Wer nach der Lektüre dieses Beitrags gleich wieder umhergeisternde Vorurteile über den Islam aufgreift, weil sie diese auch noch bestätigt sehen und aus diesem Grunde mit einem Finger bohrend in Richtung dieser Religion zeigen sollte, bedenke: mindestens drei Finger weisen dabei auf ihn selbst zurück. Zweifellos nämlich hat es schon immer unter den Gläubigen aller Religionen – mögen sie ansonsten auch noch so gute Christen, Juden oder Moslems gewesen sein – Menschen gegeben, welche in bestimmten Lebenssituationen, drücken wir es einmal vorsichtig aus, ihren Glauben etwas liberaler ausgelegt haben, bzw. dankend gerne diversen Auslegungen gefolgt sind, die dies sogar halbwegs legalisierten. Und das ist noch heute so. Übrigens: erfinderisch in jeder Hinsicht sind ebenso Agnostiker und Atheisten. Eine gehörige Portion Schlitzohrigkeit ist bei derlei Geschichten immer von Vorteil und deshalb auch meist immer im Spiel. Mögen uns die Evangelen diesbezüglich auch manchmal etwas zu staubtrocken daherkommen: die Katholiken sind es bestimmt durchaus nicht immer. Deshalb geht es bei denen möglicherweise auch etwas bunter und theatralisch-feierlicher zu. Sündigen und Beichten. Das gehört doch irgendwie zusammen. Möchte man augenzwinkernd wagen hinzuzufügen. Und was gibt es nicht erst für witzige Geschichtchen über geschickte Auslegungsformen der Menschen mosaischen Glaubens, diesbezüglich den Rabbi befragen…
Anpassungsversuche
All dies im Hinterkopf wissend, dürfte sich gewiss nun auch niemand mehr verwundert darüber zeigen, dass auch der Islam solche Erscheinungen kennt. Natürlich werfen viele Islam-Kritiker dieser Religion immer wieder nahezu gebetsmühlenartig – aber durchaus nicht uneigennützig – vor, völlig zurückgeblieben zu sein, und sich nicht weiterentwickelt zu haben und dies wohl auch fürderhin nicht in Betracht ziehen zu wollen. Sicherlich: nicht von der Hand zu weisen ist, dass der Islam bislang keine Phase der Aufklärung (im Vergleich zum Christentum) durchlaufen habe. Dennoch gibt es unter den Muslimen Bestrebungen ihre uralte Religion auf durchaus schlitzohrig zu nennende Weise mit der Gegenwart halbwegs passend überein zu bringen.
“breast-feeding-fatwa” erregte Ägypten
Von solchen Fällen berichtete vor einiger Zeit in Funkhaus Europa der in Kairo arbeitende und lebende freie Journalist und frühere Mitarbeiter der “taz” (schrieb u. a. auch für DAS MAGAZIN) Jürgen Stryjak.
Im Jahr 2007 erregte eine Fatwa (islamisches Rechtsgutachten) Ägypten.
Viele Menschen hierzulande dürften das erste Mal etwas von einer Fatwa gehört haben, als der Schriftsteller Salman Rushdie von eben einer solchen Fatwa, welche von keinem geringeren als Ayatollah Khomeini erlassen worden war, mit dem Tode bedroht wurde.
