China: Der Westen sollte erst einmal über sich selbst nachdenken, bevor er China kritisiert.

Artikel von Andy Yee vom 08.02.2010, 09:46 Uhr im Ressort Politik, Kultur, Internetkultur | 2 Comments

In einem Nachwort zu der 2006 Ausgabe von [1] “The End of History and the Last Man”, beschreibt Francis Fukuyama dieses mögliche Szenario der Weltpolitik: den Sieg einer autoritären Art von Kapitalismus über die liberal-demokratischen kapitalistischen Staaten. Das ist zwar nicht seine bevorzugte Lösung, doch bewegt sie sich in diese Richtung.

Es scheint, dass sich der Westen über eine Reihe von Ereignissen ärgert: Chinas Cyber-Attacken auf westliche Computernetze, [2] Streitigkeiten mit Google, scharfes Vorgehen gegen [3] Menschenrechtsaktivisten, Hinrichtung eines [4] britischen Staatsbürgers und Chinas nicht gerade hilfreiche Unterstützung, die von Gesprächen über den [5] Klimawandel bis hin zu Irans Atomprogramm reichen. Die Liste ließe sich fortsetzen. Experten verweisen auf die wachsende Bedrohung durch ein zunehmend selbstbewusstes China.

Bevor wir aber China weiter kritisieren, sollten wir die Angelegenheit vielleicht einmal aus einem anderen Blickwinkel betrachten: die Antwort des Westens auf Chinas Öffnung und wirtschaftliche Reformen. Das ist eines der Hauptthemen zwischen den chinesischen Gelehrten [6] Zhu Xueqin (朱学勤) auf der chinesischen Webseite des BBC und von [7] Lu Di (芦笛) bei Bullogger.com in ihrer Diskussion darüber, was die Selbstsicherheit Chinas stärkt.

Chinas großes Wagnis

Deng Xiaoping, Chinas legendärer Führer und Reformist, sagte einmal: “Egal ob schwarz oder weiß, so lange sie Mäuse fängt, ist sie eine gute Katze.” Es ist gerade dieser Pragmatismus, der die Grundlage für Chinas wirtschaftliche Reform seit 1978, nach einem entsetzlichen Jahrzehnt der Kulturrevolution, bildet. Chinas Nutzung des Kapitalismus, wie es von Zhu Xueqin gesehen wird, verwandelt sich erfolgreich in eine Katze, die viele Mäuse, oder westliche kapitalistische demokratische Nationen, fängt:

“Xiaoping platzierte eine Wette für die Katze. In der Ehe von Katze und Maus ist diejenige, die gefressen wird, die Maus und nicht die Katze.”

Auch bei dem gefährlichsten Augenblick dieses Wagnisses, dem Tian’anmen-Zwischenfall von 1989, steuerte sich Chinas Autoritarismus, dank der westlichen Kapitalisten, aus der Krise:

“Die gefährliche Zeit des Wagnisses liegt zwischen 1989 und 1991. Als die Tanks auf den Straßen fuhren, hatten alle Mäuse Angst. Die ausländischen Investitionen gingen zurück, das BIP stürzte ab und China stand unmittelbar vor dem Zusammenbruch. Genosse Xiaoping sagte auf seiner Süd-Tour: “Mir ist es egal, ob es sich um Sozialismus oder Kapitalismus handelt.” Mit einem Schlag öffnete er wieder die Schleusen für ausländische Investitionen.

Dengs Weitsichtigkeit und Willkommen des ausländischen Kapitals konnten die Mäuse nicht widerstehen. Wie gering sind doch die Kosten, den Markt auch nur ein wenig zu öffnen! Kapitalisten, Kapitalisten, ich glaube nicht, dass, wenn die Kapitalisten erst einmal nach China kommen, ihre Regierungen ihnen nicht folgen werden! Tatsächlich kommt der Westen Land für Land und akzeptiert die chinesischen Aufträge. Zudem wurden diejenigen Regierungen, die zu wenig Aufträge eingeholt hatten, von ihren eigenen Wählern und Medien kritisiert. Auf diese Weise wurden die wirtschaftlichen Sanktionen gebrochen, ganz zu schweigen von der politischen Isolation. Die Krise von 1989 war gelöst.”

Kapitalismus und universelle Werte

Lu Di, über Zhus Artikel nachdenkend, ist sich nicht so sicher, ob die westliche Zivilisation auf ihren universellen Werten von Gerechtigkeit und Freiheit angesichts des chinesischen Kapitalismus bestehen könnte:

“Genau genommen hatte Lenin das schon vor langer Zeit entdeckt. Als die westliche Zivilisation die Sowjetunion boykottierte, behauptete er, die Natur des Kapitalismus sei die Gier. Früher oder später würden sie kommen, um mit der Sowjetunion Geschäfte zu machen. Der Grund, warum Deng entschied, die Tiananmen-Proteste von 1989 blutig zu unterdrücken, zu einer Zeit, als China schwach war, war, dass er die Heuchelei des Westens erkannte. Egal wie edel oder gerecht auch der Anlass, man konnte einfach nicht widerstehen, sich nach einer Münze zu bücken.”

