Kleine Philosophie des Habens

Der Stand der Befassung mit dem Phänomen des Habens: Jahrhundertelang hat man nicht viel über das Haben geschrieben. 1964 wies der Phänomenologe Hans Reiner (Grundlagen, Grundsätze und Einzelnormen des Naturrechts, Alber, Freiburg/München) auf diesen erstaunlichen Umstand hin. Er konnte bis dahin nur zwei kurze philisophische Betrachtungen finden (Günther Stern, über

Der Stand der Befassung mit dem Phänomen des Habens: Jahrhundertelang hat man nicht viel über das Haben geschrieben. 1964 wies der Phänomenologe Hans Reiner (Grundlagen, Grundsätze und Einzelnormen des Naturrechts, Alber, Freiburg/München) auf diesen erstaunlichen Umstand hin. Er konnte bis dahin nur zwei kurze philisophische Betrachtungen finden (Günther Stern, über das Haben, Sieben Kapitel zur Ontologie der Erkenntnis, Bonn, 1921 und Gabriel Marcel in: Ètre et avoir, Paris, 1935).

Reimer versteigt sich in seiner kleinen Abhandlung zu angeblich objektiv einsichtigen Naturrechtssätzen über das Haben. Er behauptet, die vorgegebene Geltung des Rechts auf das Haben des eigenen Körpers und Geistes und auf das Haben des sächlichen Eigentums an allen Dingen, deren man habhaft werden kann. Ihn zu erwähnen lohnt in der Tat nur, weil er die ganze Geschichte der Philosophie durchforstet und kaum zwei Sätze über das Haben als solches gefunden hat.

Einige kluge Worte über das Haben finden sich aber noch in Schopenhauers “Parerga und Paralipomena”, allerdings mehr im Sinne einer praktischen Psychologie wie sie auch im apokryphischen Buch Sirach der Bibel zu finden sind.

1976 endlich machte der Sozialpsychologe Erich Fromm mit Haben oder Sein, Die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft, München (dtv, 2004, 32. Aufl., 215 S.) das Haben in seinem behaupteten phänomologischen Dualismus von Haben und Sein zum erstmals vielbeachteten Thema. Es folgte Gerhard Schulzes “Die beste aller Welten. Wohin bewegt sich die Gesellschaft im 21. Jahrhundert?” Hanser, München 2003. Während Fromm den Primat des Seins postuliert und die Anhänger des materiellen Habens geißelt, sieht Schulze in anthropologischer Sicht Haben und Sein als gleichberechtigt und komplementär, die sich indessen im historischen Kontext dann doch als ungleichgewichtig herausstellen. Das Können im Sinne eines Erarbeitens von Handlungsmöglichkeiten unter der Regie eines sachbezogenen Denkens gewinnt nach Schulze in der Moderne die Oberhand über das Sein als subjektbezogener Perspektive, über das Auskosten eines gegebenen Handlungsspielraums.Er sieht die Vorstellung organisierter Möglichkeitserweiterung, gepaart mit dem Glauben an deren unendliche Fortsetzbarkeit, als “Hintergrundtheorie unserer Kultur”, die “epochale Leitidee”, den “Kristallisationskern”, der einen permanenten Wandel ermöglicht und gleichzeitig für Ordnung und Orientierung in diesem Wandel sorgt. Der Kapitalismus ist nach Schulze nur eine Variante dieses ewigen Spiels.

Fromm sieht im Gedanken des Habens nur Nachteile. Er lobt allein den Geist des Seins. Diese zeichnet sich durch folgende Punkte aus:

  1. die Produktion hat der Erfüllung der wahren Bedürfnisse des Menschen und nicht den Erfordernissen der Wirtschaft zu dienen
  2. das Ausbeutungsverhältnis der Natur durch den Menschen wird durch ein Kooperationsverhältnis zwischen Mensch und Natur ersetzt
  3. der wechselseitige Antagonismus zwischen den Menschen ist durch Solidarität ersetzt
  4. oberste Ziele des gesellschaftlichen Arrangements sind das menschliche Wohlsein und die Verhinderung menschlichen Leids
  5. maximaler Konsum ist durch einen vernünftigen Konsum (Konsum zum Wohle des Menschen) ersetzt
  6. der einzelne Mensch wird zur aktiven Teilnahme am gesellschaftlichen Leben motiviert

Ein eigener Denkansatz

Auch nach Fromm und Schulze ist das Thema des Habens philosophisch, psychologisch und soziologisch in Wahrheit noch immer stiefmütterlich behandelt. Fromm versteigt sich in eine Ethik, in die er den ganzen Humanismus so hineinpackt, als sei sie mit Verstandesmitteln leicht abzuleiten Schulze dagegen verzichtet auf den mahnenden Zeigefinger. Er sieht die treibenden Kräfte in der auch von ihm als weniger wünschenswerten empfundenen Verhaftung im Haben von Dingen. Im Ergebnis holen beide gar nicht anders als Thomas von Aquin (und Reiner) den Himmel auf die Erde. Erkenntniskritisches Denken, wie es schon die Stoiker und nach ihnen insbesondere Kant kannten, bleibt links liegen.

