Das Kapital will immer mitspielen. Selbst wenn es zum Verbrecher werden muss

Der Kapitalismus ist gewiss keine moralische Veranstaltung. Wir erkennen das gerade jetzt wieder deutlich. In den Zeiten der derzeitig grassierenden Weltwirtschaftskrise nämlich, in die uns schlimme Auswüchse des Kapitalismus geführt haben. Auswüchse, nebenbei bemerkt, die unter den Augen des Staates (bzw. vor unser aller Augen) stattfinden konnten, ohne dass ihnen

rike1.jpgDer Kapitalismus ist gewiss keine moralische Veranstaltung. Wir erkennen das gerade jetzt wieder deutlich. In den Zeiten der derzeitig grassierenden Weltwirtschaftskrise nämlich, in die uns schlimme Auswüchse des Kapitalismus geführt haben. Auswüchse, nebenbei bemerkt, die unter den Augen des Staates (bzw. vor unser aller Augen) stattfinden konnten, ohne dass ihnen seitens der Regierungen wenigstens etwas Einhalt geboten wurde. Schlimmer noch: Regierungen – besonders die rot-grüne unter Schröder/Fischer – öffneten bestimmten dieser Auswüchse durch “begleitende” Gesetze erst recht Tür und Tor!

Der Kapitalismus passt sich immer wieder veränderten Bedingungen an

Der Kapitalismus war übrigens nie eine moralische Veranstaltung. Vielleicht war diese durchweg immer existente und auch beobachtbare Ur-Wahrheit in der BRD ja einige Jahrzehnte lang nur weniger wahrgenommen worden, da es breiten Schichten der Bevölkerung in Zeiten der so genannten “sozialen Marktwirtschaft” in der Tat lange gut ging. Wahr ist überdies auch: der Kapitalismus hat sich Zeit seiner Existenz auch immer wieder gewandelt. Heißt, sich den jeweilig wechselnden Bedingungen angepasst. Im Verlaufe dieser Prozesse musste der Kapitalismus dann natürlich auch die eine oder andere Niederlage einstecken. Was auch bedeuten konnte, etwas zurückstecken, ja, auch: sozialer werden zu müssen. Als Beispiel dafür können u. a. die Jahrzehnte gelten, da die Länder des sozialistischen Systems als unmittelbarer Gegenentwurf zum Kapitalismus quasi nebenan (z. B. die DDR) existierten. Die bundesdeutschen Gewerkschaften bestätigen noch heute: Bei Tarifverhandlungen saß immer auch – wenigstens imaginär – die DDR mit am Verhandlungstisch. Wenn wir uns dies vor Augen führen, verstehen wir auch, warum sich der bis dato (zu verorten ca. ab dem “Verschwinden” des Sozialismus) anscheinend (in der BRD zumindest) so brave Kapitalismus, der so vielen Menschen Wohlstand bescherte,  zum heute so bezeichneten “Raubtier”- oder “Kasinokapitalismus” wandelte. Eigentlich kein Wunder: Der Kapitalismus, besser: Das Kapital, hatte abermals auf eine Veränderung der Verhältnisse reagiert. Nicht mehr. Aber eben auch nicht weniger! Wie wir heute schmerzlich feststellen.

Wenn die Gier des Kapitals unkontrolliert bleibt

Der Motor des Kapitalismus ist, war und bleibt ganz sicher auch die Gier. Bis zu einem bestimmten Punkt mag das ja auch halbwegs vertretbar sein (wenn man der überhaupt Gier etwas Gutes abgewinnen will) und die sogar die Gesellschaft – wie geschehen – als Ganzes vorwärtsbringen. Dies funktioniert allerdings wohl offenbar nur, wenn jener Gier des Kapitals eine ständige Kontrolle und Regulierung seitens eines starken Staates entgegensteht. Beides jedoch ist gegenwärtig nicht mehr bzw. nur noch äußerst schwach gegeben. Dafür, es tut einem innerlich weh, das sagen zu müssen, hat an sozusagen vorderster Front die mit der Basta-Keule vergewaltigte Sozialdemokratie unter dem “Genossen der Bosse”, Brioni-Bundeskanzler Gerhard Schröder im Bunde mit dem machtversessenen Grünen Joschka Fischer, der die Seinen hinter sich zu bringen wusste (und dafür gar einen Krieg in Kauf nahm) gesorgt.

