Was bleibt nach einem Kulturfestival? Ist es – lokal wie international – möglich, über die Kunst hinausweisende Wirkungen zu generieren? Können Kulturschaffende die Wirklichkeit von Städten und Regionen verändern? Künstler wie Kuratoren stehen schon, bevor sie diese und andere Fragen nach dem Auslaufen von großen Kulturfestivals irgendwann einmal halbwegs erschöpfend werden beantworten können, bei der Planung und dann dem unmittelbar beim Ins-Werk-Setzen solcher Mega-Kulturereignisse (z. B. in Istanbul, im Ruhrgebiet, Paris und Brüssel) vor großen Herausforderungen.
Im Klub für lokale Feldforschung in Zusammenarbeit mit Schöne Aussicht/Theater der Welt 2010 hatte man sich vorgenommen, diesen Fragen innerhalb der Podiumsdiskussion “Das Versprechen der Metropolen” nachzugehen. Die Veranstaltung fand am vergangenen Sonnabend vor erfreulich gut besetztem Auditorium im Ringlokschuppen in Mülheim an der Ruhr statt.
Interessante Diskutanten vom Fach auf dem Podium
Auf dem Podium platzgenommen hatten so interessante Diskutanten vom Fach wie Frie Leysen, Gérard Mortier (Photo oben: 2 v. r.), Oliver Scheytt, Anselm Weber (Photo oben: 1. v. r.) und Moderator Vasco Boenisch (Theaterkritiker und Kulturjournalist; Photo oben: 3. v.r.). Dikmen Gürün (Leiterin des International Theatre Festival Istanbul), von der man sich einen Einblick in die Fragestellungen erhofft hatte, welche sich das Istanbul Festival widmet, musste ihre Teilnahme an der Mülheimer Diskussion leider absagen.
Mitschnitt durch WDR 3
Potentielle Interessenten dieser Veranstaltung, welche ihrerseits aus unterschiedlichen Gründen heraus verhindert waren, ihr beizuwohnen, erhalten dennoch Gelegenheit, diese doch noch nachträglich am heimischen Rundfunkempfänger zu erleben: Der Kulturpartner des Ringlokschuppens Mülheim/Ruhr, WDR 3, hat nämlich eine gute Stunde dieser äußerst interessanten Podiumsdiskussion mitgeschnitten. WDR 3 wird die Aufzeichnung voraussichtlich am 31. Januar 2010 ab 19.05 Uhr ausstrahlen.
Frie Leysen (auf dem nebenstehendem Photo: C.-D.Stille, Mitte im Gespräch nach der Diskussion) die in Sachen Theater wahrlich schon viel in der Welt herumgekommen ist (sogar bis nach Usbekistan hat sie ihr Engagement fürs Theater bereits geführt), konnte, via Rückschau auf ihre Festivaltätigkeit in leitender Position 1994 in Brüssel (damals Europäische Kulturhauptstadt) durchaus Positives in Sachen Nachhaltigkeit vermelden. Während vor dem damaligen Kulturfestival die in der belgischen Hauptstadt ansässigen flämisch- und französischsprachigen (wallonischen) Theater sozusagen (was Repertoire und Publikum betrifft) aneinander vorbeispielten – im Grunde nichts voneinander wussten – konnte Leysen, diesen eigentlich nicht haltbaren Zustand ein wenig ändern: Die Theaterfrau führte an den Bühnen eine zweisprachige übertitelung ein. Das immerhin hat sich bis heute erhalten. Gewissermaßen ist es Frie Leysen gelungen zwei Kulturen, zwei Sprachen, einander anzunähern und somit die “mentale Mauer zwischen Flamen und Wallonen” wenigstens ein Stück weit aufzubrechen.
übrigens: Frie Leysen sprach voll des Lobes vom beneidenswerten (und bei der Arbeit in Belgien manchmal vermisstem) Organisationstalent der Deutschen. Nur, so Leysen schmunzelnd, sei die Organisation zuweilen dermaßen gut, dass sich darin kein Loch finden ließe. Das aber sei bei Theaterarbeit manchmal nötig. Gerade eine Woche ist es her, dass Essen für das Ruhrgebiet für ein Jahr Kulturhauptstadt Ruhr.2010 ist.
