Der Orient ohne Israel – ein ketzerisches Gedankenexperiment

Wie sähe der Nahe Osten aus, wenn Israel mit einem Male nicht mehr existierte? Was würde geschehen, wenn die Palästinenser plötzlich “befreit” wären? Sich eine Welt ohne Israel vorzustellen, scheint mehr als unanständig zu sein. Allein die Vorstellung ist gewagt. Aber die Vernichtung des so genannten “zionistischen Gebildes” ist nun

Wie sähe der Nahe Osten aus, wenn Israel mit einem Male nicht mehr existierte? Was würde geschehen, wenn die Palästinenser plötzlich “befreit” wären? Sich eine Welt ohne Israel vorzustellen, scheint mehr als unanständig zu sein. Allein die Vorstellung ist gewagt. Aber die Vernichtung des so genannten “zionistischen Gebildes” ist nun einmal das erklärte Ziel aller islamistischen Organisationen. Hamas in Gaza, Hisbollah im Libanon und die Muslimbrüder in Ägypten sowie zahllose gewöhnliche Menschen in vielen islamischen Ländern hegen genau diesen einen Traum: Das “Projekt Israel” wird beendet und die Juden müssen das Heilige Land verlassen. Und eben dieser Wunsch rechtfertigt das ketzerische Gedankenexperiment mit dem Titel “Der Orient ohne Israel”.

Israel gedanklich verschwinden zu lassen, wurde schon einmal von dem deutschen Publizisten Josef Joffe gewagt. In seinem Artikel “Eine Welt ohne Israel”* aus dem Jahr 2005 vertritt Joffe die Auffassung, dass Unfrieden, Chaos und Armut im Nahen Osten ausschließlich auf die Unzulänglichkeit der arabischen Staaten und die Unfähigkeit ihrer Eliten zurückzuführen seien. Den Palästinensern macht er wenig Hoffnung auf einen eigenen Staat. So schreibt er:

Nehmen wir also an, Israel sei ein historischer Irrtum, ohne den die islamische Welt von Algerien bis Pakistan ein glücklicherer Ort wäre. Nehmen wir an, Israel könnte per Simsalabim aus der Weltgeschichte entfernt werden und beginnen wir 1948, als Israel im Unabhängigkeitskrieg geboren wurde. Hätte eine Fehlgeburt das Palästinenserproblem im Keim erstickt? Ägypten, Jordanien, Syrien, Irak und Libanon sind nicht auf Haifa und Tel Aviv marschiert, um Palästina zu befreien, sondern um es sich einzuverleiben. Hätten sie gesiegt, wäre kein Palästinenserstaat entstanden; es gäbe bis heute Massen von Flüchtlingen (siehe die Massenflucht der Kuwaiter nach dem Einmarsch des Iraks 1990).” Und so kommt Joffe zu dem Schluss: “Nehmen wir nun an, ein mächtiger Zauberstab könne Israel heute verschwinden lassen. Nur jene, die das Palästinenserproblem für den Kern des Nahostkonflikts halten, würden eine glückliche Zukunft für diese gestörte Region vorhersagen.”

Es liegt auf der Hand, dass ein “Was kommt nach Israel Szenario” in hohem Maße spekulativ ist. Kein menschliches Wesen weiß, was die Zukunft bringen wird. Dennoch müssen die möglichen Konsequenzen eines der sehnlichsten Zukunftswünsche vieler Menschen des Nahen Ostens kritisch erörtert werden. Die Frage lautet also, ob Joffes Pessimismus gerechtfertigt ist. Hier also einige Voraussagen.

Grenzenloser Jubel

In der ersten Phase nach dem Abzug der Israelis verfällt die palästinensische Bevölkerung in einen grenzenlosen Freudentaumel. In den völlig überfüllten Straßen Palästinas tanzen die Menschen Tag und Nacht. “Endlich sind die Zionisten fort” schallt es aus allen Gassen. Und in Fortführung ihrer Wünsche: “Nun geht es uns bald besser. Wir werden mehr Arbeit, bessere Häuser und eine islamische Gesellschaftsordnung mit gerechten Scharia-Gerichten haben”.

