Persönliche Erfahrung aus dem Autistenleben

Die persönliche Erfahrung muss jedem Mensch erst bewusst werden, bevor Er oder Sie aus der eigenen Erfahrung einen Nutzen ziehen kann. Das gilt auch für den Autisten, genauso wie für einen Motorradfahrer. Erfahrungen, die nicht verarbeitet, sondern verdrängt und unterdrückt werden, führen bekannter Weise zu psychischen Problemen. Und wir können

Die persönliche Erfahrung muss jedem Mensch erst bewusst werden, bevor Er oder Sie aus der eigenen Erfahrung einen Nutzen ziehen kann. Das gilt auch für den Autisten, genauso wie für einen Motorradfahrer. Erfahrungen, die nicht verarbeitet, sondern verdrängt und unterdrückt werden, führen bekannter Weise zu psychischen Problemen. Und wir können aus den Problemen für uns erst dann einen vernünftigen Nutzen ziehen, wenn sie verarbeitet werden. Also steht wie immer die Arbeit im Vordergrund, wenn wir den Nutzen vor Augen haben.

So früh nach der Geburt weiß eigentlich kein Mensch wer er ist, wie er heißt, wo er ist und was er da eigentlich macht. Das Bewusstsein von sich selbst und vor der Welt muss sich erst nach und nach entwickeln, dank den vielen Begegnungen mit der Welt, mit dem Spiegel und mit dem verzerrten Spiegelbild, das uns andere Menschen hartnäckig vor die Nase halten. Jeder kluge und vernünftige Mensch passt sich dem anspruchsvollen Spiegelbild seiner Mitmenschen mehr oder weniger an, weil er von den anderen Menschen gerne nett und freundlich gespiegelt werden will.

So lernen wir nach und nach die Welt und die Menschen kennen, samt der gehobenen Ansprüchen der Welt und der Menschen gegenüber uns selbst. Irgendwann schaffen wir es sogar, auch eigene Ansprüche gegenüber der Welt und den Mitmenschen zu entwickeln, so dass nach und nach die Lage ausgeglichener wirkt und der Eindruck entsteht, dass unsere ursprüngliche Unwissenheit erfolgreich behoben wurde. Ohne zu merken, dass die letzte Frage noch lange nicht beantwortet ist: Was machen wir hier eigentlich auf der Welt?

Ein beliebiger Autist macht bei diesem Spiel einfach nicht mit.

Die unbeugsame Haltung des Autisten rührt vor allem daher, dass er das krumme Spiel mit der gegenseitigen Spiegelung nicht versteht. Aber auch daher, dass er der Sichtweise der anderen Menschen zu tiefst misstraut. Während andere Menschen in ihrer Kindheit ein rührendes Vertrauen gegenüber Mutter und Vater entwickeln, bleibt der Autist der Tatsache treu: Ich kenne dich nicht! Und später heißt es: Ich kenne dich noch nicht genug. Der Autist weiß also viel früher als die gewohnt normalen Menschen, dass es sehr, sehr lange dauert, bevor wir einen Menschen richtig kennen gelernt haben.

In einer Selbsthilfegruppe tauschen auch Autisten ihre persönlichen Erfahrungen aus. Sie sprechen z.B. über das Problem, dass sie anderen Menschen nicht andauernd in die Augen schauen können. Und da erzählt Einer, seine Mutter hat ihn immer der Lüge bezichtigt, was er nicht verstehen konnte. Erst jetzt leuchtet ihm ein, dass ihn seine Mutter nur deswegen der Lügerei bezichtigte, weil er mit seinem Blick immer weg schweifte. Er weckte also mit seinem autistischen Verhalten den Verdacht, er würde lügen. Doch woher seine Mutter die Überzeugung her nahm, ihr Sohn würde wirklich lügen, blieb für alle Anderen in der Gruppe ungeklärt.

Wo ist der Nutzen?

Wenn Autisten ihre persönliche Erfahrung aufarbeiten, dann stellt sich diese Frage auf eine sehr eindringliche Weise. Zwar kann der Autist endlich seine eigene Mutter an einem kleinen Punkt verstehen, doch das Vertrauen bleibt immer noch auf dem Level des tiefen Misstrauens stecken. Wie kann es sein, dass ihn die eigene Mutter durch die ganze Kindheit hinweg der Lügerei bezichtigte und in tiefer Inbrunst und Aufopferung immer wieder die scheinbar notwendigen Erziehungsmaßnahmen eingeleitet hat, die eigentlich unberechtigte Folter waren?

Wie kann es sein, dass es ein Autist nach langer Zeit und viel Mühe schaffen kann, sein eigene Mutter irgendwann doch zu verstehen, während ihn seine Mutter über die ganze Zeit mühelos missverstehen konnte? Wer ist verantwortlich für das Missverständnis? Der Autist, weil er abnormal und ungewöhnlich ist, oder die Mutter, weil sie allzu gewöhnlich und die ganze Zeit eigentlich ach so normal gewesen ist? Sie unterscheidet sich doch von den normalen Menschen nicht im Geringsten! Schließlich werden auch die Normen prinzipiell von den normalen Menschen bestimmt.

Spieglein, Spieglein auf der Wand…

Jeder Mensch wird von seinen Mitmenschen irgendwie gespiegelt. Und das vor allem sehr eigenwillig. Und jeder Mensch, der nett und lieblich von den anderen, gut ausgewählten Menschen gespiegelt werden will, muss sich mehr oder weniger der Eigenwilligkeit beugen, mit der wir durch die anderen Menschen gespiegelt werden. Das ist normal.

Wenn sich dagegen ein beliebiger Autist der Eigenwilligkeit der anderen Menschen bei deren spiegelnder Betrachtungsweise nicht beugen will, werden bei ihm von den Fachleuten Schwächen in den Bereichen der sozialen Interaktion diagnostiziert. Die Charakterstärke wird damit zur Schwäche. Und auch das ist normal.

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  1. Autisten sind nicht schlechter als normal funktioniernde Menschen. Sie sind aber auch nicht charakterstärker als diese. Sie nehmen nur anders wahr. Für ihre Umwelt sind sie wegen ihrer anderen Sicht auf die Welt immer ein Prüfstein, denn jeder normal funktionierende Mensch hat gelernt, dass wir uns in die Person unserer Mitmenschen hineinversetzen müssen, um sie zu verstehen. Zwischen Autisten und normal funktionierenden Menschen klappt das nicht, weil Autisten das nicht können. Das ist aber absolut keine Frage einer Schuld. Wer mit einem Autisten zu tun hat, tut gut daran, sich der Besonderheiten bewusst zu werden und von ihm nihct unmögliches zu verlangen. Niemand kann sich aussuchen, mit welchen Besonderheiten er geboren wird.