Als die undemokratische Form eines nach dem Ende des verheerenden, von Hitlerdeutschland vom Zaune gebrochenen Zweiten Weltkriegs, einst so hoffnungsvoll auf den Weg gebrachten Sozialismus-Versuchs in den turbulenten Zeiten ausgangs der 1980er Jahre, Anfang 1990 an ihr Ende gekommen bzw. gebracht worden war, herrschte in den sich sozialistisch nennenden Ländern Osteuropas verständlicherweise eine große Euphorie. Besonders groß fiel diese Euphorie natürlich in den beiden deutschen Staaten BRD und DDR aus, die bald darauf schon zu einem gemeinsamen Deutschland wiedervereinigt werden sollten. Kühl denkende Köpfe betrachten diese Wiedervereinigung noch heute kritisch. Für sie war es gar keine richtige. Sondern eben das, was sie ja faktisch auch war: ein Beitritt der DDR zur BRD.
Des einen Freud…
All das tat aber der allgemeinen damals herrschende Freude keinen Abbruch. Im Gegenteil. Vor allem der ehemalige Klassenfeind des Sozialismus, das kapitalistische bzw. imperialistische Gesellschaftssystem, freute sich wie Schmitz Katze darüber. Warum, dass begriffen hauptsächlich viele DDR-Bürgerinnen und Bürger – welche zu diesem Zeitpunkte noch dem Feiern beschäftigt und dementsprechend aus dem Häuschen waren – erst ein wenig später. Nämlich dann, als sie (die sie selbst, sozusagen eben noch von jetzt auf gleich die eilends nächtens in die Läger der Kaufhallen gekarrten Westwaren den eignen vorgezogen hatten) plötzlich gleich reihenweise ihre Arbeitsplätze (welch Wunder?!) verloren! Der einstige Klassenfeind jedoch jubilierte. In den Vorstandsetagen dürften die Schampusgläser nur so geklingelt haben: In Erwartung nämlich der sich ob den Segnungen der Deutschen Einheit schon bald füllenden Konzernkassen, in denen dann ordentlich frisches Geld klingeln würde. Die DDR – welch riesiger Absatzmarkt für die BRD-Firmen!, deren ureigenster Absatzmarkt ja mehr als gesättigt war. Die Wiedervereinigung, werden da manche Bosse und Politiker gedacht haben: sie schickt uns der Himmel!
“Das Ende der Geschichte”
Auch jenseits des Großen Teichs ließ sich selbstredend jede Menge Jubel vernehmen. Ein Politikwissenschaftler namens Francis Fukuyama nahm den Mund Anfang der 1990er Jahre gleich besonders voll. Er sah nach dem schmählichen Abgang des Sozialismus vollmundig bereits DAS ENDE DER GESCHICHTE gekommen. Für Fukuyama hieß das nicht weniger, als dass sich die Demokratie von nun an endlich weltweit durchsetzen würde.
Von Hoffnungen und Wermutstropfen
Nun ja: Dieser Hoffnung waren damals ganz sicher Millionen von Menschen. Jetzt, dachten sie, wäre der Frieden auf ewig gesichert, der Wohlstand käme: es geht in jeder Hinsicht aufwärts. Gorbatschows Worte von einem gemeinsamen Haus EUROPA, in dem alle Nationen und Völker des Kontinents gleichberechtigt und in Frieden ihre Wohnung hätten, schien umsetzbar zu sein. Alle Hoffnungen zu Anbeginn der 1990er Jahre, so denke ich heute noch immer: waren durchaus berechtigt. Freilich stellte sich schon bald heraus, dass sich zwar tatsächlich bestimmte Hoffnungen (allein der Wandel der osteuropäischen Länder von Diktaturen zu Demokratien legte Zeugnis davon ab) erfüllten. Allerdings fielen schon bald Wermutstropfen in manch Jubelgetränk. Der Golfkrieg im Irak. Noch schlimmer: es gab wieder Krieg in Europa. Auf dem Balkan. Der Westen war nicht unschuldig daran. Beschämen muss uns heute, dass auch Deutschland, insbesondere die überstürzte Anerkennungspolitik des damaligen Außenministers Genscher in Bezug auf die Staatsgründungen der abtrünnigen Teilrepubliken Jugoslawiens, Slowenien und Kroatien, zu einem Schüren des jugoslawischen Bürgerkriegs beigetragen dürfte.
