Analysen: Russisch- israelische Beziehungen 2

Am Vortag der Oktoberrevolution Bürgerlich-demokratische Parteien Russlands wie die Kadetten-Partei, die Progressivisten und auch andere Parteien versuchten konsequent für die jüdische Bevölkerung des Reiches, wie auch für die anderen Fremdvölker und Andersgläubigen die Gleichberechtigung einzuführen. Das war auch eine ihrer ersten Handlungen, als sie am 20 März 1917 an die

oklrt.jpgAm Vortag der Oktoberrevolution

Bürgerlich-demokratische Parteien Russlands wie die Kadetten-Partei, die Progressivisten und auch andere Parteien versuchten konsequent für die jüdische Bevölkerung des Reiches, wie auch für die anderen Fremdvölker und Andersgläubigen die Gleichberechtigung einzuführen. Das war auch eine ihrer ersten Handlungen, als sie am 20 März 1917 an die Macht kamen. Die provisorische Regierung schaffte per Dekret die religiösen und nationalen Beschränkungen wie den Siedlungsrayon ab. Aber auch abgesehen von diesem Dekret entsprach das bürgerlich-demokratische Programm voll und ganz den Interessen der jüdischen Bevölkerung Russlands, unter denen es nur wenige Proletarier und gar keine Bauern gab. So wäre es eigentlich logisch zu erwarten, dass die jüdischen Sympathien nicht den Parteien gelten würden, die für sie so wenig aktuelle Themen wie “Diktatur des Proletariats” und der “Lösung der Landfrage” propagierten.

Doch was passierte in Wirklichkeit? Liberale Parteien hatten ohne Zweifel einige Anhänger in der jüdischen Inteligenzija. Viele russische Juden spielten auch nicht die letzte Geige in der bürgerlich-demokratischen Presse. Jüdische Abgeordnete in der Duma traten mehrheitlich der Kadetten-Fraktion bei. Doch die Mehrheit der jüdischen Bevölkerung fand sich damals auf dem linken politischen Spektrum wieder, egal ob bei den rechten oder linken Esseren, bei den Menschewiki, Bolschewiki oder sogar bei den Anarchisten.

Warum befanden sich denn so viele politisch aktive Juden in Russland auf radikaleren Positionen, als es die nationalen Interessen russischen Judentums erforderten?

Vielleicht, weil die Bolschewiken jüdischer Herkunft von den unteren gesellschaftlichen Kreisen abstammten und deswegen eher die Klassen als nationale Interessen verfolgten? Doch das stimmt nicht. Lew Bronstein (Leo Trotzki) zum Beispiel war der Sohn eines reichen Landbesitzers, Lew Rosenfeld (Lew Kamenew) – eines Ingenieurs, Owsej- Gerschen Aronowitsch Radomyslski- Apfelbaum (Grigorij Sinowjew) – eines Milchfarmbesitzers, Moissei Urizki – eines Geschäftsmannes, Anatoli Lunatscharski – Sohn eines hohen Beamten in Poltawa. Das gleiche Bild sah man auch in den anderen linken Parteien. Menschiwik Martow wuchs in der Familie eines wohlhabenden Mitarbeiters der russischen Gesellschaft für Schifffahrt und Handel auf, Stolypins Mörder Bogrow war ein Sohn des reichsten Kiewer Hauseigentümers.1 Die Wahl der radikalen linken Parteien als Betätigungsfeld in der Politik kann also durch den Hass gegenüber den höheren Klassen nicht erklärt werden.

Es liegt natürlich auf der Hand, dass jeder jüdischer Revolutionär seinen eigenen Weg in die Revolution gefunden hat. Nichtdestotrotz vermute ich, dass sie gemeinsame Gefühle und Hoffnungen gehegt hatten, die sie letztendlich in die Reihen der revolutionären Parteien geführt hatten. An dieser Stelle möchte ich David Shub zitieren, einen Journalisten und Buchautor2, der 1904 das Russische Reich verließ, um in die Vereinigten Staaten zu emigrieren:3
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Trotzki, wie auch andere führende Bolschewiki jüdischer Abstammung, fühlten sich zu keinem Zeitpunkt mit den jüdischen Massen verbunden und waren niemals Mitglieder irgendeiner jüdischen Organisation. Sie waren eifrige Gegner einer jüdischen nationalen und kulturellen Bewegung und jeder von ihnen unterstrich ständig, er sei kein Jude, sondern “Internationalist”. Auch Jaroslawskij, Litwinow, Radek, Ganezki, Rjazanow, Steklow, Jagoda und einige andere führende Bolschewiken der ersten Jahre nach der Oktoberrevolution, sahen sich entweder als Russen, oder als “Internationalisten” an und hatten mit dem jüdischen Volk nichts gemeinsam außer ihrer Herkunft”.

