Der Chef des IMF, Dominique Strauss-Kahn, hat kürzlich vor der Gefahr einer zweiten Rezession gewarnt. Damit wollte er verhindern, dass die durch öffentliche Defizite initiierte Stützung der Weltwirtschaft vorzeitig aufgrund des derzeit aufkeimenden Konjunkturoptimismus durch voreilige Kürzung der öffentlichen Budgets ähnlich wie zuletzt im Falle Japans in den 1990er Jahren zu einem erneuten Konjunkturrückschlag führt. Nachdem einige Länder wie Australien bereits die Zentralbankzinsen wieder angehoben haben, China unerwartet stark bereits im letzten Jahr mit hohem Wirtschaftswachstum aus der Krise hervorgegangen ist und auch die USA und die großen europäischen Länder seit dem zweiten bis zum vierten Quartal des letzten Jahres wieder positive Wachstumsraten ausweisen, wächst der Druck die massive Staatsverschuldung der öffentlichen Haushalte zu begrenzen. Die Weltwirtschaft erlebt derzeit einen asymmetrischen Wirtschaftsaufschwung.
Stabilisierung der Finanzmärkte und Börsenralley
Ein weiterer Faktor, der die Stimmung von Doom auf Boom hat umschwenken lassen, ist die in den zurückliegenden Monaten eingetretene Stabilisierung der Finanzmärkte. Die Geldmarktzinssätze wie Libor oder Eurobor haben sich auf ein erträgliches Maß zurückgebildet. Die zuvor vorhandene Liquiditätsfalle, d.h. die Wirkungslosigkeit der Zinspolitik der Zentralbanken auf die Geldmarktsätze, konnte damit beendet werden. Der Geldmarkt ist langsam wieder in Gang gekommen. Mithin wäre es jetzt aus Sicht zahlreicher Marktteilnehmer auch angemessen die unorthodoxen geldpolitischen Maßnahmen wieder zu beenden und zu einer normalen Geldpolitik zurückzukehren. Jean Claude Trichet von der EZB hat hierzu für das Frühjahr Schritte der EZB angekündigt.
Mangelnde Koordination der G20-Staaten
Die große Sorge die jetzt insbesondere die angelsächsischen Länder – wie die USA und Großbritannien – umtreibt ist, dass sie als am schwersten von der Finanzkrise gebeutelte Volkswirtschaften am Ende zuletzt übrig bleiben, wenn es um die Exit-Strategie ihrer Geld- und Finanzpolitik geht. Eine unkoordinierte Exit-Strategie dürfte leicht zu erheblichen internationalen Verwerfungen bei den Finanzströmen einschließlich den damit verbundenen Wechselkursbewegungen sowie Inflations- bzw. Deflationsdynamik führen. Da Gelder weiterhin ungehindert zwischen den Ländern ohne Transaktionssteuern auch aus rein spekulativen Motiven Hin und Her bewegt werden können. Bereits jetzt muss sich Gordon Brown, der britische Premierminister, und Mervyn King, der Governeur der Bank of England, mit dem Problem beschäftigen, dass das britische Pfund aufgrund steigender Zinserwartungen auf Staatsanleihen wegen des hohen Finanzierungsbedarfs der britischen Regierung ausländisches Kapital nach Großbritannien fließen lässt und damit den Wechselkurs in die Höhe treiben. Dies wirkt sich jedoch negativ auf die Realwirtschaft aus. Großbritanniens exportschwache Wirtschaft verliert weiter an preislicher Wettbewerbsfähigkeit und steigende Zinsen gefährden den gerade erst erreichten zarten Wiederanstieg der Immobilienpreise.
