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Politik + Wirtschaft

Weltkonjunktur: Vor dem Double Dip?

Freitag, den 29. Januar 2010 um 16:22 Uhr von Georg Erber
Nach der Krise ist vor der Krise…

Der Chef des IMF, Dominique Strauss-Kahn, hat kürzlich vor der Gefahr einer zweiten Rezession gewarnt. Damit wollte er verhindern, dass die durch öffentliche Defizite initiierte Stützung der Weltwirtschaft vorzeitig aufgrund des derzeit aufkeimenden Konjunkturoptimismus durch voreilige Kürzung der öffentlichen Budgets ähnlich wie zuletzt im Falle Japans in den 1990er Jahren zu einem erneuten Konjunkturrückschlag führt. Nachdem einige Länder wie Australien bereits die Zentralbankzinsen wieder angehoben haben, China unerwartet stark bereits im letzten Jahr mit hohem Wirtschaftswachstum aus der Krise hervorgegangen ist und auch die USA und die großen europäischen Länder seit dem zweiten bis zum vierten Quartal des letzten Jahres wieder positive Wachstumsraten ausweisen, wächst der Druck die massive Staatsverschuldung der öffentlichen Haushalte zu begrenzen. Die Weltwirtschaft erlebt derzeit einen asymmetrischen Wirtschaftsaufschwung.

Stabilisierung der Finanzmärkte und Börsenralley

Ein weiterer Faktor, der die Stimmung von Doom auf Boom hat umschwenken lassen, ist die in den zurückliegenden Monaten eingetretene Stabilisierung der Finanzmärkte. Die Geldmarktzinssätze wie Libor oder Eurobor haben sich auf ein erträgliches Maß zurückgebildet. Die zuvor vorhandene Liquiditätsfalle, d.h. die Wirkungslosigkeit der Zinspolitik der Zentralbanken auf die Geldmarktsätze, konnte damit beendet werden. Der Geldmarkt ist langsam wieder in Gang gekommen. Mithin wäre es jetzt aus Sicht zahlreicher Marktteilnehmer auch angemessen die unorthodoxen geldpolitischen Maßnahmen wieder zu beenden und zu einer normalen Geldpolitik zurückzukehren. Jean Claude Trichet von der EZB hat hierzu für das Frühjahr Schritte der EZB angekündigt.

Mangelnde Koordination der G20-Staaten

Die große Sorge die jetzt insbesondere die angelsächsischen Länder - wie die USA und Großbritannien - umtreibt ist, dass sie als am schwersten von der Finanzkrise gebeutelte Volkswirtschaften am Ende zuletzt übrig bleiben, wenn es um die Exit-Strategie ihrer Geld- und Finanzpolitik geht. Eine unkoordinierte Exit-Strategie dürfte leicht zu erheblichen internationalen Verwerfungen bei den Finanzströmen einschließlich den damit verbundenen Wechselkursbewegungen sowie Inflations- bzw. Deflationsdynamik führen. Da Gelder weiterhin ungehindert zwischen den Ländern ohne Transaktionssteuern auch aus rein spekulativen Motiven Hin und Her bewegt werden können. Bereits jetzt muss sich Gordon Brown, der britische Premierminister, und Mervyn King, der Governeur der Bank of England, mit dem Problem beschäftigen, dass das britische Pfund aufgrund steigender Zinserwartungen auf Staatsanleihen wegen des hohen Finanzierungsbedarfs der britischen Regierung ausländisches Kapital nach Großbritannien fließen lässt und damit den Wechselkurs in die Höhe treiben. Dies wirkt sich jedoch negativ auf die Realwirtschaft aus. Großbritanniens exportschwache Wirtschaft verliert weiter an preislicher Wettbewerbsfähigkeit und steigende Zinsen gefährden den gerade erst erreichten zarten Wiederanstieg der Immobilienpreise.