Am Vortag der Oktoberrevolution in Russland gab es also zwei entgegengesetzte Entwicklungsstrategien, die die Geschicke des jüdischen Volkes bestimmen sollten. Der von Pinsker und Herzl entwickelte zionistischer Weg und die sozialistischen Ideen der egalitären klassen- und konfessionslosen Gesellschaft. Demnach war eine Assimilation der Juden nur in einer völlig neuen Gesellschaft möglich. Wenn also die alte Welt die Juden nicht als Gleichgestellte sehen will, dann “werfen wir ihr Staub von unseren Stiefeln ab und zerstören sie bis aufs Fundament”. Und dann- “My nash, my novyj mir postoim. Kto byl nichem, tot stanet vsem.”4

Um diesen Traum einer Klassen- und Konfessionslosen Gesellschaft zu verwirklichen bedurfte es natürlich mehr als nur Partizipation in den Wahlen und anderen bürgerlich- demokratischen Freiheiten, die Kadettenpartei den Juden bereits nach der Februarrevolution 1917 gewährte.5 Es bedurfte einer totalen Umstrukturierung der gesamten Gesellschaft- je radikaler, umso besser. Je radikaler also ein Parteiprogramm war, umso anziehender war es in den Augen einiger russischer Juden, die bewusst oder unbewusst ihre Herkunft als bedrückend empfanden. Nur die Realisierung des Parteiprogrammes der Bolschewiken war laut Trotzki, es ihm erlauben “Nicht Jude, sondern ein Internationalist zu werden”, oder einfacher ausgedrückt, ihm zu vergessen helfen und auch die Anderen zwingen zu vergessen, wer Lew Bronstein war.6

Es ist gut möglich, dass viele von den russischen Juden, die sich letztendlich in den Reihen der Bolschewiken gefunden haben, die gleichen Gefühle oder Gedanken gehabt hatten. Denn nur die komplette Zerstörung der alten Gesellschaftsordnung gab ihnen wenigstens eine Hoffnung.

Die berühmte Balfour- Deklaration, die für Zionisten zum ersten ernsthaften außenpolitischen Erfolg wurde, wurde nur wenige Tage vor dem bolschewistischen Umsturz verabschiedet. Beide theoretischen Konstrukts bekamen also gleichzeitig die Möglichkeit, sich in der Realität zu behaupten. Und diese Tatsache hat einen tiefen symbolischen Charakter, denn sowohl die Zionisten, als auch die Bolschewiken der Meinung waren, dass die Lösung der jüdischen Frage ohne eine vollkommene Abkopplung von der “alten Welt” nicht möglich war, mit einem einzigen Unterschied, dass die Ersten diese Welt verlassen und die Letzten sie umkrämpeln wollten.

Ebenfalls ausschlaggebend für die jüdische Radikalisierung war der Wunsch nach sozialer Gerechtigkeit: Die rechtliche, von absurden Restriktionen geprägte Lage der Juden, die jedoch für den Alltag bestimmend war und somit das Leben extrem erschwerte. Die Trostlosigkeit und das Elend, welches die Pogrome zur Folge hatten, ständige Angst vor Gewalt und übergriffen der Tschernosottenniki (schwarze Hundertschaften), Schikanen der Antisemiten und Behörden, Verarmung, Arbeitslosigkeit und die Einschränkungen sowohl beruflicher als auch gesellschaftlicher Möglichkeiten – all diese Faktoren bündelten sich in der radikalen Entschlossenheit, Veränderungen zu bewirken, die aufgrund fehlender, real durchführbarer Alternativen nur durch eine Revolution zu bewerkstelligen waren.

