Ein geschichtlicher überblick
1700/01: Schon im August des Jahres 1700 begann der aus Gruben nach Berlin gerufene Astronom Gottfried Kirch im Auftrage der Akademie mit regelmäßigen Wetterbeobachtungen. Mit den Aufzeichnungen und instrumentellen Beobachtungen in den Jahren 1700 und 1701 beginnen die langjährigen Temperaturreihen Berlins, die somit zu den ältesten und kontinuierlichsten von ganz Deutschland bzw. der Welt gehören.
Einen wesentlichen Anteil am Zustandekommen der nahezu kontinuierlichen fast 310-jährigen Berliner Temperaturreihe hatte zweifellos auch der am 7. Juni 1742 in Berlin geborene so genannte “Wetterpfarrer” Karl Ludwig Gronau. Er gilt als Begründer der wissenschaftlichen Wetterbeobachtung in Berlin.
Die Temperaturgeschichte Berlins

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Die Berliner Temperaturreihe zeigt die Temperaturentwicklung in Berlin seit 1701. Die Temperaturreihe beginnt mit einer Kältezeit Anfang des 18. Jahrhunderts. Mitte des 18. Jahrhundert steigen die Temperaturen rapide an und zum Ende des 18 Jahrhunderts erfolgt ein Kälteeinbruch. Im 19. und 20. Jahrhundert steigt die Temperatur dann kontinuierlich an. Die heutige Temperatur entspricht der Mitte des 18. Jahrhunderts.
Bei der langfristigen Temperaturentwicklung sollte man sich immer vor Augen halten: die Zeitreihen der Globaltemperatur beginnen erst ab 1850 bzw. 1880. Diese starten also in einer Kaltzeit. Die Berliner Temperaturreihe zeigt hingegen einen Wechsel zwischen Kalt- und Warmzeiten über 310 Jahre hinweg. Diese Temperaturentwicklung lässt sich über Europa hinweg Verfolgen.
Wintertemperaturen und Sonnenflecken
R. Scherhag kommt in seiner Veröffentlichung “Die Wintertemperaturen in Berlin und die Sonnenfleckenrelativzahlen” von 1948 zu dem Ergebnis, dass die Wintertemperaturen in Berlin im direkten Zusammenhang mit der Sonnenaktivität stehen. Er schreibt:
“Die zweimal fünffach übergreifende Mittelbildung der 200jährigen Berliner Temperaturreihe entschleiert deren enge Beziehung zur Sonnenfleckentätigkeit, da, von zwei Ausnahmen abgesehen, jede Sonnenfleckenperiode durch eine entsprechende Schwankung der Temperaturkurve in Erscheinung tritt und zugleich keine andere Schwingung auch nur annähernd so deutlich erkennbar ist. Im Mittel waren die dem Sonnenfleckenmaximum folgenden Winter am kältesten und jene 1 1/2 Jahre vor dem Minimum am wärmsten.”
Extrem kalte Winter sind zur Zeit des Sonnenfleckenminimums (1783/84, 1798/99, 1799/1800, 1822/23) aufgetreten.
Der Winter 2006/07 – eine meteorologische Besonderheit
Die Berliner Wetterkarte machte im März 2007 auf den warmen Winter 2006/07 aufmerksam. Dieser war eine Folge einer besonders beständigen Westwindlage verbunden mit einer starken Nordatlantischen Oszillation (NAO).
Der Winter 2006/07 war schon wie schon der WM Sommer 2006 sehr mild. “Man muss ca. 250 Jahre zurückgehen, um in der Berliner Beobachtungsreihe einen ähnlich warmen Winter zu finden: Der Winter 1755/56 war um etwa 5 Grad zu warm! Auch er trat in einer … Periode auf, in der es wiederholt sehr milde Winter und extrem heiße Sommer gab. Ursache der sehr milden Witterung … (des Winters 2006/07) war das gehäufte Vorkommen zyklonaler West- bis Südwestlagen insbesondere im Dezember und Januar, die für die ständige Zufuhr milder Meeresluft teilweise subtropischen Ursprungs sorgten. Kaltluftvorstöße blieben zwar in allen drei Wintermonaten nicht aus, doch waren sie sehr kurz.”