USA und Großbritannien in der Liquiditätsklemme

Ähnliche Erfahrungen machen derzeit auch die USA. Der US-Dollar hat insbesondere gegenüber dem Euro an Wert deutlich hinzugewonnen. Von rund 1,50 US Dollar ist der Euro bereits unter 1,40 US Dollar gefallen. Dies dürfte die zarten Exporterfolge der US-Wirtschaft rasch wieder in Frage stellen. Die Zinsstrukturkurve der USA zeigt am langen Ende, d.h. für zwanzig- bis dreißigjährige Staatsanleihen bereits wieder einen Zinsanstieg an. Das Dilemma der Fed besteht nun jedoch darin, dass sie vorrangig durch ihre unorthodoxe Geldpolitik, d.h. Flutung der Finanzmärkte durch Aufkauf von US-Staatsschuldverschreibungen und andere private Schuldverschreibungen mit langer Laufzeit das Zinsniveau hat niedrig halten können. Dadurch schwillt aber gleichzeitig die Zentralbankgeldmenge kontinuierlich an. Mithin kann eine solche Politik den Zufluss von illiquiden Wertpapieren nicht wirkungsvoll zurückführen. Die Liquiditätsblase wird jedoch zunehmend zu einer ernsten Gefahr, wenn diese Politik nicht mehr vorrangig zu kurzfristigen Stabilisierung der Geldmärkte dient, sondern ein Ausgabeverhalten von privaten Anlegern und des Staates alimentiert, deren Solvenz zunehmend wegen drohender Überschuldung zweifelhaft wird. Leider scheint die Fed und die Bank of England nicht durch Warnungen an die jeweilige Regierung eine mittelfristige Konsolidierung glaubwürdig einzuleiten, Erfolg zu haben. Die Liquiditätsblase schwillt parallel zu einer weiterhin für große Teile des Privatsektors bestehenden Kreditklemme an. Die Geschäftsbanken, allen voran die großen Investmentbanken, verdienen mit der Finanzierung der bereits jetzt hoch verzinslichen Staatsanleihen mehr Geld als durch Ausleihung an private Kreditnehmer. Letztere sind wegen ihres vermuteten Insolvenzrisikos tendenziell zu überdurchschnittlich hohen Zinszahlungen gezwungen, wenn ihnen überhaupt Kredit eingeräumt wird.

Es ist viel einfacher schnelles Geld bei der Finanzierung der Staatsdefizite und durch Spekulation auf beispielsweise Rohstoffmärkten einschließlich Gold zu machen, als es langfristig an kleinere und mittlere Unternehmen oder Konsumenten auszuleihen. Nicht zuletzt durch die paradiesischen Zustände einer nahezu Nullzinspolitik kann mittels Fristentransformation sich jede Bank, die den Zugang zum Diskontfenster bzw. den unbegrenzten Mengentendern der Zentralbanken hat, leichtverdiente Gewinne machen. Wer ein solches außerordentliches Privileg genießt, will es auch nicht freiwillig gerne wieder aufgeben.

Daher hofft man auf eine noch lange anhaltende Periode der Niedrigzinspolitik mit unbeschränkter Liquiditätsversorgung durch unbeschränkte Mengentender. Allerdings fördert eine solche Geldpolitik am Ende die Fehlallokation der Finanzmittel wie bereits in der vorangegangen Spekulationsblase. Nach der Blase ist vor der Blase. Zugleich riskiert eine Zentralbank, wenn sie dann endlich diese Politik beendet und nicht rechtzeitig die Spekulanten vor dieser Kursänderung warnt, dass diese wieder in eine Liquiditätsklemme geraten und vor einer erneuten Illiquidität bzw. Insolvenz stehen.

Dadurch, dass man den Teufel mit dem Belzebub ausgetrieben hat, droht ein herber Rückschlag an den Stabilisierungsbemühungen. Ursache für diese ganze Entwicklung ist das eklatante Regulierungsversagen der G20-Regierungen und Zentralbanken. Statt mit Ausbruch der Krise rasch neue sichere Rahmenbedingungen für die Finanzmärkte zu setzen und damit eine nachhaltige Konsolidierung der Finanzmärkte zu erreichen, wurde auf eine Reregulierung verzichtet und eine solche auf den Zeitpunkt verschoben, wenn die Lage wieder normal wäre. Leider stellt sich eine solche Normalität nicht ohne stabile Rahmenbedingungen, d.h. einen nachhaltig verlässlichen und krisensichereren Regulierungsrahmen ein. Stattdessen beginnt das alte Spiel von vorn. Nur diesmal sind die Staatsfinanzen zahlreicher großer Länder bereits so angeschlagen, dass ein erneuter Kollaps der Finanzmärkte die Gefahr des raschen Staatsbankrotts erheblich wahrscheinlicher macht. Dubai, Griechenland und Island sind hier nur das Vorspiel einer globalen Staatsfinanzkrise, d.h. einer Folge von Überschuldungen von Staaten, die eine glaubhafte Tilgung der eingegangenen Verpflichtungen nicht mehr zulässt. Sollten wir in diesem Jahr bereits einen solchen Rückschlag erleben, dann werden alle optimistischen Blütenträume der Akteure auf den Finanzmärkten zerplatzen. Nur wäre man dann sehr viel schlimmer dran als zuvor. So sieht es jedenfalls auch Joseph Stiglitz und der war ja mal Chefökonom der Weltbank und ist Nobelpreisträger für Ökonomie. Kein Wunder, dass Strauss-Kahn trotz allem Zukunftsoptimismus des IWF nicht mehr ruhig schlafen kann.

Photo Quelle/Copyright: cdresz, cc creative commons, Bestimmte Rechte vorbehalten, via flickr

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8 Reaktionen zu “Weltkonjunktur: Vor dem Double Dip?”

