Die Politik in Deutschland hat in der geistigen Welt keine Basis. Sie nimmt auch vom neuen Weltverständnis nach fundamentalen Veränderungen in Wirtschaft und Gesellschaft keine Notiz.
Entreicherung des Staates und der unvermögenden Schichten
Die Protagonisten deutscher Politik von Schröder bis Merkel und Westerwelle singen weiter das Lob der Arbeit. Obwohl ausreichend bezahlte Arbeit für alle längst nicht mehr da ist bestehen sie darauf, dass die menschliche Arbeit der einzige Schlüssel für die Verteilung wirtschaftlicher Güter sein soll €“ jedenfalls was den Staat angeht. Der Staat soll die Mittel für die Erfüllung seiner Aufgaben allein als einen Anteil am Lohn für die Leistung der arbeitenden Bevölkerung erhalten.
Das Ziel ist der “schlanke Staat”, der sich nicht in die Wirtschafteinmischt, ihr insbesondere nicht an ihre Gewinne und an ihr Vermögen geht.
Die Verteilung der immer knapperen Mittel des Staates findet stattzwischen den “Leistungsträgern”, also denen die Arbeit haben und denen, die vom Staat alimentiert werden müssen, damit sie nicht verhungern. Da die Politik es begünstigt, dass die Arbeitnehmer immer mehr Stunden für immer weniger Lohn leisten müssen, kann es nicht ausbleiben, dass das Maß der Leistungen für nicht arbeitende Bevölkerung kontinuierlich so gesenkt wird, dass niemand, der keine Arbeit leistet mehr hat als die die noch Arbeit haben.
Automatisierung und Robotisierung haben die Basis dafür geschaffen, dass die Grundlebensbedürfnisse aller Bürger leicht befriedigt werden können. Das setzt aber voraus, dass die Inhaber von Produktionsmitteln und Vermögenswerten einen höheren Anteil am Steueraufkommen erbringen. Das gerade nicht zu tun ist aber gerade die Maxime aller deutschen Regierungen seit Schröder. Lafontaine, als er m noch an der Macht war, bildete da keine Ausnahme. Ihm verdanken die multilateralen Konzerne, dass sie Verluste im Ausland gegen Gewinne im Inland aufrechnen dürfen und daher kaum noch Steuern zahlen.
Alte Arbeitsethik soll das unsoziale System rechtfertigen
Unsere Politiker verkaufen ihr unsoziales System mit markigen Sprüchen aus dem Schatz der Zitate, die in der Allgemeinheit kaum hinterfragt werden. Was soll denn daran falsch sein, Arbeit und Fleiß hoch zu loben und Faulheit und Müßiggang zu verdammen? “Müßiggang ist aller Laster Anfang.” “Erst die Arbeit, dann kommt das Vergnügen!” “Leistung muss sich wieder lohnen.”
Wegbereiter der den meisten Bürgern als ganz selbstverständlich richtig erscheinenden Arbeitsethik ist der große Reformator Martin Luther. Für ihn ist Arbeit funktional ein Zweck in sich selbst, dann aber auch ein Dienst für den Allmächtigen. Die Bremer “Initiative zur Rehabilitierung von Muße und Müßiggang” hat einige seiner immer wiederholten Aussagen zu diesem Thema einmal zusammengestellt:
“Denn Gott will keine faulen Müßiggänger haben, sondern man soll treulich und fleißig arbeiten, ein jeglicher nach seinem Beruf und Amt, so will er den Segen und das Gedeihen dazu geben. Der Mensch ist zur Arbeit geboren wie der Vogel zum Fliegen.
Gott sorgt, wir aber sollen arbeiten.
Es ist die größte Versuchung, dass niemand seinen Beruf treulich erfüllt, sondern alle sich der Muße ergeben wollen.
Voll sein und müßiggehen ist die größte Plage auf Erden.
Müßiggang ist Sünde wider Gottes Gebot, der hier Arbeit befohlen hat.
Wenn du eine geringe Hausmagd fragst, warum sie das Haus kehre, die Schüsseln wasche, die Kühe melke, so kann sie sagen: Ich weiß, dass meine Arbeit Gott gefällt.
Es ist ein Elend in diesem Leben! Die in Muße und Wohlstand leben, wollen nichts schaffen; und die anderen werden daran verhindert durch ihre Armut und durch ihre Belastung mit einem vielerlei von Geschäften.
Von Arbeit stirbet kein Mensch; aber von Ledig- und Müßiggehen kommen die Leute um Leib und Leben.
Wer treulich arbeitet, der betet zwiefältig. Aus dem Grunde, dass ein gläubiger Mensch in seiner Arbeit Gott fürchtet und ehret und an seine Gebote denkt.”
Der calvinistisch-protestantische Glaube, der die Vorstellungswelt der Amerikaner stark geprägt hat, achtet nur den wirtschaftlichen Erfolg als Ergebnis harter Arbeit. Schon auf Erden zeigt der Allmächtige dem Fleißigen mit seinem wirtschaftlichen Erfolg, dass er auf einem Gott gefälligen Wege wandelt. Freude, Spiel, Besinnlichkeit, Muße, Sich-Gehen-Lassen sind unproduktiv und damit lasterhaft. Das größte Übel aber ist die Faulheit.
