Am Sonntag, den 29. November stimmten 57,5% der Wähler in der Schweiz dem Verbot über den Neubau von Minaretten zu und ebneten damit den Weg zu einer Verfassungsänderung. Das Referendum betrifft nur den Bau neuer Minarette (nicht von Moscheen) und erstreckt sich auch nicht auf die vier bestehenden Minarette. Jillian York befasste sich mit den ersten Reaktionen aus der arabischen und muslimischen Blogosphäre. Das Verbot schlägt immer noch Wellen unter den Fans und der Opposition.
Mona ElTahawy hat eine Frage an die Schweiz und die anderen europäischen Länder, die vom rechten Flügel begeistert sind:
“Seit wann nehmt ihr euch Saudi-Arabien zum Vorbild?
Schon bevor 57,5 Prozent der schweizer Wähler am Sonntag ihre Stimme abgaben, um den Bau der Minarette von Muslimen zu verbieten, war es klar, dass das Schweizer Image als Land der Toleranz genauso voller Löcher war, wie ihr Käse. Als die rechte Schweizerische Volkspartei (SVP) in 2007 an die Macht kam, benutzte sie ein Plakat mit einem weißen Schaf, dass ein schwarzes Schaf aus der Landesflagge heraustrat. Das war kein Hinweis auf schwarze Schafe als Rebellen – der rechte Flügel ist nicht niedlich – sondern auf Hautfarbe und Ausländer.
Die am Sonntag von der SVP benutzten Plakate zeigten von Kopf bis Fuß schwarz gekleidete Frauen vor phallischen-aussehenden Minaretten. Solcher Rassismus ging der Bigotterie voran, fütterte sie und heizte das Referendum an.”
Noch wütend über die Idee der Politisierung der Minarette, sagt ElTahawy:
“Minarette werden zum Ruf zum Gebet verwandt, nicht um die Menschen in islamische, politische Gruppen zu rekrutieren. Wenn der SVP die Rufe zum Gebet zu laut sind, möchte ich sie gerne sehen, wenn sie versuchen würde, die Kirchenglocken zum Schweigen zu bringen.”
Mohaly wünscht, dass:
“die Schweizer der Welt gezeigt hätten, wie objektive und konsequent sie seien können. Statt der Abstimmung gegen den Minarettbau hätten sie doch einfach dafür stimmen können, das prominenteste schweizer Produkt, die “œUhren”, an jedem Minarett zu befestigen – sieh das Bild -. Das wäre doch eine recht schöne Architektur, die zum Vorteil aller ein praktisches Instrument enthält, ohne dass sie wie eine “œMuslim Rakete” aussieht.”
Nawara Negm zeigte mit dem Finger auf die Bigotterie:
“Heuchler werden in die tiefsten Abgründe der Hölle verdammt werden! Hier steht ein Mann, der sich taub stellte, als drei Häuser mit darin betenden Christen verbrannten und jetzt schreit er über das Verbot der Schweizer Minarette zu bauen!”
Nawara erinnert diejenigen, die jetzt nach Toleranz rufen, an ihre frühere Intoleranz:
“Ich möchte gern die hören, die die ägyptischen Christen provokativ, hinterhältig und heuchlerisch finden. Dass sie sich verschwören Ägypten in ein christliches Land zu verwandeln und dass es aus diesem Grund nur fair ist, ihre Häuser zu verbrennen und sie davon abzuhalten, Kirchen zu bauen. Ich möchte wirklich wissen, was solche Leute über das Verbot der Minarette zu sagen haben – ich spreche nur von den Minaretten! Nicht von den Moscheen!”
In ihrem Beitrag berührt Mona ElTahawy ebenfalls dieses Thema:
“Der Großmufti von Ägypten, zum Beispiel, prangerte das Verbot als “œAngriff auf die Freiheit des Glaubens” an. Ich würde ihn ernst nehmen, wenn er in ähnlicher Weise die Schwierigkeiten bemängeln würde, denen ägyptische Christen beim Bau von Kirchen gegenüber stehen. Selbst für einfachste Renovierungen müssen sie eine Sicherheitserlaubnis beantragen.