Als gänzlich unentschuldbar gilt mir die Beteiligung Deutschlands am Kosovo-Krieg gegen Jugoslawien. Ins Werk gesetzt ausgerechnet auch noch von der rot-grünen Bundesregierung Schröder/Fischer. Gerade der grüne machtbesessene Emporkömmling Joschka Fischer war bei den damaligen Verhandlungen mit Jugoslawien im französischen Rambouillet (Rambouillet-Plan) maßgeblich am Versuch beteiligt, Belgrad einen Vertrag abzunötigen, den es nicht unterzeichnen konnte (wie ihn auch kein anderes Land in der Lage Jugoslawiens hätte unterzeichnen können). Schließlich sah der Vertrag im Grunde genommen vor, dass Belgrad damit jegliche Souveränität über sein Staatsgebiet verloren hätte. Was folgte, war mehr als ein Fauxpas: Rot-grün führte die BRD erstmals nach Ende des Zweiten Weltkriegs wieder in einen Krieg. Noch dazu gegen Jugoslawien! – Damals verloren wir die Unschuld. Nicht nur bei der Tötung von Zivilisten auf der Brücke von Varvarin Und wo stehen wir heute? Stichwort: Die Lügen um das Bombardement der Tanklaster bei Kundus, wobei 142 Menschen auf deutschen Befehl hin den Tod fanden…
Ein eisiger Wind weht durchs Chapiteau des Raubtierkapitalismus-Zirkus
Nimmt man es einmal streng, so waren die 1990er Jahre verlorene Jahre. Weitgehend regierte eine immer weiter ausufernde “Spassgesellschaft”. Erste Privatisierungen wurden ins Werk gesetzt. Der Raubtierkapitalismus übte seine ersten Sprünge in der größer gewordenen Manege. Unterdessen sind wir in der schwersten Weltwirtschaftskrise der letzten achtzig Jahre angekommen. Das Chapiteau über der Manege hat nicht wenig Risse bekommen: Es regnet durch. Ein eisiger Wind streicht durch die Zuschauerreihen des Zirkus “Kapitalismus”. Bevorzugend dabei die Sitze auf denen der “Pöbel”, das neue Prekariat, sitzt. Aber auch die in der Mitte ihren Platz in der Zirkusgemeinschaft haben, spüren schon einen kühlen Hauch ums Gesicht herum. Der Kapitalismus, sagt selbst heute ein Heiner Geißler, ist auf seine Art am Ende. Doch zuvor reißt er in seinem Todeskampf noch weitere soziale Errungenschaften der letzten 100 Jahre mit sich den Abgrund, in den wir nun hinab blicken: das Gesundheitswesen und die Rentenversicherung etwa… Die Damen und Herren von Schwarz-gelb, die nun am Futtertrog der Macht sitzen, winken bei der kleinsten Kritik an ihrem Tun arrogant ab: Die Leistungsträger der Gesellschaft müssten gestärkt werden. Ist doch klar: Die schon haben, denen muss weiter gegeben werden. Und zwar reichlich! Dann, so die von Merkel/Westerwelle zusammengelogene Logik, hätten alle was davon. Wie? Dies bekommen wir schon seit fast zwanzig Jahren erzählt. Wer’s glaubt, der wird selig…
Vom Mut
