Alter Junge
Der Tag wird heller,
Draußen steht,
Von Winterfrösten ganz verdreht,
Der Apfelbaum vor meinem Keller.
Der Keller modert,
Aus der Gruft
Ein linder, leichter Apfelduft
Und im Kamin das Feuer lodert.
Das Holz, es knistert,
leise flüstert
Die listenreiche Feuerzunge.
Nur keine Eile,
Diese Zeile
Macht dich nicht jünger, alter Junge!
Klaus Grunenberg
Kritik
Ein Gedicht ist zuerst einmal, abgesehen davon, was es noch sein mag, ein in formalisierter Sprache gebrachter Bewusstseinsinhalt. So steht es in einem Arbeitstextbuch für den Unterricht und es ist auch so.
Trotzdem ist ein zur Klasse der Texte gehörendes Gedicht immer auch eine sozusagen “kleine Insel, die aus dem unübersehbaren Meer der Texte herausragt”; stammt ebenfalls aus dem erwähnten Arbeitsbuch.
Was aber immer gleich und besonders auffällt, ist der Rhythmus oder Takt eines Gedichtes und da spielen Jambus und Trochäus, Daktylus oder Anapäst eine gewichtige Rolle. So auch hier, wo die erste Zeile mit Jamben beginnt, die zweite mit Trochäen, dritte und vierte Zeile wieder Jamben. Auch die Klangfarbe ist wichtig und die Form, also das aus der Zeit von alters her kommende Gebilde wie etwa die Ode, die Elegie oder hier die romantische Form des Sonetts. So nett ist das Sonett, dass es oft angewandt wird, so auch hier. Wie mit dem Pinsel leicht hingetupft beginnt dieses Sonett und ist doch etwas verändert in der klassischen Reihenfolge der Zeilen. ABBA erst und dann CDDC, der Abgesang aber variiert, also nicht klassisch. Dann der Takt: wie gesagt, die erste Zeile Jamben, zweite Trochäen, dann wieder Jamben und die Zeilenenden sind mal weiblich, mal männlich. Dass neben der Situation, die gut getroffen wird, zum Ende hin noch eine überraschende Auflösung folgt, also keine These – Antithese mit sich anschließender Synthese wie im klassischen Sinn, sondern eher ein Führen von Außen nach Innen bis hin zum Flüstern des Feuers, ist der eigentliche Schlüssel zum befreienden Lachen.
Ed Moercke
Papperlapapp, Sonette, wer schreibt denn die heute noch? Da lese ich doch lieber meinen Lieblingsdichter Konstanty Ildefons Galczynski in “Polnische Lyrik der Gegenwart”, Reclam: “Himmel und Erde trogen. An den Weltfesseln rüttelt das Fatum, die Spinne spinnt den letzten Slogan: vanitas vantitatum.” -
Mark Beil-Ritzi
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Photo Quelle/Copyright: Jenzig71, via pixelio.de
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