Letztes Jahr wurde die erste katholische Kirche – ohne Kreuz, ohne Glocken und ohne Turm – in Qatar eröffnet. Damit ist Saudi-Arabien jetzt das einzige Land im persischen Golf, das den Bau von Gotteshäusern für Nicht-Muslime verbietet. In Saudi-Arabien ist es selbst für Muslime, die nicht der ultra-orthodoxen Wahhabitensekte angehören, Schiiten zum Beispiel, sehr schwierig und sie werden regelmäßig mit Diskriminierungen konfrontiert.
Bigotterie muss verurteilt werden, wo immer sie auftritt.”
Muslims against Sharia fand Libyens Präsident Gaddafis Erklärung lustig, er sagte:
“œSchweizer Minarett-Verbot fördert al-Qaida-Anschläge.” Hier wird angenommen, dass jede Art von Provokation (echt oder eingebildet) durch Nicht-Muslime, mit Gegenmaßnahmen durch den Dschihad-Terrorismus beantwortet werden müssen. Letztendlich sagen uns ihre Fürsprecher, “œdefensive” Dschihad ist ganz in Ordnung, Kalif oder keinen Kalifen.
“Der struppig-haarige Diktator witzelt weiter: “œIch glaube nicht, dass irgendjemand in der muslimischen Welt jetzt den Bau einer Kirche genehmigen wird.”
Das ist natürlich ironisch, denn 1. hat die muslimische Welt die Freiheit der Religionsausübung bis jetzt niemals mit offenen Armen aufgenommen und 2. sind die Einschränkungen für die Konstruktion von nicht-muslimischen Gotteshäusern in dem Pakt von Umar verankert, der ein weitreichender Präzedenzfall für die Unterdrückung von Nicht-Muslimen auf unterschiedliche Art und Weise ist. Im übrigen verhindert das Minarett-Verbot weder das Beten noch den Bau neuer Moscheen.”
Shokeir beobachtet ob es die westlichen Länder mit den Symbolen des Islams satt haben
“Der Westen hat langsam genug mit dem Islam und welche Symbole auch immer er haben mag; ein Land verbiete Niqab, das andere Hijab. Eins verteidigt anstößige Bilder und das andere begrüßt Filme, die den Koran missbrauchen. Und jetzt das: Nachdem die Rufe zum Gebet zum Schweigen gebracht wurden, werden die Minarette gänzlich verboten.”
Auf der anderen Seite ist Hassan El Helali erleichtert und betont einige Kommentare aus seinem Beitrag:
“Wir gratulieren der Schweiz! Pech für “œdiejenigen” Gruppen, die von der Vermarktung der Religion aufgrund ihrer Stammes-Organisation leben und gedeihen. Diese Gruppen weinen über die Freiheitsverletzungen der in Europa lebenden Muslime, als ob ihre Geburtsländer – Ländern, denen sie entkommen sind – in Toleranz getränkt wären. Gut! Wenn Europa der Bigotterie schuldig ist, warum haben sie dann nicht um politisches Asyl oder Immigranten-Rechte in einer islamischen Kolonie im Sudan gebeten – denn hier hätten sie die wahre Bedeutung von Freiheit kennengelernt.”
Dieser Beitrag erschien zuerst auf Global Voices. Die Übersetzung erfolgte durch Hans H. Knauf, Teil des “Project Lingua“. Die Veröffentlichung auf der Readers Edition erfolgte mit freundlicher Genehmigung von Global Voices.
Einige schiefe Vergleiche sollte man trotz allem begradigen:
Die Phantasie des Autors/der Autorin möchte ich nicht beanstanden, aber in dem Plakat habe ich keine “phallischen Symbole”. sondern Raketen erkannt.
Der Vergleich mit ägyptischen Christen hat den Nachteil, dass es sich dort um Agypter handelt, in der Schweiz bei den Muslimen jedoch ganz überwiegend um Immigranten jüngerer Zeit, denen es -wie ein Kommentator bereits anderswo richtig schrieb- von den Schweizern schlicht verwehrt wird, das Land so umzugestalten, das es am Ende aussieht wie die Türkei.
Christliche Kirchen haben i.Ü. den Vorteil, dass sie -heute- keine dominante Architektur benötigen oder verlangen.
Nein.Minarette werden auch mit Schweizer Uhr nicht zu Schweizer Architektur.