Die Fatwa nun, welche in Ägypten und darüber hinaus in der Welt (wo sie von Islam-Gegnern gleich wieder dafür hergenommen wurde, um den Islam in Gänze zu verunglimpfen) gewaltige Erregungswellen generiert hatte, heißt auf Englisch breast-feeding-fatwa. Verfasst wurde das islamische Rechtsgutachten von Dr. Izzat Attia. Der gute Mann wird sicher inzwischen sicherlich ungern an seine Fatwa erinnert werden wollen: Er verlor nämlich wegen selbiger seine Stelle als Direktor der Habith-Abteilung an der angesehenen Kairoer al-Azhar-Universität. Diese Universität gilt als die Institution, was Islamische Rechtsgutachten angeht. Wie war es zu dieser Fatwa gekommen? Ein Gläubiger wird Attia wohl zuvor gefragt haben, unter welchen Umständen ein Mann mit einer fremden Frau im gleichen Büro arbeiten dürfe. Attia dachte nach und gebar eine wahrhaft extraordinäre Lösung:
“Eine Frau, die einem erwachsenen Mann 5 Mal die Brust gibt, um ihn damit zu säugen, etabliert dadurch ein verwandtschaftliches Verhältnis zwischen den beiden. Was zur Folge hat, dass die beiden in einem Zimmer zusammen arbeiten können, ohne dass sich die Frau verschleiern und ein Anstandsmann mahram anwesend sein muss. So der vereinfachte inhaltliche Kern der ‘breast-feeding-fatwa’ (…)”, laut heise.de (Schauen sich ruhig einmal den amüsanten Video-Clip von Baba Ali weiter unten auf der Seite an). Das scheinbar so problemlos zu stemmende “Alltagsproblem” geriet ad hoc zu einem großen Ärgernis. Nicht nur Dr. Attias Vorgesetzte fanden diese per Fatwa verkündete theoretische Lösungsmöglichkeit äußerst peinlich. Ganz Ägypten war not amused darüber. Pech für den es gut meinenden Dr. Izzat Attia: Er stolperte schwer über diese Fatwa. Seine Chefs nahmen ihn sich sozusagen zur Brust. Danach flog er achtkantig von der Uni…
Die Fatwa für den Stau. Fatwa-Online. Fatwa im TV
Jürgen Stryjak sind noch andere diverse Praktiken in punkto islamische Rechtsgutachten zu Ohren gekommen. Längst gibt es in Ägypten einen Markt dafür. Und das Schöne dabei: jeder kann sich die für ihn und seine anstehenden Probleme passende Fatwa heraussuchen. Stryjak zufolge kaufen sich viele Ägypterinnen und Ägypter ihre Fatwa auf CD und hören sie auf der Fahrt zur Arbeit oder von dieser kommend während der Heimfahrt, wenn sie in den unvermeidlichen immens langen Staus auf Kairos Straßen stecken. Es gibt nichts, was es nicht gibt. Sogar über Online-Portale können inzwischen islamische Rechtsgutachten heruntergeladen oder nachgelesen werden. Im ägyptischen Fernsehen sind überdies – wohl nach dem Muster US- oder südamerikanischer TV-Predigers-Shows – Sendungen präsent, die sich ebenfalls mit diversen “Alltagsproblemen” befassen, die sich mittels Fatwa praktisch beheben ließen. Dass deren Herkunft zumindest oft fragwürdig sein dürfte, scheint die Leute nicht weiter zu kümmern. Da verhält es sich offenbar ähnlich wie mit Horoskopen in den Zeitungen: Die Menschen glauben das, was sie eben gerne glauben wollen. Ein moderner Islam also? Na, manch islamischer Gelehrter dürfte da geschwinde abwinken und für derlei “Neuerungen” kaum Begeisterung übrig haben.
Islamischer Gelehrter: Weibliche Kopfbedeckung keine Vorschrift des Koran
Unlängst machte abermals ein islamisches Rechtsgutachten in Ägypten von sich reden. Demnach erklärte ein Islamgelehrter, dass sich Studentinnen an der Uni nicht den Kopf bedecken müssten. Die Annahme nämlich, dies sei Pflicht – so der Gelehrte – rühre aus der Tradition her und habe nichts mit den Koran-Vorschriften zutun. Allerdings, war unterdessen zu erfahren, bestehen dennoch manche Studentinnen darauf, sich zu verhüllen. Auch Lehrer sind dafür, ihre weiblichen Schützlinge so vor eventuellen Belästigungen zu bewahren. Ob sie das nun tatsächlich vor Nachstellungen männlicher Kommilitonen schützt, sei indes dahingestellt: Einige von denen sollen sich schon hin und wieder in Frauengewändern und verhüllten Kopfes in die Schlafsäle der Mädchen geschlichen und versucht haben ihre Kommilitoninnen sexuell zu belästigen…
Eines wird am Ende dieser Zeilen abermals klar: Der Mensch war, ist und bleibt wohl auch künftig äußerst erfinderisch, beim Umgang mit religiösen Vorschriften bzw. Gesetzen, um sein Leben nach seinem Gusto zu gestalten. Man befrage sich dies betreffend ruhig einmal selbst. Dann wird höchstwahrscheinlich auch der schon zuvor vorschnell auf andere Menschen gerichtete Zeigefinger gewiss schnell wieder einklappt. Wetten?
Hier finden Sie Geschichten und Reportagen von Jürgen Stryjak.
Photo/Quelle: Dieter Schütz via Pixelio.de
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