In der Zeit nach 2006/07 ist der Jahresmittelwert der Temperatur in Berlin und in Deutschland um mehr als -2°C gefallen. Der Temperaturabfall ist vor allem den kalten Wintern 2008/09 und 2009/10, einhergehend mit einer schwachen NAO, geschuldet.

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Die Wetterchroniken bestätigen die Berliner Temperaturreihe
In den Wetterchroniken finden sich Belege für die Klimaentwicklung im 18. Jahrhundert. Diese stimmen mit der Berliner Temperaturreihe gut überein. Die Chroniken belegen, dass sich das Klima im 18. Jahrhundert wesentlich schneller geändert hat als heute. Vor allem die Kältewinter Anfang und Ende des 18. Jahrhunderts machten den Menschen und der Natur sehr zu schaffen. Die warmen Winter waren damals die guten Winter, kalte Winter bedeuteten hingegen Hunger und Not. Warum sollte das heute anders sein? Hier einige Auszüge:
1708/09: Der Winter dieses Jahres war überall in Pommern von Weihnachten bis Ostern (31. März) ungemein hart, dergleichen auch alte und vielerfahrene Leute kaum gedenken konnten. Vielen Menschen sind Nasen, Ohren und andere Glieder erfroren, und viele sind an dem später dazugetretenen Brand gestorben. Viel Vieh erfror in den Ställen; kleine Vögel fielen im Fluge tot zur Erde; Bäume platzten mit gewaltigem Krachen. Oftmals war der Wein auf dem Altar ganz hart gefroren. Der Frost drang über Mannshöhe in die Erde hinein und ließ sogar Eichbäume erfrieren. Auch war die Ostsee wie Anno 1658 ganz zugefroren. Gegen Ende des Winters kam sehr viel Schnee, welcher erst in der fünften Woche nach Ostern mit viel Regen wegtaute, so daß überall eine hohe Wasserflut viel Schaden anrichtete. Die stark mit Eis gehende Rega riß in Greifenberg die sehr alte Regabrücke weg. Die Bewohner der Gelder Vorstadt und der Neustadt zu Kolberg mußten auf die Dächer flüchten und wurden mit Kähnen gerettet. In Stolp war der Frost vom 27. Dezember bis 10. Februar außergewöhnlich hart, so daß hin und wieder auch Leute erfroren. Den 11. bis 13. Februar hat es zu regnen angefangen, was dann sol viel Wasser gegeben hat, daß am 14., 15. und 16. Februar die Stolpe sich ergoß und alles von der Mauer an bis in die alte Stadt unter Wasser setzte. Das Wasser ist über die Dämme und Brücken gegangen, hat vielen Schaden an den Schleusen getan, die Balken von den Schleusen aufgehoben und weggenommen, die Fischkästen hinweggetrieben, ja auch alle Häuser auf der Töpferstadt, in der Hörn, auf der Bleiche und alles, was in der Niederung stand, unter Wasser, mannshoch, auch höher, gesetzt. Der Bleicher samt Familie auf der Amtsbleiche ist von dem schleunigen Wasser übereilt und sein Haus dergestalt unter Wasser gesetzt worden, daß er sich auf den Boden zurückziehen, Vieh und Schweine auch in die Höhe bringen, Stroh und Futter auf Floßholz sich zuführen und auf dem Boden so lange aushalten mußte, bis daß das Wasser fiel. Andere Leute sind aus ihren Häusern gegangen. Den 17. Februar hat es wieder stark angefangen zu frieren und damit bis in den März ganz ungemein angehalten. Das hat dann großen Mehlmangel verursacht, weil alle Mühlen zugelegt worden waren. Der König hat die Magazine öffnen lassen müssen und den armen Leuten Mehl zum Backen gegeben. Am Freitag vor Pfingsten (17. Mai) ist ein hartes Wetter gewesen mit Sturm, Schlagregen und Schnee, so daß alles, was schon grün war, mit Schnee bedeckt wurde.
Weitere Ereignisse von 1708/1709
Fahrenheit wählte als Nullpunkt seiner Temperaturskala die tiefste Temperatur des strengen Winters 1708/1709 in seiner Heimatstadt Danzig.