Von der Oktoberrevolution bis in die späten 20er Jahre

Mit Ausbruch der Revolution wandten sich viele russische Juden den Bolschewiki zu, da sie sich von ihnen eine vollkommene Gleichberechtigung erhofften. Ihre Hoffnungen sollten nicht enttäuscht werden, denn bereits im Juli 1918 erließ der Rat der Volkskommissare ein Dekret über die Ausrottung der antisemitischen Bewegung. Darin wurde die Pogrombewegung als verderblich für revolutionäre Sache erklärt und man forderte die Werktätigen auf, mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln dagegen zu kämpfen. Alle Pogromisten und Agitatoren zu den Pogromen stellte das Dekret außerhalb des Gesetzes und machte sie somit vogelfrei. Die Behörden wurden angewiesen, scharf gegen die antisemitische Bewegung einzuschreiten.7

Die weitere Vorgehensweise gegenüber der jüdischen Minderheit bereitete dem neuen Regime jedoch Schwierigkeiten. Die Behandlung der jüdischen Frage im Marxismus-Leninismus ist voll von Widersprüchen. Die Theorie von Karl Marx, nach der das Judentum zusammen mit der bürgerlichen Gesellschaft verschwinden würde, spielte nur eine marginale Rolle, da sie nur schwer auf die russischen Verhältnisse übertragbar war.8 Die besondere Problematik lag für die bolschewistischen Theoretiker in der Definition des Judentums. Im Russischen Reich galten die Juden offiziell als Nation. Diesen Status sprach ihnen Lenin jedoch ab, da ihnen dafür ein konstitutives Merkmal fehlte: ein geschlossenes, von ihnen bevölkertes Territorium. Dennoch verhielt sich die offizielle Regierungspolitik ihnen gegenüber wie  auch gegenüber den anderen Nationalitäten des Vielvölkerstaates.9

Lenins Nationalitätentheorie beruhte auf zwei gegensätzlichen Polen. Grundsätzlich betonte er die Unabhängigkeit und das Selbstbestimmungsrecht aller Völker. Andererseits aber propagierte er gleichzeitig den Zusammenschluss der Völker unter dem Banner des Sozialismus. Die Nationen der Sowjetunion sollten durch die KP zu einem neuen Ganzen verschweißt werden. Dies mündet unumgänglich in einen straffen Zentralismus, welcher der Idee  einer nationalen Emanzipation zuwiderläuft.

Obwohl man es von offizieller Seite ablehnte, die sowjetischen Juden als Volk zu definieren, galten sie doch de facto als solches. Die Entfaltung einer nationalen Kultur lag aber nicht im Interesse des Regimes. Für die Behandlung der Judenfrage sollte Westeuropa als Vorbild dienen. Die westeuropäischen Juden waren für Lenin progressiv, weil sie den  fortschrittlichen Bewegungen des Zeitalters aufgeschlossen gegenüber standen. Die Juden in diesen Ländern assimilierten sich zunehmend, was auch von den sozialistischen Theoretikern der Epoche (Marx, Kautsky, Luxemburg) als Lösung der Judenfrage nachdrücklich empfohlen wurde. In der überwindung des Kapitalismus sah man aber bereits das Ende jeglicher Diskriminierung gegenüber den Juden erreicht.10 Diese Lösung bedeutete allerdings nichts anderes als die völlige Aufgabe aller Merkmale, welche die Juden von der übrigen Bevölkerung unterschied. Assimilierung oder Absonderung – das waren für Lenin die beiden möglichen Wege11 , wobei letzterer aber als reaktionär empfunden wurde und daher für die Sowjetunion nicht in Frage kam.

