“Mal verdiente ich gut, mal krebste ich herum€, beschreibt Sylvia K. (Name geändert) ihr bisheriges Leben, Stadtplanerin sei sie gewesen, TV-Autorin, sie habe die Welt gesehen und immer eins gefürchtet: den Verlust ihrer Freiheit. Denn: Sozialisiert worden sei sie wie “ein südeuropäischer Straßenköter €“ ohne die Hunde herunterputzen zu wollen” in einem Kinderheim in Nordhessen. Welche Folgen diese Heimerziehung habe, das wolle sie erzählen. Sylvia K. lebt im Ausland, nach Deutschland zurückkehren will die 53-Jährige nicht.
Der Bundestag hat einen Runden Tisch eingerichtet, an dem das Schicksal von Heimkindern in den 50er-, 60er- und 70er-Jahren aufgearbeitet werden soll. Wie haben Sie von diesem Runden Tisch erfahren?
Sylvia K.: Kürzlich habe ich im Radio auf WDR 5 eine Sendung gehört. Berichtet wurde, dass die Gewalt gegen Heimkinder thematisiert wird. Auch mein Bruder und ich wurden Opfer ausufernder Gewalt. Obwohl aus Bremerhaven, brachte man uns ins entfernte Nordhessen. In den folgenden Jahren sahen wir unsere Eltern nur noch einmal im Jahr, und zwar abwechselnd unseren Vater und unsere Mutter. Der Ort hieß Vöhl, es war ein Kinderheim der AWO.
Wie andere Heimkinder auch, haben Ihr Bruder und Sie Gewalt erlebt?
Sylvia K.: Der damalige Heimleiter war ein Bilderbuch-Nazi. Er zertrat meinen am Boden liegenden Bruder vor meinen Augen. Er hat sich davon nie erholt. Ich habe die Bilder aus diesem Heim, in dem ich vom 5. bis zum 10. Lebensjahr war, noch heute vor Augen. Doch auf die grauenhaften Geschehnisse und meine persönlichen Erlebnisse möchte ich nicht eingehen.
Worüber möchten Sie denn sprechen?
Sylvia K.: Über die Nachwirkungen. Zum einen, das weiß ich heute, hat das Selbstwertgefühl gelitten €“ bis hin zu Selbstmordgedanken. Man hat uns sozialisiert wie einen südeuropäischen Straßenköter, der in der Rangordnung ganz unten stehend nur noch um Gnade winselt, damit er nicht geschlagen wird. Eins habe ich immer gefürchtet: den Verlust meiner Freiheit und abhängig zu werden von anderen Menschen. Ich war gebrandmarkt. Egal, was ich tat oder wo ich war, ich blieb das Heimkind, das sich schämt, weil es nicht wie die anderen war.
Aus Ihrem Lebenslauf weiß ich aber, dass sie Abitur gemacht und studiert haben.
Sylvia K.: Stimmt. Das habe ich meiner kämpferischen Mutter zu verdanken und meinem Vorsatz, dass ich nie wieder etwas mit sozialem Elend zu tun haben will. Ich habe Geologie und Geografie studiert. Ich lernte fliegen, war Stadtplanerin, lernte als TV-Autorin die Welt kennen, mal verdiente ich gut, mal krebste ich rum.
Sie haben einen Sohn und sind alleinerziehend?
Sylvia K.: Ja. Dass ich alleinerziehend bin, wäre auch nicht weiter dramatisch gewesen, wenn mein Sohn nicht schon sehr früh an einer schweren Neurodermitis erkrankt wäre, der später noch Asthma bronchiale folgte, obwohl wir so lebten wie es gesund sein soll: ländlich. Wir hatten zwei Pferde und einen großen Hund, zwei Hektar Weideland, einen Wald, einen Fluss, Nachbarskinder. Es war die Idylle schlechthin. Doch an Schlaf war in der Nacht bei der Krankheit meines Sohnes nicht zu denken. Ich konnte bald nicht mehr nebenbei arbeiten und der Vater meines heute 13-jährigen Sohnes wollte uns nicht unterstützen. Den Gang zum Sozialamt scheute ich aus bekannten Gründen. Wir schlugen uns durch, bis der Bauernhof verkauft werden sollte.
