Hrdlicka schlägt nicht mehr zu

Er war ein Berserker. Selbst bezeichnete sich Alfred Hrdlicka als ein Fleischhauer. Scheinbar im krassen Gegensatz zu diesen harten Begriffen steht der eigene Familienname, übersetzt man ihn aus dem Tschechischen ins Deutsche, lautet er zart: Turteltäubchen… “…zugrund gerichtet.” Am 5. Dezember 2009 hörte das Herz des einzigartigen Bildhauers, Zeichners, Grafikers,

Alfred_Hrdlicka_(Austrian_sculptor)_2005_cropped.jpgEr war ein Berserker. Selbst bezeichnete sich Alfred Hrdlicka als ein Fleischhauer. Scheinbar im krassen Gegensatz zu diesen harten Begriffen steht der eigene Familienname, übersetzt man ihn aus dem Tschechischen ins Deutsche, lautet er zart: Turteltäubchen…

“…zugrund gerichtet.”

Am 5. Dezember 2009 hörte das Herz des einzigartigen Bildhauers, Zeichners, Grafikers, Schriftstellers und Bühnenbildners Alfred Hrdlicka in Wien auf zu schlagen. Arbeiten am Stein konnte er schon des Längeren nicht mehr. Bereits im Januar 2005 während eines Interviews mit Gregor Gysi im Deutschen Theater Berlin konstatierte Hrdlicka: “Bin zugrund gerichtet.” Der Österreicher Hrdlicka, für den sich die Alpenrepublik wahrlich nicht schämen muss, hatte sich beim Bild-Hauen über die Jahrzehnte hinweg förmlich physisch zerschunden und einmal sogar beträchtlich an Körpergröße eingebüßt, indem er immer wieder mit Hammer und Meißel zu Werke gehend, Partei für die Geschundenen dieser unserer Welt ergriff. Und zwar im wahrsten Sinne des Wortes: Hrdlicka, 1928 als Sohn eines Gewerkschafters mit kommunistischer Gesinnung in Wien geboren, hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass er ein LINKER war. Der blieb Hrdlicka auch, nachdem er seine persönlichen Konsequenzen aus dem Fehlverhalten von sich Kommunisten nennenden Funktionären zog und deshalb 1956 die KPÖ verließ.

Wütend die Faust erhoben. Darin der schlagende Hammer
349170_R_by_Rike_pixelio.de.jpg  Zeit seines Lebens hatte er Fehlentwicklungen und Missstände im Auge. Immer und immer wieder ballte Hrdlicka wütend die Faust, bereit sie nicht hinzunehmen. Wie ein Berserker raste der Mann gegen Zu- und Umstände an, die ihn bedrückten. Weil sie die Unterdrückten dieser Welt bedrückten. Zustände, die anderen, meist den Gutsituierten, denen, welche sogar davon noch proftitierten, an einem ganz bestimmten mehr oder weniger gut geformten Körperteil vorbeizugehen schienen, denjenigen welchen Hrdlicka – der zeitlebens niemals ein Blatt vor den Mund genommen hat – stets unverblümt selbstredend bei seinem ordinärsten aller Namen genannt hätte.

Zeitzeuge Hrdlicka

Alfred Hrdlicka hatte als Kind selbst noch das Wüten der Nazis in seinem Land, in seiner Stadt Wien, hautnah miterlebt, als dass er die braune Zeit einfach hätte so vergessen können. Aus diesem Grunde konnte es Hrdlicka auch nie und nimmer hinnehmen, wenn bestimmte seiner Landsleute nach dem Ende des Krieges und des Faschismus nun so taten, als seien sie alle nur arme Opfer gewesen.

Das blieb nicht ohne Reaktion. Wie wurde Alfred Hrdlicka angefeindet für das Denkmal “Krieg und Faschismus”, das er für die Stadt Wien plante! Wie sehr wurde das Vorhaben bekämpft! Legte es doch sozusagen den Finger in die österreichische Wunde. Eine Wunde, die so manch Österreicher so gern vergessen hätte. Nein, vergessen sollte das nicht werden. Schon deshalb nicht, weil Hrdlicka selbst als Kind noch gesehen haben dürfte, wie Wiener jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger, gezwungen dazu von der SA, auf dem Pflaster knieten und die Straße wuschen. Besonders erniedrigend: Nicht selten hatten die Juden das Pflaster mit der Zahnbürste zu säubern. – Es nützten alle Anfeindungen aller seiner Feinde nichts: Das Denkmal mit der Darstellung des knieenden, straßenwaschenden Juden kam. Es steht auf dem Albertina-Platz in Wien. Und das ist gut so!

