Vor einigen Jahrzehnten, vor Präzisierung schrecke ich hier feige zurück, begannen viele Menschen der Urbanisierung überdrüssig zu werden. Das führte dazu, dass diese Zeitgenossen ihren, von der Industrialisierung gegeißelten, faden Alltag nicht mehr mit einem Strandurlaub unterbrachen, sondern eine andere Form der Natur heimsuchten. Sie stiegen auf Berge, wanderten durch Täler, spazierten in Wäldern, oder angelten nordische Fjorde leer. Zu Beginn genügte ihnen die bloße Wahrnehmung der Fremde einer unberührten Natur.
Später realisierten sie, dass solch ein Wanderurlaub doch hervorragend dafür geeignet war, sich auf der Trägheitsskala von den üblichen Strandurlaubern abzusetzen. Also überbot man sich nun im heimischen Bekanntenkreis mit Erzählungen darüber, wie hoch der Berg, wie grün die Wiesen und wie rein die Luft doch war.
Der jüngste Schritt der I-am-so-Outdoor-Bewegung hat seine Wurzeln in der Tatsache, dass es ihre Anhänger nicht mehr befriedigt, Bekannten von dieser Leidenschaft fürs Ungemütliche zu berichten. Es kann doch ruhig jeder Wissen, dass sie auch (oder in manchen Fällen wenigstens) abseits des Berufslebens noch Kraft für Herausforderungen aufbringen können und sich den gnadenlosen Mächten der Umwelt hingeben.
Dieses Bekenntnis hat sein Sprachrohr in den sogennaten Outdoor-Textilherstellern gefunden, an deren Spitze die Marken Jack Wolfskin und TheNorthFace um die Führung ringen. Waren Produkte dieser Unternehmen anfangs noch Utensilien für den Überlebenskampf Mensch gegen Natur (wobei Natur hier als Synonym für Gebirge, Wald, Wiese usw. zu verstehen ist), sind sie heute zur Mode, ja beinahe zur Uniform quer durch alle Bevölkerungs-, Generations- und Einkommensschichten mutiert.
Das beste Argument für den Kauf ihrer Ware sehen die Hersteller in der Multifunktionalität. Damit meinen sie natürlich nicht, dass man mit einem Jack-Wolfskin-Schal einen Grizzlybären erwürgen könnte oder eine TheNorthFace-Jacke als Fallschirm geeignet wäre (auch wenn sie dies nicht konkret ausschließen). Beworben wird die Alltagsrüstung mit Adjektiven wie “œwind- und wasserdicht”; “œanatomisch angepasst”, oder “œatmungs-aktiv” und hebt sie somit von den altmodischen “œschwammhaften”, “œanatomisch fragwürdigen”, “œErstickungstod-fördernden” Mänteln und Jacken ab.
Allein 80% der Jack Wolfskin-Stores befinden sich in Deutschland, was schon einiges über das starke Bedürfnis unseres Volkes, als besonders outdoor-tauglich erkannt zu werden, aussagt. Ganze Innenstädte entwickeln sich von Schauplätzen für modisch Interessierte hin zu Orten die, betrachtet man die Outfits der vorbei Fliegenden, voll sind von Abenteuern und Gefahren. Dabei darf man guten Gewissens annehmen, dass auch Menschen, die ohne Tatzenanorak die urbane Tristesse erhalten und den Einkaufsbummel in Mantel und Strickjacke riskieren, kein Dasein ohne Reiz und Antrieb verleben. Womöglich halten sie in ihren NoName-Rucksäcken ja NoName-Regenschirme bereit, mit denen auch sie trocken durch den ein oder anderen Regenschauer gleiten. Einige von ihnen, wenn auch nur ein kaum erwähnenswerter Anteil, haben mit Sicherheit schonmal einen Waldspaziergang unbeschadet überstanden oder sogar den Gedanken an einen Campingausflug ins Auge gefasst ““ und das vielleicht ganz ohne Mr. Wolfhaut.
Gut beobachtet! Seit die Bundeswehr in Afghanistan gezielt vermeintliche Taliban tötet, wird bestimmt bald auch der Military-Look wieder “in” sein.