Es gibt Begriffe, die nur angetippt werden müssen und eine ganze Welt voller Geschichten und Einsichten öffnet sich. So ist das mit der Kleptokratie.
Auch wenn jemand das Wort noch nie gehört oder gar benutzt hat, erschließt sich aus den bekannten griechischen Wortstämmen kléptein, “stehlen” und krateïn, “herrschen” eine “Herrschaft der Plünderer” bzw. eine “Diebesherrschaft.” Sofort kommt die Assoziation zu den Kleptomanen auf und zu den Staatsformen wie der Demokratie. Im engeren Sinne ist die Kleptokratie eine Herrschaftsform, bei der die Herrschenden willkürliche Verfügungsgewalt über Besitz und Einkünfte der Beherrschten haben und entweder sich oder ihre Klientel auf Kosten der Beherrschten bereichern.
In vielen Fällen ist mit der Entreicherung der Beherrschten eine gewisse Heimlichkeit verbunden. Diese ist aber nicht zwingender Bestandteil des Begriffs.
Oft fängt ein kleptokratischen System aber heimlich an, um dann das Visier herunter zu lassen und mit brutaler Gewalt seine Position zu erhalten.
Der Begriff Kleptokratie ist eine gelungene Wortschöpfung des Franzosen Patrick Meney, der ihn erstmals in 1982 in seinem Buch La kleptocratie: La delinquance en URSS verwendet hat, in dem er die Zustände in Russland unter Jelzin beschreibt. Es kommt uns aber so vor, als ob es den Begriff doch schon immer gegeben hätte, so sehr vertraut klingt er. Der Grund dafür ist der, dass – Verfassung hin oder her – es in aller Geschichte fast immer so war, dass die, die die Macht im Staate an sich rissen oder zugesprochen bekamen, sich, ihre Günstlinge oder Fremde, denen sie sich andienten zu lasten der Beherrschten begünstigten.
Wer denkt bei diesem Thema nicht sofort auch an die Klientelpolitik der Regierungspartei FDP, die umzusetzen sich die “Kanzlerin” gerade noch einmal stark gemacht hat! Schwarz-Gelb sind sich zwar nach außen nicht einig, ob sie die Steuerversprechen für Betuchte noch bezahlen können. Tatsächlich wisen beide genau, dass sie und vor ihnen Schwarz-Rot nur noch mit Mitteln operieren, die es nicht gibt. Sie glauben auch nicht, dass die gewaltigen Schulden, die gemacht wurden, jemals zurückgezahlt werden, weil die große Inflation ja ohnehin unvermeidbar ist. Aber sie sind sich völlig einig darüber, dass sie die, die sie die “Leistungsträger” in unserer Gesellschaft nennen, begünstigen wollen.
Eine in diesem Sinne etwas erweiterte Auslegung des Begriffes macht Sinn, dann nämlich, wenn wie hier ein Herrschaftssystem Teile der Beherrschten untereinander ausspielt, also den einen Teil auf Kosten des anderen begünstigt. Meist sind es die Wenigen, die auf Kosten der Meisten bereichert werden. Das Dritte Reich hat hingegen gezeigt, dass es auch andersherum geht, indem die große Masse der Bürger mit Wohltaten bei Laune gehalten wird, während Minderheiten brutal enteignet un entrechtet wurden.
s. Götz Aly: Hitlers Volksstaat, S. 386, Fischer, 2006
Typische Besipiele für durch und durch kleptokratische Verhältnisse sind Länder wie Nigeria und das seit der französischen Kolonialzeit gebeutelte Haiti, in denen eine verschwindend kleine Mischpoke von steinreichen Familien Millionen Habenichtsen gegenübersteht. Wenn man allerdings sieht, wie bei uns bewusst das Prekariat herangezüchtet und durch die Eingriffe des Gesetzgebers unser Arbeitsmarkt immer mehr einem Sklavenmarkt gleicht, wird klar, dass die bestehende heimliche Kleptokratie hinter dem Schild des demokratischen palamentarischen Systems in unserem Lande bald für jedermann offen sichtbar sein wird.
Den Begriff der Kleptokratie zu überdehnen macht indessen keinen Sinn. Bei einer allein instrumental verstandenen Auslegung könnte man den darunter auch auf die Verhältnisse in Norwegen fassen. Denn dort lässt die Regierung den Großteil der Gewinne aus dem Ölgeschäft nicht bis ans Volk gelangen, sondern investiert sie in die Infrastruktur des Landes und in zukunftsträchtige Institutionen im Interesse der Allgemeinheit. Das Wort Kleptokratie verliert aber seine Aussagekraft, wenn man sich in seiner Anwendung vom wichtigen Wortteil kléptein, der rechtswidrigen Wegnahme, entfernt. Unsere formale Demokratie in Deutschland ist materiell gesehen eine erbärmliche Kleptokratie, die norwegische ist das genaue Gegenteil.
Eine absolut aussagekräftige und auch den Kern treffende Wortschöpfung. Dieses Wort sollte zum kritisch-verbalen Allgemeingut werden .