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  1. Georg Erber

    am 29. Januar 2010 um 19:18 Uhr | Link | Kommentar melden

    Spiegel-Online

    Ökonomen warnen vor dem Domino-Crash
    http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,674842,00.html

  2. Georg Erber

    am 29. Januar 2010 um 19:26 Uhr | Link | Kommentar melden

    Spiegel-Online

    Wirtschaftsbosse warnen vor neuer Finanzkrise
    http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,674709,00.html

  3. Frank Hofmann

    am 29. Januar 2010 um 21:39 Uhr | Link | Kommentar melden

    Dann nennen wir das Kind mal beim Namen. Es soll daraus das Königreich ASIROMERIKA werden. Dazu wird das alte Völker-System geplant abgewickelt, gesteuert von übelsten Kreaturen, für diese Bestien lustvoll kollabieren. Aus dem künstlichen Chaos wird dann eine grauenvolle Hydra erwachen. Sie wird aber nicht obsiegen. Ich bin mitlerweile guter Hoffnung, das es zwar im Finale einen gewaltigen Donnerschlag tut, wobei zuvor ein gewaltiger Flächen-Brand mit daherkommt, aber auch ein Licht aufgehen wird. In jedem Fall wird es DAS Endspiel einer langen Geschichte sein.
    Ich aber sage: Macht kann man nur da ausüben wo sich auch Menschen befinden. Doch das ist nur ein Teil dieser bewohnten Kugel.

  4. Frank

    am 29. Januar 2010 um 21:41 Uhr | Link | Kommentar melden

    Dann nennen wir das Kind mal beim Namen. Es soll daraus das Königreich ASIROMERIKA werden. Dazu wird das alte Völker-System geplant abgewickelt, gesteuert von übelsten Kreaturen, für diese Bestien lustvoll kollabieren. Aus dem künstlichen Chaos wird dann eine grauenvolle Hydra erwachen. Sie wird aber nicht obsiegen. Ich bin mitlerweile guter Hoffnung, das es zwar im Finale einen gewaltigen Donnerschlag tut, wobei zuvor ein gewaltiger Flächen-Brand mit daherkommt, aber auch ein Licht aufgehen wird. In jedem Fall wird es DAS Endspiel einer langen Geschichte sein.
    Ich aber sage: Macht kann man nur da ausüben wo sich auch Menschen befinden. Doch das ist nur ein Teil dieser bewohnten Kugel.

  5. Frank

    am 29. Januar 2010 um 21:44 Uhr | Link | Kommentar melden

    Wird noch schlimmer. Das Ende des Systems naht. Aber kneifen is nicht.

  6. Tommy

    am 29. Januar 2010 um 23:23 Uhr | Link | Kommentar melden

    immer wieder die usa ohne diese würden wir besser leben…………..

  7. Readers Edition » US-Immobilienblase 2.0 droht zu platzen

    am 17. Februar 2010 um 12:10 Uhr | Link | Kommentar melden

    […] Bisher wurde abstrakt, d.h. ohne konkrete Angabe der möglichen Ursache, von einem double dip der Weltwirtschaft gesprochen. Nun mehren sich die Hinweise, dass es erneut eine Immobilienkrise Made in USA sein könnte, die aufgrund der hierdurch ausgelösten Finanzmarktkrise die Weltwirtschaft ein zweites Mal in den Abgrund stürzt. Diesmal sind es nicht die privaten Wohnimmobilien, insbesondere der Subprime-Markt, sondern die Gewerbeimmobilien sowie die gewerblichen Wohnimmobilien. Die Finanzierungen vieler solcher Objekte sind aufgrund der veränderten Marktlage nicht mehr gesichert. […]

  8. Readers Edition » USA und Großbritannien in der Schuldenfalle?

    am 16. März 2010 um 12:10 Uhr | Link | Kommentar melden

    […] Dies nährt Zweifel, dass die US-Regierung wie bisher zukünftig auf einen aufnahmebereiten ausländischen Kapitalmarkt rechnen kann. Da die Sparquote in den USA zu niedrig ist und voraussichtlich auch kaum rasch auf das benötigte höhere Niveau steigen wird, laufen Finanzierungsbedarf und Finanzierungsmöglichkeiten aufgrund privater Nachfrage erkennbar rasch auseinander. Dies kann nur auf zweierlei Arten gelöst werden. Einmal die Notenpresse der Länder wird in Gang gesetzt und damit ein nachhaltiger Inflationsprozess angestoßen oder aber es kommt zu drastischen Kürzungen der Staatsdefizite wie derzeit in Griechenland mit entsprechend negativen Auswirkungen auf die Wirtschaftsentwicklung. Der befürchtete Double Dip zumindest in den USA und Großbritannien wäre dann nicht mehr aufzuhalten. […]

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