Kommt ein kleines Mädchen bitterlich heulend zum Vater: “Das Kleid ist kaputt.” “Das Kleid, das die Puppe an hat?” “Ja, es ist kaputt. Gerissen.” “Wie ist es denn passiert?” “Es ist gerissen, als ich es der Puppe angezogen habe.” “Passt das Kleid denn überhaupt zu dieser Puppe?” Die Tochter blickt verständnislos. “Es tut mir sehr leid, dass das Kleid kaputt ist, aber nicht jedes Kleid passt auf jede Puppe. Und denk immer daran: Wenn mal etwas Schlimmes passiert, aus Fehlern kann man lernen.”
Welche Bereitschaft besteht jetzt in unserer Gesellschaft, aus den mageren Ergebnissen der Weltklimakonferenz von Kopenhagen zu lernen? Viele verwenden heute in der Presse das Wort vom Scheitern dieser Konferenz. Und tatsächlich kann man sich des Gedankens kaum erwehren, dass hier einiges schief gelaufen ist. Und selbst die Kanzlerin kann nicht anders, als ihrer Unzufriedenheit für ein Thema, das ihr nach eigenen Aussagen sehr am Herzen liegt und im Mittelpunkt ihrer politischen Tätigkeit steht, Ausdruck zu geben. Aber wer ist es denn nun gewesen? Waren es die bösen Chinesen, die einfach nicht verstehen, was mit der Welt gerade geschieht? Oder die bösen Amerikaner, die einfach nicht von ihrem Lebensstil lassen wollen, der pro Person fast das Doppelte des CO2-Ausstoßes eines Europäers verursacht? Oder waren es doch die ganzen, diktatorisch regierten Öl- und Rohstoffproduzenten mit ihren korrupten Eliten, die das Problem der Erderwärmung durch den Einsatz einer persönlichen Klimaanlage lösen können?
Feinde zu finden, das ist eine der wenigen einfachen Aufgaben im Leben. Und das Böse in einem Gegenüber zu sehen, wenn man anderer Meinung ist, fällt auch sehr leicht. Aber so bewegt man keine Menschen, und so sorgt man nicht für Lösungen sondern für eskalierende Konflikte. Dagegen kann es ein Ansatz sein, einen Menschen und seine Handlungsweise, seine Motivation erst einmal zu verstehen, um dass seine Meinung und seine Verhaltensweisen einmal ändern zu können. Gibt es vielleicht Erklärungen des Ausgangs von Kopenhagen, die uns hier weiter bringen könnten, als die oben genannten?
Zuerst vielleicht ein paar Worte zur Symbolik dieser Konferenz.
Politik ist immer auch ein Spiel mit Emotionen. Und was sich die Initiatoren dieser Konferenz erhofft haben ““ trotz magerer Ergebnisse bei deren Vorbereitung ““ war die Wirkung dieser Symbolik auf die Teilnehmer. Alle sind an einem Tisch, um das dringendste Problem des neuen Jahrtausends zu lösen. Alle im Blick direkten Blick der Presse und der Weltöffentlichkeit. Da kann dann doch niemand mehr nein sagen, oder? Aber genau dieses Spiel mit den Emotionen und Ängsten ist gegenüber den Zuschauern vor den Bildschirmen weit besser gelungen als mit den Teilnehmern der Konferenz. In ein kaltes, aufgrund des Wintereinbruches zitterndes Kopenhagen sind die Teilnehmer gekommen, um ausgerechnet die Folgen der Erderwärmung zu diskutieren. Aber es ist nicht nur das Wetter. Dänemark ist ein reiches Land, mit guter Infrastruktur und schönen Hotels. Und noch dazu ein Land, was zwar am Meer liegt, aber von der Erderwärmung später betroffen sein wird als viele andere Länder, unter anderem weil es sich einen aufwändigen Küstenschutz leisten kann. Warum hat dieser Gipfel nicht an einem Ort stattgefunden, an dem man die Wirkung des Klimawandels heute schon sieht? Oder in Gebieten, die nicht reich genug sind, um mit dessen Folgen klarkommen zu können? Gab es kein Konferenzhotel in Bangladesh? Oder wollten die Verantwortlichen in dieser Welt nur einfach nicht dahin?
Der Gipfel der symbolischen Lächerlichkeit des Anliegens wurde aber ausgerechnet beim Auftritt des strahlenden Helden dieser Welt erreicht. Präsident Obama schwebte mit einer eigenen Boing 747 für einen einzigen Tag nach Kopenhagen ein ““ übrigens dann noch eine halbe Stunde zu spät. Wie kann man ein Anliegen eigentlich mehr ad absurdum führen als durch diesen Megatrip an CO2-Verschwendung, der dann auch noch ohne Ergebnis bliebt? Das Missverhältnis zwischen diesem Flug und seinen Ergebnissen ist so groß, dass es sich über die Länge der Wagenkolonne am Flughafen kaum noch beschweren lohnt. Führen, das tut man nicht zuletzt durch eigenes Beispiel. Und vor diesem Hintergrund muss man der führenden Persönlichkeit der westlichen Welt wohl einfach Führungsversagen vorwerfen.