In den ersten Monaten nach der Machtübernahme waren die Bolschewiken so sehr mit Konsolidierung ihrer Macht beschäftigt, dass sie keine zielgerichtete Politik gegenüber den jüdischen Parteien, gesellschaftlichen Organisationen und religiösen Gemeinden durchzzführen vermochten. Sogar die Zionisten konnten noch im Frühjahr 1919 ohne jegliche Hindernisse ihre “Palästina Woche” durchführen.12

Doch schon bald nach ihrer Machtübernahme wurde den bolschewistischen Parteiführern klar, dass sie keinerlei Handhabe besaßen, um auf den immerhin beträchtlichen jüdischen Bevölkerungsanteil ideologisch einzuwirken. Die Muttersprache der sowjetischen Juden war in erster Linie das Jiddische. Doch gab es unter den bolschewistischen Propagandisten trotz vieler ethnischer Juden in der KP fast niemanden, der diese Sprache beherrschte.13

Im Januar 1918 wurde daher innerhalb des Ministeriums für Nationalitätenfragen, welches der Leitung von Iosif Wissarionowitsch Dschugaschwili (Stalin) unterstand, das Jüdische Kommissariat geschaffen. Seine Aufgabe bestand darin, kommunistische Aktivitäten unter den Juden zu organisieren. Man beauftragte das Kommissariat mit der Aufsicht über die jüdischen Schulen und begann mit seiner Hilfe, den Einfluss der jüdischen Parteien zurückzudrängen. Dazu wurden zum Beispiel Publikationen in jiddischer Sprache erstellt. Weiter wurden lokale jüdische Sektionen (Jewsekzija) in den allgemeinen Sowjets geschaffen, um auf die jüdischen Gemeinden vor Ort im Geist des Kommunismus einzuwirken. Die Vertreter dieser Sektionen agierten als Vertreter der KP unter den Juden und rekrutierten sich aus den Reihen junger jüdischer Revolutionäre.

Die Jewsekzija-Leiter waren also von der Partei ernannte Funktionäre. Es versteht sich dann von selbst, dass die Jewsekzija nicht die nationale Autonomie der sowjetischen Juden zum Ziel hatte. Es handelte sich bei ihr einzig und allein um ein Instrument zur Agitation unter den werktätigen jüdischen Massen, die mit der kommunistischen Ideologie vertraut gemacht werden sollten. Da dies nur in jiddischer Sprache geschehen konnte, musste dafür in der Partei eine eigene Sektion eingerichtet werden.14

Der Kampf gegen die jüdischen Parteien war ein erstrangiges Ziel der Jewsekzija zu Anfang der 20er Jahre. Die linksgerichteten jüdischen Parteien gerieten noch während des Bürgerkrieges zunehmend in Bedrängnis, als die KP durch die Erfolge der Roten Armee gegen die “weißen Pogromisten”15 schließlich sich als einzige Verteidigerin der Juden in der Öffentlichkeit präsentierte. Diese Entwicklung führte im Zusammenspiel mit prokommunistischen Tendenzen innerhalb jüdischer Parteien nach und nach zu ihrem Anschluss an die Bolschewiki und letztendlich zu ihrer Auflösung.16

Wie war es um die zionistischen Bewegungen in Russland nach der Oktoberrevolution bestellt? Wie verhielten sich Bolschewiken zu den Vertretern einer quasi konkurrierenden Ideologie?

Die Beseitigung der restriktiven Antijüdischen Gesetze und die Legalisierung der zionistischen Organisationen in Russland nach der Februar Revolution von 1917 führte zu einem noch nie da gewesenen raschen Anstieg dieser Bewegung: Wenn 1915 noch im Land nur 15 Tausend aktive Zionisten gezählt wurden, so waren es im Mai 1917 bereits 140 Tausend und im September 1917 waren es dann bereits 300 000.17

Im Sommer und Herbst 1917 führten mehr als 1200 lokale russische Zionistenorganisationen eine breitangelegte Propaganda der Interessenvertretung nationaler, jüdischer Wiedergeburt durch, sammelten Mittel für den Jewish National Fund, verbreiteten Informationen über die Lage im Eretz Israel und gründeten Gesellschaften der gegenseitigen Hilfeleistung für diejenigen Juden, die sich entschlossen hatten, nach Palästina umzuziehen. Unter der Ägide von Zeirej Zion18 wurden in einigen Gegenden Che Haluz19 Gruppen gegründet. Es wurden 39 zionistische Periodika auf Jiddisch, 10 auf hebräisch und 3 auf Russisch herausgebracht. Desweiteren wurden 250 Tarbutschulen20 gegründet, die in Hebräisch unterrichteten.

