Für 25 Jahre 3sat satirische Raketen zielgenau abgefeuert

In diesen Tagen wird eine kleine Sensation gefeiert: 3sat ist 25 Jahre alt. Nicht wenige Kabarettisten des deutschsprachigen Raumes verdanken 3sat zu einem gut Stück ihre Popularität in der Welt der Freunde der Satire und wohl auch darüberhinaus. Da war es ja eigentlich nur folgerichtig, dass das Jubliäum des Dreiländerkanals

gfds.jpgIn diesen Tagen wird eine kleine Sensation gefeiert: 3sat ist 25 Jahre alt. Nicht wenige Kabarettisten des deutschsprachigen Raumes verdanken 3sat zu einem gut Stück ihre Popularität in der Welt der Freunde der Satire und wohl auch darüberhinaus. Da war es ja eigentlich nur folgerichtig, dass das Jubliäum des Dreiländerkanals auch mit einem zünftigen Kabarett-Feuerwerk gefeiert wurde. Gestern ging es über die Bühne des TIPI-Zeltes in unmittelbarer Nähe zum Bundeskanzleramt, wo “Mutti” derzeit in der Bredouille sitzend, versucht uns zu regieren: Für die Zeit von 20 Uhr 15 bis 21 Uhr 15 hatte sich die TIPI-Bühne zum Kabarett-Brettl für die erste Garde der Satiriker des deutschen Sprachraums verwandelt.

So viel vorweg: Zu Bedauern diejenigen, welche die life via 3sat und im Internet übertragene Kabarettgala “Dreiländerspitzen” am gestrigen Abend (und deren Wiederholung heute Nacht um 1 Uhr 20 dann tragischerweise auch noch) aus welchen Gründen auch immer verpasst haben. (Ich hoffe doch stark: “Dreiländerspitzen” wird später noch einmal wiederholt!)

Schramm zog vom Leder – Koch bekam sein Fett ab

Georg Schramm (“Neues aus der Anstalt”, ZDF) war eigens zur Kabarettgala aus der “Anstalt” entsprungen und hatte nicht nur die unvermeidliche lederbehandschuhte “Kunsthand” aufgesteckt, sondern sich zur Feier des Tages in einen Smoking geschmissen, um 3sat – dem Kanal der “Verirrten und Verwirrten” (O-Ton Schramm), der rettenden TV-Insel in all dem Dreck der heutigen Fernsehlandschaft – dem Anlass angemessen gewandet die Ehre zu geben. Und als Schramm dann so gar nicht künstlich, sondern gewohnt kompromisslos vom Leder zog, war klar: hier war man zu dieser TV-Primetime goldrichtig aufgehoben. Satire vom Feinsten. Wie immer bei Schramm: gut unterfüttert von unumstößlichen Fakten. Damit wütend-bitterböse desmaskierend den bedenklichen Ist-Zustand unserer Demokratie und den schmählichen Niedergang der politischen Kultur und den dazu gehörigen Instanzen, unseres Staatswesens und Landes überhaupt. Und es wird für uns wohl bald noch viel schlimmer kommen. Wer Schramm aufmerksam zuhört, kann das ahnen, wenn er dabei selbst einmal in sich und unsere Gegenwart hineinlauscht.

Life ist life…

Schramm wusste gestern: niemand würde herausschneiden können, was er an Bedenkenswerten nahezu im Sekundentakt an messerscharfer Satire hinausschleuderte. Schließlich war die Gala life! Und das nutzte Schramm weidlich. Man erwartete es direkt von ihm. Selbstverständlich brachte Georg Schramm Koch aufs Tapet. Der Koch mit Vornamen Roland aus Hessen, der Kellnern wie u. a. der erbärmlich zu nennenden Politiker-Null Franz-Josef Jung als hessischer Ministerpräsident sein politisches Überleben verdankt. Der Koch, der am vergangenen Freitag in Sachen Chefredakteursposten des ZDF einen fragwürdigen Sieg davontrug, bekam von Kabarettgenie Georg Schramm ordentlich sein Fett ab. Brutalstmöglich hatte der Möchtegern-Berlusconi Koch dafür geklingelt, dass der offenbar in dessen Ministerpräsidenten-Augen zu unabhängig agierende Chefredakteur Nikolaus Brender keine Vertragsverlängerung bekam. Obwohl sich genau dafür der ZDF-Intendant Marcus Schächter (übrigens gestern im Publikum der Gala anwesend) ausgesprochen hatte. Ein nie vorher dagewesener Vorgang, dass sich ein Politiker in Entscheidungen von Senderinterna – die eigentlich nur dem Intendanten bzw. dem Verwaltungsrat obliegen – derart frech einmischte. Selbst die Tatsache, dass 35 angesehene Staatsrechtler warnten, in der Causa Brender im Sinne von Roland Koch und anderen “schwarzen” Politikern zu handeln, traf auf Ignoranz. Er könne nicht verstehen, so Schramm gestern in seinem satirischen Parforceritt, dass sozialdemokratische Länderchefs wie Kurt Beck  und Klaus Wowereit (beide SPD) nun nicht die Causa Brender zum Anlass nehmen, um den Vorgang im ZDF im Sinne der Rundfunkfreiheit vom Bundesverfassungsgericht prüfen zu lassen. Um letztlich so die Pressefreiheit zu stärken. Wowereit (sonst doch immer in permanenter Partylaune wie weiland Bolle), der gestern Abend ebenfalls im TIPI saß, brachte angesichts dessen nur ein gequältes Lächeln zustande…

Hätte der Hessische Rundfunk Schramm gerne abgeschaltet? Vielleicht. Konnte der HR aber nicht: denn Schramm lief in 3sat!

Brillant, ohrenweidig und fein ziselierend: Richling, Liberg, Thiel…

Brillant auch und gut aufgelegt wie fast immer Brettl-Urgestein Mathias Richling (“Satire Gipfel”, ARD), der gewohnt gute Politiker-Parodie bot, die einmal doppelbödig-lotend kritisch zur Sache ging.

Dazwischen, immer eine wahre Ohrenweide: der niederländische Musik-Comedian Hans Liberg.

Sowie der Kabarettist Alfred Dorfer, der österreichische Befindlichkeiten mit bestem Schmäh schwarzhumorig in Worte kleidete, was uns Deutschen einen Spiegel vorhielt, in welchen wir uns hätten erkennen können.

Last but not least: Der Schweizer Andreas Thiel brillierte ein weiteres Mal schillernd schön, indem er – ein Meister des fein geschliffenen Wortes – eben statt nach der Holzhammermethode zu arbeiten, vorsichtig mit dem Florett herausziselierend zu Werke geht und so ganz “nebenbei” ans Licht  bringt, was not tut, ans Licht gebracht zu werden. Das Grauen befällt den meist erst per Zeitverzögerung aufzuckenden Thiel-Kabarett-Rezipienten erst, wenn man glaubt: ach war das nett, was wollte uns der eigentlich damit sagen? Nachhaltiger Grusel, der deshalb tiefere Einsichten befördern kann…

Aufmerken und Einschalten!

Ich kann nur raten: Aufmerken und Einschalten, wenn “Dreiländerspitzen” wieder auf die Mattscheibe gebracht wird! Ein wahres Feuerwerk. Satirische Raketen explodieren zielgenau. So lange es noch solche Kabarettisten gibt – und sie auch noch vom Staats-Fernsehen gesendet werden dürfen – ist Deutschland noch nicht verloren. Lang lebe 3sat! Readers Edition gratuliert herzlichst.

Kommentare

Dieser Artikel hat einen Kommentar. Was ist Deiner?

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*