Anfang Dezember stieß ich auf einen interessanten Beitrag im “Neuen Deutschland” (ND). Dessen Verfasser ist der Musik- und Musiktheaterwissenschaftler Prof. Gerd Rienäcker. Der Beitrag trug den Titel “Vom Verrat an Visionen” und befasste sich mit einem Urteil, welches eine Gasthörerin 1989 artikuliert hatte. Es lautete: “Etwas mutiger hätte die Intelligenz der DDR sein können!” Rienäcker bekennt in dem Artikel, ihn hätte dieses Urteil wehgetan, jedoch akzeptiere er es weitgehend. – Ja, mit dem Mut ist allgemeinhin so eine Sache. Wir wissen das alle. Ob wir uns nun der Intelligenz zurechnen, oder einer anderen Gesellschaftsschicht. Erst recht muss wahrhaftig mutig sein, wer Mut in einer Diktatur aufbringen möchte. Wer in der DDR gelebt hat, wird wissen, was ich meine. Nach deren Ende befragte man sich für gewöhnlich als gewesener DDR-Bürger deshalb auch: Wie handelte ich an der einen oder anderen Stelle in meinem Leben. Falsch oder richtig? Was überhaupt ist falsch oder richtig? Jeder Einzelne mag zu der Einsicht gekommen sein: ich hätte mehr machen können, als ich tat. Nicht jeder, der kritisch handelte (zumindest in den Schlussjahren der DDR) kam gleich in Konflikt mit der Staatsmacht. Dennoch, auch Professor Rienäcker betätigt es: “Es hat nicht nur mehr oder minder berechtigte Ängste, sondern durchaus unberechtigte Feigheit, Gesinnungslumperei, Borniertheit, selbst- und fremdbestimmtes Unwissen gegeben, und dies auch bei nicht wenigen Intellektuellen, übrigens nicht nur bei Mitgliedern der SED.”
Eine Passage in Gerd Rienäckers Text ging mir besonders nach: “Wie verhalten sich Intellektuelle hier, heute, morgen – im Angesicht verheerender Kriege, sich ankündigender und längst stattfindender sozialer Verwerfungen? Und welche Spielräume sind ihnen gegeben, die Stimme zu erheben wider älteres und neueres Unrecht?”
Fragen von Heute
Man kann diese Fragen auf jeden einzelnen von uns herunterbrechen. Wir dürfen dabei nicht vergessen, dass wir uns nunmehr aber nicht in einer Diktatur, sondern in einer Demokratie befinden. Einer Demokratie, die trotz ihr bereits zugefügter Beschädigungen, noch viele Möglichkeiten des Widerstandes und Aufbegehrens gegen Fehlentwicklungen bereithält. Wie war es eingedenk dessen eigentlich möglich, dass man uns in diese schwere Weltwirtschaftskrise hineinmanövrierte? Vielmehr: wir uns auch noch, wie das Vieh, das man zur Schlachtbank führt, freiwillig in diese Lage hineinmanövrieren ließen? Schließlich erfolgte wenig Gegenwehr. Warum ließen sich die meisten von uns derart einlullen, von neoliberalen Gedankengut, dass viele Menschen auch noch Beifall dazu klatschten, als faktisch in aller Öffentlichkeit die ersten diesbezüglichen Todesurteile unterfertigt wurden? Warum erfüllte die Presse nicht ordentlich ihre Aufgabe und enthüllte all die geplanten Schweinereien und deren Hintergründe? Warum verkamen DER SPIEGEL und auch andere früher als kritische Medien geltende Printmedien (die elektronischen Medien sowieso) zu reinen Kampagne- und Lobbyistenmedien? Wie konnte es geschehen, dass wir uns jahrelang von einer Frau Christiansen (und später anderen ihr nachfolgenden Kolleginnen, wie Will, Illner und Maischberger u.s.w..) quasi allwöchentlich verdummen – weil desinformieren – ließen? Nebenbei sägten und sägen die jeweils Regierenden am hohen Gut der Demokratie herum. Der vorgeschobene Grund als Totschlagargument: Kampf gegen den Terrorismus. Warum merkten scheinbar nur Wenige, was all die Jahre über so falsch lief und auf den Holzweg führte?