Die Balfour Deklaration verstärkte die Position der zionistischen Organisationen in Russland zusehends. So wurden im November 1917 sechs Zionisten in die verfassungsgebende Versammlung gewählt. Bei den Wahlen für die gesamtrussische jüdische Versammlung im November 1918 bekamen die Zionisten 2/3 aller Stimmen. Die Versammlung selbst fand wegen des ausgebrochenen Bürgerkrieges jedoch nicht statt.

Während des Bürgerkrieges 1917- 1922 nahmen Zionisten die Position der strengen Neutralität gegenüber allen Konfliktparteien ein. Ihre Konferenz, die vom 5- 8 Mai in Moskau stattfand, gab öffentlich bekannt, dass sie sich in die inneren Angelegenheiten des Landes nicht einmischen werden. Dank dieser Aussage konnten zionistische Organisationen bis in den Sommer 1919 ungehindert ihre Tätigkeit in allen Gebietskörperschaften Russlands fortführen. Während dieser Zeit bekam der Che Haluz besonders großen Zulauf, trennte sich schließlich von Zeirej Zion und proklamierte sich auf der Konferenz im Januar 1919 in Petrograd (heute Sankt- Petersburg) zur “Parteiübergreifenden Arbeitsvereinigung”. Schließlich lösten die Mitglieder des Che Haluz Ende 1918 die dritte Alija. aus Insgesamt 44,5% (ca. 20 Tausend) der Auswanderer der Dritten Alija kamen aus Russland, der Großteil der restlichen Siedler kamen aus den ehemaligen russischen Provinzen Polen und Bessarabien.21

Unter Anderem gründeten diese Neuankömmlinge die “General Federation of Workers” und trugen zu der Hagana- Gründung bei. Sie führten auch den Ausbau der agrikulturellen Fläche und der Infrastruktur des Eretz Israel und entwickelten sogar neue Formen der Siedlungen (Kibbuzim und Moschawim Ovdim).22

Doch bereits in 1919 war es mit dem Traum zionistischer Organisationen in Russland vorbei, die jüdischen Massen zu einer übersiedlung nach Eretz Israel zu bewegen. Auf Drängen der Jewsekzija gab Anfang 1919 das Jüdische Kommissariat ein Dekret heraus, welches das Hebräische als die “Sprache der Reaktion und Konterrevolution” bezeichnete und es den jüdischen Schulen vorschrieb den Unterricht auf Jiddisch zu gestalten. Dieses Dekret löste eine Protestwelle unter den Vertretern des Zionismus in der jungen UdSSR aus. Eine Delegation unter der Leitung von Rabbiner J. Maze besuchte den Volkskommissaren für Bildung und Aufklärung Anatoli Lunatscharski, der anschließend eine öffentliche Ansprache hielt in der er die Proklamierung jeglicher Sprache in den Konterrevolutionären Rang als einen Akt des Vandalismus nannte.23 Eine Delegation des zentralen zionistischen Komitees unter der Leitung von Julius Brutzkus traf sich mit dem Vorsitzenden des ВЦИК (Всероссийский Центральный Исполнительный Комитет – Allrussisches Zentrales Exekutivkomitee) Michail Iwanowitsch Kalinin. Als Ergebnis dieses Treffen gab das AZE ein Dekret aus, welches allen Organen der Sowjetregierung die zionistischen Tätigkeit nicht zu behindern. Am 30. August 1919 jedoch beschloss das Наркомпрос (Народный Комитет Просвещения – Volkskomitee für Bildung und Aufklärung) auf Drängen von Lunatscharskis Stellvertreter – Historiker Michail Pokrowski, den hebräischen Unterricht in allen Bildungseinrichtungen zu verbieten. Alle Tarbutschulen wurden daraufhin geschlossen.24 Bücher, Zeitungen und Zeitschriften in hebräischer Sprache verschwanden aus den öffentlichen Bibliotheken. AuchVerlagshäuser wie zum Beispiel “Рассвет” ((Sonnen)aufgang) und “Хроника еврейской жизни” (Chronik des jüdischen Lebens) wurden geschlossen. Das Hebräische Theater “Habima” in Moskau sah sich gezwungen, seinen Spielbetrieb einzustellen.25