In diesem Kontext empfehle ich einen auf den NachDenkSeiten veröffentlichten äußerst interessanten Beitrag Kapitalismus, Marktwirtschaft, Staat” zu lesen.

Dortmunder Antifaschisten erinnerten an den Klub der Verbrecher

Apropos Wandel bzw. Anpassung des kapitalistischen Systems in Reaktion auf absehbare oder bereits erfolgte politische Veränderungen in der Gesellschaft: Leider finden sich auch in der deutschen Geschichte gar nicht einmal wenige Negativbeispiele dieser Art. An eines erinnerte kürzlich in Dortmund eine Gruppe von Antifaschisten. Bei klirrender Kälte begaben sie sich an die Stelle in der Ruhrmetropole, wo Hainallee und Eintrachtstraße aufeinander treffen. Wie Ulrich Sander im Neuen Deutschland berichtete, befestigten die Antifaschisten dort an einem Baum ein Schild mit der Aufschrift:

“Hier an der Ecke Eintrachtstraße/Hainallee, in der Villa Springorum, trafen sich am 7. Februar 1933 Franz v. Papen und führende Ruhrindustrielle, um die Machtübernahme an Hitler herbeizuführen. Viele Ruhrindustrielle unterstützten bereits vor 1933 die Ziele der Nazis, Sie profitierten von Krieg, Faschismus und Holocaust.”

Ulrich Sander schreibt in seinem Beitrag “Die Ruhrlade – Klub der Verbrecher”: “In einer kurzen Rede wurde der Millionen Toten gedacht, die den Januartagen 1933 folgten und angekündigt, den Text des Schildes dem Rat der Stadt zuzuleiten, auf dass dieser eine bleibende Erinnerungstafel installiere.”

Die sich in Dortmund 1933 im Grunde genommen klandestin treffenden Industriellen, die sich “als die maßgebenden Herren der westlichen Industrie” (G. Luntowski, einstiger Stadtarchivar) bezeichneten gaben ihrer Vereinigung den Namen “Ruhrlade”.

Erinnerung wünschenswert

Wünschenswert wäre das. Zwar steht die Villa, in der sich damals die zwölf Ruhrindustriellen trafen, längst nicht mehr. Und der zunächst in der Weimarer Zeit Rathenauallee benannte Straßenzug, welchem die Nazis den Namen Hitlerallee gaben, trägt seit 1945 den unverfänglichen Namen Hainallee (weil in der Nähe der Kaiserhain liegt). Aber der Nachwelt – hauptsächlich den nachwachsenden Generationen – sollte per eines solchen Schildes erhellt werden, was in braunen Zeiten einst dort geschah. Eben gerade auch deshalb, weil an diesem Beispiel deutlich werden würde, dass eben nicht – wie es zuweilen manche Geschichtsklitterer gerne hinstellen möchten – 1933 die Nationalsozialisten einfach so “die Macht ergriffen” haben. Nein: ihnen und damit Hitler wurde diese Macht auch ein Stück weit auf einem silbernen Tablett gereicht. Demnach ist es wohl auch genauer, wenn wir betreffs der Art und Weise wie die Nationalsozialisten an die Macht kamen eben von einer Machtübertragung (Agnes Vedder) statt von einer verharmlosenden “Machtergreifung” sprechen. Eine Wortkonstruktion, die vor allem geeignet ist, die Rolle der deutschen Eliten an der Machtübertragung zu verschweigen, bis zu Unkenntlichkeit zu vernebeln oder sogar frech völlig abzuleugnen.

Ulrich Sander weist in seinem Text ebenfalls daraufhin, dass es auch anderswo in Deutschland solche Stätten gibt, wo in der Vor-NS-Zeit ähnliche Absprachen von Industrie und Nazis, wie in der Villa Springorum in Dortmund, stattfanden. “Beispielsweise das Parkhotel in Düsseldorf, in dem der ‘Industrieclub’ 1932 mit Hitler die Beseitigung der Demokratie und der Arbeiterrechte plante und Kriegspläne schmiedete…”

Aufwachen. Hinschauen.

