Nach Wuppertal! Gegen Sozial- und Kulturkahlschlag

Immer mehr deutsche Kommunen gehen finanziell auf dem Zahnfleisch. Wuppertal macht da keine Ausnahme. Millionen von Euro fehlen im Stadtsäckel. Hoch verschuldet ist die Stadt. Die fehlenden Millionen will die Kommune mit der weltberühmten Schwebebahn nun in den nächsten Jahren rigoros zusammensparen. Der Oberbürgermeister der Stadt weiß sich nicht mehr

pic050211.jpgImmer mehr deutsche Kommunen gehen finanziell auf dem Zahnfleisch. Wuppertal macht da keine Ausnahme. Millionen von Euro fehlen im Stadtsäckel. Hoch verschuldet ist die Stadt. Die fehlenden Millionen will die Kommune mit der weltberühmten Schwebebahn nun in den nächsten Jahren rigoros zusammensparen. Der Oberbürgermeister der Stadt weiß sich nicht mehr anders zu helfen. Die Einsparungen, so Herr Jung (CDU), müssten vorgenommen werden, wenn es nicht noch schlimmer kommen sollte.

Noch schlimmer? Letztlich setzt die Kommune jedoch auf hilflose Versuche, um die Finanzen der Stadt halbwegs zu sanieren. Ja: Um die Stadt vorm Untergang zu bewahren. Aber diese Sparmaßnahmen dürften letztlich nutzlos verpuffen. Denn die durch die Rotstiftpolitik zusammengestrichen Gelder sind haushaltstechnisch gesehen letzten Endes so minimal wenig, dass ihr Wegstreichen an der Misere wohl kaum merklich etwas ändern dürfte.

Für die Betroffenen geht es ans Eingemachte

Für die vom Finanzkahlschlag Betroffenen jedoch geht es gehörig ans Eingemachte, sprich: an die pure Existenz. Die gängige Methode – nicht erst seit Neuestem: Die Sparmesser säbeln wieder einmal auch hier vorwiegend, die Zuschüsse kappend, in diejenigen Einrichtungen hinein, die die schwächste Lobby innerhalb der Kommune und darüber hinaus haben: Sporteinrichtungen, Schwimmbäder, und natürlich die kulturellen Institutionen sollen in den nächsten Jahren bluten müssen. Aber der von der Kommunalpolitik ins Auge gefasste Sozial- und Kulturkahlschlag wird doppelt ins Leere gehen. Zum einen dürften die eingesparten Millionen hinten und vorn nicht reichen, um die Zukunft  Wuppertals nachhaltig zu sichern. Andererseits aber werden über lange Zeiträume gewachsene soziale und kulturelle Institutionen, die letztlich zur Daseinsvorsorge gehören, womöglich unwiederbringlich zerstört. Offenbar ohne sich dabei die schlimmen Folgen für die menschliche Gesellschaft auch nur einmal vor Augen zu führen!

Warum ließen sich die Kommunen zur Schlachtbank führen?

Man fragt sich: Warum haben es sich die nun nach und nach vor der Pleite stehenden deutschen Kommunen überhaupt jahrelang gefallen lassen, dass man ihnen immer mehr finanzielle Einnahmequellen kappte? Warum ließen sich die Kommunen nahezu wehrlos zur Schlachtbank führen? Hohe Arbeitslosigkeit und damit verbundene Steuereinbrüche bei gleichzeitigem Anstieg der Sozialausgaben und die momentane Weltwirtschaftskrise stehen zwar auch im unmittelbaren Zusammenhang mit dem Niedergang der Kommunen, sind aber nur die eine Seite der Medaille. Schließlich ist in Berlin über mehrere Legislaturperioden hinweg sehenden Auges eine völlig verfehlte Politik betrieben worden, die diese Negativ-Erscheinungen auch noch stark begünstigt hat! Und zwar von Politikern derjenigen Parteien, welche auch in Städten und Gemeinden das Sagen haben. Änderung ist leider nicht in Sicht. Denn die nunmehrige schwarz-gelbe Regierung dürfte mit ihrer unsäglich-dummen Klientelpolitik nun noch die letzten Sargnägel in die Kisten einschlagen, worin die siechenden Städte und Gemeinden jetzt schon monetär klamm bis auf die Unterhose liegen und auf ihr Ende warten.

Die 24 Stunden von Wuppertal

Engagierte Wuppertalerinnen und Wuppertaler indes wollen diese Entwicklung nicht wehrlos hinnehmen. Die von harten Finanzkürzungen betroffenen Wuppertaler Bühnen und das Bündnis Wuppertal wehrt sich starten unter dem Motto “Theater macht reich!” am 29. Januar 2010 um 22.00 Uhr nach der Premiere von “Fleisch ist mein Gemüse” vor und im Schausspielhaus Wuppertal eine 24-stündige Protestaktion. Teilnehmen daran werden etwa 200 Schauspieler, Sänger, Marionetten, Musiker, Bands und Chöre aus Wuppertal und ganz NRW.

Die Bühnenprogramme laufen am Samstag weiter. Im Foyer werden Infostände von Vereinen und Institutionen aufgestellt. Ab 15.00 Uhr treten auf der Außenbühne Wuppertaler Bands, Sambatruppen und die Bläser des Sinfonieorchesters auf. Für 16.00 Uhr ist dann eine Großkundgebung auf dem Schauspielhaus-Vorplatz geplant. Um 20.00 Uhr findet eine Podiumsdiskussion im Kleinen Schausspielhaus statt. Die Themen: Kommunalfinanzen, Bildung und Kultur.

Der Eintritt zu den Veranstaltungen ist frei. Viele Theaterschaffenden aus NRW haben ihr Kommen zugesagt. Schließlich könnten sie schon die Nächsten sein, denen Kulturkahlschlag droht. Die Kulturbanausen scharren bereits allerorten mit den Füßen. Entsetzt über derlei, berichtete kürzlich der scheidende Schausspielchef von Essen, Anselm Weber, von einem jungen Dezernenten der Stadt, der tatsächlich die Stirn hat, über die Abschaffung von Subventionen für die Stadttheater zu schwadronieren. Seine Begründung: Musical-Häuser erhielten ja auch keine Zuwendungen.

In Anton Tschechows Stück “Drei Schwestern” träumen Besagte in der Provinz vom vermeintlich seligmachenden Moskau. Nach Moskau!, lautet ihr sehnlichster Wunsch, nach Moskau! In Abwandlung dessen sollte für alle Freunde des Theaters und Gegner des Sozialkahlschlags am kommende Wochenende nur eines gelten: Nach Wuppertal! Nach Wuppertal! Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt…

Kommentare

Dieser Artikel hat einen Kommentar. Was ist Deiner?

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*