Für 25 Jahre 3sat satirische Raketen zielgenau abgefeuert

- Der Sender für Verirrte und Verwirrte…; Logo 3sat via Wikipedia.org
In diesen Tagen wird eine kleine Sensation gefeiert: 3sat ist 25 Jahre alt. Nicht wenige Kabarettisten des deutschsprachigen Raumes verdanken 3sat zu einem gut Stück ihre Popularität in der Welt der Freunde der Satire und wohl auch darüberhinaus. Da war es ja eigentlich nur folgerichtig, dass das Jubliäum des Dreiländerkanals auch mit einem zünftigen Kabarett-Feuerwerk gefeiert wurde. Gestern ging es über die Bühne des TIPI-Zeltes in unmittelbarer Nähe zum Bundeskanzleramt, wo “Mutti” derzeit in der Bredouille sitzend, versucht uns zu regieren: Für die Zeit von 20 Uhr 15 bis 21 Uhr 15 hatte sich die TIPI-Bühne zum Kabarett-Brettl für die erste Garde der Satiriker des deutschen Sprachraums verwandelt.
So viel vorweg: Zu Bedauern diejenigen, welche die life via 3sat und im Internet übertragene Kabarettgala “Dreiländerspitzen” am gestrigen Abend (und deren Wiederholung heute Nacht um 1 Uhr 20 dann tragischerweise auch noch) aus welchen Gründen auch immer verpasst haben. (Ich hoffe doch stark: “Dreiländerspitzen” wird später noch einmal wiederholt!)
Schramm zog vom Leder - Koch bekam sein Fett ab
Georg Schramm (”Neues aus der Anstalt”, ZDF) war eigens zur Kabarettgala aus der “Anstalt” entsprungen und hatte nicht nur die unvermeidliche lederbehandschuhte “Kunsthand” aufgesteckt, sondern sich zur Feier des Tages in einen Smoking geschmissen, um 3sat - dem Kanal der “Verirrten und Verwirrten” (O-Ton Schramm), der rettenden TV-Insel in all dem Dreck der heutigen Fernsehlandschaft - dem Anlass angemessen gewandet die Ehre zu geben. Und als Schramm dann so gar nicht künstlich, sondern gewohnt kompromisslos vom Leder zog, war klar: hier war man zu dieser TV-Primetime goldrichtig aufgehoben. Satire vom Feinsten. Wie immer bei Schramm: gut unterfüttert von unumstößlichen Fakten. Damit wütend-bitterböse desmaskierend den bedenklichen Ist-Zustand unserer Demokratie und den schmählichen Niedergang der politischen Kultur und den dazu gehörigen Instanzen, unseres Staatswesens und Landes überhaupt. Und es wird für uns wohl bald noch viel schlimmer kommen. Wer Schramm aufmerksam zuhört, kann das ahnen, wenn er dabei selbst einmal in sich und unsere Gegenwart hineinlauscht.
