Axolotl Roadkill oder die merkwürdige Wirkung spätpubertärer Collagekunst auf das Feuilleton

Nun, nachdem man die offenbar geklauten Passagen entdeckt hat, ist das Buch nun in gleich jeder Zeitung und jeder Plattform im Internet mehrfach erwähnt worden. Dabei hätte es doch dem Skandal gar nicht mehr bedürft. Schon bevor die Diskussion über geistigen Diebstahl und die Kunst, aus bestehenden Versatzstücken eines neues

Nun, nachdem man die offenbar geklauten Passagen entdeckt hat, ist das Buch nun in gleich jeder Zeitung und jeder Plattform im Internet mehrfach erwähnt worden. Dabei hätte es doch dem Skandal gar nicht mehr bedürft. Schon bevor die Diskussion über geistigen Diebstahl und die Kunst, aus bestehenden Versatzstücken eines neues Werk zu basteln, begonnen hat, wurde das Buch in praktisch allen Feuilletons dieses Landes hochgejubelt. Dabei fühlt man sich eigentlich nur an einen Fall erinnert, der auch solche Wellen in der Presse geschlagen hat. Genau: Vor etwa zwei Jahren gab es da den Aufstand um die Feuchtgebiete von Charlotte Roche. Und immerhin eine Gemeinsamkeit fällt sofort auf, wenn man beide Fälle vergleicht.

Die Autorin trägt jeweils einen bekannten Namen. Auch wenn es bei der Hegemann nur der bekannte Namen des Vaters ist. Und bei beiden Fällen scheint auch eine gewisse Portion von Voyeurismus im Spiel zu sein. Denn in beiden Werken geht es (auch) um den Sex, den junge Frauen in ihrem Leben so haben. Ein Aspekt, der in den Besprechungen wie im Marketing der Verlage durchaus mehr in den Mittelpunkt gerückt wird, als in den beiden Büchern selbst.

Ausgerechnet den Vorwurf, ein oder zwei unbekannte Berliner Blogger bzw. Autoren kopiert zu haben, kann man der Autorin kaum vorwerfen. Denn bereits nach wenigen Seiten kommt es zu einem Dialog im Buch, in der einer der Protagonisten offen sagt, dass sein Text auch nur von einem solchen Blogger geklaut ist. Und das Motiv wiederholt sich dann auch noch öfters, weil alle in diesem Buch nicht selbst kreativ sind, sondern ihr eigenes Ich mit den kreativen Erfindungen fremder stärken. Niemand sage also, er sei nicht von der Autorin selbst gewarnt gewesen. Ich habe deshalb mal wieder das Gefühl, dass das Buch von vielen Journalisten, die so laut über geistigen Diebstahl geschrieben haben, eben nicht aufmerksam gelesen worden ist.

Der Stil ist nicht neu, nicht kreativ und anstrengend 

Leider aber ist es dennoch kein gutes Buch. Und das liegt dann doch auch irgendwie daran, dass man praktisch alles in dem Buch schon irgendwo gelesen zu haben glaubt. Irgendwo bei Bret Easton Ellis oder Frederic Beigbeder oder auch Tom Wolfe. Oder in einer Beschreibung der Berliner Szene vor dreißig Jahren in einem eher zu Unrecht vergessenem Buch namens “zum beispiel k” von Michael Wildenhain. Aktuellere Szenebilder Berlins stehen bei Ariadne von Schirach. Zwischendurch dürfen es auch mal etwas Borderline und Körperflüssigkeiten aus besagten Feuchtgebieten sein. Anderen Lesern mag hier auffallen, dass sie hier bei der Hegemann einzelne Texte schon woanders gelesen haben. Mir kommt dagegen das gesamte Buch schon so bekannt vor, dass mich beim Lesen permanent Langeweile überkommt. Stream of consciousness und so. Der Stil ist nicht neu, nicht kreativ, und dafür, dass er seine Vorbilder eben doch nur wiederholt und auch inhaltlich nichts neues erzählt wird, ist er mir persönlich einfach zu anstrengend zu lesen.

Ständig muss es hier gleich der Exzess sein. Der beste aller Clubs, die meisten Drogen von allen, die teuersten Handtaschen, und die Freundin hat HIV. “Das beste Soundsystem Europas”. Ja, das müssen wir jetzt wirklich wissen. Gute Literatur soll doch eigentlich berühren, oder? Und berührt irgendjemanden dieses hypercoole Leben in den Berliner Clubs und den Altbauwohnungen im Osten mit freiem Eintritt für alle noch wirklich? Mal ganz ehrlich, so oder so ähnlich hatten wir das auch mal, aber inzwischen sind wir erwachsen geworden und vermissen es nicht wirklich. Vielleicht schreibt hier eben doch nur eine Achtzehnjährige für Achtzehnjährige. Warum dann aber der halbe Kulturbetrieb dann doch das Buch in den Himmel lobt, das ist dann allerdings die wirklich spannende Frage. Das kann ich nur damit erklären, dass da ein paar Leute das mit dem Feiern im eigenen Leben völlig verpasst haben, als sie selbst mal achtzehn waren. Und jetzt nach einer “Echtheit” suchen, die im Buch zwar nicht zu finden ist, die aber wohl durch das Alter der Autorin indiziert sein soll. Um es mal in den Worten der Hegemann auszudrücken: Man, das ist dann aber wirklich abgefuckt, viel schlimmer als alles, was man im Buch selbst so lesen kann. Macht selbst mal Party, Leute. Es ist auch mit Vierzig noch nicht zu spät, ein eigenes Leben zu haben.

“Echt” (Zitat der Autorin bei der Verteidigung gegen die Vorwürfe geistigen Diebstahls) wirkt das alles nicht. Dabei ist es auch ziemlich müßig zu diskutieren, ob man mit unter 18 schon ins Berghain kommt. In Berlin findet man in krasseren Clubs jüngere Besucher (und Besucherinnen). Das Problem ist eher, dass der im Buch beschriebene Lebensstil und die Disziplin, die man braucht, um dann doch zweihundert Seiten Fließtext zusammen zu bekommen und das Ganze zu vermarkten, eben nicht zusammen passen. Echt, das hieße doch wohl emotionale Beteiligung. Die spürt man zwar an einigen Stellen, wenn es um die Neurosen der Protagonistin geht, aber sie fehlt völlig bei den ganzen coolen Stellen über Drogen und Nachtleben und eigentlich auch der Sache mit dem Sex. Also in etwa 85% des Textes. Nur das mit dem MacBook Pro, das kommt mir jetzt wirklich echt vor. Aber auf einem solchen hätte man dann auch gleich ein Buch namens “Kauft ein paar Albträume” schreiben können. Das wäre dann vielleicht ehrlicher und echt gewesen.

Insgesamt ist Axolotl Roadkill ein eher hohles Buch, das erfolgreich ist, weil Leute im Feuilleton es gut finden wollen. Es ist nicht deswegen schlecht, weil es geklaut ist, und man ein paar Texte schon an anderen Orten lesen konnte. Sondern weil man alles in diesem Buch woanders schon weit besser beschrieben hat. Aber dennoch verrät uns dieses Buch etwas: Das ist also der Weg, um in diesem Land ein Erfolgsbuch zu schreiben. Man muss einfach an die niedrigen Instinkte derer appellieren, die sich diesen Appellen von Berufs wegen gegenüber immun glauben.

Kommentare

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  1. Eine wirklich eingehende Besprechung, die glaubhaft herüber kommt. Danach bleibt mir keine Wahl, als das Buch wohl doch anzuschauen, vielleicht nur, um den Eindruck bestätigt zu finden.