Das globalisierungskritische Netzwerk Attac ist inzwischen zu einer wichtigen gesellschaftlichen Größe geworden. Wir befinden uns derzeit in einer schweren Weltwirtschaftkrise. Attac warnte schon lange bevor andere überhaupt daran zu denken wagten, dass die eingeschlagene neoliberale Politik zwangsläufig in die Krise führen müsse. Die Prophezeiung traf prompt ein. Attac hatte sich, um darauf zu kommen, keineswegs hellseherischer Fähigkeiten bedient, noch war eine Glaskugel bemüht worden. Attac zählte einfach nur eins und eins zusammen. Was im Grunde genommen auch jeder andere (insbesondere die Medien) hätten tun können (und müssen).
Kritische Analysen zeigten rasch, dass uns der neoliberale Zeitgeist samt der angeblich alternativlosen (ungezähmten) Globalisierung und deren tiefgreifenden Folgen Arm in Arm mit dem ausufernden Kasinokapitalismus schnurstracks in die Misere führen wird.
Deutsche Globalisierungskritiker nahmen sich ein Beispiel an Attac Frankreich
Der deutsche Ableger des globalisierungskritischen Netzwerks Attac hatte ein französisches Vorbild: Nachdem 1997 in einem Leitartikel in “Le Monde diplomatique” von Ignacio Ramonet die Idee einer weltweiten NGO angeregt worden war, erfolgte im März 1998 die Gründung von Attac Frankreich. Ziel: Engagement für die Einführung einer weltweiten Börsentransaktionssteuer, einhergehend mit der Kontrolle der internationalen Finanzmärkte. Im Jahre 2000 gründeten Vertreter von 50 Organisationen und Initiativen das deutsche “Netzwerk zur demokratischen Kontrolle der internationalen Finanzmärkte”. Ende des selben Jahres beschloss das “Netzwerk” sich Attac Deutschland zu nennen.
Die “Brotfabrik” brummte: 500 Gäste feierten “10 von vielen”
Außer den Aktivisten der ersten Stunde glaubte wohl damals kaum jemand daran, dass Attac ein längeres Bestehen beschieden sein würde, geschweige denn gesellschaftliche Veränderungen herbeizuführen in der Lage wäre. Die Pessimisten haben sich schwer getäuscht: Am vergangenen Sonnabend feierte Attac unter dem Motto “10 von vielen” eine rauschende Geburtstagfeier am Ort seiner Gründung in Frankfurt am Main. In Erwartung von vielleicht 150 bis 200 Geburtstagsgästen hatten die Attacies die “Brotfabrik” im Stadtteil Hausen zwecks Geburtstagsfete angemietet.
Als ich gegen 14 Uhr dort eintraf, schwante mir, es könnten noch weniger Gäste werden. Die Erwartung sollte sich als falsch und meine Befürchtungen als unbegründet herausstellen. Bald schon “brummte” nämlich die “Brotfabrik” bei hervorragender Stimmung: Um die 500 Attacies und Freundinnen und Freunde der NGO drängten sich dicht bei dicht und hatten gewaltig Gaudi. Die Gastronomie hatte ihre wahre Not mit dem Gäste-Ansturm klarzukommen. Letztlich aber wurden alle satt. Nicht wenigen, mich eingeschlossen, knurrte nur anfangs der Magen. Viele Partygäste waren von außerhalb, u. a. aus Norwegen, Frankreich und Österreich, sowie aus vielen Teilen Deutschlands an den Main nach “Bankfurt” gereist, wo nun seit einiger Zeit auch (unweit den Hauptbahnhofs) die Attac-Zentrale ihren Sitz und kritisch spähende Augen auf die Finanzakteure hat.