Vivaldi berichtete über eine außergewöhnliche Kälte im Winter 1708/09 in Venedig.
1739/49: In diesem 1739 Jahre fing es zeitig, noch vor Martini, an zu frieren, und war die Kälte ein paar Mahl fast unleidlich: In der Frankfurter Martini-Messe fiel so viel Schnee, daß die Zurückreisenden nicht Weg noch Steg finden, und vor dem aufgehäuften Schnee nicht fortkommen konnten. Welches wohl eine Vorbedeutung des übergroßen langen und allen Vorrat mitnehmenden Winters des folgenden merkwürdigsten Jahres gewesen… Denn fast alle Saat auf dem Felde und das Obst und Bäume sind verfroren und 4 der höchsten Häupter von Europa sind gestorben. Gleich nach dem neuen Jahr fing es dermaßen an zu frieren, daß dieser Winter dem vor 30 Jahren nicht allein gleich, sondern es ist die Kälte auch zu 2 Mahlen als den 20. Jan. und 7. Feb. an einigen Orten in Deutschland etliche Grad höher (im Minusbereich), als 1709 gewesen. Man mag diesen Winter denen in diesem Seculo als 1709, 1716, 1729 und 1731 durch Gottes Gnade überstandenen Wintern, in Ansehung seiner Dauer, und beständigen Anhaltens, wohl mit Recht, den großen langen, und durch ganz Europa auf lange Zeit, andenkenswürdigsten Winter nennen, in dem Frost, Kälte und Schnee bis in den Mai-Monat angehalten. Menschen und Vieh, alle Saat vom Weizen, an den meisten Orten, die meiste sonderlich Roggen Saat, der Weinstock, die Nuß-, Pfirsig-, Flieder- und weißen Maulbeerbäume, der grüne Kohl, die Rapüntzel, Petersilie etc. sind verfroren. Als den 4. Mai noch eine große Kälte mit vielem Schnee einfiel, verfroren im Bruche und bei Lebus, Pferde und Menschen. Und da den 22. und 23. Juni noch ziemlich kalte Nächte waren, sind auch die wenigen Erd-Früchte: als Bohnen, Kürbisse etc. verfroren. Es entstand daher bald nach Ostern, und da bis Joannis kein Gras gewachsen, ein großer Mangel an der Futterung fürs Vieh: Stroh und Heu war fast nicht mehr zu bekommen, das Fuhder Heu galt für 10 und mehr Taler, das Schock Stroh 10-12 und mehr Taler. Die Schäfereien starben an einigen Orten über die Hälfte, an einigen gänzlich aus, und das Rind-Vieh verdorrte fast. Einige Saat kam erst mit Ausgang des Mai-Monats hervor, und Medio Juni kamen erst die Ähren hervor, und gegen den 6., 7. und 8. August ließ es sich erst zur Roggen-Ernte an. Und da war nun auch alles an Brot-Korn unter Menschen verzehrt. Aber man hatte kaum angefangen zu mähen, als Gott beständig, alle Tage, biß zur Hälfte der Ernte, regnen ließ. Daher die armen Leute auf dem Lande gezwungen wurden, die nassen Garben in die Backöfen zu legen und dann auszudräschen, damit sie nicht vor Hunger sterben. In großen Städten aber, als zum Bsp. in Berlin, ist die Hungers-Not desto größer gewesen. Und solcher Mangel hat auch sonderlich in Städten von ganz Europa continuiret bis Martini, und Advents-Zeit hin, in welcher Zeit der Roggen bis auf 1 rt. biß 28 gr der Scheffel, der Weizen aber biß 3 rt. gestiegen. Nachdem man aber angefangen zu dräschen, hat der Roggen durch Gottes sonderbaren Segen, dennoch wohl gelohnt, und obgleich wenig Stroh, so ist dennoch kein so gar großer Brot-Mangel gewesen. Die Sommer Ernte war hier herum fast biß Michael. An anderen Orten aber, haben einige, da es den 4. Okt. schon wiederum frostig, unter dem Frost harken, und ernten müssen, wie dann überhaupt in diesem Jahr die Arbeit aus einem in das andere Feld, unordentlich durcheinander gelaufen. Obst sonderlich Pflaumen waren überflüßig an den Bäumen, und da in diesem Jahre wegen Mangel des Futters, und Grases vor der Ernte keine Butter, und Käse, oder doch nur wenig gemacht worden, so wäre hier das Pflaumen Muß wohl zu statten kommen. Aber die Kirschen wurden erst gegen Bartholomai, und die Pflaumen nicht gänzlich reif, und durch den zeitigen Frost im Oktober verdarb, wie denn auch die meisten alten Pflaum- und andere alte Obst-Bäume mit vertrocknet, und ausgegangen sind. Sonst ist auch in diesem Jahre, um Michael aus, an manchen Örtern, von dem Gewitter mancherlei Schaden verursacht worden.
