“Goldener Bär” für türkischen Honig (“Bal”) auf deutscher Leinwand

Sechsundvierzig Jahre ist es her, dass ein türkischer Film den Goldenen Bären bei der Berlinale zuerkannt bekam. Das war im Jahre 1964. Der damals mit dem Hauptpreis der Berliner Filmfestspiele ausgezeichnete Film des Regisseurs Ismail Metin trägt den Titel  “Trockener Sommer” … Vom Bär beim Drehen zum Goldenen Bär der

gtfdfgt.jpgSechsundvierzig Jahre ist es her, dass ein türkischer Film den Goldenen Bären bei der Berlinale zuerkannt bekam. Das war im Jahre 1964. Der damals mit dem Hauptpreis der Berliner Filmfestspiele ausgezeichnete Film des Regisseurs Ismail Metin trägt den Titel  “Trockener Sommer”

Vom Bär beim Drehen zum Goldenen Bär der Berlinale

Nun, im Jahre der 60. Berlinale kann sich endlich wieder ein türkischer Film mit dieser Auszeichnung schmücken. Vielleicht zog “Bal” (Honig) den Goldenen Bären geradezu zwangsläufig an? Bären lieben bekanntlich Honig. Und, wie der Regisseur von “Bal”, Semih Kaplanoglu, freudestrahlend – bei der Preisverleihung in Berlin den Goldenen Bären stolz und fest in Händen hielt – mit einem Schmunzeln zum Besten gab, sei nämlich das Filmteam während der Dreharbeiten im Wald auf einen Bären getroffen. Dieser sei bis auf die Distanz von ca. 10 Metern herangekommen. Dann habe er die Flucht ergriffen. Kaplanoglu zeigte sich, dabei lächelnd, sicher, dass dieser Bär nun gewissermaßen auch hier, in Berlin, auf die eine oder andere Weise anwesend sei.

“Bal” – ein ruhiger, wirklicher, Film

In “Bal” erzählt Kaplanoglu in ruhigen Bildern – dabei bewußt auf den Einsatz von Musik verzichtend – eine Kindheit im ländlichen Anatolien. Der Film läßt uns in die Welt des sechsjährigen Grundschülers Yusuf (gespielt von Bora Altas) in den Bergen und Wäldern seiner Heimat blicken. Dennoch ist “Bal” alles andere als ein Heimatfilm. Semih Kaplanoglu hat für seinen Film sehr lyrische Bilder gefunden, die er samt und sonders ohne künstliches Licht auskommen lässt. Deren außergewöhnliche Wirkung auf den Zuschauer sicherlich auch etwas mit den Geräuschen des Waldes zutun hat, denen der Regisseur mit Bedacht großen Raum gelassen hat. Dazu passt der sparsame Einsatz von Dialogen. Gerade dies dürfte “Bal” zu einem wirklichen Film machen. Schließlich sollte sich ein Film seinen Zuschauern in der Hauptsache über Bilder mitteilen. Das tut “Bal”. Was aber ganz gewiß vom Zuschauer fordert, sich ganz darauf einzulassen. Denn solche Filme sind in unserer hektischen und oberflächlich gewordenen Welt des fastfood und der flatrates für alles und jedes leider die Ausnahme denn die Regel. Dabei wäre Entschleunigung etwas, das uns allen gut täte. Einmal innehalten. Sich mit den Fragen des Lebens näher beschäftigen.

Der kleine Yusuf wird in “Bal” aus der scheinbar heilen Welt der Natur, des Waldes, kommend, in die harte Realität geworfen, welche durch den Tod des Vaters in dessen Leben tritt.

Ein Film, der der Natur gewidmet ist

Kaplanoglu gab gegenüber der Presse an, den Film in der Hauptsache der Natur gewidmet zu haben. Ausdrücklich, um darauf hinzuweisen, dass die unglaublich schöne Natur, auch in der Region, wo man gedreht habe, von Zerstörung bedroht sein könnte. Etwa durch den Bau von Kraftwerken. Der für seinen Film “Bal” erhaltenen Preis solle auch dazu beitragen, die Natur dort zu retten. Kaplanoglu laut dpa: “Mich interessiert die Seele des Menschen,  sein Geist. Ich frage mich, was damit passiert in unserer Gegenwart. Nehmen wir die Industrialisierung. Sie schenkt uns viel, nimmt aber auch viel. Wie verändert das unser Leben?” Dies seien durchaus auch politische Fragen, so der Regisseur. “Ich blicke mit meinem Wissen des Erwachsenen durch die Augen eines Kindes, das Momente erlebt, die unwiederbringlich sind.”