Zuspitzend zuschlagend

Menschen wie Hrdlicka sind selten zu finden heute. Eigentlich fast kaum noch. Das kann man beklagen. Ja: man muss es sogar! Hrdlicka war ein Mensch mit Ecken und Kanten. Da ähnelte er den Steinen, die der Berserker wuchtig dreinschlagend beschlug. Hrdlicka war einer, der was zu sagen hatte. Der kräftig zupackte. Der sich selbst und andere nicht schonte. Hrdlicka konnte zornig sein und die Dinge ohne Rücksicht auf Verluste zuspitzen. Das Aus-sich-herausgehen lag in Alfred Hridlickas Naturell. Zu dem passte auch irgendwie der Wodka, dem Hrdlicka ordentlich zusprach (oder der ihm?). Auch der Wodka ist ja ein auf gewisse Weise gradliniges Getränk. Zuspitzend sowieso. So schleuderte Hrdlicka heraus, was ihm nicht passte. Was er nicht schlucken wollte. Weil er es gar nicht konnte. So schlug der Bildhauer Hrdlicka unbarmherzig gegen den täglichen Faschismus, gegen eine verkorkste Demokratie, gegen das verbrecherische US-Amerika (2005 beschäftigte sich Hrdlicka z.B. zeichnend mit deren Folterkellern im Irak) an – dass die Steinchen getroffen vom Meißel vom großen Stein, den er ausgestattem mit heißem Temperament und gesegnet mit einem bitterböse-liebenswürdig-hintersinnigen Wiener Schmäh im positivsten Sinne fleischhauende Steineformers heftigst beschlug, nur so durchs Prater-Atelier spritzten. Hrdlicka war eben alles andere als ein “Turteltäubchen”. Jedenfalls dann nicht, wenn ihm etwas wirklich ernst wahr. Dann stand er dazu. Egal was andere über ihn dachten. So nannte er Wolf Biermann schlicht und einfach einen Trottel.
Gehasst aber anerkannt

Einige seiner Werke sind auch in Deutschland zu besichtigen: “Plötzenseer Totentanz” (Berlin) und Friedrich Engels in Wuppertal. Der große Bildhauer Alfred Hrdlicka war auch als Professor in Stuttgart, Hamburg, Berlin und in seiner Heimatstadt Wien tätig. Das freute Hrdlicka besonders: Ab einem bestimmten Punkt war aus ihm ein berühmter und anerkannter Mann geworden. Jemand, an dem – und hasste ihn seiner Gegner auch noch so – spätestens ab da niemand mehr vorbei konnte.

Hrdlicka – Geburtshelfer der LINKEN?

Übrigens nahm Alfred Hrdlicka für sich die Tat in Anspruch, wonach er derjenige gewesen sei, welcher Oskar Lafontaine und Gregor Gysi dazu angeregt, ja: bekniet hatte, den Zusammenschluss von WASG und PDS zur LINKSPARTEI zu wagen. Der LINKE Hrdlicka stupste also demnach DIE deutsche LINKE an? Zuzutrauen wäre es Hrdlicka.

Patriot Hrdlicka

Wie auch immer. Am vergangenen Sonnabend verstarb in Wien im Alter von einundachztig Jahren ein ganz GROSSER Künstler. Wien und Österreich dürfen stolz auf Hrdlicka sein. Alle Welt ebenso. Ihr nämlich schlug er bei und kerbte ihr ein, was in und auf ihr nicht stimmt. Alfred Hrdlicka war letztlich ein wahrer österreichischer Patriot. Nur eben in einem ganz anderem Sinne, als man vermuten könnte. Einem Sinne nämlich, der einiges vom Kopf auf die Füße stellte. Viele werden das erst lange nach seinem Tode begreifen. So ist das nun einmal in Österreich…

Photo/Quelle: Hammer in der Faust; Rike via Pixelio.de

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