Das Geburtstagsprogramm: abwechslungsreich und informativ
Das Geburtstagsprogramm, das nach Diashow und Sektempfang leicht verspätet startete, war bis weit in die Nacht hinein umfangreich, gehaltvoll, in jeder Hinsicht abwechslungsreich, stellenweise heiter und noch dazu hoch informativ. Der Hamburger Kabarettist Jan Peter Petersen brach nach der Musik von Claus Kittsteiner und Eric Sons gleich zu Anfang aus dem Stand heraus das Eis mit frechem politischen Kabarett, das den Zeitgeist scharf-schlitzohrig aufs Korn nahm. Im Gespräch plauderten die Attacies der ersten Stunde, Jutta Sundermann und Peter Wahl, über die Anfänge der Organisation. Dabei wurde besonders auf das Spektren übergreifende der Bewegung hingewiesen, was Attac vor allem für Menschen interessant machen dürfte, welche den Eintritt in eine politische Partei scheuen. Schließlich sei es ein Vorteil von Attac, dass es dort keine “Ochsentour” durch irgendwelche Ortsvereine zu bestehen gelte, so Peter Wahl: Wer mitmachen will, kann sofort loslegen.
Eines kam klar heraus: Attac wirkt. Ist eine feste Größe. Daran kommt man nicht mehr so schnell vorbei. Unterdessen ist CDU-Mitglied Heiner Geißler prominentes Attac-Mitglied; und selbst Angela Merkel spricht plötzlich von der Notwendigkeit der Kontrolle der Finanzmärkte. Allein mit der Umsetzung hapert es noch. Attac bleibt deshalb ganz sicher auch die nächsten Jahre wichtig.
Einfallsreiche Attac-Aktionen…
Aktionen wie die Herstellung und das Austeilen der perfekt gefakten “Die Zeit” (350 000 Exemplare fanden ihre Leser), der über die Gefahren eines Börsengangs der Deutschen Bahn hinweisende und in den Zügen des Staatsunternehmens ausgelegte täuschend echte “Ihr Reiseplan”, sowie die spektakuläre friedliche Stürmung der Frankfurter Börse im Oktober 2008 zwecks des Verhängens der Dax-Tafel mit dem Transparent “Finanzmärkt entwaffnen! Mensch und Umwelt vor Shareholder-Value” vor laufenden TV-Kameras.
IG-Metaller Horst Schmitthenner: Hoffnung auf Politikwechsel und eine gerechtere Gesellschaft
Horst Schmitthenner (Photo: Stille) überbrachte die Geburtstagsgrüße der IG Metall. Der Metaller-Funktionär zeigte Möglichkeiten der Zusammenarbeit mit Attac auf und mahnte angesichts der Krise: es müsse unbedingt der Weg in eine neue internationale Orientierung gefunden werden. überdies bezeichnete er die Steigerung zivilgesellschaftlicher Aktivitäten und ein verstärktes Miteinander von NGOs und Gewerkschaften, bei der Veränderung der so nicht hinnehmbaren momentanen Zustände in unserer Gesellschaft und darüber hinaus als notwendig. Für die Zukunft erhofft sich Schmitthenner einen Politikwechsel hin zu einer gerechteren Gesellschaft. Und augenzwinkernd sieht der Metaller die 20-Jahres-Attac-Feier schon in der Frankfurter Jahrhunderthalle stattfinden…
Thomas Seibert (medico international): Die Wahrheit ist das Wichtigste!
Der nächste Gratulant kann unterdessen bereits auf ein 40-jähriges soziales Engagement zurückblicken. Thomas Seibert (Photo: Stille), von medico international gestand ein, Attac zunächst unterschätzt zu haben. Nun aber rief der einstige “Fantomas”-Redakteur die Attacies auf, bei der Stange zu bleiben. Aus eigener Erfahrung heraus riet er jedoch auch zur Vorsicht: Aufbrechen sei das Eine, Weitermachen aber das Andere. Ein in seinen Augen schlechtes Beispiel vor Augen - seinen früheren Frankfurter “Jugend-Held”, den späteren grünen Außenminister, der sich an den Hebeln zur Macht zum Kriegsherren entwickelt habe – gab er Attac folgenden Rat: Man müsse sich entwickeln und zuweilen auch anders werden, dürfe aber nie die Treue zum Aufbruch aufgeben. Das Wichtigste, so Seibert, sei stets die Wahrheit.
