Gesicherte Erkenntnisse: Viele Menschen sind es leid, immer neue Lehrmeinungen aus allen Bereichen der Wissenschaften vorgesetzt zu bekommen. Nach endlosen Fehlmeinungen in allen Wissenschaften gibt es aber immer wieder wichtige Erkenntnisse, die sich nach gründlicher Überprüfung als absolut sicher erweisen. Wenn es sich dabei um Wissen handelt, das uns wesentliche Aspekte unseres Lebens neu verstehen lässt und uns den Weg zu einem besseren Leben öffnet, lohnt es sich wirklich, die Angst vor immer neuen Irrtümern einmal abzulegen und sich klug zu machen.
Einen solchen ganz neuen sicheren Zugang zu entscheidendem Wissen gibt es heute in Bezug auf die Grundfunktionen unseres Lebens in Wachen und Schlafen. Ich will hier nicht neue philosophische Erkenntnisse ausbreiten, sondern die spannenden physiologischen und psychischen Phänomene von Wachen und Schlafen und ihre praktische Nutzung aufzeigen. In der Schule hat das kaum einer von uns lernen können, denn eine Reihe wichtiger Erkenntnisse sind neu.
Im vorliegenden Fall lohnt es sich ganz besonders, das eigene Wissen aufzufrischen. Denn es gibt kaum einen Bereich, der für das praktische Leben, für das Wohlbefinden und den Erhalt der Gesundheit wichtiger ist als das Leben täglich in voller Wachheit zu genießen und sich nachts im Schlaf regenerieren zu können.
Das wache Selbst
Alle Wesen höherer Ordnung kennen neben dem Erleben der Welt im wachen Zustand den Schlaf mit seiner Abschaltung des Bewusstseins und den oft nicht, dann aber doch auf verschiedene Weise sich bemerkbar machenden Träumen.
Die Welt im wachen Zustand scheint uns frei zugänglich zu sein. Schließlich nehmen wir sie mit unseren Sinnen bewusst wahr. Wir können wissentlich und willentlich Handlungen ausführen, Gefühle erleben und Gedanken nachgehen. Ganz selbstverständlich nehmen wir an, dass wir im wachen Zustand die volle Kontrolle über uns selbst, über unsere Aktionen und über viele Vorgänge in unserem Umfeld haben. Schließlich sehen wir uns doch als rationale Wesen, die täglich die Welt mit dem Verstand erobern!
Da irren wir uns aber ganz gewaltig! Denn unsere bewussten Wahrnehmungen machen nur einen ganz kleinen Bruchteil der Aktivitäten unseres Gehirns im wachen Zustand aus. Hirnforscher sprechen davon, dass 99 % aller im Wachzustand ablaufenden Hirnaktivität nicht in unser Bewusstsein dringt. Wenn wir diesen großartigen Verstand, dessen wir uns im wachen Zustand so deutlich bewusst sind, aber nur ein wenig einzusetzen und einige uns allen bekannte Phänomene des Wachseins unter die Lupe nehmen, erkennen wir bald, dass unser unbewusstes Selbst auch im Zustand vollständiger Wachheit unvorstellbar große mentale Leistungen vollbringt, die eben nur nicht ins Bewusstsein dringen.
Denken Sie nur an die optische, akustische und haptische Wahrnehmung der Welt im Wachzustand. Blicken wir, z.B., über die Straßen und Dächer einer Stadt, sondert unser selektives Bewusstsein einige Aspekte des ganzen Bildes aus, an das wir uns kurz- oder auch mal langfristig erinnern können. Und was geschieht in den Hirnen von Eidetikern, die nach einem kurzen Blick über dieselbe Stadt in der Lage sind, ohne weiteres Hinsehen jede Straße, jedes Haus, jeden Baum und jeden Strauch aus dem Gedächtnis hervorzuholen und maßstabsgetreu
nachzuzeichnen? Uns Normalmenschen fehlt nur die Fähigkeit, die Sinneseindrücke abzurufen. Es gibt keinen Grund zur Annahme, dass Eidetiker, oft sog. Savants, darunter auch Autisten, mehr wahrnähmen als andere Menschen. Wir alle sehen wie eine Kamera alles, was
in unsere Augen fällt und bilden es innerlich komplett ab. Ebenso lesen wir Bücher und nehmen jeden Buchstaben und jedes Wort davon nachvollziehbar in uns auf €“ auch wenn nur die Eidetiker in der Lage sind, die kompletten aufgenommenen Informationen abzurufen und fehlerfrei wiederzugeben.
Oder denken Sie einmal darüber nach, woher denn Ihre Rede kommt, wenn Sie sich verbal äußern. Sie haben nur eine grobe Vorstellung, wie Sie, z.B., einem Kinde die Funktion einer Uhr erklären wollen. Mutig fangen Sie einfach an €“ und wie durch ein Wunder formen sich in Ihrem Hirn Sätze und Erklärungen, die Sie zuvor nie erarbeitet haben. Dass der Beherrscher Ihrer Sprache nicht in Ihrem Bewusstsein steckt, sondern darunter tief in Ihrem Innern eingegraben ist und selbsttätig arbeitet, ist nicht neu. Es lohnt aber, sich dieser Tatsache bewusst zu werden. Niemand hat diese Zusammenhänge so einleuchtend beschrieben wie Heinrich von Kleist in seinem Essay “Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden.”
