Wayne Kramers “Crossing Over” beschnitten, entschärft und lieblos versenkt.
Der Spielfilm “Crossing Over” schildert episodenhaft die Schicksale von Einwanderern verschiedener Herkunft und unterschiedlichen Alters in die USA und verwebt die Handlungsstränge schrittweise miteinander. In seiner Hauptrolle als Max Brogan, der für die Einwanderungsbehörde arbeitet und illegal in die USA eingewanderte Migranten aufspürt, überzeugt Hollywood-Star Harrison Ford (“Indiana Jones”; “Firewall”) ebenso wie Ray Liotta (“Flucht aus Absalom”; “Cop Land”) als schleimiger Green Card-Beamter Cole Frankel. Während Einwanderungsspezialist Brogan €“ wo unbeobachtet – auf Einzelschicksale Rücksicht nimmt und sich um die Menschen kümmert, nutzt der bestechliche Cole Frankel seine Position schamlos aus.
In einer als “Final Cut” verabschiedeten ursprünglichen Version hatte es zunächst einige Szenen mit Sean Penn (“Der schmale Grat”; “Milk”) in einer Nebenrolle als Einwanderungspolizist Chris Farrell gegeben. Diese Szenen von insgesamt etwa fünf Minuten Länge hatte Weinstein jedoch nachträglich aus dem Film entfernen lassen. Die Spekulationen über diesen Schritt sind vielfältig, vor allem in den einschlägigen amerikanischen Filmbloggs. Die am häufigsten vertretene Interpretation geht davon aus, dass Penn sich mit einer besonderen Szene unwohl fühlte, in der es um einen Ehrenmord in einer iranischen Familie geht. Vertreter des National Iranian American Council (NIAC) und andere Stimmen hatten behauptet, diese Ehrenmordszene sei diffamierend. Man gab dem Druck nach und entfernte die Szene in der US-Version, doch auch die Penn-Szenen blieben in der Schublade.
Regisseur Wayne Kramer, selbst Einwanderer aus Südafrika, hatte mit “Crossing Over” seinen gleichnamigen Kurzfilm von 1995 neu verfilmt und musste nun mit ansehen, dass sein Film gegen alle Spielregeln und Vereinbarungen mit Zustimmung von Produzent Harvey Weinstein elegant zurechtgestutzt wurde. Daraufhin distanzierte sich Kramer öffentlich und in ungewohnt scharfer Form von seinem Werk. Dieser Kinocut sei nicht sein eigener Film. Produzent Harvey Weinstein habe insgesamt über zwanzig Minuten aus seinem Film entfernt und die Struktur des Episodendramas verändert. Kramer sei nicht nur verärgert, dass Harvey Weinstein den Film ohne Marketing in den Kinos versenkt hat, er sei vor allem entrüstet, dass seine Version dem Zuschauer völlig vorenthalten würde. Er dürfe nicht einmal den Director’s Cut auf DVD veröffentlichen, so Kramer. Er wolle mit der Weinstein Company nichts mehr zu tun haben.
Weinstein gehört zu den umstrittensten und zugleich erfolgreichsten Independent-Film-Produzenten der USA. Auf Grund seiner wiederholt eigenmächtigen Umschnitte von Filmen trägt er bereits den Spitznamen “Harvey Scissorhands”. Im Fall der “Crossing Over”-Nachbearbeitung wird ihm vor allem sein leichtfertiges Nachgeben gegenüber Hollywoodstar Sean Penn vorgeworfen. Diesem wird zugleich unterstellt, seine Rückzugsentscheidung stände unter dem Einfluss der bescheidenen Resonanz bei Vorab-Filmvorführungen von “Crossing Over”.
Auch wenn in der deutschen Version die Ehrenmord-Szene gezeigt wird, so behält der Film doch einen bitteren Nebengeschmack durch seine willkürliche Beschneidung und die Ausgrenzung des Regisseurs Wayne Kramer bei der Nachbearbeitung.
Viel zu sagen hat der durchaus kurzweilige Film in der deutschen Version nicht. Der Zuschauer gewinnt mit diesem auf Unterhaltung getrimmten Drama trotz guter schauspielerischer Leistungen kein brauchbares Bild von den Stärken und Schwächen des amerikanischen Einwanderungssystems. Im besten Fall gewinnt er den Eindruck, dass die US-amerikanischen Behörden diszipliniert den Gesetzen und Prinzipien folgen, ohne sich mit Einzelschicksalen zu beschäftigen. Die Ausweisung einer muslimischen Jungendlichen nach einem kritischen Schulreferat scheint allerdings über “Law and Order” hinaus das Sicherheitsbedürfnis der USA als legitime Entscheidungsgrundlage für Ausweisungen zuzulassen.
“Crossing Over” wurde von Regisseur Wayne Kramer 2007 in Los Angeles gedreht. Er hatte im Dezember 2008 in den USA Premiere und kam im Juni 2009 in die deutschen Kinos.
Offizieller deutscher Trailer zu “Crossing Over”:
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