Eingedenk dieser geschichtlichen Ereignisse, welche folgenschwere Einschnitte für ganz Europa und die Welt nach sich zogen, sollten wir heute endlich aufwachen und den derzeit Regierenden sehr genau auf die Finger schauen bzw. die entsprechenden Konsequenzen aus deren Handeln ziehen. Vergessen wir dabei nicht, dass es erstmalig die rot-grüne Bundesregierung unter Schröder/Fischer war, die sozusagen das bis dahin eigentlich für unmöglich Gehaltene möglich machte: nämlich Lobbyisten der Wirtschaft einlud, um an Schreibtischen in den Büros diverser Ministerien Platz zu nehmen. Was machten sie dort? So viel ist immerhin klar: Nur Däumchen gedreht werden diese Lobbyisten dort nicht haben. Unter Schwarz-Gelb ist es gewiss noch viel schlimmer gekommen. Deren Klientel, Wirtschaft und Banken, regieren gleich direkt. Ganz praktisch, ohne nämlich dabei face to face in persona in Erscheinung treten zu müssen. Das Klientel, das Großkapital zieht so scheint’s nun ganz die Fäden, an deren Puppenköpfe hängen, vor denen es einen unterdessen  – schlimmer als in  Kindertagen vorm am Faden zappelnden Teufel – vermehrt graut.

Einer dieser Puppenköpfe aus Berlin hat dieser Tage besonders viel herum gezappelt und Krach gemacht. Er trägt den Namen Guido. Gibt er im Ensemble nun den Kasper oder den Teufel? Eigentlich müsste sich Philipp Rösler (FDP) damit ja auskennen. Der ist, wie zu lesen war, Hobbypuppenspieler. Aber momentan wohl unabkömmlich, weil als Gesundheitsminister besetzt. Nun selbst zur Marionette verdonnert zuppelt an dessen Fäden sicher nicht nur die Pharmaindustrie…

Nein, der Kapitalismus ist bestimmt keine moralische Veranstaltung. Und einer seiner Motoren ist die Gier. Dies und wo das (auch) hinführen kann, sollte man wissen. Und darüber hinaus vielleicht auch das Eine oder Andere mehr. Ein Blick in die Geschichte ist nicht verkehrt. Das Kapital will eben immer mitspielen. Die Gier ist zu groß. Hauptsache Profit und Dividende stimmen.

Photo/Quelle: rike via pixelio.de

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  1. Seit Jahrzehnten rühren Liberale und Konservative, zuletzt selbst Sozialdemokraten und Grüne die Werbetrommel für das Leichtlaufmodell der freien Marktwirtschaft. Frau Merkel mit ihrem hinverbrannten “Die Wirtschaft muss frei sein!” macht daraus noch das absolute Staatsziel! Das Kapital kennt aber kein Gut und Böse, es drängt unweigerlich auf seine Vermehrung, gleich was dem im Wege stehen mag.

    Herr Stille, dass Sie so klar und deutlich auf die Unverantwortlichekeit des Kapitals und der Kapitalisten hinweisen, ist sehr verdienstvoll. Es ist an der Zeit, dass alle Menschen in unseren Gesellschaften begreifen, dass wir verloren sind, wenn wir nicht den Staat aus den Fängen des Kapitals befreien. Der Staat muss rei sein, der Wirtschaft die Vorgaben zu machen, die eingehalten werden müssen, damit das Wohl der Allgemeinheit nicht immer mehr missachtet wird!

    Die Aufrechterhaltung eines optimalen Zustandes der Marktwirtschaft ist Aufgabe des Staates. Gesetze sind notwendig, um den Drang des Kapitals nach marktbeherrschenden Stellungen, nach Lohndumping, nach Verbrauchertäuschung, Steuerhinterziehung und hemmungsloser Ausbeutung der natürlichen Ressourcen in Grenzen zu halten.