Ab April 1920 wurde jede zionistische Äußerung in der UdSSR brutal verfolgt. Am 23. April 1920 wurden fast alle Teilnehmer und Gäste der zionistischen Konferenz in Moskau verhaftet, 19 von ihnen wurden außergerichtlich zu einer mehrjährigen Haft verurteilt, erhielten aber bald eine Begnadigung unter der Bedingung, dass sie sich von den zionistischen Aktivitäten vollständig lossagten. Somit stellte man den Zionismus faktisch außerhalb des gesetzlichen Rahmens. Tausende Zionisten fühlten die sowjetischen Gefängnisse und Deportationszüge nach Sibirien.26 Briefe wurden zensiert, Wohnungen beschlagnahmt und Versammlungen auseinandergetrieben. Alle Versuche, die Position der Sowjetischen Regierung gegenüber den zionistischen Aktivitäten zu verändern, schlugen fehl.27

1923 existierten in der Sowjetunion nur noch 2 zionistische Organisationen mit einem legalen Status: Die jüdische kommunistische Arbeiterpartei Poalei Tzion (פּוֹעֲלֵי צִיּוֹן), die auf der Basis der jüdischen sozial- demokratischen Partei Poalei Tzion gegründet wurde und der sogenannte “legale” Flügel des Che Haluz. Ein Teil der zionistischen Organisationen führte ihre Arbeit im Untergrund fort, sie gaben einen Schreibmaschineninfoblatt heraus, kümmerten sich im Britischen Konsulat um die Olim, die nach Eretz Israel gehen wollten und unterstützen sie auch bei diesem Vorhaben materiell. 1924 wurden diese Organisationen jedoch endgültig zerschlagen. Alle Mitglieder des Zentralbüros Che Haluz wurden verhaftet und zu einer Deportation nach Zentralasien verurteilt. Nur durch die persönliche Einmischung Lew Kamenews wurde die Deportation nach Zentralasien abgewendet und durch eine Ausweisung aus dem Land ersetzt. 1928 wurde letztendlich Poalei Tzion als letzte zionistische Organisation in der Sowjetunion aufgelöst. Doch die Alija aus der Sowjetunion ging noch bis 1936 (1925- 26 – 8157 Menschen, 1927- 1936 – 3145 Menschen) weiter, die Meisten dieser Olim waren Mitglieder des Che Haluz.

Obwohl also viele Revolutionäre jüdischer Herkunft führende Positionen in der jungen Sowjetrepublik hatten und die Situation der russischen Juden sich nach der Machtergreifung der Bolschewiki sogar gravierend verbessert hatte, wurden die zionistischen Organisationen verfolgt und letztendlich aufgelöst. Das lag zum Einen daran, dass die meisten der jüdischen Revolutionäre sich eher als Internationalisten, denn Juden ansahen und atheistisch waren. Und zum Anderen lag es daran, dass mit dem Sieg der Oktoberrevolution das jahrhundertealte Problem der Judenverfolgung und Ausgrenzung in dem neuen sozialistischen Staat als endgültig gelöst angesehen wurde. Unumgängliche Assimilation nicht nur Juden, sondern aller Völker auf dem Territorium der Sowjetunion und ihre Verschmelzung zu einem Sowjetvolk ließ keinerlei Raum für ethnische Ideen und Vorstellungen. Das gemeinsame Auftreten dieser Ideologien verstärkte noch einmal den Konkurrenzkampf “um die Köpfe”.

Verwandte Themen:

Russisch- israelische Beziehungen 1

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1 Vgl. dazu Evgenij Lewin: Do osnowanija a zachem? Evrei i oktyabrskaya revoluziya http://booknik.ru/context/?id=27915

2 Seine Biographie über Lenin, die 1948 publiziert wurde, ist eine der besten ihrer Art.

3 Vgl. dazu http://www.hrono.info/libris/lib_sh/shub19.html

4 Strophe aus der “Internationale”: Wir bauen unsere neue Welt auf. Wer Niemand war, der wird etwas sein (im Sinne von bedeuten) vgl. http://youtube.com/watch?v=fpvwh293VKI

5 Vgl. dazu Vetter, Matthias: Emanzipation und Diktatur. Die sowjetischen Juden und die politische Macht in den 1920er Jahren, in: Archiv für Sozialgeschichte 37 (1997), S. 283-302

6 Vgl. dazu Evgenij Lewin: Do osnowanija a zachem? Evrei i oktyabrskaya revoluziya http://booknik.ru/context/?id=27915

7 Vgl. Silberner, Edmund: Kommunisten zur Judenfrage. Zur Geschichte von Theorie und Praxis des Kommunismus, (1983), Opladen S.83

8 Vgl. Vetter, Matthias: Antisemiten und Bolschewiki. Zum Verhältnis von Sowjetsystem und Judenfeindschaft 1917-1939. Berlin 1995, S.73ff.

