Seit wann haben wir eigentlich die Begriffe arm und reich in unserer Sprache? Weit mehr als über hundert Tausend Jahre lebten wir Menschen in Sippen – familienähnlichen Ansammlungen von Quatsch und Tratsch, märchenhaften Erzählungen und viel Liebe und Zoff. Alles gehörte damals allen. Weder die Erzählungen noch die vielen Witze unterlagen irgendwelchem Gesetz über das geistige Eigentum. Die Beute der Sammler und Jäger wurde geteilt. Seit eh und je lebten die Menschen in ihren spaßigen Kommunen und umsorgten sich gegenseitig.
Manche von ihnen waren klug, und die wurden auch als solche wahrheitsgemäß bezeichnet. Andere Menschen sahen dafür lieblich aus, ja fast schön. Und auch diese Menschen wurden mit vielen phantasievollen Worten genau so umschrieben wie sie waren und damit durch ihre Mitmenschen widergespiegelt.
Doch seit wann gibt es arme und reiche Menschen?
Wir mussten ja die Armut und das Reichtum erst erfinden, um diese beiden Phänomene praxisnah, aus einer untrüglichen Erfahrung heraus benennen zu können.
Das Wort arm war wahrscheinlich viel früher da, als das Wort reich. Das Wort arm drückte ursprünglich Mitleid und Mitgefühl aus: Mitgefühl mit den armen Kranken, den armen Alten, und auch denen, die sich in ihrer Notlage nach einem starken Arm sehnten, z.B. wenn sie in eine Mammutgrube gefallen sind. Es gab also die armen Menschen schon lange Zeit bevor es die Reichen gab.
Erst, als die Reichen auf die Welt kamen, ging es den armen Menschen immer schlimmer. Der Bergriff arm drückte nicht mehr so viel Mitgefühl aus, es schlich sich auch Verachtung und Ablehnung hinein. Arm zu sein bedeutete bald faul zu sein, dumm zu sein, schlecht zu sein. Die Reichen nahmen immer mehr Einfluss auf unsere Wertschätzung, unsere Moral, unseren Wortschatz und auch auf unsere Gefühle, einschließlich des Mitgefühls. Die Reichen fingen an, uns die Moral vorzuschreiben und jedes Verständnis für arme Menschen konnten sie geschickt verdrehen.
Erst in der gegenwärtigen Krise widmen die Reichen wieder etwas mehr Aufmerksamkeit den Armen, wenn sie sagen: “Hört doch auf zu jammern, anderen Menschen geht es noch viel schlimmer!” Und damit wird die echte Armut wieder zum Vorbild für diejenigen erklärt, denen es noch lange nicht so schlimm geht.
Die armen Menschen dürfen sich nicht mit den Reichen vergleichen.
Die Reichen gehören zur Elite und haben deswegen mit dem profanen Leben nichts zu tun. Sie schaffen nur den Reichtum heran und haben damit auch mit der allgemeinen Armut nichts zu tun. Menschen, die sich ausschließlich für den Reichtum interessieren, können doch für die Armut der anderen Menschen nicht verantwortlich gemacht werden. Und das stimmt auch. Ein Mensch, der sich ausschließlich mit seinem Reichtum beschäftigt, kann von der Armut keine Ahnung haben.
Woher wissen dann aber die reichen Menschen, dass arm zu sein prinzipiell auch faul zu sein, dumm zu sein, schlecht zu sein bedeutet? Woher nehmen die Reichen ihre Prinzipien? Und wo kommen die Reichen überhaupt her?
Ich dachte,
daß das Problem des Nichtvorhandenseins von Armut durch die Abschaffung von Reichtum schon längst exemplarisch gelöst wurde (siehe DDR, Kuba, Nordkorea).
Was anderes sollte der Beitrag wohl sonst bedeuten, wenn er alle “Reichen” unter den Generalverdacht stellt, alle “Armen” unter Generalverdacht zu stellen, faul zu sein?