USA und Großbritannien in der Liquiditätsklemme
Ähnliche Erfahrungen machen derzeit auch die USA. Der US-Dollar hat insbesondere gegenüber dem Euro an Wert deutlich hinzugewonnen. Von rund 1,50 US Dollar ist der Euro bereits unter 1,40 US Dollar gefallen. Dies dürfte die zarten Exporterfolge der US-Wirtschaft rasch wieder in Frage stellen. Die Zinsstrukturkurve der USA zeigt am langen Ende, d.h. für zwanzig- bis dreißigjährige Staatsanleihen bereits wieder einen Zinsanstieg an. Das Dilemma der Fed besteht nun jedoch darin, dass sie vorrangig durch ihre unorthodoxe Geldpolitik, d.h. Flutung der Finanzmärkte durch Aufkauf von US-Staatsschuldverschreibungen und andere private Schuldverschreibungen mit langer Laufzeit das Zinsniveau hat niedrig halten können. Dadurch schwillt aber gleichzeitig die Zentralbankgeldmenge kontinuierlich an. Mithin kann eine solche Politik den Zufluss von illiquiden Wertpapieren nicht wirkungsvoll zurückführen. Die Liquiditätsblase wird jedoch zunehmend zu einer ernsten Gefahr, wenn diese Politik nicht mehr vorrangig zu kurzfristigen Stabilisierung der Geldmärkte dient, sondern ein Ausgabeverhalten von privaten Anlegern und des Staates alimentiert, deren Solvenz zunehmend wegen drohender überschuldung zweifelhaft wird. Leider scheint die Fed und die Bank of England nicht durch Warnungen an die jeweilige Regierung eine mittelfristige Konsolidierung glaubwürdig einzuleiten, Erfolg zu haben. Die Liquiditätsblase schwillt parallel zu einer weiterhin für große Teile des Privatsektors bestehenden Kreditklemme an. Die Geschäftsbanken, allen voran die großen Investmentbanken, verdienen mit der Finanzierung der bereits jetzt hoch verzinslichen Staatsanleihen mehr Geld als durch Ausleihung an private Kreditnehmer. Letztere sind wegen ihres vermuteten Insolvenzrisikos tendenziell zu überdurchschnittlich hohen Zinszahlungen gezwungen, wenn ihnen überhaupt Kredit eingeräumt wird.
Es ist viel einfacher schnelles Geld bei der Finanzierung der Staatsdefizite und durch Spekulation auf beispielsweise Rohstoffmärkten einschließlich Gold zu machen, als es langfristig an kleinere und mittlere Unternehmen oder Konsumenten auszuleihen. Nicht zuletzt durch die paradiesischen Zustände einer nahezu Nullzinspolitik kann mittels Fristentransformation sich jede Bank, die den Zugang zum Diskontfenster bzw. den unbegrenzten Mengentendern der Zentralbanken hat, leichtverdiente Gewinne machen. Wer ein solches außerordentliches Privileg genießt, will es auch nicht freiwillig gerne wieder aufgeben.
Daher hofft man auf eine noch lange anhaltende Periode der Niedrigzinspolitik mit unbeschränkter Liquiditätsversorgung durch unbeschränkte Mengentender. Allerdings fördert eine solche Geldpolitik am Ende die Fehlallokation der Finanzmittel wie bereits in der vorangegangen Spekulationsblase. Nach der Blase ist vor der Blase. Zugleich riskiert eine Zentralbank, wenn sie dann endlich diese Politik beendet und nicht rechtzeitig die Spekulanten vor dieser Kursänderung warnt, dass diese wieder in eine Liquiditätsklemme geraten und vor einer erneuten Illiquidität bzw. Insolvenz stehen.
Dadurch, dass man den Teufel mit dem Belzebub ausgetrieben hat, droht ein herber Rückschlag an den Stabilisierungsbemühungen. Ursache für diese ganze Entwicklung ist das eklatante Regulierungsversagen der G20-Regierungen und Zentralbanken. Statt mit Ausbruch der Krise rasch neue sichere Rahmenbedingungen für die Finanzmärkte zu setzen und damit eine nachhaltige Konsolidierung der Finanzmärkte zu erreichen, wurde auf eine Reregulierung verzichtet und eine solche auf den Zeitpunkt verschoben, wenn die Lage wieder normal wäre. Leider stellt sich eine solche Normalität nicht ohne stabile Rahmenbedingungen, d.h. einen nachhaltig verlässlichen und krisensichereren Regulierungsrahmen ein. Stattdessen beginnt das alte Spiel von vorn. Nur diesmal sind die Staatsfinanzen zahlreicher großer Länder bereits so angeschlagen, dass ein erneuter Kollaps der Finanzmärkte die Gefahr des raschen Staatsbankrotts erheblich wahrscheinlicher macht. Dubai, Griechenland und Island sind hier nur das Vorspiel einer globalen Staatsfinanzkrise, d.h. einer Folge von überschuldungen von Staaten, die eine glaubhafte Tilgung der eingegangenen Verpflichtungen nicht mehr zulässt. Sollten wir in diesem Jahr bereits einen solchen Rückschlag erleben, dann werden alle optimistischen Blütenträume der Akteure auf den Finanzmärkten zerplatzen. Nur wäre man dann sehr viel schlimmer dran als zuvor. So sieht es jedenfalls auch Joseph Stiglitz und der war ja mal Chefökonom der Weltbank und ist Nobelpreisträger für Ökonomie. Kein Wunder, dass Strauss-Kahn trotz allem Zukunftsoptimismus des IWF nicht mehr ruhig schlafen kann.
Photo Quelle/Copyright: cdresz, cc creative commons, Bestimmte Rechte vorbehalten, via flickr
Spiegel-Online
Ökonomen warnen vor dem Domino-Crash
http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,674842,00.html