Aber gibt es neben dem Scheitern der Symbolik dieses Gipfels vielleicht auch inhaltlich Gründe, weshalb sein Scheitern unausweichlich war?
Verfolgt man die Debatte um den Klimaschutz in Deutschland aktiv, so wirkt die mangelnde Bereitschaft einer Weltgemeinschaft, irgendetwas zu tun, einfach unverständlich. Aber sehen wir es doch einmal anders herum, nehmen wir einen Wechsel der Perspektive vor. Wirkt dann nicht die Idee des Klimaschutzes aus der Sicht eines Entwicklungslandes merkwürdig eurozentrisch?
Jedes Jahr, auch jetzt gerade in diesem Moment, machen sich hunderte bis tausende Afrikaner in Nussschalen ohne ausreichendes Benzin und Wasser über das Mittelmeer nach Europa auf. Sie begeben sich in Lebensgefahr, um an dem europäischen Lebensstil zu partizipieren. Haben wir eine Botschaft für diese Menschen? Kann diese Botschaft wirklich sein, dass sie doch bitte ihren umweltschonenden, CO2-sparenden Lebensstil erhalten sollen? Es ist in der Regel nicht der Hunger, der diese Menschen nach Europa treibt, es ist die wirtschaftliche und Perspektivlosigkeit in ihren Heimatländern. Sie sind bereit, dieser auch unter Lebensgefahr zu entfliehen.
Anderes Land, selbes Thema. In ganz Asien leben Menschen in Städten, deren Geruch für Europäer kaum zu ertragen ist. In China führt Bodenerosion zu Sandstürmen in Großstädten. Die Zersiedlung im Umfeld der Städte führt zu Landschaften bis zum Horizont, in denen man den Faktor Natur kaum noch ahnen kann. Die Menschen dort leiden aktuell unter einem Vielfachen von Umweltverschmutzung als wir in Europa es jemals erlebt haben. Ist es dann möglicherweise verständlich, wenn diese Menschen, die in diesen Städten um ihr Einkommen und Leben kämpfen, die Probleme der weltweiten Erderwärmung für ein europäisches Luxusproblem halten? Und was ist mit dem chinesischen Bauern, der durch die Ein-Kind-Politik seines Landes einem staatlichen Eingriff unterliegt, den wir bei uns niemals akzeptieren würden? Kurz: Es gibt Perspektiven, aus denen heraus die Ablehnung verbindlicher Einschränkungen der wirtschaftlichen Entwicklung eines Landes als schlicht notwendig erscheint. Denn viele Länder auf dieser Welt haben mit Schlimmerem zu kämpfen. Selbst ein Russland, das um seine Stabilität als Land immer kämpfen muss, gehört dazu.
Doch welche Wege stehen denn offen, wenn man ““ wie am Anfang des Artikels beschrieben ““ aus Fehlern lernen will?
Offenbar macht es jedenfalls keinen Sinn, eine Politik zu machen, die den Themenbereich Klimaschutz von anderen gesellschaftlichen Problemstellungen isoliert angeht. Erforderlich ist ein anderer Ansatz, einer der das Leitbild der eurozentrischen Erkenntnis nicht mehr zum alleinigen Handlungsmaßstab erklärt.
- Vor dem Nachdenken muss zuerst einmal eine Akzeptanz der Tatsachen stehen. Ein Klimawandel wird kommen. Es wird ein erheblicher Klimawandel sein. Niemand weiß präzise, welche Folgen er hat. Dieser Wandel ist unabwendbar. Warum ist es unabwendbar? Weil die Welt sich nicht einigen kann? Nein, weil die Welt sich ändern muss. Es gibt so viele andere Probleme auf dieser Welt, so prekäre Lebensumstände, dass ein wirtschaftlicher Wandel erfolgen muss. Es geht nicht ohne. Nur den aktuellen Stand zu bewahren, ist keine Alternative. Und was wir in diesem Prozess an umgesetzter Menschenwürde gewinnen können, kann die Folgen des Klimawandels trotzdem aufwiegen.
