Der unheilige Zölibat

Enthaltsamkeitszölibat: Zölibatär leben, also lat. caelebs= allein, heißt eigentlich nur, eheleos zu leben. Die westliche katholische Kirche unter Papst Benedikt XVI. und die breite Alllgemeinheit versteht darunter aber auch, sich geschlechtlicher Beziehungen zu enthalten. Ursprünglich ging es sogar nur um die Keuschheit der Priester. Der Bibel selbst ist weder das

2423041097_493146ab08.jpgEnthaltsamkeitszölibat: Zölibatär leben, also lat. caelebs= allein, heißt eigentlich nur, eheleos zu leben. Die westliche katholische Kirche unter Papst Benedikt XVI. und die breite Alllgemeinheit versteht darunter aber auch, sich geschlechtlicher Beziehungen zu enthalten. Ursprünglich ging es sogar nur um die Keuschheit der Priester.

Der Bibel selbst ist weder das Gebot an Priester zur lebenslangen Keuschheit noch zur Ehelosigkeit zu entnehmen. Aber schon zur Zeit der Apostel wuchs die Vorstellung, dass die Männer der Kirche enthaltsam leben mussten. Schließlich wurde dieses Gebot um 300 n.Chr. auf der Kirchenversammlung im spanischen Elvira an der Costa del Sol, an der 19 Bischöfe aus ganz Iberien teilnahmen, erstmals kodifiziert. Jahrhundertelang ging es weniger um die Eheleosigkeit als um die sexuelle Enthaltsamkeit. Verheiratete Männer durften Priester werden, mussten ab dann aber jeglichem sexuellen Umgang abschwören.

Ehelosigkeitszölibat

Erst im hohem Mittelalter dekretierten Papst Benedikt VIII. und Kaiser Heinrich II gemeinsam auf der Synode von Pavia von 1022, dass Kleriker nicht heiraten dürften. Verschärft wurde das Gebot der Ehelosigkeit durch Papst Nikolaus II. auf der Lateransynode von 1059, indem er selbst eheähnliche Beziehungen von Priestern – das Konkubinat – als Hinderungsgrund für die Zulassung zur Heiligen Messe erklärte. Hiergegen gab es einen mächtigen Aufstand von vielen Tausenden Klerikern, die verheiratet waren oder im Konkubinat lebten. Das Zweite Laterankonzil von 1139 beendete endgültig die Zulässigkeit sowohl der offenen wie auch der heimlichen Lebensgemeinschaften von Priestern und Frauen. Zwar wurde in der Praxis noch oft gegen die Pflicht zur Einhaltung des Zölibats verstoßen. Wer auffiel, wurde mit hohen kirchlichen Geldstrafen belegt. Nach dem Konzil von Trient (1545 – 1563) waren dann Verstöße gegen das Prinzip der Ehelosigkeit seltene nach kanonischem Recht scharf verfolgte Ausnahmen. Diese Entwicklung von 1022 – 1563 führte die beiden Gebote der priesterlichen Enthaltsamkeit und der Ehelosigkeit endgültig zusammen.

Politische und ökonomische Interessen am Zölibat

Solange Priester noch Frauen und Kinder hatten, gab es viele Klagen über die Begünstigung von Familienangehörigen (Simonie) und Verwandten (Vetternwirtschaft). Der Zölibat schien damit aufzuräumen, weshalb er auch von Laien begrüßt wurde. Die Kirche selbst hatte Probleme, die kirchlichen Pfründen wirtschaflich zu erhalten, verheiratete Priester mit Frau und Kindern waren einfach zu teuer. Störend war auch die damalige allgemeine Erwartung, dass die Väter ihre Ämter auf ihre Söhne vererbten. Die Zentralmacht der Kirche wurde durch den Zölibat gestärkt, die Kirche konnte unter allen Männern, die ihr genehm waren, für das Priesteramt auswählen.

Wohin mit der sexuellen Not der Prister?

Die kleine historische Betrachtung macht deutlich, dass der Zölibat in erster Linie das Gerbot an den Priester meint, sich grundsätzlich keinem Menschen sexuell zuzuwenden (im Zweifel sogar sich selbst). Priester haben wie Eunuchen zu leben. Diesen biologisch widernatürlichen Zustand haben seit eh und je die folgsamen Männer der Kirche schön zu reden versucht. Das Zauberwort heißt Sublimation.

