Käßmann wieder locker auf Kurs

1. Käßmanns Predigt im Neujahrsgottesdienst in der Frauenkirche Dresden: Der Stein des Anstoßes war folgender Passus in der Rede der Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD), Bischöfin Margot Käßmann, betreffend den Kriegseinsatz der Bundeswehr in Afghanistan:”Nichts ist gut in Afghanistan. All diese Strategien, sie haben uns lange darüber hinweggetäuscht, dass

Kaessmann11.jpeg1. Käßmanns Predigt im Neujahrsgottesdienst in der Frauenkirche Dresden: Der Stein des Anstoßes war folgender Passus in der Rede der Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD), Bischöfin Margot Käßmann, betreffend den Kriegseinsatz der Bundeswehr in Afghanistan:”Nichts ist gut in Afghanistan. All diese Strategien, sie haben uns lange darüber hinweggetäuscht, dass Soldaten nun einmal Waffen benutzen und eben auch Zivilisten getötet werden. Wir brauchen Menschen, die nicht erschrecken vor der Logik des Krieges, sondern ein klares Friedenszeugnis in der Welt abgeben, gegen Gewalt und Krieg aufbegehren und sagen: Die Hoffnung auf Gottes Zukunft gibt mir schon hier und jetzt den Mut von Alternativen zu reden und mich dafür einzusetzen.”

Und weiter: “Manche finden das naiv. Ein Bundeswehroffizier schrieb mir, etwas zynisch, ich meinte wohl, ich könnte mit weiblichem Charme Taliban vom Frieden überzeugen. Ich bin nicht naiv. Aber Waffen schaffen offensichtlich auch keinen Frieden in Afghanistan. Wir brauchen mehr Fantasie für den Frieden, für ganz andere Formen, Konflikte zu bewältigen. Das kann manchmal mehr bewirken als alles abgeklärte Einstimmen in den vermeintlich so pragmatischen Ruf zu den Waffen.”

2. Die Kritik der Soldaten:

Der Vorsitzende der Bundeswehrverbandes, Ulrich Kirsch, sagte der “Hannoverschen Allgemeinen Zeitung” vom Montag: “Es wäre besser gewesen, wenn Käßmann vor ihrer Predigt das Gespräch mit den Soldaten über ihre schwierige Aufgabe gesucht hätte.” Käßmanns Nein zum Afghanistan-Einsatz schaffe nur neue Frustrationen für deutsche Soldaten.

3. Die Kritik der Politiker im Spiegel der Presse

Der Tenor fast aller Äußerungen wird von der “FAZ” prägnant zusammengefasst: Führende Politiker von Union wie SPD warfen Frau Käßmann vor: Amtsmissbrauch und Populismus.

CDU

Auch der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag, Polenz (CDU), sagte, Frau Käßmann mache es sich “zu einfach”, wenn sie die Botschaft vermittele, man könne kurzfristig aus Afghanistan abziehen, “ohne sich schuldig zu machen”. Viele Afghanen verließen sich auf die Hilfe Deutschlands und 43 weiterer Staaten. Durch “schlichten Pazifismus” werde die Welt nicht friedlicher. Bundesfinanzminister Schäuble (CDU) mahnte Bischöfin Käßmann in der Zeitung “Welt am Sonntag” zu bedenken, dass der Einsatz im Auftrag der Vereinten Nationen geleistet werde.

Der außenpolitische Sprecher der Unionsfraktion im Bundestag, Mißfelder, erklärte gegenüber der FAZ: “Die Bundesregierung muss bessere überzeugungsarbeit leisten.” Sie müsse konkrete Ziele definieren für den Afghanistan-Einsatz.

Mißfelder sagte mit Blick auf die Londoner Afghanistan-Konferenz: “Wenn dort die Truppenverstärkung beschlossen werden sollte, so müssen zugleich Abmachungen über die Aufstockung der zivilen Hilfe für Afghanistan getroffen werden.” Sonst sei der Einsatz in Deutschland immer schwerer zu vermitteln.

CSU

Der CSU-Landesgruppenvorsitzende im Bundestag, Friedrich gab im Deutschlandfunk Außenminister Westerwelle recht darin, das Londoner Treffen “nicht nur als Truppensteller-Konferenz” zu sehen.

Seehofer: Klares integriertes Konzept nötig. Die Amerikaner sollten sich “nicht einbilden, dass das eine solche (Truppenstellerkonferenz) werden könnte, sondern wir wollen mit den Amerikanern, mit den Verbündeten, eine gemeinsame Strategie verabreden”. Erst dann könnten die Vereinigten Staaten mit einer deutschen Antwort rechnen, ob und wie viele weitere Bundeswehrsoldaten nach Afghanistan entsandt würden. Der CSU-Vorsitzende Seehofer sagte der Zeitung “Bild am Sonntag”: “Nur wenn es ein klares integriertes Konzept der militärischen, zivilen und gesellschaftlichen Ebene gibt, dann kann man auch über mehr Soldaten reden.”