- Hat man diese Prognose akzeptiert ““ und zwar jetzt und nicht erst nach deren sicherem Eintreffen ““ dann kann man sich die Frage stellen, wie man mit den Folgen dieses Klimawandels umgehen kann. Küstenschutz ist ein Thema (Bitte einmal eine Karte der deutschen Nordsehküste aus dem frühen 14. Jahrhundert ansehen. Küsten haben sich schon immer drastisch verändert). Ein noch wichtigeres Thema ist das Management von Migrationsbewegungen. Aber selbst das ist kein wirklich neues Thema. Förderung politisch stabiler Strukturen in dieser Welt mag auch ein Thema sein (selbst wenn uns einige der dadurch stabilisierten Systeme auch nicht passen).
- Beim Thema Klimaschutz selbst müssen wir bei uns selbst anfangen. Lokales Handeln muss globales Handeln ersetzen. Das machen wir doch schon, werden jetzt viele sagen. Wir fördern doch Elektroautos, oder? Spricht man mal mit Ingenieuren, gewinnt man ein anderes Bild. “Elektroautos bauen wir, weil Leute Elektroautos kaufen wollen”, heißt es da aus der Industrie. “Wenn die Leute CO2-Ausstoß wirklich vermeiden wollen, so müssen sie einfach weniger Auto fahren.” Reden wir mal Klartext: Wer aus der Stadt ins Umland zieht, 20 Kilometer von seinem Arbeitsplatz entfernt, dem hilft auch kein Elektroauto mehr. Und eigentlich ist auch egal, wie viel CO2 der Wagen pro Kilometer ausstößt (um eine weitere kosmetische Diskussion zu nennen, die unser Gewissen so beruhigt). Er verbraucht so oder so jeden Tag für vierzig Kilometer knappe Energie. Und wer das mit dem Haus im Grünen für seine Kinder tut, damit diese mehr Grün sehen, der sollte sich fragen, ob er langfristig mit diesem Umzug seinen Kindern wirklich einen Gefallen tut. Generell müssen wir ehrlicher sein zu uns selbst, unsere eigenen Handlungen mehr hinterfragen. Und wir müssen uns selbst als Vorbild begreifen, nicht als Lehrmeister.
- Staatliche Rahmenbedingungen in Deutschland müssen nicht populär, sondern effektiv sein. Wie wäre es mit der Abschaffung der Entfernungspauschale? Das geht, denn das Verfassungsgericht hat diese nur für ungültig erklärt, weil sie nicht konsequent genug ausgestaltet war. Und warum nicht wirklich eine PKW-Maut? Generell sollten die Folgen eines Handelns eben auch wirtschaftlich den Handelnden treffen. Also mehr Geld aus Einnahmen von Energieverbrauchern hier in Deutschland einfordern, mehr für Klimaschutz und die Bewältigung der Folgen des Klimawandels ausgeben. Verschwendung muss wehtun. Und auch die Politik muss ehrlicher sein, mit intelligenten Bürgen rechnen und nicht immer nur auf Umfragen vertrauen. Und ach ja, wir müssen uns selbst als Vorbild begreifen, nicht als Lehrmeister.
- Und zuletzt: Nicht einfach Geld an Entwicklungs- und Schwellenländer zahlen, sondern diese mit Projekten, Lösungen, Technologien unterstützen. Know How ist eine bessere Gabe als Geld. Letzteres landet einfach zu oft auf persönlichen Konten einheimischer Eliten und damit völlig klimaunwirksam in der Schweiz.
Und der letzte Punkt ist folgender: Vertrauen wir einfach nicht mehr auf Konferenzen. Das ist was für die Show, für eine globale, meist etwas gelangweilte Öffentlichkeit. Vertrauen wir auf gute Argumente von Fachleuten, die in einem transparenten, aber durchaus manchmal langwierigen Diskussionsprozess über Versuch und gelegentlichen Irrtum zu tragfähigen Ergebnissen kommen. Hat irgendjemand wirklich erwartet, dass ein durch die Anzahl der teilnehmenden Länder schon riesiges und völlig heterogenes Treffen innerhalb einer Woche zu irgendeinem sinnvollen Ergebnis führen kann? Hier sind die Vorgespräche gescheitert. Das ist entscheidend. Der Gipfel war dann nur Kosmetik. Mal wieder.
Das Kleid war zu klein für die Puppe. Mit etwas Glück kann es aber genäht werden. Noch besser ist es, ein größeres Kleid für die Puppe zu besorgen. Vielleicht können wir ja auch aus Kopenhagen etwas lernen und ersparen uns nicht nur den Kater am Morgen nach der Konferenz, sondern auch noch den nach einigen Jahrzehnten Klimawandel. Auch wenn dieser kommen wird ““ man kann so oder so mit seinen Folgen leben.
Den Kirchentag mal in Bangladesh durchzuführen, ist eine gute Idee:
http://klimakatastrophe.wordpress.com/2008/08/06/aus-dem-nebel-der-klima-hysterie-bangladesch-taucht-auf-und-wird-groser/