisch die Angst vor den in der Schweiz lebenden 400.000 Muslimen und bediente dabei das gesamte Spektrum propagandistisch angeheizter Islamfurcht: Islamismus, Scharia und Burka als Inbegriffe einer von den meisten Europäern nicht über das Klischee hinaus definierbaren Religion wurden unter anderem in Pop-Art-Stil auf Poster gepresst. In Plakatform zeigte sich eine schwarze, verhüllte Gestalt, in deren Hintergrund bedrohlich spitze Minarette aus dem Rot-Weiß der Nationalflagge aufragen. Die hier entstehende Remineszenz an die Darstellung von Juden im Dritten Reich drängt sich geradezu auf, ist aber an sich nicht überraschend: Fremdenfeindlichkeit war seit jeher die Domäne auch gemäßigt rechtskonservativer Kreise. Das eigentlich Überraschende ist, dass damit offenbar Grundängste weiter Bevölkerungsteile in der Schweiz erfolgreich angesprochen werden konnten.

Wie entsteht Islamphobie?

Das Ergebnis der Volksabstimmung, an der 54 Prozent der Bevölkerung teilnahmen, ist vor dem Hintergrund einer um Anerkennung und auch Integration ringenden muslimischen Bevölkerung zu sehen, von der in einem christlich geprägten Land eine hohe Anpassungsleistung gefordert wird, die aber deshalb gerade umso mehr an religiösen und kulturspezifischen Traditionen festhalten dürfte. Zum anderen sind die medialen Darstellungen von Muslimen bzw. islamischen Ländern in den Medien traditionell verkürzt, oft mindestens latent rassistisch und mehrheitlich in Zusammenhang gestellt mit Terror, Krisengebieten, Armut  und geringem Bildungsstand.

Durch den 11. September 2001 kam es in den meisten europäischen Ländern überhaupt erst zu einer breiten Wahrnehmung von Muslimen, ihren religiösen Praktiken und auch den Problemen ihrer Integration. Die breite Öffentlichkeit assoziiert deshalb Muslime immer noch vorrangig mit einem diffusen Bedrohungserleben. Gescheiterte Attentatsversuche einzelner im deutschsprachigen Raum, brutale “Ehrenmorde” und nicht zuletzt diverse Kopftuchdebatten haben die Wahrnehmung von Unterschieden in Europa auf das Element der Bedrohung reduziert und eine mangelnde Differenzierung zwischen Islam und Islamismus gestärkt. Eine wahrgenommene Bedrohung der eigenen Kultur, der Gemeinschaft und des sozialen Friedens jedoch kann Fremdenfeindlichkeit nachweislich verstärken – wie etwa auch der Schweizer Religionssoziologe Jörg Stolz betont.

Bedrohen ein paar Türmchen den inneren Frieden der Schweiz?

Wohl kaum. Dennoch ist die Reaktion jene auf einen Angriff. Entscheidend scheint dabei, dass der radikale Islamismus als eine kleine Unterbewegung dieser Religion sich wiederum selbst als Reaktion auf die von der westlichen Kultur ausgehenden Kolonialisierungsbestrebungen und Machtintrigen versteht, die auf globaler Ebene aktuell in der aggressiven Konkurrenz um künftig immer wichtigere Ressourcen, wie etwa Öl, in kriegerischer Auseinandersetzung geführt werden. Unter dem Verweis auf demokratische Grundwerte wird die Anerkennung von Gleichwertigkeit sowohl im Inland als auch im Ausland verweigert – was in den islamischen Ländern gerade jenen in die Hände spielt, die selbst auch kein Interesse an einem friedlichen Kompromiss haben. Im Volksentscheid gegen ein paar Türmchen bilden sich also auch globale Prozesse ab.

Buchempfehlung: Thorsten Gerald Schneiders (Hrsg.): Islamfeindlichkeit. Wenn die Grenzen der Kritik verschwimmen. VS Verlag für Sozialwissenschaften: Opladen, 2009

Bildquelle: pixelio.de (vivitoart)

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  1. Erschreckend zu sehen, dass acht Jahre westlicher Propaganda gegen den Islam zu diesen Ergebnissen geführt haben. Ähnlich wird es wohl schon in Hitlerdeutschland gewesen sein. Erst wird in den Medien Stimmung gegen eine Bevölkerungsgruppe gemacht und dann soll das gemeine Volk über diese Gruppe richten. Das Ergebnis wird immer vergleichbar sein. Würde man den Menschen jetzt noch erlauben, persönlich Hand anzulegen, wären Tote die nächste Konsequenz.