On Top of Africa ist das hier, auf der Aussichtsplattform des Carlton Towers. Höher geht es nicht mit dem Aufzug, mit keinem Aufzug in Afrika. Ganz hinten im Norden, kaum zu erkennen, die Pyramidenform, das ist nicht Gizeh. Das ist einer der Türme in Sandton, der Einkaufshölle in Uptown Johannesburg.
Das Hochausmeer rings um das Carlton Gebäude ist nicht Manhatten vor 40 Jahren, sondern Johannesburg Central Business District, Downtown Johannesburg. Tagsüber schwarz, Nachts nahezu tot. Einige Downtown-Gebiete gelten als ‘wirklich gefährlich’, und genau dort sieht man auch in tiefster Dunkelheit noch die eine und den anderen Fußgänger. Als ‘sicherer’ eingestufte Stadtteile wirken nachts tatsächlich wie ausgestorben. Jetzt ist es noch Tag.

Rund um den Carlton Tower herrscht eine für einen Fremden beängstigende Sprachverwirrung. Ältere, bibelfeste Touristen würden sich vielleicht an den Turm zu Babel erinnert fühlen. Elf Landessprachen, viele Sprachen von Nachbarländern. Einige davon ähnlich, andere enorm unterschiedlich. Man müsste meinen, die Menschen können sich gegenseitig bestimmt nicht verständigen, seien in ihrer Sprache gefangen.
Aber stattdessen navigieren sich die Bewohner Südafrikas erfolgreich durch dieses Sprachchaos: Sie lernen und sprechen einfach einen Großteil der Landes- und Zugezogenen-Sprachen, verstehen einander, kommunizieren. Da hätte der alttestamentarische Zornesgott in Babel blöd hinter seinem weissen Bart hervor geschaut. Hat in Südafrika nicht geklappt, die Menschen durch diese vielen Sprachen auseinander zu dividieren.
Hier am Fuße des babelhaften Turmes ist kein Gott auszumachen, kein weisser und kein schwarzer. Immerhin, Kirchen findet man, zum Lobpreis des Herren, auch die “All for Jesus Ministries”. An Wochentagen herrscht Gewühle und Gedränge, hier hupen sich die Taxis durch die Planquadrate. Nur am Wochenende überwiegt die Stille, sogar tagsüber. Dann traut sich der Uptownbewohner nach Downtown, knattert der VW Käfer hinein in die Katakomben der Tiefgarage des Carlton Towers.
“Wie kommen Sie denn hier her, wo ist ihr Reiseleiter?”
Der Lift lässt auf sich warten.
“Oh, wir haben keinen Reiseleiter, wir sind alleine unterwegs.”
Ein Lächeln bildet sich im Gesicht des Fragenden.
“Da sieht man es mal wieder! Es ist gar nicht so gefährlich hier her zu kommen. Die Medien übertreiben das. Bestimmt kommen Sie aus Deutschland. Die Deutschen trauen sich einfach so nach Downtown. Mit dem eigenen Auto.”
Er lächelt noch mal wohlwollend, dann muss er sich wieder um seine beiden asiatischen Touristinnen kümmern, die vor der Tür zum Ausgang verängstigt auf ihn warten. Man hört sie tuscheln, in einer völlig unverständlichen Sprache. Da kommt auch schon der Aufzug, hoch zum fünfzigsten Stock.
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