Zusammenbruch und Massenarbeitslosigkeit

Sehr bald stellt sich allerdings Ernüchterung ein: Viele junge Palästinenser, die schon während der “Besatzungszeit” beschäftigungslos waren, können auch in einem nachisraelischen Frieden keine Arbeit finden. Mit Israel ist auch die wirtschaftliche Lokomotive des Nahen Ostens verschwunden. Der ökonomische Zusammenbruch Palästinas kann zwar durch Geldmittel und Hilfslieferungen der Vereinten Nationen und der Europäischen Union noch eine Weile verzögert werden. Dauerhaft verhindert wird er durch die ausländische Unterstützung nicht. Wohlhabende arabische Staaten, wie zum Beispiel Saudi-Arabien oder die Golfemirate, raffen sich nicht dazu auf für Palästina eine Art Marschallplan aufzustellen und bleiben auf ihren Säcken voller Geld sitzen. Die Massenarbeitslosigkeit aber hat für Palästina verheerende politische Folgen: Aus ganz banalen Verteilungskonflikten um Nahrungsmittel und Benzin entsteht rasch ein ausgewachsener Bürgerkrieg. Mit den ersten Schusswechseln ist auch die Euphorie des Aufbruchs endgültig verflogen. Das simple Eskalationsszenario: Bei der Ausgabe von Mehl oder Benzin fliegen erst Fäuste, dann Steine und schließlich Gewehrkugeln und Raketen.

Bürgerkrieg und Kampf aller gegen alle

Ein Bürgerkrieg zwischen den Palästinensern beginnt zunächst zwischen den Organisationen Fatah und Hamas. Schnell aber bilden sich neue, von den etablierten Organisationen unabhängige Milizen und nehmen den Kampf gegen ihre Feinde auf. Ein Kampf “aller gegen alle” stürzt das unabhängige Palästina ins völlige Chaos. Rasch “irakisiert” sich das Land. Innerhalb kürzester Zeit sind alle noch bestehenden wirtschaftlichen Grundlagen ruiniert. Die unausweichliche Folge: Hunger und Seuchen.

Die Tragik der gewaltbefreiten Völker

Seit dem Beginn der jüdischen Einwanderung steht die arabische Bevölkerung Palästinas in Konflikt mit den Immigranten. Diese lange Konfrontationsperiode hat nachhaltig psychologische Spuren bei den Palästinensern hinterlassen. Und diese Spuren lassen sich auch nach einem Abzug der Israelis nicht so rasch tilgen. Seit Generationen ist die palästinensische Jugend mit der Gewalt aufgewachsen. Und diese Gewalt wird sie auch weiterhin begleiten: Der Krieg wird nicht aus den Köpfen weichen, auch wenn die alten Gegner schon längst besiegt und vergessen sind. Ihren ursprünglichen Lebensformen oft entfremdet und häufig ohne moderne Ausbildung und Kenntnisse, erliegen nun viele von ihnen der Versuchung, unproduktiven oder gar destruktiven Tätigkeiten nachzugehen, die politische Gewalt zu verherrlichen oder einfach gar nichts zu tun.

Dieses Manko, nämlich die mentale Verwilderung weiter Teile der Bevölkerung durch einen permanenten Kriegszustand, hat auch die meisten durch Aufstände und Revolutionen dekolonisierten Staaten Afrikas und Asiens nachträglich in den Ruin getrieben. Als abschreckendes Beispiel kann hier Simbabwe dienen: Der ehemalige Partisanenführer und jetzige Präsident Robert Mugabe, der nun schon seit 1980 sein Land regiert, kann sich nicht von seinen im Bürgerkrieg erworbenen Methoden trennen und lässt dabei die ganze Nation zugrunde gehen.

Wohlgemerkt, dies alles soll kein Vorwurf an die Palästinenser sein: Nach einem Abzug der Israelis werden sie das klassische Opfer eines Phänomens werden, das man als “Tragik der gewaltbefreiten Völker” bezeichnen könnte: Krieg und Gewalt bleiben nämlich die ständigen Begleiter derjenigen Nationen, die sich im Unfrieden von ihren Besatzern getrennt haben. Viele Länder, die ihre Befreiung militärisch erzwungen haben, unterliegen diesem Gesetz des Niedergangs: Haiti, dessen Einwohner die französischen Kolonisten schon vor über 200 Jahren vertrieben haben, Indonesien, das sich in einem Krieg von den Niederlanden getrennt hat und bis heute nicht richtig auf die Beine kommen will oder afrikanische Länder, wie zum Beispiel Angola und Mozambique, die aus dem Befreiungskampf gegen Portugal hervorgegangen sind und die dann in lange militärische Auseinandersetzungen mit Südafrika verwickelt waren.

Denjenigen Völkern, die sich von ihren Kolonialherren “in gegenseitigem Einvernehmen” getrennt haben, erging es nach ihrer Unabhängigkeit weitaus besser: Hier ist an erster Stelle das wirtschaftlich enorm erfolgreiche Malaysia zu nennen. Aber auch Indien ist ein leuchtendes Beispiel für den Erfolg von Kompromiss- und Kooperationsbereitschaft. Die Leistung Mahatma Gandhis, sein Land gewaltfrei von den Briten getrennt zu haben, kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Pakistan hingegen, das sich gleichzeitig in einem gigantischen Blutbad von Indien verabschiedet hat, leidet bis heute unter seiner Gewaltkultur und wird vermutlich auch daran zugrunde gehen.

