Deutschland im Glück! Nur zwölf Monate nach der größten Wirtschaftskrise der Menschheitsgeschichte hat das Land keinerlei Probleme mehr. Die das Leben der gesamten Menschheit bedrohende Klimaerwärmung wurde auf Veranlassung der Kanzlerin durch einen eiskalten, unendlich langen Winter beendet, der Untergang der traditionsreichen Arbeiterbewegung in die Dritten Programme verschoben und die seit der Amtsaufgabe von Margot Honecker brachliegende Volksbildung (“Chefsache”) ist auch kein Thema mehr. Denn Deutschland hat Guido Westerwelle (Fotomontage oben: Narragonien.de), einen gelernten Anwalt, der derzeit als Außenminister eingesetzt wird und der “Welt” in seinem Nebenamt als Parteivorsitzender die Worte anvertraute: “Wer anstrengungslosen Wohlstand verspricht, lädt das Volk zu spätrömischer Dekadenz”.Ein Satz, nur wenig länger als das “Autobahn”, mit dem die Fernsehmoderatorin Eva Herman die letzte große deutsche Generaldebatte auslöste. Damals schwebten Hitler und sein Fernstraßenhersteller Todt als Schatten über dem “Wirbel um”, heute sind es Namen wie Nero und Caligula, die aus dem Totenbett der Diskussionskultur auferstehen und als Kampfgeschütze ins Gefecht gefahren werden.
Westerwelle, der seine “deftigen Sprüche über anstrengungslosen Wohlstand” nach einer “Spiegel”-Recherche bereits seit Jahren verbreitet, ohne dass irgendwer hingehört hat, ist mit einem Mal der Staatsfeind Nummer eins: Von links bis rechts hagelt es Entrüstung, Empörung und Erschütterung, selbst der s der zum Zeitpunkt der Einführung von Hartz 4 als Kanzleramtminister tätige Walter Steinmeier und der damals als SPD-Parteivorständler dienende Sigmar Gabriel tun entsetzt.
Verständlicherweise, denn Westerwelle tut auffallenderweise, was ein deutscher Politiker nie tut. Er sagt nach der Wahl, dass er tun will, was er vor der Wahl gesagt hat. Für die deutsche Sozialdemokratie eine Ungeheuerlichkeit. Natürlich, die Senkung der Mehrwertsteuer für das Hotelgewerbe hatte auch der Kanzlerkandidat Steinmeier in seinem Wahlprogramm. Dennoch kritisiert er sie nun, wo sie ohne seine Beteiligung realisiert worden ist. Das ist absolut konsequent, denn die SPD tut nach der Wahl nie, was sie vor der Wahl versprochen hat. Deshalb hätte sie auch die Mehrwertsteuer für Hotels nicht gesenkt – um es nicht tun zu müssen, hatte sie es ja zuvor eigens versprochen.
Aus dieser Position lässt sich der politische Gegner am besten kritisieren. Zumal wenn er wie Westerwelle teflonartig glatt und erfolgreich zugleich wirkt. So etwas mag der Deutsche generell nicht – Applaus ist jedem gewiss, der ihm vorwirft, dass er seine vorher gemachten Versprechen nicht augenblicklich durchsetze. Beifall bekommt gleichzeitig auch der, der kritisiert, er halte trotzdem an der Behauptung fest, er werde sie noch durchsetzen, statt zu sagen, er habe es sich anders überlegt.
Westerwelle in der Arroganzfalle. Der Mann ist wohlhabend, er ist skandalfrei und er ist auch noch schwul, auch wenn das nur in gutbesuchten Internetforen und Diskussionsboards erwähnt wird, wo der FDP-Chef nur “Schwesterwelle” heißt, ein Begriff, den der saarländische SPD-Kämpfer Ottmar Schreiner vor Jahren aus dem Waffenarsenal der homophoben Rechten geliehen und hoffähig gemacht hatte. Diese Mischung löst offenbar in breiten Bevölkerungsschichten aus, was homophobe Hassreflexe genannt würde, träfe es hier nicht einen, vom dem auch die Qualitätsmedien von “SZ” über “Spiegel” bis “taz” der Meinung sind, es träfe ihn völlig zu recht. Westerwelle ist alles, was wir alle nicht sind: Besserverdienend, mächtig, machtbewusst, selbstsicher und auch noch schwul. der Mann ist nicht normal, jedenfalls nicht so normal wie ein normaler Mensch, sondern etwa für die “Zeit” der “deutsche Haider”, der “am rechten Rand fischt” (Werner Perger).
Nur in der Wortwahl ist Volkes Stimme deutlicher, inhaltlich stimmen qualitätsmedial und im Netz veröffentlichte Meinung wie selten überein. Hätte Westerwelle die versprochenen Steuersenkungen schon durchgesetzt, würde das kritisiert, würde er angesichts der Aussichtslosigkeit des Vorhabens umschwenken und sagen, er verzichte auf die Umsetzung, wäre es das, was ihm zum Vorwurf gemacht würde.
Die Ursache liegt nicht in der Politik, die er macht, und auch nicht in den Positionen, die er vertritt, das macht ein kurzer Blick in des Volkes Denkungswelt schnell klar. Es ist Westerwelles Persönlichkeit, die selbst Menschen die Zornesröte ins Gesicht treibt, die von spätrömischer Dekadenz noch nie gehört haben und Caligula für ein Monster aus Kinderkanal halten. Westerwelle, Anwaltssohn, von einem alleinerziehenden Vater aufgezogen, vom Gymnasium geflogen und erst im zweiten Anlauf mit dem Abi erfolgreich, scheint dem Volk aalglatt, scheißerfolgreich, arrogant und – das empört die Kritiker tief drinnen am heftigsten – auch noch schwul. Letzteres darf man natürlich nicht, denn Schwulenhass ist nicht debattenfähig. Wenn er sich aber als Kritik an einer politischen Linie tarnt, tobt plötzlich ein Weltkrieg um Westerwelle.
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