Gérard Mortiers Faible für das Ruhrgebiet und dessen Menschen
Gérard Mortier, der einstige Intendant der Ruhrtriennale, gab sich am Sonnabend keine Mühe sein Faible für das Ruhrgebiet und seine Menschen zu verbergen. Für ihn ist diese Region nach eignem Bekunden eine der “wichtigsten, wenn nicht sogar die wichtigste” künstlerische “Station” seines bisherigen Lebens. Augenzwinkernd zeigte sich Mortier noch heute hoch erfreut darüber, dass es ihm damals mit der Ruhrtriennale gelungen sei, die nicht nur künstlerisch auf hohem Ross sitzenden Düsseldorfer “über die Brücke” in den Ruhrpott, auf den sie zuvor allzu gern hochnäsig herab geblickt hatten, zu locken. Und sie (die Düsseldorfer) stellten fest, dass das Ruhrgebiet nicht so etwas wie eine “Krankheit” ist.
Später spielte Mortier in diesem Kontext auch noch auf seine Arbeit an der Pariser Oper an, wo es naturgemäß eher elitär zu geht. Mortier zu deren Publikum: “Diese Leute glauben alles zu wissen. In Wirklichkeit aber wissen sie wenig, bis nichts.” Das sei im Ruhrgebiet erfreulich anders. Für Mortier steht nicht zuletzt auch deshalb fest: das Ruhrgebiet wird letztlich wohl die Region sein, die trotz Krise, besonders in Sachen Kunst und Kultur zwar streckenweise eine schwierige Zeit durchmachen wird, aber – daran glaube er fest – auch eine gute Zukunft haben wird. Es gehe immer auch darum, über Kultur Kunst für eine Region (zusammen mit ihren Bewohnern) ein “neues Bewußtsein” zu entwickeln, um so zu einem neuen Selbstbewußtsein zu kommen. Gérard Mortier gab zu: Kunst könne Welt wohl nicht ändern. Jedoch könnten Regionen sich mittels Kultur durchaus ver-ändern. Auch Regionen, so Mortier, die gemeinhin als abgeschrieben gelten. Mortier stellte das in seiner Pariser Zeit jedenfalls unter Beweis. Er ging mit Theaterprojekten auch in die Pariser Banlieues. In die sozialen Schwerpunkte der Pariser Vorstädte, die Präsident Sarkozy, wie er damals ankündigte, meinte, mit dem “Kärcher” säubern zu müssen..
Anselm Weber: Ist München eine Metropole?
Anselm Weber sprach über seine Arbeit als Intendant des Schauspiels Essen und die interessanten, aber auch aufreibenden, dennoch aber in Einzelfällen Mut machenden “Stadtprojekte” unter Einbeziehung von Migranten unterschiedlichster Herkunft. Hierbei ging es vor allem darum, über Kunstprojekte Identitäten und Räume zu schaffen. In Webers Worten klang aber auch Unverständnis darüber an, dass auch im Ruhrgebiet immer mehr an Kultur gespart wird, vielleicht künftig auch kaputt gespart, wird. Was, so fragte der Essener Schauspielintendant, gehen in einem (Essener) Dezernentenkopf vor?, wenn ein solcher Kommunalpolitiker ernstlich Subventionen an Stadttheater mit dem abstrusen Argument in Frage stelle, die Musical-Häuser kämen ja auch ohne diese aus (!). Weber: Auch Berlin sei pleite, doch Wowereit investiere dennoch weiter in Kultur. Dass seien eben die kleinen aber feinen Unterschiede. Was heiße da “Metropole”?, nahm Weber das Thema wieder auf und beim Wort. Sei “das Dorf am Rande Alpen”, München, etwa eine Metropole? In der Tat: Ein Anstoss zum Nachdenken…
Oliver Scheytt: Region Ruhr, die “voll unterkellerte” Kulturhauptstadt, wird ein neues Selbstbewußtsein gewinnen