Life ist life…
Schramm wusste gestern: niemand würde herausschneiden können, was er an Bedenkenswerten nahezu im Sekundentakt an messerscharfer Satire hinausschleuderte. Schließlich war die Gala life! Und das nutzte Schramm weidlich. Man erwartete es direkt von ihm. Selbstverständlich brachte Georg Schramm Koch aufs Tapet. Der Koch mit Vornamen Roland aus Hessen, der Kellnern wie u. a. der erbärmlich zu nennenden Politiker-Null Franz-Josef Jung als hessischer Ministerpräsident sein politisches Überleben verdankt. Der Koch, der am vergangenen Freitag in Sachen Chefredakteursposten des ZDF einen fragwürdigen Sieg davontrug, bekam von Kabarettgenie Georg Schramm ordentlich sein Fett ab. Brutalstmöglich hatte der Möchtegern-Berlusconi Koch dafür geklingelt, dass der offenbar in dessen Ministerpräsidenten-Augen zu unabhängig agierende Chefredakteur Nikolaus Brender keine Vertragsverlängerung bekam. Obwohl sich genau dafür der ZDF-Intendant Marcus Schächter (übrigens gestern im Publikum der Gala anwesend) ausgesprochen hatte. Ein nie vorher dagewesener Vorgang, dass sich ein Politiker in Entscheidungen von Senderinterna - die eigentlich nur dem Intendanten bzw. dem Verwaltungsrat obliegen - derart frech einmischte. Selbst die Tatsache, dass 35 angesehene Staatsrechtler warnten, in der Causa Brender im Sinne von Roland Koch und anderen “schwarzen” Politikern zu handeln, traf auf Ignoranz. Er könne nicht verstehen, so Schramm gestern in seinem satirischen Parforceritt, dass sozialdemokratische Länderchefs wie Kurt Beck und Klaus Wowereit (beide SPD) nun nicht die Causa Brender zum Anlass nehmen, um den Vorgang im ZDF im Sinne der Rundfunkfreiheit vom Bundesverfassungsgericht prüfen zu lassen. Um letztlich so die Pressefreiheit zu stärken. Wowereit (sonst doch immer in permanenter Partylaune wie weiland Bolle), der gestern Abend ebenfalls im TIPI saß, brachte angesichts dessen nur ein gequältes Lächeln zustande…
Hätte der Hessische Rundfunk Schramm gerne abgeschaltet? Vielleicht. Konnte der HR aber nicht: denn Schramm lief in 3sat!
Brillant, ohrenweidig und fein ziselierend: Richling, Liberg, Thiel…
Brillant auch und gut aufgelegt wie fast immer Brettl-Urgestein Mathias Richling (”Satire Gipfel”, ARD), der gewohnt gute Politiker-Parodie bot, die einmal doppelbödig-lotend kritisch zur Sache ging.
Dazwischen, immer eine wahre Ohrenweide: der niederländische Musik-Comedian Hans Liberg.
Sowie der Kabarettist Alfred Dorfer, der österreichische Befindlichkeiten mit bestem Schmäh schwarzhumorig in Worte kleidete, was uns Deutschen einen Spiegel vorhielt, in welchen wir uns hätten erkennen können.
Last but not least: Der Schweizer Andreas Thiel brillierte ein weiteres Mal schillernd schön, indem er - ein Meister des fein geschliffenen Wortes - eben statt nach der Holzhammermethode zu arbeiten, vorsichtig mit dem Florett herausziselierend zu Werke geht und so ganz “nebenbei” ans Licht bringt, was not tut, ans Licht gebracht zu werden. Das Grauen befällt den meist erst per Zeitverzögerung aufzuckenden Thiel-Kabarett-Rezipienten erst, wenn man glaubt: ach war das nett, was wollte uns der eigentlich damit sagen? Nachhaltiger Grusel, der deshalb tiefere Einsichten befördern kann…
Aufmerken und Einschalten!
Ich kann nur raten: Aufmerken und Einschalten, wenn “Dreiländerspitzen” wieder auf die Mattscheibe gebracht wird! Ein wahres Feuerwerk. Satirische Raketen explodieren zielgenau. So lange es noch solche Kabarettisten gibt - und sie auch noch vom Staats-Fernsehen gesendet werden dürfen - ist Deutschland noch nicht verloren. Lang lebe 3sat! Readers Edition gratuliert herzlichst.










Toni Seiler
Vielen Dank an Georg Schramm !!!!!!!!!!!!
Bitte mehr davon ………. auf 3 Sat !!!!!!!!!!!
Dachtender Mensch
Ich dachte,
als ich den Beitrag las, daß ich eine andere Kabarettgala auf 3Sat gesehen habe.
“Holzhammermethode” (Originalzitat Stille) trifft die Schimpfkanonade des Herrn Schramm am besten. Mit Satire hat das nach meinem Empfinden nichts mehr zu tun, mal ganz abgesehen von der Schußrichtung.