Nur das Wort von Verteidigungsminister zu Guttenberg, dass es fruchtlos ist, in Afghanistan eine Demokratie einrichten zu wollen, steht scheinbar dagegen. Aber auch er will nur über einen Rückzug nachdenken.

FDP

Westerwelle sagte der Zeitschrift “Focus”: Auf der Afghanistan-Konferenz “sollten wir daran arbeiten, den übergabeprozess der Sicherheitsverantwortung an Afghanistan von 2010 an zu beginnen”. Innerhalb der Bundesregierung wird allerdings mit schwierigen Verhandlungen in London gerechnet. Karzai werde Ergebnisse boykottieren, hieß es, da er Erfolge erst auf einem Nachfolgetreffen daheim in Kabul vermelden wolle, das für Mitte des Jahres geplant ist.

SPD

Der verteidigungspolitische Sprecher der SPD im Bundestag, Arnold, sagte der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, der Einsatz sei schon jetzt politisch und materiell nicht mehr lange durchzuhalten

A b e r :

Der SPD-Außenpolitiker Klose bezeichnete es als “problematisch”, dass sich die Bischöfin in ihrer Funktion als EKD-Ratsvorsitzende geäußert habe und nicht als Privatperson. “Sie hat sich mit ihrer Äußerung in Gegensatz zur Mehrheit des Bundestags gesetzt”, sagte Klose der Zeitung “Welt am Sonntag”. Die EKD-Ratsvorsitzende vertrete “die Position der Linkspartei” und habe unrecht: Denn wenn die internationale Gemeinschaft in Afghanistan scheitere, werde das “mit Sicherheit zu einer neuen Welle terroristischer Anschläge führen”.

4. Käßmanns Rückzieher nach der Kritik:

Nach der harschen Kritik, die Position der Linken eingenommen zu haben und populistisch ihr Amt missbraucht zu haben macht Käßmann einen 8-Punkte-Rückzieher, der wie ein Trommelfeuer auf uns unwissende Bürger nieder kommt. Käßmann wörtlich:

  • Die deutsche Öffentlichkeit hat die Lage in Afghanistan lange ignoriert.
  • Wir bemerken erst jetzt, wie groß die kulturellen Differenzen sind.

  • Aber jetzt haben wir die Verantwortung.
  • Die Soldaten haben ein Recht darauf, dass ihnen das Mandat nicht unterschwellig entzogen wird.
  • Die Zivilbevölkerung in Afghanistan hat ein Recht auf größtmöglichen Schutz.
  • Es kann doch niemandem ein Rückzug als Kurzschlusshandlung nützen.
  • Ich möchte die Schuld jetzt nicht den Politikern geben, das wäre zu einfach.
  • Dass der Vorrang für eine zivile Konfliktbewältigung immer wieder hinten angestellt wird, dass er kaum noch Leitbild ist, das finde ich problematisch.

5. Kommentar

Die evangelische Kirche Deutschlands hat auf der ganzen Linie ihr Gesicht bewahrt.

Sie hat daran erinnert, dass es kein legitimes Mittel der Politik ist, sich an einem Krieg in einem anderen Land zu beteiligen. Die schöne Predigt in Dresden ist ja hinlänglich öffentlich bekannt gemacht worden. An sie werden Öffentlichkeit und Medien sich immer erinnern.

Die EKD hat aber auch gezeigt, dass sie sich zur “political correctness” bekennt.

Die Kirche nimmt sich das Recht heraus, mal aufzumucken, macht aber sofort den Rückzieher, wenn die ganze Riege der Gleichgeschalteten von den Soldaten über die Politiker bis zu den Medien aufschreit.

Die Gefolgsleute in Politik und Medien haben das bestimmt dankbar zur Kenntnis genommen. Sie haben aber gewiss nicht ernsthaft daran gezweifelt, dass ihre Intervention vollen Erfolg haben würde. Käßmann ihrerseits hat gewiss schon vor und bei Ihrer Rede gewusst wie sie danach ihre Positionen so relativiert, dass sich niemand von Einfluss gestört fühlt.

An diesen Schwenk werden Öffentlichkeit und Medien gewiss nicht mehr denken, wenn nach der Aufstockung ders deutschen Truppenkontingents der Krieg in Kundus immer heißer wird. Man wird nur noch fragen: War Käßmann denn nicht ausdrücklich gegen den Krieg?