Das Haben im vorliegenden Sinne hat nichts zu tun mit dem was das Hilfsverb “haben” bietet. Ich habe Hunger, ich habe eine Meinung (“ich habe fertig”) ist damit nicht gemeint. Es geht um die materielle Verfügung über Sachen. Und da meine ich indessen, dass keine Sache auch nur ein originäres Bedüfnis des Menschen befriedigt. Wer meint, er sei auf das Haben von Dingen aus, versteht sich selber nicht. Natürlich gibt es endlos viele Dinge, die zu haben sich lohnt, weil sie originär vorhandene Wünsche erfüllen können. Einfache Beispiele sind die Nahrung, die man braucht, um sich am Leben halten zu können, ein Dach über dem Kopf um nicht einzuregnen, Frau und Kinder um liebe Gesellschaft zu haben, usw…

Das Haben als solches hat nur eine dienende Funktion. Etwas um des Habens willen haben zu wollen, ist Zeichen einer mentalen Störung. Wenn die Mittel, die Bedürfnisse befriedigen zu können, ohne Sinn und Verstand gehortet werden, ist das ein Zeichen einer psychischen Fehlfunktion.

Denn von Natur aus sind wir – artgemäß – soziale Wesen (zoon politikon), die mit einem sozialen Sinn ausgerüstet sind, der uns quasi chemotaxisch zum Mitempfinden, zum Mitleiden mit anderen und zur Empathie führt und damit auch zur Achtung der Lebensinteressen unserer Mitmenschen. Rücksichtsloses Habenwollen ist uns nämlich nicht eingeboren (“homo homini lupus est”). Ich mache dies fest an den sicheren Erkenntnissen der Endokrinologie, der Hormonlehre, die im Schlüsselhormon Serotonin, das neben seinen vielen eigenen mentalen Aufgaben alle anderen zerebralen Steuerstoffe moduliert, das Sozialhormon sieht. Dies ist im Ggensatz zu den bekannten Ansätzen, die am Ende nur ein angebliches letztes Wissen behaupten ohne darüber zu verfügen, eine an der naturwissenschaftlichen Realität orientierte Sicht auf das Haben. Dass sich alle, die sich überhaupt kritsch mit dem Thema beschäftigt haben, im Ergebnis eines Sinnes sind, ist sicherlich kein Zufall. Wenn auch nur eine der verschiedenen Betrachtungsweisen inhaltlich richtig ist, muss das ja so sein. Vielleicht findet man ja auch noch einmal ein Sozialgen auf unserer DNA. Dann sollte die Diskussion aber entschieden sein.

Kommentare

Dieser Artikel hat einen Kommentar. Was ist Deiner?

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

  1. Eigentlich komme ich auch aus der Richtung, die Sie in Ihrer Meinung darstellen. Aber ich habe Zweifel. Meiner Kenntnis nach handelt es sich bei den biologischen Grundlagen unseres Sozial-Seins nicht nur um hormonelle Spielchen. Vielmehr funktioniert der Mechanismus des Mitfühlens durch Repräsentanz im Gehirn. Wir stellen gewissermaßen Neuronen dafür ab für unsere Umwelt “mitzudenken”. Dadurch sind wir in der Lage Veränderungen vorauszuberechnen bevor sie passieren. Gegenüber Menschen äußert sich dies als Mitgefühl, im Extremfall meint man sogar die Gedanken anderer lesen zu können.
    Dieser Mechanismus funktioniert aber auch mit Sachen. Erst neulich las ich von einem Experiment (finde den Link leider nicht mehr), wo man dem Probanden seinen wirklichen Arm verdeckt hat und auf dem Tisch statt dessen einen künstlichen Arm ablegte. Nach einer Weile konnte man den künstlichen Arm streichen und das Gehirn reagierte als ob der Proband wirklich berührt worden wäre.
    In diesem Sinne könnte man das Streben nach mehr Haben durchaus als Streben nach einem (auch inneren) Wachstum interpretieren. Der Gewinn der Möglichkeit der Beschäftigung mit mehr und neuen Dingen stellt immer auch eine Erweiterung des geistigen Horizonts dar. Er findet freilich da seine Grenze, wo man keine Aufnahmefähigkeit dafür mehr hat. Jenseits dessen bleibt dann immer noch der Wille zur Macht.