Angeblich ist es zu schaffen, die biologische Kraft des sexuellen Antriebs in pastorales Engagement und eine Vertiefung im Glauben umzulenken. Der Begriff der Sublimation (oder Sublimierung) stammt von Freud, der an eine solche Triebumwandlung der Libido in geistige Betätigung glaubte – allerdings ohne eine nachvollziehbare Begründung. Kritiker des Zölibats, die an solche sublimierenden Kräfte glauben, meinen indessen, dass der Kampf zur Befolgung der totalen Enthaltung und der Sublimierung der Triebkräfte den Betroffenen so viel Kraft raube, dass sie gar keinen Elan mehr für die Erfüllung ihrer seelsorgerischern Aufgaben aufbringen könnten.

Die heute bekannt gewordene große Zahl der sexuellen Übergriffe von Kirchenmännern auf ihnen anvertraute Kinder und Jugendliche in den vergangenen Jahrzehnten spricht nicht dafür, dass der Kniff mit der Triebumkehrung namens Sublimation so leicht zu beherrschen ist.

Moralische Pflicht zur Abschaffung des Zölibats

Der Zölibat ist ein alter Zopf. Weder die Allgemeinheit der katholischen Gläubigen noch die Kirche hat heute noch ein realistisches Interesse an der Beibehaltung dieser Einrichtung. Priester haben keine Pfründen mehr, die zu erhalten sind. Sie können auch keine der Kirche vorbehaltenen Rechte an Nachkommen vererben. Da sie keine Nachkommen haben, fehlt der Kirche sogar der Priesternachwuchs. Es gibt daher keinen einzigen stimmigen Grund, am Zölibat kleben zu bleiben.

Bedauerlicher Weise haben sich bei den sexuell unterdrückten Klerikern in der Vergangenheit immer wieder die unterdrückten Triebe gemeldet, die dann der Einfachheit halber und der Gelegenheit wegen im Kontakt mit gewaltunterworfenen Kindern und Jugendlichen ausgelebt wurden. Jeder weiß, dass das zwangsläufig auch heute noch passiert. Wer hungrig ist, will essen.

Im Interesse der Männer der Kirche selbst, die Opfer ihrer eigenen Antriebe werden und der ihnen anvertrauten jungen Menschen, die für ihr Leben beeinträchtigt werden, ist die Abschaffung des Zölibats heute eine moralische Pflicht.

Der Verweis darauf, dass sexueller Missbrauch von Kindern und Jugendlichen nicht allein ein Problem der katholischen Kirche und des Zölibats sei, ist abwegig. Der Zölibat ist ein gewichtiger Grund mehr für Übergriffe, die es ohne ihn ganz sicher nicht geben würde. Kein Verbrechen wird dadurch besser, dass es auch andere gibt, die so etwas tun.

Ausblick

Es rächt sich, dass die katholische Kirche mit dem eisenharten Dogmatiker Benedikt XVI. den am meisten rückwärts gewandten aller damaligen Kandidaten zu ihrem Oberhaupt gewählt hat. Nicht einmal seine persönliche Verstrickung, als er einen vorbestraften pädophilen Kleriker in sein damaliges Erzbistum München holte, wo dieser prompt rückfällig wurde, kann ihn zur Einsicht bringen. Sein autoritäres Gehabe verbietet ihm sogar, mit dem Klerus und den Laien in der Kirche in eine Diskussion über die Sinnhaftigkeit des Zölibats einzutreten. Nicht einmal ein persönliches Wort gönnt er den Opfern. Statt dessen spricht er öffentlich vom „heiligen“ Zölibat.

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Kommentare

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  1. Danke für den Artikel. Da hab ich mal ne Frage zu. Kann es sein, das diese Entscheidung damals noch als “Schutz” der Priester vor dem da noch existierenden dekadenten Rom samt den schon weit fortgeschrittenem Sittenverfall in der Bevölkerung dienen sollte?
    Was wohl dennoch die falsche Richtung war. Wie man weis, waren auch viele Päpste Lebemänner.
    Luther hat diesem Unfug teilweise einen Riegel vorgeschoben.
    Unfehlbar sind sie alle nicht. Denn der Mensch macht Fehler. Die Frage ist, wie man damit umgeht.