1739/40: Der Winter 1739/40 war in ganz Europa unerhört streng und lang. Er war wohl neben 1607/08 einer der kältesten des ganzen Jahrtausends. Er Dauerte von etwa 24. Oktober bis 13. Juni. Noch im April waren in Deutschland die Brunnen gefroren. Im Mai gab es noch viele, starke Schneefälle. … so dass ausgerechnet in diesem Jahr 1740 eine Hungersnot in den preußischen Staaten herrschte, von der besonders Berlin auf das schwerste betroffen war. Die Bäume und Sträucher bekamen erst im Juni Blätter.
Auch in London war der Winter 1739/40 einer der härtesten der Aufzeichnungsgeschichte. Strengen Frost gab es von Weihnachten bis zum 17. Februar. Zwischen November 1739 und Mai 1740 gab es 39 Schneetage.
12. Januar 1740: Von heute vor 270 Jahren existieren vereinzelte Aufzeichnungen in unserer Gegend, die diesen Tag als den kältesten im Winter 1739/40 angeben. Seit Oktober 1739 lag Schnee. Infolge der Kälte wären die Hirsche und Rehe auch tagsüber in die Dörfer gekommen. Vielen Menschen “seien die Nasenlöcher zugefroren”. In der Kirche wäre der Wein für die Kommunion gefroren, …
1740 dauerte der Winter sehr lange. Viel Vieh erfror in den Ställen. Ende Mai war noch kein Laub an den Bäumen. Die Getreideernte begann erst im September. Am 7. Oktober wintere es schon wieder zu. Die Hälfte der Wintersaat war noch nicht bestellt. Deshalb gab es 1741 eine allgemeine Hungersnot.
13. Juni 1740: Im kältestem Jahr der letzten 3 Jahrhunderte wurde in Berlin noch am 13. Juni Frost festgestellt.
1740/41: Der Winter 1739/40 wird allgemein als “Jahrhundertwinter” bezeichnet, der des Jahres 1740/41 stand ihm an Kälte wenig nach. Die Hungersnot 1740/41 in Irland viel mit diesem kalten Winter zusammen.
1756: Nach mehreren kühlen Jahren, wird das neue Jahr, nach einem aussergewöhnlich milden Winter extrem warm. Ende Januar blühen schon die ersten Blumen. Der Frühling wird schon sehr warm und der Sommer heiß.
1757 ist wieder warm. Der Juli wird als der heisseste Monat registriert, der jemals vorgekommen ist. 1757 beginnt der siebenjährige Krieg.
1783/84: Der extreme Winter von 1783/1784 der nördlichen Hemisphäre war Resultat einer natürlichen Klimaveränderung. Der Nordwinter 1783/84 gilt als einer der härtesten überhaupt in Mitteleuropa, war aber auch in Nordamerika und Asien bedeutsam. Die Ursache dafür wird in besonders schwefelreichen oder besonders heftigen und aschereichen vulkanischen Eruptionen gesehen.
1798/99 & 1799/1800: Die Meteorologischen Nachrichten berichteten 1801 über die grosse Kälte von 1798/99 und 1799/1800, und über die frühen sehr kalten Winter dieser Jahre.
Daten-Quellen
Das sind einmal exakte Zahlen! Dass sie so weit zurückreichen macht sie besonders
aussagefähig, auch wenn sie “nur” die offene Norddeutsche Teifebene betreffen. Es ist kaum zu erwarten, dass die Zahlen für die Bergregionen in Deutschland und in den angrenzenden Ländern wesentlich anders liegen.