Drei Jahre ist es nun schon her, dass der damals 27-jährige Sebastian Deisler seine Fußballschuhe für immer an den Nagel hängen sollte. Mit leiser Hoffnung warteten viele Fußballbegeisterte auf eine Rückkehr ““ vergeblich. Seine körperlichen, aber vor allem seine psychischen Leiden verhinderten eine Rückkehr auf die große Bühne des Profifußballs. Ein Blick auf Deislers Karriere zeigt, welche Faktoren fernab des puristischen Ballspiels heutzutage mitunter tragendere Rollen spielen: Bayern Münchens Spieler haben passenderweise ihr altes Olympiastadion verlassen und tragen heute ihre Heimspiele in der Allianz-Arena aus. Als Spieler oder schon als Gladiatoren?
Besonders Fußballspieler haben eine stark ambivalente Beziehung zur Medienlandschaft und den sich dahinter positionierenden Fanlagern.
Wir, die Fans, wollen ja alles wissen. Wir wollen wissen, wo Basti (in diesem Falle nicht Deisler) wann mit seiner Sarah im Biergarten saß und wie die beiden seine EM-Tore unmittelbar nach Abpfiff feierten. Wir wollen wissen, mit welchen Autos unsere Nationalspieler den Nachhauseweg bestreiten (Oliver Kahn auf Ferrari, Per Mertesacker angeblich mit einer A-Klasse) und angeblich wollen wir sogar wissen, wie die zwölfte Ehefrau von Lothar Matthäus mit ihrem Frisurenwechsel (von Braun auf Blond) umzugehen pflegt.
Anscheinend haben wir auch ein Recht auf die private Person hinter dem Sportler ““ die Auflagenstärke deutscher Boulevardzeitungen gibt uns jeden Tag aufs Neue recht. Ein guter Profi funktioniert im Jahr 2009 nur noch als Gesamtpaket aus Sportmaschine und medialer Persönlichkeit. Deisler wollte dies nicht (was uns, die Fans, aber nun wirklich nicht interessiert) und musste dafür einen hohen Preis bezahlen.
Ob seine Depression, die ihm letztlich in Kombination mit einem dauerhaften Knorpelschaden im rechten Knie, seine fußballerische Zukunft gekostet hat, auf das enorme Medienecho zurückzuführen ist, sei mal dahingestellt. Viel mehr wird an der Person Deisler klar, dass ein Fußballprofi heute neben seinen Fähigkeiten auf dem Platz auch auf dem Boulevard ein wahres Genie besitzen muss.
Wir, die Fans, haben Virtuosen wie Deisler heute nur noch bedingt verdient.
Unserem Kaliber entspricht vielmehr ein Narziss wie Cristiano Ronaldo, der gemeinsam mit Paris Hilton die Boulevards und den Boulevard unsicher macht und ein ewiger Lothar Matthäus, der mit seiner Institution, ähh Intiution, ähh Indiskretion, ähh Intuition sicher auch bald sein Debüt als Bundesliga-Trainer feiern darf. Wir, die Fans, haben uns das redlich verdient.
Quirin Fritz arbeitet in einer Sportredaktion und bloggt für betfair
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