Der Fleißige kann sich gar nicht vorstellen, dass Nichtstun die Quelle von Positivem sein könnte, weil er sich alsbald von Langeweile gepeinigt fühlt, wenn er sich nicht unablässig zur Arbeit zwingt. Dem so zur Arbeit verdonnerten Menschen wird zwar auch eine Freizeit gewährt, in der er nicht produktiv arbeiten muss. Aber auch in dieser Zeit werden mengenweise Leistungen von ihm erwartet, die der Erbringung von produktiver Arbeit gleich kommen: Einkaufen, Kochen, Waschen, Putzen, Kinder erziehen, Ertüchtigung des Körpers usw.. Zeit für innere Sammlung ist da nicht vorgesehen, sieht man mal vom gelegentlichen Gebet ab, zu dem sich der Gläubige ja auch verpflichtet sieht.
Das hohe Lied des Müßiggangs
Nicht nur, dass längst bekannt ist, dass nicht genügend Erwerbsarbeit vorhanden ist, um sie weiter als Zentrum der Verteilung der Güter in dieser Welt zu behandeln. Dass Arbeit keinen Wert in sich hat, kann man doch gar nicht übersehen, wenn man einmal die gläubige Verblendung und Verklärung der Arbeit ablegt. Wer wie verrückt arbeitet, um sich und der Welt Schaden zuzufügen, sollte besser ganz innehalten. Wer überflüssige Konsumgüter in Massen produziert, sollte damit aufhören und lieber in aller Ruhe bedenken, was herzustellen überhaupt Sinn macht. Wer ständig betriebsam aber unbedacht vor sich hin werkelt, entfremdet sich von sich selbst. Nur in freien Phasen, in denen der Mensch sich sammelt, weckt der Mensch seine schöpferischen Reserven. Wer nicht ständig in Arbeitsprozesse eingespannt ist oder in die korrespondierenden Freizeitaktivitäten, wer also einfach mal die Beine hoch schmeißt und ohne Plan die Dinge auf sich zukommen lässt, verspürt sehr bald keine Langeweile, wenn er nichts tut. Er findet vielmehr zu sich selbst und entdeckt was in ihm in der Hetze des Lebens verborgen war.
Die Langeweile, eigentlich nur die wertfreie Benennung eines größeren Zeitabschnitts zwischen arbeitsamen Perioden, ist seit langer Zeit mit dem Odium eines schwer erträglichen Zustandes ohne Sinnhaltigkeit versehen. Dabei ist Langeweile psychologisch gesehen immer nur von kurzer Dauer, wenn man sich ihr bewusst stellt. Die Psychoanalytikerin Ursula Kruzer-Haustein erklärt das sehr gut nachvollziehbar damit, dass unsere innere Welt sich ganz von selbst meldet, wenn wir uns mental einfach treiben lassen. Sie verweist auf die Beobachtung von Kindern, die nach dem Ende einer Arbeitsperiode erste unschlüssig erscheinen, dann aber sehr bald von selbst darauf kommen, was sie tun wollen. Langeweile öffnet die Tore zu verborgenen kreativen Potenzialen. Die Psychoanalyse erklärt die Langeweile aus der Abwehr von Triebwünschen, die unbewusst im Dunkeln gehalten werden wollen. Menschen wollen oft nicht geweckt werden zur Konfrontation mit Ängsten von Sinnleere, Lebenslügen und letztlich dem Tod. Dabei verstärkt der Zeitdruck, unter den die arbeitsversessenen Menschen sich setzen, die vorhandenen seelischen Probleme. Kreuzer-Haustein hat festgestellt, dass viele überaktive Menschen von ihrer Grundstruktur schwach und ängstlich sind. Sie messen den individuellen Wert ihrer selbst und anderer nur noch daran, ob sie tätig sind oder nicht. Jeder kennt die Menschen mit einem unerhörten Kontrollzwang, die sich regelmäßig mit Arbeit überladen und unfähig sind, Arbeit zu delegieren. Das sind die Menschen, die auch im Laufe ihres Lebens nie kürzer treten können. Gehen sie in Rente, verlagern sie ihren Aktionismus in andere Bereiche oder sterben einfach ab.
Die Gegner der Einführung des bedingungslosen Grundeinkommens für jedermann sind genau die, die weiter an der Verdammung des Müßiggangs festhalten. In ihrem Menschenbild gibt es in der Masse nur die braven unkritischen Arbeiter, keine Menschen mit bedeutender schlummernder Kreativität. Sie halten die Zweiteilung der Menschheit in “die da oben” und “die da unten” für gottgewollt. Für rückwärtsgewandte konservative Menschen wie den Altbundespräsidenten Richard von Weizsäcker dagegen ist die Identifikation des Wertes des Menschen mit seiner Verankerung im Arbeitsprozess immer noch zwingend: “Erwerbstätigkeit ist und bleibt für die Selbstachtung des Menschen, für seine Existenzsicherung und seine Orientierung im Leben unverzichtbar.”
Die Mitbürger, für die keine Arbeit da ist oder nur eine, die sie nicht ernähren kann, müssen sich eben damit abfinden, dass sie ohne Selbstachtung leben müssen. Ihre Zahl nimmt laufend zu, dies allerdings nicht rein zufällig, sondern weil unsere Regierungen dafür die Weichen gestellt haben und gar nicht daran denken, das Ruder herumzureißen.
Wie einfallsreich sog. einfache Menschen sein können, hat der polnische Arbeiterführer Lech Walesa mit seiner Erkenntnis gezeigt: “Ich bin faul, aber es waren die faulen Leute die das Rad oder das Fahrrad erfanden, denn sie mochten nicht laufen oder Dinge tragen.”
Unternehmen muessen fuer jeden wegrationalisierten Arbeitsplatz eine monatliche Abgabe zahlen. Solange bis eine neue Arbeitskraft zu gleichen Bedingungen eingestellt wurde.