Traumwelten hinter der Fassade der Wachheit
Wenn nicht unser bewusstes Ich die Hauptverantwortung für unsere Sinnenwahrnehmungen hat und nicht einmal für die gedankliche Verarbeitung, wer agiert denn da im Untergrund? Ohne Frage ist dort niemand anders aktiv als wir selbst. In jeder Sekunde ereignen sich unvorstellbare mentale Aktivitäten, die wir richtigerweise uns selbst zurechnen, obwohl wir sie nur in Ansätzen bewusst erleben und kontrollieren können. Unser zentralnervöses System (ZNS) hat nach unterschiedlichen Annahmen zwischen einigen Milliarden und einer Billion Nervenzellen, der ganze Körper zwischen 7 Billionen und 100 Billionen Zellen, in denen bis zu 100 Trillionen Mitochondrien €“ Bakterien aus der Zeit der Entstehung des Lebens €“ gefangen sind. Unser Gehirn, das zwischen seiner gewaltigen Zahl an Nervenzellen eine überhaupt nicht mehr begreifbar große Zahl von Verknüpfungen kennt, ruht in keiner Sekunde unseres Lebens ganz. Auch dort, wo unser Bewusstsein auf Grund seiner natürlichen Beschränktheit nicht kontrollierend eindringen kann, ist das Gehirn ständig in Aktion.
Was anderes befindet sich dort aber unter der Schwelle des Bewusstseins als eine gewaltige Traumwelt, die in halb bewusster Kommunikation mit unserem Bewusstsein steht! Wir wissen heute ganz sicher, dass wir nicht durchgehend rational regiert werden. Unser unbewusstes Selbst hat außerhalb unseres Bewusstseins und außerhalb der uns bewusst eingenommenen Standpunkte eine ganz eigene Wahrnehmung und eine von der bewusst gefundenen Bewertung weitgehend unabhängige eigene Art der Bewertung der Dinge. Daher tun wir meist nicht das, was wir nach reiflicher Überlegung für richtig halten, sondern das wozu unser inneres Selbst uns treibt. Nur rationalisieren wir dann das was wir tun und erklären es vor uns und anderen als besonders gut durchdacht. Auch wenn wir wissen, dass es Brücken zwischen der bewussten Welt und der darunter liegenden unbewussten Welt gibt, ahnen wir tief innen, dass nicht nur in der Mythologie sondern auch in uns selbst das Eigentliche unsichtbar ist.
Uns ist sehr wohl bewusst, dass wir nicht nur des Nachts träumen, sondern dass unser bewusster Geist und unser Gemüt auch tagsüber auf einer großen Traumblase aufsitzen. Wir kennen die Tagträume und die Kennzeichnung von geistig abwesend erscheinenden Menschen als Tagträumern sowie versponnener Menschen als Traumtänzern. Gleich wie stark wir uns willentlich in die Pflicht nehmen, der Welt bewusst rational gegenüber zu treten: Traumwesen in einer Traumwelt sind wir auch mit geöffneten Augen und ungetrübtem Verstand. Hirnstrommessungen bilden diese Realität sehr deutlich ab. Während das Gehirn bei hoch konzentrierter Wachheit Gammawellen emittiert, stellen sich mit der Näherung an die unterbewussten Phasen immer mehr niederfrequente Hirnemissionen ein. Von Betawellen im hochkonzentrierten Wachzustand steigt man über Beta- und Alphawellen bis hinunter zu ersten Thetawellen, die erst bei der Einrichtung leichten Schlafes ganz vorherrschen.
Einsatz der Logik im Unbewussten
In der Traumwelt, die im Wachzustand unterhalb des Bewusstseins aktiv ist, nutzen wir ganz selbstverständlich auch unseren Verstand. Dies ist keine besondere Erkenntnis, sondern nur die ganz einfache Herleitung aus den Leistungen, die unser Hirn unbewusst vollbringt. Ohne zu wissen, was ich im Einzelnen sagen werde und zu welchen Ergebnissen ich komme, kann ich zu jedem beliebigen Thema aus dem Stegreif heraus parlieren. Ohne die Beteiligung meiner geistigen Werkzeuge, voran der Fähigkeit zum logischen Denken, würde natürlich nicht viel daraus.
Dass in dieser dem Wachzustand unterliegenden Traumwelt die Gefühle herrschen, ist ohne weitere Überlegung auch ganz klar. Uns werden unsere Gefühle ja meist nur zum Teil bewusst. Unter den Gefühlen, die sich uns deutlich ins Bewusstsein schieben, schlummert eine mächtige Gefühlswelt, die sich in den endlosen neuronalen Netzwerken unseres Gehirns ausdrückt.
“Versöhnung” des Menschen mit sich selbst
Zur Herausbildung einer Persönlichkeit bedarf es vorrangig der eigenen Akzeptanz aller seiner unterschiedlichen Zustände und Möglichkeiten. Ein Mensch, der sich wegen seiner unbewussten Vorlieben und Antriebe selbst verachtet, wird dem nicht gerecht, auch nicht der Mensch, der sich von seinen inneren Antrieben blind anleiten lässt ohne verstandesgemäße Korrekturen anzugehen. Die Einheit des wachen Selbst mit seinem immer präsenten unbewussten wie im Traum lebenden inneren Ich muss ein Ganzes werden, damit der Mensch
mit sich selbst in Einklang kommt. Diese Zusammenhänge muss er tief verinnerlicht und zugleich verstandesgemäß präsent und abrufbar haben, wenn er sich nicht im Leben verlaufen will.
In Teil II von “Träumer im Wachen und im Schlafen” führe ich Sie in die Wunderwelt des Schlafes und der Schlafträume.
Bild via flickr (Autor: driki), cc Lizenz
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