Ausländische Intervention

In der zweiten Phase nach dem Abzug der Israelis wird die Not der Palästinenser die arabischen Nachbarstaaten auf den Plan rufen. Allerdings in einer von der einheimischen Bevölkerung unerwünschten Weise: Unter dem Vorwand als Ordnungsmacht einschreiten zu müssen, marschieren Syrien, Jordanien und Ägypten bald in das von den Israelis verlassene Gebiet ein. Syrien besetzt nicht nur die Golanhöhen, sondern auch Galiläa: Am Ende fällt ganz Nordisrael an Damaskus. Aber auch der Libanon verliert ohne Israel seine Unabhängigkeit an Syrien. Jordanien rückt sofort in die West Bank ein, um seine im Sechstagekrieg verlorenen Gebiete zurückzugewinnen. Und Ägypten bemächtigt sich des Gazastreifens und der Wüste Negev.

Krieg zwischen den Interventionsmächten

Um das Territorium des ehemaligen Israel bricht sofort ein militärischer Konflikt aus. Wie auch immer ein solcher Krieg zwischen den arabischen Staaten ausgehen wird, eines ist jedoch von vornherein klar: Nach dem Verschwinden Israels entsteht kein selbstständiger palästinensischer Staat. Die Nachbarländer werden einem unabhängigen Palästina sofort den Garaus machen.

Die dritte Intifada wird liquidiert

Die grausam enttäuschten Palästinenser nehmen eine Okkupation durch ihre Nachbarstaaten natürlich nicht einfach hin und leisten, wie gewohnt, Widerstand. Diesmal allerdings sind arabische Armeen ihre Gegner. Die neuen Besatzer gehen nun mit größer Härte gegen ihre arabischen Brüder vor und ersticken jeden Widerstand sofort im Keim. In wenigen Wochen werden in Palästina mehr Menschen getötet, als in all den Jahrzehnten israelischer Herrschaft zuvor. Schnell wünschen sich die Aufständischen die israelischen “Besatzer” zurück. Die Niederwerfung des sunnitischen Aufstandes von 1982 in der syrischen Stadt Hama mit bis zu 30.000 Toten gibt einen Vorgeschmack auf eine arabische Besetzung Palästinas. Die Erkenntnis, dass das palästinensische Volk nun vom “israelischen Regen” in die “arabische Traufe” geraten ist, kommt viel zu spät.

Wirtschaftlicher Kollaps der Interventionsmächte

Allerdings überfordert eine dauerhafte Besetzung Palästinas die schwachen wirtschaftlichen Grundlagen Syriens, Ägyptens und Jordaniens. Ein längeres Engagement zehrt die Kräfte dieser Gesellschaften aus und führt zu ihrem Zusammenbruch. Ägyptens militärisches Engagement im jemenitischen Bürgerkrieg von 1962 bis 1967 und die daraus resultierende wirtschaftliche Überlastung des Landes haben beispielhaft gezeigt, dass es sich keine arabische Nation leisten kann, dauerhaft Expeditionsheere in fremden Ländern zu unterhalten. Ein wirtschaftlicher Kollaps der beteiligten Länder, gefolgt durch einen Zusammenbruch der staatlichen Ordnung, wäre die Folge eines arabischen Eingreifens in Palästina. Weder die alevitische Führungsschicht Syriens noch die ägyptische Oberschicht unter der Führung des über achtzigjährigen Husni Mubarak sitzen fest im Sattel. Insbesondere aber die jordanische Gesellschaft, die zur Hälfte aus Nachkommen vertriebener Palästinenser besteht, gerät ins Wanken.

Radikale Islamisten gewinnen jetzt überall in Nahen Osten an Einfluss und vermehren das Chaos. Der ganze Maschrek verwandelt sich in ein einzigen großen Hexenkessel. Ein Bürgerkriegsgebiet von unvorstellbarer Ausdehnung entsteht und dockt nahtlos an das bestehende irakische Chaos an. Auch die Golfstaaten und das politisch und gesellschaftlich völlig unterspülte Saudi-Arabien werden vom Virus des Bürgerkrieges infiziert. Der ganze Nahe Osten steht nun in Flammen.