Irgendwie fehlt jetzt das Jugendamt, das immer irgendwann auftaucht, wenn ein Problem gewittert wird.
Sylvia K.: Sie scheinen sich da auszukennen. Nach einer Klimakur, bei der mein Sohn völlig gesund wurde, wohnten wir vorübergehend in dem Haus eines Studienfreundes. Der war als Pilot viel unterwegs. Eines Tages stand eine gräßliche Frau vom Jugendamt vor der Tür und erklärte mich in 20 Minuten für erziehungsfähig. Der Vater meines Sohnes hatte inzwischen geheiratet und seine Frau suchte ein Pflegekind. Was lag da näher als meinen Sohn ins Auge zu fassen?
Wann war das?
Sylvia K.: An einem schönen Augusttag des Jahres 2002. Was nun geschah, spiegelte die ganzen Schikanen aus meiner Zeit als Heimkind wider. Und ich stellte fest, dass die Menschenverachtung und Herabsetzung durch gewisse Sozialarbeiter sich nicht geändert hatte. Allerdings will ich nicht in Abrede stellen, dass es auch andere gibt.
Was geschah mit Ihrem Sohn? Wurde er Ihnen weggenommen?
Sylvia K.: Mein Sohn wurde von den um das Kindeswohl Bemühten heruntergeputzt. Man schilderte ihn als verhaltensgestört. Und das drohte er auch zu werden. Denn er verstand nicht, warum er nicht mehr bei mir leben durfte.
Fast zwei Jahre focht ich einen aussichtslosen Kampf. Längst hatte ich alle Rechte an meinem Sohn verloren, das Umgangsrecht war ein stundenweises Besuchsrecht unter Aufsicht geworden. Das Gutachten im Rahmen eines absurden Sorgerechtsstreits war ein reines Gefälligkeitsgutachten, die Willkür fiel sogar Laien auf. Es kam dann sogar zu einem Ermittlungsverfahren gegen die Gutachterin. Doch es verlief im Sande.
Wird fortgesetzt
Jetzt das Thema Heimkinder, Herr Tattjen,
Die armen armen Heimkinder, da können wir uns doch wieder wochenlang dran hochziehen, oder?
Die tolle Frau Kässmann hat auf diese Tour ihr EKD Pöstchen bekommen, wir anderen können vielleicht noch den einen oder anderen ” Buck” für uns herausschlagen.
Im Heim zu leben ist für Kinder sicher kein Zuckerschlecken, aber wo waren Sie denn Herr Tattjen ?
In Deutschland war es jahrelang schick Kinder, erst aus Afrika, dann aus Südamerika später aus Russland, heute nur noch Mädchen zu adoptieren.
Was für eine verlogene Gesellschaft!
Das manche Kinder in Heimen leben, die meisten übrigens liebevoll und verantwortungsvoll versorgt (! ) , wussten Sie doch Herr Tattjen, oder?
Warum haben Sie keines adoptiert, selbstlos und ohne Scheu. ähhhhhh……….
Na eben.
Die gleichen Leute, die ihre Kinder in die Ganztagesbetreuung abschieben, die sich durch Kinderlärm genervt fühlen, LehrerInnen die Schüler Allergien entwickeln, GrundschullehrerInnen die wegen jedem Scheiss zum nach dem Schul Psychiater schreien, MitbürgerInnen die ihren Kindern Ballerspiele schenken und zum ruhigstellen den Fernseher einstellen, in dem gerade jemand detailliert ermordet wird.
Und diese Gesellschaft wagt es sich über die Heimerziehung zu mokieren ?
Herr Tattjen, dort arbeiten Leute, die einen Bruchteil von dem verdienen was den zahlreichen professionellen MeinungsmacherInnen in diesem Forum zufliesst, die sich zudem oft bis zur Selbstaufgabe für diese Kinder einsetzen. Und sie, was tun Sie? Nun ja, ich meine konkret Herr Tattjen?
Artikel schreiben ?
Sie haben recht, dieses Land braucht Journalisten……LehrerInnen und PolitikerInnen
Wirklich ?