Oliver Scheytt, lange Kulturdezernent der Stadt Essen (unterdessen Geschäftsführer der erst jüngst erwartungsfroh an den Start gegangenen RUHR.2010, schluckte wohl innerlich ab und an bei Webers Kritik an der Kultur- und Finanzpolitik der Kommunen am Beispiel Essen. Was die RUHR.2010 anbetrifft gab sich Scheytt ausgesprochen optimistisch. Schließlich schlummere im Ruhrgebiet, wo 5,3 Millionen Menschen, darunter viele mit Migrationshintergrund, in 53 Städten lebten, ein unglaubliches Potential auch in Sachen Kultur. 2011 werde man sicher ein Ruhrgebiet mit neuem Selbstbewußtsein vorfinden können. Metropole hin und oder her: Essen und das Ruhrgebiet sei wohl die größte, noch dazu besonders sympathische, Kulturhauptstadt-Region, die (auf Grund des Kohleabbaus; in dem jetzt gerade noch 36.000 Kumpel arbeiten) nahezu “voll unterkellert” sei. Das habe es ganz sicher niemals zuvor gegeben. Doch auch Scheytt warnte die Politik davor, die Chancen des Ruhrgebiets und die Möglichkeiten der Kultur in dieser Region leichtfertig zu verspielen. Zücke man die Messer gegen die Kultur, werde man sich über die Reaktionen darauf ganz sicherlich wundern, so eine andere von Oliver Scheytts Prophezeiungen sinngemäß.
Fazit und Ausblick
Um zum Schluss wieder zurück auf den Titel der Podiumsdiskussion “Das Versprechen der Metropolen” zu kommen: Die wirklich hoch interessante Veranstaltung, die fesselnde Diskussion der Kulturschaffenden, im Mülheimer Ringlokschuppen machte deutlich, dass besonders die nun soeben angelaufene RUHR.2010 nicht nur äußerst viel versprechend seine möchte, sondern wohl mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit letztlich auch diesbezüglich erfolgreich sein wird. Besonders was die Zukunft anbetrifft, dürfen wir mit einer messbaren Wirkung über das Kulturhauptstadtjahr 2010 sicherlich rechnen. Dennoch gilt vorerst einmal: Abgerechnet wird nach dem 31. Dezember 2010. Darin immerhin waren sich aber wohl auch jetzt schon alle Diskutanten einig: Um Kulturfestivals aber zum nachhaltigen Erfolg zu machen, müssten sich zuvor nicht nur die Kulturschaffenden, sondern in allererster Linie die Menschen der Region selbst ziemlich genau darüber vergewissern, wie sie eigentlich leben wollten. Kultur und Kunst kann nämlich nur mit und nicht gegen die Menschen gemacht werden. Das machte ungeplant gerade ein Herr aus dem Publikum klar, der nach dem rosigen, mutmachenden, von Moderator Vasco Boenisch schon als herrliches Schlußwort apostrophiertem positiven Ruhrgebietsausblick aus dem Munde von Gérard Mortier, seinerseits Mut fasste und sozusagen kurz vor Toresschluß noch ums Wort bat. Der ehemalige Arbeiter und nunmehr als Ingenenieur tätige Mann bekannte, eigentlich von Hause her nicht viel mit Kultur am Hut zu haben. Diese Veranstaltung habe ihm jedoch überraschend den Eindruck vermittelt, dass bei der RUHR.2010 nicht versucht werden würde, der Region und den Menschen Kultur einfach überzustülpen. Konnte es ein besseres Schlusswort geben?
Glück auf!
Dennoch, man mache sich nichts vor: es wird ganz gewiss auch im Ruhrgebiet noch eine Weile dauern, bis Kultur bei den Menschen einmal eine solche Begeisterung hervorrufen wird, wie es beim Fußball über die Maßen enthusiastisch längst traditionell der Fall ist. Aber vielleicht bringt ja die RUHR.2010 schon einmal statt der Kohlen von einst zu Tage, dass die “Ruhris” (als solche, so die RUHR.2010-Direktorin Asli Sevindim (WDR-Moderatorin mit türkischem Migrationshintergrund, kürzlich im WDR, sich nicht nur die Nachfahren türkischer und Einwanderer anderer Nationalität längst begriffen), alles andere als Kulturbanausen sind. In diesem Sinne: Glück auf!
Pingback: Mülheim an der Ruhr - Blog - 18 Jan 2010