Es läuft wie ein Länderspiel gegen Argentinien beim Deutschen Fußballbund. Seit dessen Vorsitzender Theo Zwanziger entschieden hat, dass mögliche intime Beziehungen zwischen erwachsenen Männern im Sold des DFB Chefsache sind und an die Öffentlichkeit gehören, hat der größte Sportverband der Welt nicht mehr nur mit einem Wettskandal, der Leistungsdruckdiskussion nach dem Enke-Selbntmord und einem Vertragsstreit um die Zukunft des Bundestrainers zu kämpfen. Sondern auch noch mit unappetitlichen Details aus der Gefühlswelt des Schiedsrichterwesens.
In dem geht es offenbar seit Jahren zu wie in einem erzkatholischen Kinderinternat: Zwischen sexueller Nötigung, intimen Übergriffen und glitschigen Liebesmails blieb kaum noch Zeit, zur Pfeife zu greifen.
Zuerst war alles klar. Manfred Amerell, “Schiedsrichter-Obmann” beim DFB, sollte seinen Starschiedsrichter Michael Kempter gezwungen haben, sexuelle Handlungen zu dulden. Anderenfalls, so die Drohung, werde er seine Leistungen auf dem Fußballplatz schlecht bewerten. Kempter ist 27 Jahre alt, 1,80 groß, Bankkaufmann bei der Sparkasse Pfullendorf-Meßkirch und “ein Vorbild für junge Schiedsrichter”, wie das “Amtliches Mitteilungsblatt des Südbadischen Fußballverbandes” schon vor sechs Jahren feststellte. Das Vorbild handelte also pragmatisch: Obwohl er später erklären wird, nie gewillt gewesen zu sein, eine sexuelle Beziehung zu seinem 36 Jahre älteren Mentor Amerell einzugehen, schlägt er diesem nicht etwa die Faust ins Gesicht, als der ihm bei einer Autofahrt in die Hose greift. Er habe ja, sagt Kempter später, nicht anhalten können.
Wahrscheinlich waren die Bremsen kaputt. Die Karriere musste schließlich in Fahrt bleiben. Kempter denkt pragmatisch und schreibt dem rothaarigen Belästiger: “Hi mein Freund, Drücke Dich Morgen ganz fest. Ziehe für Dich extra die ‘weiße Hose’ an, damit mein schwarzer Tanga vorleuchtet… grins”.
Ein Akt des Widerstandes, der weit über alles hinausgeht, was an Mitwirkungspflicht des Bürgers von der Staatssicherheit in der DDR gefordert wurde. Für Theo Zwanziger, dessen Moral und Logik sich traditionell nach der jeweiligen Situation richten, ist Kempter folglich ein Opfer, als er dem DFB beichtet, dass er das Ziel schrecklicher Übergriffe des Schiedsrichtersprechers sei.
Amerell gibt alle Ämter auf, droht aber mit Prozessen. Zum Glück gelingt es dem DFB, drei weitere Schiedsrichter zu finden, die dem Hotelier aus Bayern ebenfalls vorwerfen, sie sexuell belästigt zu haben. Drei entsprechende eidesstattliche Versicherungen müssten reichen, Amerell zum Schweigen zu bringen – doch sie reichen nicht.
Entgegen aller Planungen nämlich taucht der Täter nicht etwa ab, beschämt ob seines zerstörten Rufes. Nein, Amerell hält es für seine Privatsache, wann er mit wem versucht hat anzubändeln.
Theo Zwanziger ist von Beruf Anwalt, ihm musste klar sein, dass sexuelle Beziehungen zwischen Schiedsrichtern und Fußballfunktionären sowenig verboten sind wie die zwischen Chef und Sekretärin, Mittelstürmer und Trainer, Architekt und Polier. Ohne den Nachweis beruflichen Drucks ist eine “Affäre” zwischen dem Obmann aller Unparteiischen und dem Star aller Schiedsrichter öffentlich von genausoviel Belang wie ein Kabinentechtelmechtel von Putzfrau und Platzwart.
Es sieht nicht danach aus als hätte der DFB Belege dafür, dass Manfred Amerell Schiris danach protegiert hat, wie sie ihm zu Willen waren. Anderenfalls hätte es der Verband auf ein Gerichtsverfahren ankommen lasssen, statt dem tödlich beleidigten Ex-Obmann die Namen der drei weiteren Unparteiischen auszuhändigen, die ihm intime Annäherungsversuche vorwerfen. Amerell wird die Namen nun zur Staatsanwaltschaft tragen, über kurz oder lang werden sie öffentlich werden. Die beim Wettskandal erfolgreiche DFB-Strategie, nur zuzugeben, was gar nicht mehr geleugnet werden kann, und ansonsten darauf zu hoffen, dass die Zeit alle Wunden heilt, wird diesmal nicht aufgehen. Schon bläst die sonst so duldsame Meute der Hofberichterstatter zur Jagd, schon probt der auf Jubel dressierte Chor erstmals einen Protestgesang nach der Melodie “Theo, wir fahrn nach futsch”. Wenn nicht alles täuscht, wird Theo Zwanziger dann zur WM in Südafrika schon als Privatmann reisen.
Quelle: politplatschquatsch.com
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