Er diskutierte seine Ansichten anhand einer Reihe aktueller Fälle:

“Wenn wir uns einmal Google und Yahoo ansehen, ist es doch recht traurig ihre wirkliche geringen Differenzen zu beobachten. Yahoo akzeptierte sie vollständig (den Eingriff der chinesischen Regierung in die Privatsphäre], und lieferte Kommunikations-Informationen über Dissidenten, aus denen sich die schwere Freiheitsstrafe für Shi Tao ergab. Google hatte grundsätzlich das Recht der chinesischen Regierung, Informationen zu kontrollieren, akzeptiert, und hatte nur dem Eingriff in die Privatsphäre nicht zugestimmt. Das ist der einzige Unterschied, und es ist ungewiss, ob Google an diesem Grundsatz festhalten wird.

Es ist nicht schwer zu verstehen, warum die chinesische Regierung es gewagt hat, Liu Xiaobo so schwer zu bestrafen: Erstens wusste sie, dass der Westen aus Gründen ihrer wirtschaftlichen Interessen seine Reaktionen kontrollieren, allenfalls ein paar Wort murmeln würde. Wirtschafts-Sanktionen ist eine Waffe, die der Westen nicht mehr besitzt. Zweitens wusste sie, dass sich die inländische Führungsschicht aus eigenem Interesse den so genannten “universellen Werten” widersetzen würde. Deshalb würde es keine starken Gegenreaktionen geben, egal was die Regierung tat.

Was bedeutet das? Die Schwäche der Justiz vor dem Geld. Universelle Werte können die “Geld-Offensive” nicht überleben, egal wie edel sie auch sein mögen. Die freie Welt hat keine Angst vor den sowjetischen Atombomben, hat aber keine andere Wahl, als vor den Zucker-beschichteten Kugeln Chinas zu kapitulieren.”

Goodbye Google.

Ist die Hoffnung des Westen, dass das wirtschaftliche Engagement mit China zu politischen Reformen führen wird, nur ein Wunschdenken? Zhu zitierte einige philosophische Betrachtungen über das Verhältnis zwischen Kapitalismus und Autoritarismus:

“Marktwirtschaft und moderner Konstitutionalismus haben nicht unbedingt kausale Beziehungen. Ersteres ist eine notwendige Voraussetzung für Letzteres, aber keineswegs eine notwendige und hinreichende Bedingung. Mit anderen Worten, ohne Marktwirtschaft gibt es keinen modernen Konstitutionalismus. Aber Marktwirtschaft bedeutet nicht modernen Konstitutionalismus. Andere Bedingungen müssen ebenfalls vorhanden sein.”

Zhu beendet seinen Artikel mit einer pessimistischen Note:

“Die China-Katze hat ihre DNA geändert. Die sie füttern werden auch von ihr gefressen. Die Welt hat jetzt eine neue Spezies. Ob sich die Mäuse innen oder außen befinden, sie werden alle gefressen. Große Maus, große Maus dieses Land passt nicht zu dir. Geh zurück nach Amerika. Goodbye John Leighton Stuart, goodbye Google!”

Dieser Beitrag erschien zuerst auf [8] Global Voices. Die [9] Übersetzung erfolgte durch Hans H. Knauf, Teil des “[10] Project Lingua“. Die Veröffentlichung auf der Readers Edition erfolgte mit freundlicher Genehmigung von Global Voices.


Artikel aus "Readers Edition": http://www.readers-edition.de

Link zum Artikel: http://www.readers-edition.de/2010/02/08/china-der-westen-sollte-erst-einmal-ueber-sich-selbst-nachdenken-bevor-er-china-kritisiert/

Links im Artikel:
[1] “The End of History and the Last Man”: http://www.opendemocracy.net/democracy-fukuyama/fukuyama_3852.jsp
[2] Streitigkeiten mit Google: http://globalvoicesonline.org/2010/02/06/2010/01/13/china-googles-possible-exile-leads-to-cyber-prot
ests-netizens-on-move/

[3] Menschenrechtsaktivisten: http://globalvoicesonline.org/2010/02/06/2009/12/25/china-liu-xiaobo-sentenced-to-11-years/
[4] britischen Staatsbürgers: http://globalvoicesonline.org/2010/02/06/2009/12/30/china-akmals-death-sentence-a-resolute-no-to-mem
ory-of-humiliation/

[5] Klimawandel: http://globalvoicesonline.org/2010/02/06/2009/12/26/china-how-did-copenhagen-end-up-our-fault/
[6] Zhu Xueqin: http://www.bbc.co.uk/zhongwen/simp/china/2010/02/100201_google_zhuxueqin.shtml
[7] Lu Di: http://www.bullogger.com/blogs/ludiblog/archives/352400.aspx
[8] Global Voices: http://globalvoicesonline.org/2010/02/06/westerners-before-criticizing-china-some-self-reflections-a
re-needed/

[9] Übersetzung: http://de.globalvoicesonline.org/2010/02/08/china-der-westen-sollte-erst-einmal-uber-sich-selbst-nac
hdenken-bevor-er-china-kritisiert/

[10] Project Lingua: http://globalvoicesonline.org/lingua/

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