Was ich nicht glauben möchte
Sollte wirklich stimmen, was böse Zungen zuweilen behaupten: nämlich, dass eine Mehrheit der Deutschen von Arroganz und Ignoranz gegenüber den tatsächlich wichtigen Dingen auf dieser Welt geprägt sind; und lieber der ihnen über die Jahrzehnte antrainierten Schnäppchenmentalität frönen? Wobei es ihnen egal ist, ob das anderen Mitmenschen den Arbeitsplatz kostet? – Ich möchte das ungern glauben. Wobei ich mich erinnere, in meinen Umfeld öfters Menschen anzutreffen, welche statt einer gut informierenden Zeitung lieber und das mit beängstigender Inbrunst die ihnen beigelegten Reklameblättchen studieren. Auf der Suche nach dem billigsten, aber dafür besten NAVI…
Die Rechnung kommt bestimmt auf den Tisch
Eines immerhin steht fest: eines wahrscheinlich gar nicht einmal mehr allzu fernen Tages wird die Rechnung für unser Tun auf dem Tisch liegen. Dann wird man Menschen wiederum vorwerfen, sie hätten mutiger sein können oder müssen. Und sicher nicht nur den Intellektuellen. Auch wird man fragen: warum sind es immer nur Wenige, welche aus dem verhängnisvollen Kreis des vom Kapital vorgegebenen mainstreams aussteigen? Womöglich stellt sich dann ebenfalls die Frage, welche Art von Euphorie wohl nach dem Ende des Kapitalismus aufkommen wird. Und ob überhaupt.
Photo/Quelle: S. Hofschlaeger via Pixelio.de “Warum steigen immer nur so Wenige aus…”
Lieber Claus Dieter Stille,
vielen Dank für den Ausblick in die Vergangenheit, für all die Wahrheiten über die Dinge, die vollkommen aus dem Ruder gelaufen sind, vielen Dank, dass Du uns allen den Spiegel vorhälst.
Leider muss man wohl zugeben, dieses Volk hat keinelei Interesse an den Realitäten, es hat kein Interesse an Wahrheiten. Die tumbe Masse, zieht sich lieber einen spannenden Film rein, als sich auf Phoenix oder Arte mit politischen oder wirtschaftlichen Hintergrungwissen zu belasten.
Wie anders ist es zu erklären, dass der “Leuchtturm der Freiheit”, der Jurist, der sich “18%” unter die Schuhsohlen klebt, um diese Sohlen dann in 140 Talkshows mit Stolz vorführt, wie kann ein solcher Hohlkörper fast 15% der bundesdeutschen Wählerstimmen auf sich vereinigen?
Wie kann sich jemand bei der “schwarzen Anne” zum Beispiel die aneinander gereihten Leeren Worthülsen des Juristen Wulf reinziehen. Wie können so viele unserer Mitbürger, dem Gebrabbel der untergeordneten Politchargen, die vor lauter Kadavergehorsam Ihren Fraktionsvorsitzenden, Ihren Parteivorsitzenden, Ihren Generalsektrtären, all Ihren Parteioberen, Kopf voran schon bis zum Bauchnabel ins Ars…..h gekrabbelt sind, – vertrauen.
Wie können all unsere Volksgenossen, noch irgendeinem Printmedium, irgendeiner Zeitung, irgendeinem Magazin zu trauen, dass dort ein Komma, ein Punkt, ein Ausrrufungs- oder Fragezeichen an der richtigen Stelle gesetzt wurde. Das jedes Wort die pure Desinformation ist, das versteht sich von alleine.
Dieses Land, Europa, die gesamte westliche Welt verhält sich wie eine Herde von Lemmingen. Wir haben allerdings dieses mal den Vorteil, wir rennen schon eine Weile, sind dem Abgrund schon sehr nahe gekommen!
Nichts wird besser und nichts wird gut
O. W. H.