Die Türkei greift ein

Ein solch explosives Machtvakuum bedroht alle Anrainerstaaten, vor allem die Türkei. So leben auf dem Gebiet des heutigen türkischen Staates circa 1,8 Millionen Araber. Ein Überspringen der Unruhen aus dem arabischen Raum in die Türkei ist daher nicht unwahrscheinlich. Vor allem aber lösen die nationalen Bestrebungen der irakischen und syrischen Kurden bei der türkischen Politik Panik aus. In dieser Situation entschließt sich die türkische Generalität dazu, zur Sicherung des eigenen Territoriums in die Grenzregionen Syriens und Iraks einzumarschieren. Aus dieser Position heraus wird die Türkei immer tiefer in die arabischen Gebiete hineingezogen. Nach und nach kommen immer größere Gebiete unter die Herrschaft der Türken. Dies ist zwar ein Bruch mit der kemalistischen Tradition der Nichteinmischung in die Angelegenheiten anderer Völker. Aber angesichts kurdischer Unabhängigkeitsbestrebungen und eines drohenden Übergreifens arabischer Unruhen auf türkisches Gebiet fällt dieser Grundsatz schnell. So lässt eine Maßnahme, die zunächst als Grenzsicherung begonnen hat, einen ganz neuen Machtfaktor im Nahen Osten entstehen. Die Welt kann nun die Entstehung eines neuen Osmanischen Reiches mitverfolgen. Die Hoffnung auf Selbständigkeit und Unabhängigkeit der Palästinenser ist nun auf Jahrhunderte hinaus begraben.

Gemeinsam überleben oder gemeinsam untergehen

Soviel zum “Was kommt nach Israel Szenario”. Ob etwas Ähnliches jemals stattfinden wird ist ungewiss. Aber wer intensiv über einen Orient ohne Israel nachdenkt, wird sich schnell der pessimistischen Prognose Joffes anschließen: Die Lage der Palästinenser würde sich nach einem Ableben Israels keinesfalls verbessern, sondern vermutlich sogar erheblich verschlechtern. Dies gilt auch für die Situation in den angrenzenden arabischen Staaten. Diejenigen, die glauben, dass Israel der eigentliche Grund für die Miesere ihrer Gesellschaften ist, könnten es eigentlich besser wissen. Allen am Nahostkonflikt Beteiligten muss klar sein, dass ihre Hoffnung auf ein zukünftiges Überleben nur in der Anerkennung der vitalen Interessen der jeweils anderen Seite besteht. Nur eine sauber durchgeführte Zwei-Staaten-Lösung bringt den Frieden. Ein “Endsieg” unter kompletter Ausschaltung der anderen Seite, egal von welcher Konfliktpartei anvisiert, ist am Ende eine “Kein-Staaten-Lösung”, da die jeweils übrig gebliebene Seite keine vernünftigen Überlebenschancen besitzt. Das gilt sowohl für die Palästinenser, die ohne Israel niemals ihren eigenen Staat bekommen werden als auch für die Israelis, deren Staat ohne palästinensische Mitwirkung nicht dauerhaft im Nahen Osten weiterexistieren wird.

*Josef Joffe, “Eine Welt ohne Israel – Ist der jüdische Staat die Ursache des Mangels an Demokratie und wirtschaftlichem Erfolg der islamischen Welt €“ oder ein Vorwand?”, Die Zitate stammen aus der Online-Ausgabe der Zeitung “DER TAGESSPIEGEL” vom 20.02.2005: http://www.tagesspiegel.de/meinung/kommentare/art141,2139213.
Der Artikel Joffes wurde zuerst in Foreign Policy 146, Januar / Februar 2005 unter dem Titel “A World without Israel” publiziert.

Kommentare

Dieser Artikel hat einen Kommentar. Was ist Deiner?

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

  1. Der nutzlose Beitrag kommt mir vor wie eine gesuchte Gelegenheit, die Araber zu beschimpfen und die Rolle Israels im Palästeina-Konflikt schön zu reden.

    Obwohl in den arabischen Ländern nichts so sehr herbeigewünscht wird wie “die Juden ins Meer zu treiben”(1967) ist die hier gestellte Frage unanständig. Israel ist entstanden weil versucht worden war, die Juden in Europa auszurotten. Die Welt kann Insrael nicht fallen lassen.

    Das Szenario der Folgen eines plötzlichen Verschwindens Israels istunrealistisch. Die Sicht auf die arabischen Staten und Völker erinnert an dzie Einstellung der kolonialen Engländer. So beiläufig einzuflechten, dass die reichen arabischen Ölländer keine Art Marschallplan auflegen würden und dass es im Orient drunter und drüber gehen würde, ist gemein und falsch.

    Die jetzige Situation wurde von den Kolonialmächten geschaffen, die jetzt zusammen mit den neokolonialen U.S.A. bestimmen wo es lang geht … wenn sie wollen. Vielleicht wollen sie ja auach die Dinge einfach weiter laufen lassen, dass am Ende die Palästineser ohne alle Kraft sind und das Westjordanland von Israel dicht besiedelt. Diese Entwicklung ist viel realistischer als das plötzliche Verschwinden Israels von der Landkarte. Diese Entwicklung und ein atomarer Überfall Amerikas und Israels auf den Iran.