Glückwünsche aus Ankara…

Der türkische Staatspräsident Abdullah Gül schickte dem Team und Semih Kaplanoglu ein Glückwunschtelegramm. Darin hat Gül das hohe Niveau des türkischen Films gewürdigt. Gül schrieb, die Türkei freue sich mit dem Filmemacher über den Goldenen Bären. Darüber, wie der türkische Präsident zum Naturschutz (und dem Schutz von Kulturdenkmälern) steht, wurde hingegen nichts bekannt. Unterstützte er jedoch beides, müsste Gül Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan stoppen. Dieser verkündete dieser Tage zum nun schon 5. Male den Baubeginn des national wie international umstrittenen Ilisu-Staudamms, dem u. a. die historische Stadt Hasankeyf zum Opfer fallen würde.

“Bal” ist Abschluss einer Trilogie

Semih Kaplanoglus Film “Bal” bildet den Abschluss einer Trilogie: “Yumurta” (Ei), “Süt” (Milch) und nun “Bal” (Honig). In allen drei Filmen trägt die Hauptfigur den Namen Yusuf. Dessen Geschichte wird quasi rückwärts erzählt. Yusuf, der Alte, der Student, das Kind…

Semih Kaplanoglu studierte an der “9. Eylül”-Uni seiner Heimatstadt Izmir

Der bereits mit anderen Preisen (“Goldene Orange”, Antalya, Filmpreis Ankara u. a. m.) geehrte Regisseur wurde 1963 in der weltoffenen Ägäismetropole Izmir geboren. Er begann Anfang der 1980er Jahre an der Fakultät für Bildende Künste der staatlichen “Dokuz Eylül Üniversitesi” in Izmir zu studieren. Das Studium in der Fachrichtung Kino und Fernsehen beendete Kaplanoglu im Jahr 1984 mit dem 40-minütigen schwarz-weißen Kurzfilm “Mobapp”.

“Bal” – Ein Film mit Tiefgang

Der türkisch-deutschen Koproduktion “Bal” (Honig) ist ein guter Filmstart (voraussichtlich ab März) in Deutschland zu wünschen. Bei “Bal” kann man sicher von einem Filmkunstwerk sprechen, das den Goldenen Bären wahrlich verdient hat, weil es wirklich der beste Film der 60. Berlinale war. Ein leiser Film mit großartigen Bildern, der in seiner Fließgeschwindigkeit womöglich der von abtropfendem Honig sehr nahekommt. Aber gerade das macht “Bal” sicherlich so einmalig und edel für Filmfreunde. Ähnlich, wie halt auch guter Waldhonig hoch im Kurse seiner Genießern steht. Die Massen, das läßt sich ahnen, zieht dieser eindrucksvoll erzählte Film sicherlich nicht an. In den Multiplexen wird er es vielleicht schwer haben. In den Studio- und Filmkunstkinos (so es die noch gibt) dagegen dürfte er zum Renner und Geheimtipp werden. Und im Fernsehen wird “Bal” (hoffentlich bald!) bei Arte oder 3sat laufen. Keine Massenware. Nun, das kann man schade finden. Aber so ist nun einmal die Realität. Alles hat eben seinen Platz. Und Wert! Erkenne das! Erkenne dich selbst! Wer Action und Fantasy einem Filmkunstwerk vorzieht – sei’s drum! Bei “Bal” ist Tiefgang angesagt. Auch dafür finden sich stets Freund, Cineasten genannt.

Von Kaplanoglus “Honig” nippen

Ob der Film in Türkisch mit deutschen Untertiteln laufen wird? Ich weiß es nicht. Aber kein Deutscher sollte sich abschrecken lassen. “Bal” ist, wie schon erwähnt, ein wirklicher Film. Und der lebt und wirkt eben von der Sache her vor allem über seine Bilder. Nur einlassen muss man sich eben darauf. Auch die türkischen und türkischstämmigen Mitbürgerinnen und Mitbürgern unter uns sollten sich einen Ruck geben und von Kaplanoglus “Honig” nippen! Die Türken, ich weiß es freilich sehr wohl, gibt es genauso wenig wie die Deutschen. Aber Kinobesucherzahlen sprechen eben auch Bände: Die sehen betreffs in deutsche Kinos importierter türkischer Komödien nun einmal einfach besser aus, als diejenigen für Gegenwartfilme oder Filmkunstwerke aus der alten Heimat, wie z. B. “Bal”. Aber das ist bei deutschen Zuschauern wohl auch nicht viel anders…

Der Film “Bal – Honig”. Regie: Semih Kaplanoglu. Mit Bora Altas, Erdal Besikcioglu,  Tüllin Özen, Alev Ucarer, Ayse Altay. Türkei, Deutschland 2010, 104 Minuten.

Photo/Quelle: Honig. Oliver Haja via Pixelio.de

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