9 Ebd. S. 77

10 Vgl. Abosch, Heinz: Antisemitismus in Russland. Eine Analyse und Dokumentation zum sowjetischen Antisemitismus. Darmstadt 1972, S.87

11 Vgl. Silberner, Edmund: Kommunisten zur Judenfrage. Zur Geschichte von Theorie und Praxis des Kommunismus. Opladen 1983, S.84

12 Vgl. hier und weiter Sowjetskij Sojuz. Oktjabr´skaja Revolucija i grazhdanskaja wojna. In: Elektronnaja evrejskaja Enziklopedija http://www.eleven.co.il/article/15415

13 Vgl. Ben-Sasson, Haim Hillel: Geschichte des jüdischen Volkes. Dritter Band. Vom 17.Jahrhundert bis zur Gegenwart. München 1980, S.299.

14 Ebd. S. 299

15 Insbesondere im späteren Verlauf des Bürgerkrieges organisierten Denikins und Koltschaks Armeen auf Ihrem Rückzug vor der Roten Armee mehrere Pogrome an jüdischer Bevölkerung, weil die “Weißen” Soldaten und Offiziere alle Juden ausnahmslos für Revolutionäre und Bolschewiken hielten.

16 Vgl. Ben-Sasson, Haim Hillel: Geschichte des jüdischen Volkes. Dritter Band. Vom 17.Jahrhundert bis zur Gegenwart. München 1980, S.300

17 Vgl. hier und weiter Sionistkoe dvizhenie v otdel´nyh stranah http://www.eleven.co.il/article/15612#0116

18 צְעִירֵי צִיּוֹן – Die Jugend Zions. Eine zionistische Arbeiterbewegung des gemäßigten Sozialismus, die vorwiegend auf dem Territorium Russlands aktiv war.

19 הֶחָלוּץ – Pionier, Siedler. Jugendbewegung, deren Ziel es war die jungen Männer und Frauen für das Leben in Eretz Israel vorzubereiten

20 תַרְבּוּת€Ž – jüdische, säkulare aufklärerisch- kulturelle Organisation, die zwischen den beiden Weltkriegen ein Netz von Bilddungseinrichtungen (Tarbutschulen) gegründet hat. Tarbutschulen sind säkulare, hebräisch- sprachige Tagesschulen

21 Vgl. hier und weiter Sowjetskij Sojuz. Oktjabr´skaja Revolucija i grazhdanskaja wojna. In: Elektronnaja evrejskaja Enziklopedija http://www.eleven.co.il/article/15415

22 Vgl. dazu http://www.moia.gov.il/Moia_en/AboutIsrael/aliya3.htm

23 Vgl. hier und weiter Sowjetskij Sojuz. Oktjabr´skaja Revolucija i grazhdanskaja wojna. In: Elektronnaja evrejskaja Enziklopedija http://www.eleven.co.il/article/15415

24 Vgl. hier und weiter Sionistkoe dvizhenie v otdel´nyh stranah http://www.eleven.co.il/article/15612#0116

25 Vgl. Ben-Sasson, Haim Hillel: Geschichte des jüdischen Volkes. Dritter Band. Vom 17.Jahrhundert bis zur Gegenwart. München 1980, S.302

26 Ebd. S. 301

27 Gorkijs Appel an Lenin nach einer Bitte von Schimon Gepstein und die Verhandlungen des britischen Zionisten M. Ider mit dem Volkskommissaren für Äußeres G. Chicherin

Dieser Beitrag von Paul Becker erschien zuerst auf gusnews.net, einem inhaltlichen Partner der Readers Edition.


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