“Mr. Dax”: Der Knall kommt! Grundübel: Das Zinseszinssystem
Für Aufhorchen im Saal sorgte ein Attac-Interview mit dem Börsenfachmann Dirk Müller alias “Mr. Dax” Photo: Stille; “Mr. Dax” setzt zum Absprung von der Bühne an). Müller warnte davor, jeglichen von Politikern bzw. Medien verbreiteten Äußerungen – wonach die Krise bald überwunden und bereits wieder Licht am Ende des Tunnels zu sehen sei – zu misstrauen. Das sei lediglich von den Lobbyisten per heiße Luft in die Welt gesetzter bullshit. Betrachte man allein das Beispiel BRD, dann werde es einem schwindelig. Immerhin muss unser Land jetzt bereits jährlich 40 Milliarden Euro für die Tilgung von Zinsen aufgrund aufgenommener Schulden berappen. Müller: Bald werden es schon 100 Milliarden Euro sein. Das Urproblem, so erklärte der frühere Börsenmakler, sei das Zinseszinssystem. Das müsse zwangläufig in gewissen Zeitabständen auf Grund von überhitzung an seine Grenzen stoßen. Mr. Dax: Es kann 100 Jahre gutgehen. Dann ist Schluss. Es trete nämlich der Zinseszinseffekt auf. Und man müsse sozusagen ein Reset durchführen. Dirk Müller nahm kein Blatt vor den Mund: Das ist in der Geschichte nicht selten durch das Anzetteln eines Krieges geschehen. Und es kann wieder geschehen. Deshalb unterstützt Dirk Müller die Anliegen von Attac. Denn das Zinseszinssystem sei untauglich. Mr. Dax veranschaulichte es an einem Beispiel, dem des so genannten Josephspfennigs: Gesetzt den Fall, Joseph habe vor 2000 Jahren für seinen Sohn Jesus 1 Eurocent angelegt – und jener ließe sich heute nun die Zinsen nachtragen – so hätte Jesus heute ca. 295 Milliarden Euro auf der hohen Kante. Dirk Müller: Quasi der Wert der Weltkugel aus reinem Gold. “Mr. Dax” schätzt die derzeitige Lage realistisch ein: Wenn sich nicht bald etwas am System ändere, werde der Druck im Kessel groß werden und womöglich auf den Straßen explodieren. Vielleicht werden wir wieder die Wasserwerfer auf den Straßen sehen. Müller: Entgegen allen Verlautbarungen existierten noch immer keine strengen Regulierungen der Finanzmärkte. Die Wirtschaft befinde sich entgegen anderen Verlautbarungen in einer katastrophalen Lage. (Steuer) – Geld sei nämlich nur in die Banken gepumpt worden. Während die Banken schon wieder munter zockten, sei eine Erholung der Wirtschaft aber keineswegs in Sicht. Dirk Müller: Der Knall kommt! Attac riet er weiter kritisch zu bleiben. Die oberste Devise der NGO sei goldrichtig: Die Finger auf die Wunden legen. Aber dabei immer friedlich bleiben!
Musikalische und andere Geburtstagsgrüße
Für Entspannung nach dem Schlucken harter Fakten sorgte das Duo Shiva Grings und Anita Bertolami mit Närrischem zum Zuendedenken. Den Geburtstagsgruß der Jusos überbrachte deren blitzgescheite Vorsitzende Franziska Drohsel. Sie arbeitete gemeinsame Schnittmengen zwischen den Jungsozialisten und Attac heraus, die weiter ausbaubar seien. Ihrer Partei, der SPD, attestierte die Jura-Studentin, sie bewege sich nun immerhin – “bis auf ein paar Verirrte” – vom in der Schröder-Ära eingeschlagenen Holzweg weg.