Die Politiker werden von ihr von jeder Schuld frei gesprochen. Aber sie erfahren auch von Käßmann, wie sie es einrichten können, weiter zu machen wie bisher. Denn sie müssen nur wieder den Vorrang für eine zivile Konfliktbewältigung betonen, dann ist es nicht mehr problematisch, dass die Bundeswehr in Afghanistan ist. Die von Obama einberufene Truppenstellerkonferenz in London Ende Januar wird daher mit der Aufstockung der Zahl der deutschen Soldaten ein neues Credo der deutschen Politik zu friedensstiftenden Maßnahmen in Afghanistan bringen.

Die Politik der gezielten Tötung von Gegnern

der Marionettenregierung Karsai wird von deutscher Seite aber verbal aufgegeben werden. Man will doch keinen Ärger mit den mächtigen Herren in Karlsruhe. Die entscheidenden Tötungshandlungen kommen ja sowieso von den amerikanischen Soldaten und den amerikanischen Drohnen. Auch wenn Krieg herrscht im ISAF-Land, die Deutschen werden sich trotzig und noch deutlicher als bisher als Bollwerk des Friedens und der Zusammenarbeit herausstellen.Die Medien werden verstärkt in die Pflicht genommen, die richtigen Nachrichten zu überbringen und die kritschen wegzulassen.

Wer die Medien beherrscht, ist auch Herr der öffentlichen Meinung. Er bestimmt, was ein X und was ein U ist. Die Politik, die sich schon argumentativ in einer Sackgasse sah, wie der listige Mißfelder (CDU) richtig erkannt hat, wird sich “hintenheraus” bei Käßmann für die Auffrischung des Themas bedanken. Jetzt kann man doch endlich frei von pazifistischen Vorurteilen und geheuchelten Gewissensbissen über den veröffentlichten angeblichen Sinn der Kriegshandlungen in Afghanistan reden. über den eigentlichen Grund für diesen Krieg reden doch nur Abweichler und Nestbeschmutzer. Dazu gehört Frau Käßmann gewiss nicht. Sie hat nachträglich für das Weitermachen in Afghanistan ihren Segen gegeben. Es wäre ja auch zu toll gewesen, wenn sie Kirche sich verweigert hätte, wenn die Waffen zu segnen waren!

Den eigentlichen Skandal dieses Krieges, den überfall auf das geschundene Land auf Einladung der auf dem Petersberg von den amerikanischen Angreifern selbst installierten Marionettenregierung Karsai mit der Lüge, dort sei Amerika wegen 9/11 zu verteidigen, erwähnt Frau Käßmann natürlich nicht.

Sie weiß, wann sie den Kopf zum Fenster heraushält und wann sie ihn zurückzieht. Sich da selbst in ihrer Predigt wegen ihres angeblichen Mutes zu loben, ist wahrlich ein Hohn.

Da klingt schon eher die Stellungnahme von Arnold (SPD) rebellisch. Hat man ihn vielleicht nicht rechtzeitig instruiert? Das wird gewiss bald nachgeholt werden.

Photo: Margot Käßmann (via wikimedia.org, cc Lizenz)

Kommentare

Dieser Artikel hat einen Kommentar.

  1. Lieber Herr Ehlers,

    vielen Dank für Ihren mutigen Artikel. Es war schon immer so und wird wohl auch noch in Hunderten von Jahren so sein, die Wahrheit ist sowohl für die politische Elite und natürlich ganz besonders für die in furchtbare wirtschaftliche Zwänge eingebundene Rüstungsindustrie nur sehr schwer zu verkraften.

    Gestern hat die vom Wahlvolk so ausgezeichnet gesponserte Fernsehanstalt: … mit dem zweiten sieht man besser! – Wieder einmal einen absoluten verspäteten Sylvester Knaller losgelassen.

    Der Hahne hat den Auftrag erhalten, zwei abgehalfterte uralte Pappnasen, von denen keine Sau mehr etwas wissen will und man weiss, wo die auftauchen, kann niemand mehr auch nur einen Satz zu Ende sprechen.

    Da sitzt dieser hanseatische Edelmann und Seselfurzer und erzählt dem andächtigen dussligen Bundesbürgern ungestraft, dass der Krieg in Afghanistan doch nur notwendig wurde, weil diese afghanischen Terroristen die Türme in New York eingekürzt haben.

    Ne, ne, der Hahne hat dass ohne Kommentar akzeptiert, vermutlich weiss er es auch nicht besser. – Das Drama ist, – dass viele unbedarfte “ZDF – Glotzköpfe” diese Desinformation verinnerlichen, daran glauben und sie genauso weiter erzählen.

    Mal sehen, was nach der NRW Wahl passiert!
    Beste Grüsse O.W.H.