Claus-D.Stille
@ Dachtender Mensch: Ihre Meinung bleibt Ihnen unbenommen. Wie auch immer: Schramm traf ein weiteres Mal genau ins Schwarze! Darauf kommt es doch an, oder nicht? Übrigens von Holzhammermethode war in Bezug auf Herrn Thiel die Rede…
ortmann
Georg Schramm ist immer wieder eine Labsahl für die politikgenervte Seele. Warum nur ist er so allein auf weiter Flur? Ist es Satire, was er macht? In meinen Augen und Ohren agiert er als Chefankläger einer uns immer wieder für dumm an die Wirtschaft verkaufenden Politikerelite - allen voran der Hessenkoch. Hätten nur 5% unserer Mitbürger soviel Kampfgeist wie Georg Schramm stünde unsere Demokratie besser da.
Perlita
@ Ortmann,
eine sternstunde, die man da mit georg schramm miterlebt hat. und er ist auf noch höherem niveau als lore lorenz es mit ihrem kommödchen in den 50er bis 70er jahre war. und das niveau des kommödchen war zu dieser schon sehr hoch, gleichauf übrigens mit den damals noch hervorragenden müncher lachund-schieß und den stachelschweinen.
leider kenne ich kabarett aus der ehemaligen DDR nicht, um da einen möglicherweise passenden vergleich zu finden.
Toni Seiler
@ Ortmann ,
ich finde es eine weiteres Labsahl , zu lesen , daß es noch mehr Menschen gibt , denen es genauso geht wie einem selbst !
Übrigens : Georg Schramm steht (zum Glück für alle Gleichgesinnten) nicht alleine .
Sieh’ Dir mal Hagen Rether, Volker Pispers, Urban Priol, und und und … an.
Ansonsten stimme ich Deinem Kommentar voll inhaltlich zu !!!!! Super !!!!
Texthex' Karin Burger
Nun war mir schon dieses satirische Sahnestückchen aus beruflichen und in der Wiederholung schlaftechnischen Gründen versagt geblieben, trachtete ich heute danach, wenigstens die Rezension genießen zu dürfen. Mitnichten! Auch ohne die Sendung gesehen zu haben, weiß ich sofort und freue mich sehr darüber, was Hr. Stillle hier INHALTLICH zum Besten gibt. Doch dass ein derart wichtiger kabarettistischer Auftritt zu diesem Anlass in einem Deutsch beschrieben wird, das den Leser in seiner Rechtschreibfehler-Dichte zur Qual wird, macht die von Stille zum Artikelende hin beschworene Hoffnung für dieses Deutschland gleich wieder zunichte! Jedem passiert mal ein Lapsus! Und dass “brillant” im Gegensatz zur Aussprache eben ohne /i/ nach dem Doppelkonsonanten geschrieben wird, nun ja…. Aber so Basics wie die Konjunktion “dass” oder den Grundschulstoff, Verben bitte kleinzuschreiben, ist das wirklich zuviel verlangt von einem, der dem Rest-Deutschland einen satirischen Gipfel nacherzählen möchte? “Darüber hinaus” ist eigentlich auch keine Exotenschreibweise mehr; dito “derselbe”. Und wer das handwerkliche Treiben des Ziselierens, eben des HERAUSarbeitens von Figuren und Ornamenten aus Gold und Silber, mit dem Präfix “heraus” überhöht, der will uns offensichtlich eine Sprachkompetenz “aufoktroyieren” (als analoger Quatsch), die er nicht besitzt.
Aber im Status-quo-Deutschland können eben Kellner Verteidigungsminister werden und sich Schreiber weltweit verlautbaren, ohne noch einmal einen kritischen Blick auf ihre Produktion geworfen zu haben - oder werfen haben zu lassen! Früher fand man so etwas: PEINLICH!
Perlita
an alle, die georg schramm verpaßt haben:
http://www.youtube.com/watch?v=rCfqREzOJwE
soeben bei der tube entdeckt…………..;-)