Weitere musikalische und andere Geburtstagsgrüße lieferten u. a. Sabine Leidig, das bekannte Attac-Gesicht Sven Giegold (jetzt für die Grünen im EU-Parlament), der “Stadtstreicher” Frank Wolff samt seines Cellos, der Autor Christian Felber (Attac Österreich) tanzend zusammen mit Partnerin Anna Reitbauer. Lästerliches (über die Anfangszeit von Attac im Verdener Büro) gab Jule Axmann per selbst verfasster heiter-satirischer Kurzgeschichte zum Besten. Im Interview stand der Mathematiker und MdB-SPD Lothar Binding Rede und Antwort. Was Binding gut findet: “Attac stört den politischen Trott.” Auch “Die Zeit”-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo war noch einmal (in einer Video-Aufzeichnung) im Interview mit Jule Axmann zum “Zeit-Plagiat” zu sehen, wie ihm – der von Kollegen vom Attac-Clou erfahren, aber zunächst nicht daran geglaubt hatte – nichts weiter übrig blieb, als gute Miene zum pfiffigen Streich zu machen.
Ausklang mit Bornheim Blues Company und Jaune Toujours
Die rundum gelungene Attac-Geburtstagsfeier klang gegen etwa drei Uhr am Morgen (Die Bankenstadt lag längst weiß “eingezuckert” unter einer leichten Schneedecke im Schlaf) mit einem gradiosen Konzert der Bornheim Blues Company und Jaune Toujours (Photo: Stille, vom Soundcheck) aus Belgien aus.
Ist eine andere Welt möglich? 20-Jahresfeier in der Jahrhunderthalle?
Zwischen den einzelnen Veranstaltungsblöcken fand Attac-Informationsmaterial reißenden Absatz. Womöglich also wird bei der 20-Jahrfeier von Attac im Jahre 2020 mit noch mehr Zuspruch zu rechnen sein. Also doch: Ein Wiedersehen in der Jahrhunderthalle? Wer weiß schon wie dann die Verhältnisse sein werden. Jetzt jedenfalls sind sie noch so, dass Attac so wichtig wie nie zuvor ist, und wohl auch auf lange Sicht weiterhin eine unverzichtbare gesellschaftliche Größe bleiben wird. Höchst erfreulich und befriedigend war es auf der Veranstaltung und bei Gesprächen am Rande hautnah zu erleben, wie viele Menschen unterschiedlichen Alters das Motto von Attac “Eine andere Welt ist möglich” ganz offenbar nicht nur bloß als Thema für sich entdeckt haben, sondern auch fest entschlossen sind, persönlich etwas dafür zu tun. Eine fröhliche, aber auch besinnliche Geburtstagsfeier war das am Wochenende in der Frankfurter Brotfabrik, zu der Gleichgesinnte aus allen Himmelsrichtungen in die Bankenmetropole am Main geströmt waren. Einige von ihnen waren zehn Stunden und mehr dorthin unterwegs. Aber niemand dürfte das Auf-sich-Nehmen der Strapazen bereut haben. In der von Attac friedlich “besetzten” Brotfabrik gingen Herz und Geist Hand in Hand. Und die Freude kam auch nicht zu kurz. Es wird keine(n) gegeben die/der von dort nicht etwas wird mit nach Hause genommen haben, von dem noch lange ein besonderer Zauber ausgehen dürfte. Ein Zauber, dem im besten aller Fälle eine Kraft innewohnt, die bewirkt, künftig noch ein wenig mehr zu tun für eine andere, bessere, Welt…
Weitere Informationen über Attac und die Feier, sowie Photos vom Geburtstag von Fiona Krakenbürger: hier.
Hören Sie den Internet-Radio-Bericht von Judit Wlaschitz hier auf Radio Attac (Österreich)
Photo (Weltkugel): Thomas S. via Pixelio.de
Möchte doch diese Fete einmal leicht ankratzen. Was haben Greenpeace und Attac gemeinsam. Sie ist vom politischen Gegner unterwandert und zerfressen. Attac kann ohne die Gelder von der “Möchtegernweltregierung” nicht leben. Alles nur Blendwerk fürs Volk. Die Gegner bündeln und scheibchenweise vernichten. Klappt hervorragend.
Daher aufwachen und nachdenken. Wer bezahlt bekommt geliefert!